Verkündigung aus vollem Rohr

Eine Geschichte der Posaunenchöre. Von Barbara Stühlmeyer

Da ist noch Musik für die Ökumene drin: Bläser beim „Tag der christlichen Kirchen“ auf der EXPO 2000. Foto: KNA
Da ist noch Musik für die Ökumene drin: Bläser beim „Tag der christlichen Kirchen“ auf der EXPO 2000. Foto: KNA

Bei aller Annäherung zwischen den Konfessionen gibt es für evangelische und katholische Christen dennoch eindeutige Erkennungsmerkmale, die ein tiefes Zuhausegefühl auslösen. Für Protestanten ist dies die Institution des Posaunenchores. Die Verkündigung aus vollem Rohr, die junge und inzwischen auch viele ältere Bläser hier vollziehen, ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Gemeindearbeit. Das charmante Erkennungsmerkmal dieser Gruppen ist, dass hier Laien am Werk sind, was aber keineswegs einen Verzicht auf musikalische Qualität bedeutet. Ganz im Gegenteil. Die Leistungen, die in den nicht nur mit Posaunen besetzten Ensembles erbracht werden, sind durchaus beachtlich, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Newcomer hier ihre ersten behutsamen Schritte in das weite Land der Töne machen.

Reinhard Lassek erzählt in seinem mit journalistischem Schwung geschriebenen Buch die Geschichte der Posaunenchöre. Und die ist überraschend spannend, ist sie doch Teil der Zeitgeschichte, von der sie in vielfältiger Weise beeinflusst wurde und in der sie auch selbst hörbare und sichtbare Spuren hinterließ. Doch zunächst beginnt der Autor mit der Beantwortung der gar nicht so einfachen Frage, was ein Posaunenchor eigentlich sei. Denn wer genau hinhört und -sieht, stellt schnell fest, dass in einer solchen musikalischen Gruppe durchaus nicht nur Posaunen am Werk sind. Dies war zwar in Bläserformationen des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts der Fall, doch sie zählen nicht zu den klassischen Posaunenchören, sie sind die mit von den Städten bezahlten Profis besetzten Nachfolger der für jeden Herrscher unverzichtbaren repräsentativen Alta-Ensembles, die nun den aufstrebenden Bürgercommunities den notwendigen festlichen Glanz bei kirchlichen und städtischen Feierlichkeiten verliehen. Die Chorbläser der Herrnhuter Brüder knüpften an diesen auch heute noch unwiderstehlichen Klang ebenso an wie die am „gesanglichen Blasen“ orientierten Bläserbewegungen des 19. Jahrhunderts in Westfalen. Sie verwendeten allerdings gerade nicht die für Laien schwerer erlernbaren Zugposaunen, sondern Ventilinstrumente, bei denen man mit dem richtigen Griff viel leichter den richtigen Ton erzeugen kann als bei Instrumenten, bei denen im wahrsten Sinne des Wortes Millimeterarbeit gefragt ist. Deshalb gab und gibt es evangelische Posaunenchöre, in denen keine einzige Posaune mitspielt, wohl aber ausschließlich Blechblasinstrumente. Ihre Legitimation finden all diese Gruppen im 150. Psalm, der in so mitreißenden Worten das Lob Gottes mit den mächtigen Klangkörpern besingt.

Dass die Posaunenchöre Teil der Laienkultur sind, hängt mit ihrer Entstehung im Rahmen der kirchlichen Erweckungsbewegung zusammen. Diese Reaktion auf die Aufklärung mit ihrer Rückführung der Menschen zu den Wurzeln ihres Glaubens ging buchstäblich an die Hecken und Zäune und dort waren die machtvollen Bläser sehr von Nutzen, denn sie konnten ihre Instrumente viel besser transportieren als der Organist seine deutlich umfänglichere Königin der Instrumente.

Die Posaunenchöre bildeten nicht nur den Klangraum für die Verkündigung der Erweckungsprediger, sie waren auch Teil einer äußerst effizienten musikbezogenen Gemeindearbeit, bei denen vor allem Kinder und Jugendliche nicht nur die richtigen Töne zu treffen, sondern auch ihren Glauben auf den Punkt zu bringen lernten. Ton für Ton zu blasen machte Freude, genau wie das Buchstabieren der guten Nachricht von Jesus Christus. Beides ging in den Posaunenchören Hand in Hand und sprach Zehntausende an, die sich Woche für Woche in den Gemeinden, aber auch auf beeindruckenden Großveranstaltungen trafen. Die Posaunenchorbewegung ist stark von charismatischen Persönlichkeiten geprägt. Reinhard Lassek stellt Vater und Sohn Kuhlo ebenso vor, wie er die Ära Ehmann beschreibt. Dabei bringt er den Lesern die Protagonisten der Posaunenchöre menschlich nahe, ohne die Grenzen zu verschweigen, die ihr Handeln bestimmten. Ein wirklich dunkles Kapitel, die Rolle der Posaunenchöre in der Zeit des Nationalsozialismus wird mit Einfühlungsvermögen, der notwendigen kritischen Distanz und unter Nennung der historischen Fakten ausgezeichnet beschrieben.

Das letzte Kapitel widmet sich dem Prozess des Heutigwerdens der Posaunenchöre, der in den letzten Jahrzehnten erfolgreich bewältigt wurde. Hier ging es um die Frage, ob Mädchen auch blasen können und dürfen – die angeführten Argumente beider Seiten weisen Ähnlichkeit zu den Diskussionen um Ministrantinnen auf –, welche Literatur angemessen ist und welche Altersgruppen im Posaunenchor mitmachen dürfen. Dabei wurden zielführende und wegweisende Lösungen gefunden. Die Leiter von Posaunenchören haben ebenso wie die von Kirchenchören entdeckt, welch erstaunliche Fähigkeiten und Lernbereitschaft ältere Menschen mitbringen, und wie das Miteinander der Generationen die Bläserarbeit beflügeln kann. Inzwischen entdecken auch viele katholische Christen den Charme des Gotteslobs mit Posaunen. Halleluja!

Reinhard Lassek: Wir vom Posaunenchor, Kreuzverlag, Freiburg 2014, ISBN978-3-451-61274-9, EUR 14,99