BERLIN

"Viele sind mit dem nackten Leben davongekommen"

Christen, die aus dem Nahen Osten geflüchtet sind, haben oft Schlimmes erlebt und suchen Gemeinschaft und Vertrautes in der neuen Heimat, meint Amill Gorgis, Ökumenebeauftragter der syrisch-orthodoxen Kirche in Berlin.

Christen beten in Berlin für Verfolgte in Nahost
Ökumenisches Gebet für verfolgte Christen in Berlin: Gemeinschaft ist vor allem für die wichtig, die ihre Heimat verloren haben. Foto: KNA

Herr Gorgis, als Ökumene-Beauftragter der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Berlin betreuen Sie auch syrische Christen, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Wie sieht Ihre Arbeit mit diesen Menschen aus?

Menschen in der Fremde suchen nach etwas, was ihnen vertraut ist, sie suchen Orte, in denen sie sich geborgen fühlen, sie suchen Orientierung bei Menschen, die ihre kulturelle und religiöse Prägung kennen und wünschen sich Hilfe und Unterstützung bei den vielen Herausforderungen, die auf sie in der neuen Gesellschaft zukommen. Die Geflüchteten kommen zu uns mit vielen Fragen und Sorgen und sie erhoffen sich Erleichterung. Wie wird mein Antrag auf Asyl entschieden? Darf ich hier bleiben? Wo kann ich mir Hilfe in Rechtsfragen holen? Wo finde ich in den ersten Wochen und Monaten eine Unterkunft, bis mir und meiner Familie eine eigene Wohnung gewährt wird, in der ich meine Privatsphäre wahren kann? Wie finde ich Kontakt zu Einheimischen, damit ich mich mit den neuen Gegebenheiten vertraut machen kann? Wer kann mir bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder auf der Suche nach Arbeit helfen?

Wie versuchen Sie den christlichen Geflüchteten zu helfen?

Bei Vielen ist die nervenaufreibende Wartezeit der Familienzusammenführung eine Zeit voller Leid und Unsicherheit. Bei all diesen Fragen versuchen wir als Gemeinde, den Menschen mit offenen Ohren zu begegnen. Wir bemühen uns, ihre Fragen und Sorgen an die Institutionen oder Personen, die weiterhelfen können, weiterzuleiten, und vor allem versuchen wir, einen Ort zu schaffen, an dem sie sich gegenseitig, mit den Erfahrungen, die sie im Alltag machen, helfen.

Was bieten Sie ihnen in religiöser und liturgischer Hinsicht an?

Der Sonntagsgottesdienst ist der Mittelpunkt und das Hauptereignis der Woche. An diesem Sonntagvormittag sind die meisten Gemeindeglieder versammelt. Hier können wir Trost und Kraft schöpfen. Nach der Eucharistiefeier ist Zeit für einen Austausch und gegebenenfalls für eine Möglichkeit, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen, die für ein Problem eine Lösung sein können. Der Gottesdienst ist hauptsächlich in syrisch-aramäischer Sprache.

"Der Sonntagsgottesdienst ist der Mittelpunkt
und das Hauptereignis der Woche. An diesem
Sonntagvormittag sind die meisten Gemeindeglieder versammelt"

Einigen der Geflüchteten, auch wenn sie zur syrisch-Orthodoxen Kirche gehören, ist diese Sprache fremd, sie kommen aus unterschiedlichen Gemeinden mit unterschiedlicher Prägung, und hier versuchen wir – so gut es geht – darauf zu reagieren. Wir bieten jeden Freitag eine Bibelstunde, in der wir die Texte des nächsten Sonntags zum Thema haben. Am Sonntag versuchen wir mit Hilfe von PowerPoint-Präsentationen, die Texte der Liturgie in mehreren Sprachen – in Deutsch, Syrisch-Aramäisch und Arabisch – zum Mitbeten zu begleiten.

Darüber hinaus unterstützt die Gemeinde eine Pfadfinder-Gruppe aus den Reihen der Geflüchteten und bietet Räumlichkeiten für gesellige Familienabende. Sie organisiert Reisen, um unsere Stadt zu erkunden, oder Fernfahrten zu übergemeindlichen Treffen. Und sie bemüht sich, die Menschen aktiv an ökumenischen Ereignissen unserer Stadt teilhaben zu lassen.

Gerade Christen aus Syrien sind aus verständlichen Gründen zu uns gekommen. Was berichten sie über ihre Situation als Christen in ihrer Heimat?

Den Christen aus dem Irak und Syrien ist alles, was sie sich seit Generationen erarbeitet hatten, weggenommen worden. Viele sind nur mit dem nackten Leben davongekommen, und darüber sind sie dankbar, dass sie und ihre Kinder am Leben geblieben sind. Dennoch ist das Vertrauen zu ihrer muslimischen Mehrheitsgesellschaft verlorengegangen. Ihnen wurde das allein deswegen angetan, weil sie Christen waren. Sie bevorzugen ein Leben hier in Armut, als wieder dorthin zurückzukehren, woher sie vertrieben wurden.

Haben sie hier bei uns auch Verfolgung erlebt? Zum Beispiel in Flüchtlingsheimen, in denen die meisten Bewohner Muslime sind?

Einige haben tatsächlich negative Erfahrung gemacht und sind ängstlich zu uns gekommen und baten uns, sie aus den Flüchtlingsheimen rauszuholen. Das haben wir bei einigen tun können, wir konnten jedoch nicht überall helfen. Einige haben auch positive Erfahrungen in den Flüchtlingsheimen gemacht.

Wie geht es den syrischen Christen hier bei uns? Was erleben sie hier in Berlin?

Es ist für alle eine große Herausforderung. Sie müssen Deutsch lernen, was keine einfache Sprache ist. Bei Kindern und Jugendlichen geht das erstaunlich schnell und gut, sie erzielen gute Resultate in der Schule und sind teilweise besser als ihre hier geborenen und aufgewachsenen Schulkameraden. Die Generation ab 45 Jahren hat allerdings sehr große Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache.

"Die Generation ab 45 Jahren hat sehr große
Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache"

Welche Arbeitsmöglichkeiten gibt es für sie? Was kann getan werden, um ihnen zu helfen?

Die Mediziner, Ingenieure und Informatiker finden schnell einen Job. Der Anschluss fällt ihnen nicht schwer. Für Lehrer und ehemalige Verwaltungsbeamte ist die Umschulung sehr schwer, und eigentlich bräuchten sie einen Begleitassistenten. Bei Handwerkern sieht das ähnlich aus, wenn sie älter als 40 Jahre alt sind.

Was halten Sie von Rückführungsprogrammen für syrische Christen?

Die politischen Voraussetzungen sind nicht gegeben. Die Mehrheitsgesellschaft muss sichtbare Zeichen setzen, damit Vertrauen wieder einkehren kann.