Und wenn er recht hat?

Die harten Fakten, mit denen der Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano Papst und Vatikan konfrontiert, hätten im zivilen Leben Untersuchungen zur Folge. Doch im Vatikan herrscht weiter das "Gesetz des Schweigens". Guido Horst

Viganò klagt erneut an
Vigano skizziert nun in seiner nachträglich publizierten Antwort gegenüber der „Washington Post“ die angebliche Handhabung des Skandals durch den Vatikan und Kirchenobere. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Wenn der ehemalige Nuntius Carlo Maria Viganò, der sich inzwischen den zweifelhaften Ruf des Chefanklägers von Papst Franziskus erworben hat, seine Anklagen gegen die römische Kurienführung und deren diplomatischen Außendienst formuliert, dann klingt das so: In dem im Juni von der „Washington Post“ veröffentlichten endlosen Interview mit dem Abweichler fehlte eine längeren Passage, die das amerikanische Online-Portal „LifeSiteNews“ inzwischen nachgeliefert hat. Darin spricht der ehemalige Vatikandiplomat zwei Fälle an, die, wenn sie sich bewahrheiten sollten, der vom vatikanischen Kinderschutzgipfel mit Vertretern aller Bischofskonferenzen in der Welt ausgegebenen Devise der 0-Toleranz bei Missbrauchsvertuschung und der entschlossenen Aufklärung völlig Hohn sprechen würden.

Der erste Fall betrifft das kleine Seminar im Vatikan, ganz in der Nähe des vom Papst als Residenz gewählten Gästehauses „Santa Marta“. Dort, wo Minderjährige ausgebildet werden, die Messdiener bei Papstmessen sind, sollen junge Schüler von einem älteren Seminaristen brutal sexuell vergewaltigt worden sein. Über einige Vorwürfe in diese Richtung hatte schon das italienische Wochenblatt „L’Espresso“ berichtet.

Viganò skizziert zwei weitere Fälle, die der Vatikan angeblich vertuschen wollte

Vigano skizziert nun in seiner nachträglich publizierten Antwort gegenüber der „Washington Post“ folgende Handhabung des Skandals durch den Vatikan und Kirchenobere: Da das kleine Seminar im Vatikan von der Diözese Como verwaltet wird, erhielt der dortige Offizial Andrea Stabellini den Auftrag, den Fall zu untersuchen. „Ich erhielt aber aus erster Hand Informationen darüber“, schreibt jetzt Vigano, „dass seine Vorgesetzten ihm verboten haben, die Untersuchung fortzusetzen. Er kann für sich selbst aussagen, und ich bitte Sie (die Journalisten von der „Washington Post“, A.d.R.), ihn zu interviewen. Ich bete dafür, dass er den Mut findet, Ihnen zu erzählen, was er mir so mutig mitteilte.“

Der mutmaßliche Täter wurde zum Priester geweiht

Dann sagt Vigano weiter aus: „Darüber hinaus erfuhr ich, wie die Behörden des Heiligen Stuhls mit diesem Fall umgegangen sind. Nachdem Don Stabellini die Beweise gesammelt hatte, wurde der Fall sofort vom damaligen Bischof von Como, Diego Coletti, zusammen mit Kardinal Angelo Comastri, dem Generalvikar des Papstes für die Vatikanstadt, vertuscht. Außerdem forderte der damalige Präsident des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte, Kardinal Coccopalmerio, den Don Stabellini konsultiert hatte, nachdrücklich, die Untersuchung einzustellen.“ Das Ende vom Lied: Der Seminarist, der die Anklagen erhoben hatte, sowie zwei Opfer des Vergewaltigers mussten das Seminar verlassen, der Täter aber wurde im Juli 2017 zum Priester geweiht. Vigano behauptet nicht, dass er über Dokumente verfügt und diese als Beweismittel veröffentlichen könnte, aber er habe „aus erster Hand“ – wohl mündlich – die entsprechenden „Informationen“ erhalten.

Zweiter Fall betrifft die Spitze der Römischen Kurie

In dem zweiten Fall ist alles noch viel heikler, er betrifft die Spitze der Römischen Kurie, und zwar den von Franziskus im August 2018 ernannten Substituten im vatikanischen Staatssekretariat, den venezuelanischen Erzbischof und Vatikandiplomaten Erzbischof Edgar Pena Parra. Er soll Anfang der neunziger Jahre homosexuelle Missbrauchsverbrechen begangen haben, die eine Gruppe von Gläubigen aus dem venezuelanischen Maracaibo in einem Bericht mit dem Titel „?Quién es verdaderamente Monsenor Edgar Robinson Pena Parra, Nuevo Sustituto de la Secretaría de Estado del Vaticano?“ („Wer ist Erzbischof Edgar Robinson Pena Parra, der neue Substitut im Staatssekretariat, wirklich?“) vom letzten Jahr für Papst Franziskus genauestens beschreibt.

Die Akten von damals, so Vigano jetzt, und den entsprechenden Schriftwechsel des Staatssekretariats habe er „mit eigenen Augen gesehen“. Außerdem soll es noch um zwei mysteriöse Todesfälle im Homosexuellen-Milieu von Maracaibo gegangen sein. Generell erweckt Vigano den Eindruck, dass viele Papiere über seinen Schreibtisch gingen. So schreibt er weiter: „Diese beiden Vorwürfe wurden 2002 vom damaligen Apostolischen Nuntius in Venezuela, Erzbischof André Dupuy, dem Staatssekretariat mitgeteilt. Die entsprechenden Unterlagen – wenn sie nicht vernichtet wurden – befinden sich sowohl im Personal-Archiv des Staatssekretariats, in dem ich die Position des Delegierten für die päpstlichen Vertretungen innehatte, als auch im Archiv der apostolischen Nuntiatur in Venezuela, wo seither folgende Erzbischöfe als Nuntius tätig gewesen sind: Giacinto Berloco von 2005 bis 2009, Pietro Parolin von 2009 bis 2013, und Aldo Giordano von 2013 bis heute. Sie alle hatten Zugang zu den Unterlagen, in denen über diese Anschuldigungen gegen den zukünftigen Substituten berichtet wurde, ebenso wie die Kardinalsstaatssekretäre Sodano, Bertone und Parolin sowie die Substitute Sandri, Filoni und Becciu.“

Und warum hat dann Franziskus den venezuelanischen Vatikandiplomaten zum dritten Mann in Rom gemacht und warum hat sich Kardinalstaatssekretär Parolin dagegen nicht gesträubt?

Neuerliche Anklagen Viganòs sind präzise

Auch diese neuerlichen Anklagen Viganos sind präzise. In jeder staatlichen Verwaltung würden sie ausreichen, um Ermittlungen einzuleiten. Würde der Ex-Nuntius einfach lügen, könnte der Vatikan dementieren und – auch in dessen Abwesenheit – disziplinarische Schritte gegen ihn einleiten. Das tut der Vatikan aber nicht. Die Medienverantwortlichen schweigen. Sagt das nicht mehr als alle wortreichen Beschuldigungen Viganos?