„Viele leben den Gehorsam bis zum Tod“

Ein Gespräch mit dem französischen Journalisten Nicolas Diat über die Kunst des Sterbens in Klöstern. Von Katrin Krips-Schmidt

Benediktiner im Klostergarten
Drei Ordensbrüder in Kutten laufen am 30. Juli 2015 durch den Garten der Klosteranlage Memleben. Im Hintergrund ist die Ruine der Klosteranlage zu sehen. Foto: Bertram Bölkow (KNA)

Der französische Journalisten Nicolas Diat ist für seine Interviews mit Kurienkardinal Robert Sarah bekannt geworden („Gott oder nichts“). Für sein aktuelles Buch „Un temps pour mourir“, dessen deutsche Übersetzung im fe-medienverlag erscheint, hat er sich auf die Spurensuche in acht Klöster verschiedener Ordensgemeinschaften begeben, um der Frage auf den Grund zu gehen: Wie verbringen Mönche die letzten Tage ihres Lebens?

Herr Diat, wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, ein Buch über die letzten Tage von Mönchen zu schreiben?

Im Juli 2014 habe ich im Dorf Lagrasse in Südfrankreich einen jungen Chorherren kennengelernt, der an multipler Sklerose litt. Er war bereits bettlägerig und konnte nicht mehr sprechen. Natürlich war das für mich ein großer Schock, als ich sah, dass dieser junge Mann, der alles für Gott gegeben hatte, so schwer erkrankt war. Zwei Jahre später ist er gestorben. Von da an beschloss ich, Mönche über dieses schwierige Thema zu befragen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die acht Klöster für Ihre Recherche ausgesucht?

Ich habe mich an Klöster kontemplativer und apostolisch tätiger Ordensgemeinschaften gewandt: Benediktiner, Zisterzienser, Augustiner-Chorherren, Prämonstratenser sowie Kartäuser.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Ich dachte, dass die Erfahrungsberichte der Mönche den Menschen helfen können, das Leiden, die Krankheit, den Schmerz und die letzten Augenblicke des Lebens zu verstehen.“ Inwiefern? Diejenigen, die nicht im Kloster leben, glauben ja oft, dass Ordensleute weit entrückt von der wirklichen Welt leben und auch so sterben…

Wenn man in ein Kloster geht, hat man den Eindruck, die Welt zu verlassen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn man in ein Kloster geht, ist man nicht am Rand, sondern im Mittelpunkt der menschlichen Existenz. Und von daher ist der Tod natürlich diejenige Erfahrung, die offenbar am schwersten zu verstehen ist – für die Menschen, aber auch für die Mönche. Es gibt keinen „klösterlichen Tod“, jeder Mönch stirbt anders. Was jedoch bei allen charakteristisch ist – das ist, dass alle Mönche, unabhängig von ihrer Furcht oder Angst oder ihrem Leiden, in Frieden sterben. Und dieser Frieden wird offensichtlich von Gott geschenkt. Das heißt, die Mönche machen alle genau die menschlichen Erfahrungen durch, die auch wir kennen. Es gibt sogar Mönche, die an ziemlich schweren Depressionen leiden, doch die letzten Augenblicke des Lebens sind immer Momente des Friedens.

Das heißt also, auch Mönche haben Angst vor dem Tod?

Ja.

Sie erwähnen Aspekte, die man bei Ordensleuten nicht erwartet hätte – Stichwort Depression. Sie berichten sogar von einem Suizid…

Ja, das wusste ich vorher noch nicht. Alle Äbte sind ganz besonders auf das seelische Gleichgewicht der Mönche bedacht. Mönche sind ja keine Buddhas. Es herrscht da oft so eine Art moderne Verwirrung, die recht grotesk ist. In allen Klöstern habe ich mit sämtlichen Äbten und Krankenpflegern gesprochen. Die Mönche kümmern sich um die Gesundheit ihrer Brüder, von der einfachen Grippe bis zur schwersten Krankheit. Mir ist dabei bewusst geworden, dass die Äbte und die Brüder in der Krankenpflege tatsächlich ein sehr offenes Ohr für etwaige psychische Probleme ihrer Mitbrüder haben.

