Verfolgung und Triumph

Eine kleine Geschichte der ersten christlichen Jahrhunderte. Von Clemens Schlip

Papst Silvester tauft Kaiser Konstantin
Beginn einer neuen Ära des frühen Christentums: Papst Silvester I. tauft Kaiser Konstantin. Foto: KNA

Bücher über die römischen Kaiser gibt es viele, und man könnte sich fragen, ob es nicht eigentlich schon genug sind. Doch die vorliegende Neuerscheinung zu diesem Thema besticht durch eine ungewöhnliche und erfrischend innovative Perspektive. Die Hamburger Journalistin und Übersetzerin Claudia Kock wagt in ihrem Buch über „Die Kaiser und das Christentum“ die parallele Betrachtung der profanen Kaisergeschichte von Augustus bis Konstantin und der Geschichte des frühen Christentums sowie den Blick auf die Berührungspunkte zwischen diesen beiden historischen Entwicklungslinien.

Letztlich steht eine solche Art der Geschichtsbetrachtung in einer alten Tradition. Schon früh erkannten christliche Geschichtsdenker, dass die unter Augustus erreichte politische Einheit der gesamten Mittelmeerwelt unter einem einzigen Herrscher eine wichtige Voraussetzung für die rasche Verbreitung des Christentums war und sahen darin ein Werk der Vorsehung. „In jener Zeit erging vom Kaiser Augustus der Befehl, das ganze Reich aufzuzeichnen.“ Dieser Satz aus dem Evangelium der ersten Weihnachtsmesse wurde im Mittelalter als ausdrückliche Verbindungslinie zwischen Christus und dem römischen Kaisertum gelesen.

Das Buch basiert auf einer Artikelserie der Autorin, die in der deutschsprachigen Wochenausgabe des Osservatore Romano erschienen ist. Bekannte und weniger bekannte Kaiser werden, was den ihnen zugestandenen Platz angeht, relativ gleichmäßig behandelt. Gerade deshalb werden viele Leser hier Dinge erfahren können, die sie noch nicht wussten. Von Augustus und Nero hat wohl jeder eine ungefähre Vorstellung, mit Kaisern wie Macrinus und Philippus Arabs verhält es sich sicher anders. Von Letzterem etwa ist überliefert, dass er Interesse an der christlichen Religion zeigte (seine Frau korrespondierte sogar mit dem Kirchenvater Origenes). Kocks Urteile über die einzelnen Herrscher sind ausgewogen und berücksichtigen neuere Forschungsergebnisse. Theologische Entwicklungen und Streitfragen innerhalb der jungen Kirche werden präzise und gut erklärt.

Sie geht auch darauf ein, wo sich im heutigen Stadtbild Roms jetzt noch Spuren der von ihr vorgestellten Kaiser und römischen Bischöfe finden lassen. So ist etwa der Tempel des Antoninus Pius und seiner Gattin Faustina heute die Kirche San Lorenzo in Miranda.

Gut herausgearbeitet wird, wie das Christentum die antike Zivilisation langsam von innen heraus veränderte. In der christlichen Gemeinschaft war es etwa möglich, dass ein freigelassener Sklave zum Bischof wurde. Er wurde damit zum geistlichen Hirten auch solcher Menschen, deren soziale Herkunft weit vornehmer war als seine. Schon bald kam es zu Versuchen von christlicher Seite, mit den Kaisern Kontakt aufzunehmen. So überreichte der Athener Bischof Quadratus dem Kaiser Hadrian eine Apologie des Christentums (ob der Kaiser die Schrift auch gelesen hat, ist freilich unbekannt).

Seit dem Jahr 64, als Nero den Christen die Schuld am großen Brand von Rom gab, kam es immer wieder zu staatlich organisierten Christenverfolgungen, auf die Perioden der Ruhe folgten. Unter Kaiser Aurelian (270–275) etwa gab es christliche Provinzstatthalter, die von der Pflicht zur Opferdarbringung befreit waren. Im Jahr 268 wandten sich sogar Bischöfe hilfesuchend an den Kaiser, um den häretischen Bischof Paul von Samosata aus seinem Amt zu vertreiben.

