„Unser Dialog ist kein Nachgeben“

Regensburger Bischof Müller zur Reformdebatte Von Regina Einig

Exzellenz, braucht die katholische Kirche in Deutschland eine neue Diskussion über den klassischen Fragenkanon (Empfängnisverhütung, Zölibat, Diakonat der Frau)?

Die theologischen, geistlichen und pastoralen Aspekte dieser unterschiedlichen Themen sind schon oft und kompetent behandelt worden. Wir müssen uns endlich den grundlegenden Einsichten des Glaubens zuwenden: Christus allein hilft jedem Menschen im Leben und im Sterben, sein ganzes Dasein von Gott als Gabe anzunehmen.

Welche Themen sollten Ihrer Meinung nach bei der von den Bischöfen angekündigten Dialoginitiative aufgegriffen werden?

Es hilft uns nur eine vertiefte Begegnung mit dem dreifaltigen Gott im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe. Wichtig ist es, das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu hören, die Lehre der Kirche besser kennenzulernen, im Gebet unbedingtes Gottvertrauen zu finden, die Sakramente der Buße und der Eucharistie mit dem Feuer der Liebe zu feiern. Wenn wir uns als eine Wohlfühlorganisation mit mystischem Hintergrundgeraune anbiedern, der die gesellschaftliche Akzeptanz und der Einklang mit einem materialistischen Zeitgeist die oberste Maxime ist, dann haben wir Christus verraten. Unser Dialog ist kein Nachgeben gegenüber dem Druck der Straße, die sich blasphemisch für die Basis der Kirche ausgibt. Das Fundament der Kirche ist Christus und nicht die Wanderdüne wechselnder Meinungen. Nicht Unterwerfungsgesten an den gottlosen Säkularismus und die Verwässerung des Glaubensbekenntnisses führen aus der hausgemachten Krise heraus, sondern das furchtlose Bekenntnis zu dem lebendigen Gott.

Muss sich die Kirche nun entscheiden, ob sie im Kielwasser der Missbrauchsdebatte eine Zölibatsdebatte führen will?

Opferverbände und Betroffene haben bestätigt, dass der Zölibat in keinem ursächlichen Verhältnis zu sexuellem Missbrauch steht und vielmehr ein Nebenschauplatz ist. Schuld war nicht die strenge Sexualmoral der Kirche, sondern ihre laxistische angeblich leibfreundlichere Anwendung, sodass sogar Priester sich im Gewissen davon dispensiert haben. Auf einem anderen Ticket kommen die Nutznießer der hausgemachten Krise, denen es mitnichten um die Opfer geht, sondern die nur daraus Kapital schlagen wollen für ihre sogenannten „Reformen“. Sie bedienen das Bild vom Reformstau, der endlich abgebaut werden müsse. Es ist geradezu pervers, wie hier der Begriff der Kirchenreform verwendet wird. In der Geschichte heißt „Reform der Kirche an Haupt und Gliedern“, dass alle treuer nach dem Evangelium leben, die Gebote Gottes gehorsam annehmen und sich auf den steilen Weg der Nachfolge Christi begeben. Ohne eine neue Wertschätzung der evangelischen Räte von Armut, keuscher Ehelosigkeit und Gehorsam um Christi willen wird es keine geistliche Erneuerung der Kirche geben.

Was bestätigt diesen „steilen Weg der Nachfolge Christi“?

Wir haben den Vergleich zu den christlichen Denominationen, die keine unangenehmen Wahrheiten gegenüber dem Anpassungsdruck säkularisierter Gesellschaften zu vertreten haben. Hier zeigt sich, dass der Priesterzölibat, die Unauflöslichkeit der Ehe von einem Mann und einer Frau, der Weihevorbehalt für den Mann, die Untrennbarkeit von ekklesialer und sakramentaler Kommunion etcetera nicht Ursachen der Krise des Christentums in der postmodernen Welt sind. Der Versuch, diese Positionen aufzuweichen, ist vielmehr ein Symptom dieser Krise. Nur an ihnen herumzubasteln bringt gar nichts, wenn nicht die tiefere Ursache der Krankheit erkannt und therapiert wird. Was erneuert werden muss ist der sensus fidei, die Einsicht, dass die Kirche eine Stiftung Gottes ist und das Sakrament des Heils in Christus für die ganze Welt. Das zölibatäre Priestertum steht nicht zufällig im Mittelpunkt des Frontalangriffes auf die Übernatürlichkeit der Offenbarung. Ist das Priestertum sakramental zu verstehen und zu leben oder nur funktional? Nur der Priester als Hirte, der wie der Jesus Christus sein Leben hingibt, wird zum glaubwürdigen Zeugen für das Reich Gottes. Den Geist, der alles neu macht, erwartet die Kirche von oben und nicht von unten. Erneuerung der Kirche im Heiligen Geist kommt „aus dem was Gott will und nicht aus dem, was Menschen wollen“ (Mt 16, 23).