Es gibt in Ihrem Buch zahlreiche Passagen, die den Leser überraschen. Zum Beispiel die Stelle, als ein Mönch, der im Sterben liegt, darauf wartet, dass sein Abt bei seinem Tod anwesend ist…

Ja, das ist die Frage nach dem Gehorsam. Das heißt, viele Mönche leben diesen Gehorsam bis zum Tod. Wenn der Abt nicht da ist, weil er Pflichten außerhalb des Klosters zu erfüllen hat, warten die Mönche oftmals so lange mit dem Sterben, bis er zurückkommt.

Sie beschäftigen sich auch mit der Fürsorge des schwerkranken und sterbenden Mönches …

Was daran beeindruckt: Sobald ein Mönch in die letzte Lebensphase eintritt, versammelt sich der gesamte Konvent um ihn. Ich habe das am Beispiel von Abt Joël von der Abtei Mondaye beschrieben, der an Leukämie erkrankt war. In den letzten Tagen seines Lebens war er im Krankenhaus. Die Chorherren beschlossen, ihn dort keinen einzigen Augenblick allein zu lassen. Tag und Nacht lösten sie sich an seinem Krankenbett alle drei Stunden ab. Das ist eine Regel, die für alle Klöster gilt: Von dem Augenblick an, in dem der Mönch in die Agonie verfällt, ist er keinen Augenblick mehr allein. Er wird stets begleitet.

Gibt es etwas, das Sie bei Ihren Recherchen besonders beeindruckt hat?

Ja, die Große Kartause. Ich glaube, dass dort die spirituellen und physischen Läuterungen im Laufe des Lebens derart sind und das Leben der Kartäuser so außergewöhnlich ist, dass sie im Moment ihres Todes nicht leiden. Auch ein schwerkranker Kartäuser leidet dann nicht.

Und der Grund dafür ist die Spiritualität der Kartäuser?

Wenn Sie so wollen. Das Leben der Kartäuser ist aus spiritueller Sicht so hart und streng, die Läuterung derart intensiv, dass der Kartäuser im Augenblick des Todes schließlich „bereit“ ist – mehr bereit als irgendein anderer Mensch. Sehr oft sterben die Kartäuser während des großen Nachtoffiziums.

In der Großen Kartause sterben die Mönche aber auch in der totalen Einsamkeit in ihren Zellen, oder?

Ja, das stimmt. Sehr oft sterben die Kartäuser auch so, wie sie gelebt haben, das heißt, allein in ihren Zellen.

Weshalb gibt es bei den Kartäusern keine Namen auf den Gräbern?

Das ist einfach eine Fortsetzung ihrer Lebensweise. Ihr ganzes Leben lang wollten die Kartäuser so verborgen leben, als seien sie der Welt zu Lebzeiten bereits abgestorben und als zähle in dieser Welt nur Gott und die Suche nach ihm. Ein Zeichen für dieses Aus-der-Welt-Seins ist es, keinen Namen auf seinem Grab zu haben.

Zum zweiten Mal laden die Ordensgemeinschaften in Deutschland und darüber hinaus zu einem Tag der offenen Klöster ein. Unter dem Motto „Gut. Wir sind da.“ öffnen am 21. April 2018 viele Klöster ihre Pforten und laden zu einem Fest der Begegnung ein. Wie vielfältig Ordensleben sein kann, das beweisen die vielen Ordensmänner und Ordensfrauen in Deutschland täglich aufs Neue. Am Tag der offenen Klöster zeigen sie, wie ihr Alltag aussieht und wie sie versuchen, Jesus nachzufolgen.

Näheres unter

www.tag-der-offenen-kloester.de