Die Ausbreitung des Christentums konnten die Verfolgungen nicht verhindern, obwohl sie tendenziell immer aggressiver wurden. Kaiser Trajan (98–117) lehnte eine aktive Fahndung nach Christen noch ab und befahl, anonyme Anzeigen gegen Christen zu ignorieren. Schwierigere Verhältnisse herrschten unter Kaiser Decius (249–251), der alle Reichsbewohner verpflichtete, ein heidnisches Opfer darzubringen. Diese Praxis zwang Christen, entweder ihren Glauben zu verleugnen oder sich harten Repressalien (bis zur Hinrichtung) auszusetzen. Unter Kaiser Valerian (253–260) wurde dann aktiv nach Christen gefahndet und die Feier christlicher Gottesdienste ausdrücklich verboten. Die härteste Verfolgungswelle setzte Kaiser Diokletian in Gang. In den Jahren 303–311 wurden viele Kirchen zerstört und tausende Christen erlitten den Märtyrertod oder mussten Zwangsarbeit in Bergwerken leisten. Auf diese Repressalien folgte dann freilich der unter Kaiser Konstantin einsetzende Triumph des Christentums, der 380 in seiner Erhebung zur Staatsreligion mündete. Angesichts der Verfolgungen bewiesen viele Christen einen herausragenden Glaubensmut. Kock zitiert diesbezüglich eindrückliche Zeugnisse aus den Märtyrerakten.

Obwohl die Christen also genug äußere Probleme hatten, kam es schon in der frühen Kirche auch zu inneren Spaltungen. Manche Streitigkeiten resultierten direkt aus der Verfolgungssituation. Wie sollte man etwa mit Christen umgehen, die aus Angst vor Pressionen die von staatlicher Seite geforderten Opfer dargebracht hatten? Es gab Gruppen, die gegen die vorherrschende milde Linie in dieser Frage protestierten. Daneben gab es noch andere Grauzonen: Vom römischen Bischof Cornelius hieß es, er habe zwar das Opfer umgangen, sich aber auf andere Weise eine Bescheinigung über die erfüllte Opferverpflichtung besorgt und sei so der Strafe entkommen. Nicht alle Christen in Rom waren daher über seine Wahl zum Bischof begeistert.

Interesse verdient der Rückblick in die Frühzeit des Christentums auch aufgrund aktueller Entwicklungen. In den Jahrhunderten von Augustus bis Konstantin war das Christentum definitiv stets eine Subkultur. Heute, da die lange gegebene relative Homogenität von Mehrheitskultur und Christentum in Europa sich unverkennbar auflöst, lohnt sich ein Blick auf das antike Christentum umso mehr.

Bei einem Gesamtumfang von gut 200 Seiten über eine Geschichtsperiode von gut 360 Jahren lassen sich gelegentliche Verkürzungen gar nicht vermeiden. Es hätte dennoch vielleicht an einigen Stellen deutlicher gemacht werden können, dass manche Quellentexte, etwa die manchmal arg fantasievolle „Historia Augusta“, mit Vorsicht zu genießen und nicht in allen Details über jeden Zweifel erhaben sind. Summa summarum liegt aber mit „Die Kaiser und das Christentum“ ein schönes und auch ansprechend bebildertes Buch vor; eine gut lesbare, für ein breites Publikum geeignete Darstellung, die ihren beiden Hauptgegenständen inhaltlich vollauf gerecht wird.

Claudia Kock: Die Kaiser und das Christentum. Eine Zeitreise durch das Römische Reich von Augustus bis Konstantin. Patmos, Ostfildern 2018, 200 Seiten, ISBN 978-3-8436-1048-3, EUR 24,-