US-Behörden schalten sich in Missbrauchsskandal ein

In den USA ermitteln nun auch Bundesbehörden gegen Täter und Vertuscher. Von Maike Hickson

US-Justizministerium in Washington
Die Bundesflagge weht vor dem US-Justizministerium. Foto: dpa

Nach den Berichten und Enthüllungen über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den USA haben mittlerweile mehr als ein Dutzend Bundesstaaten – darunter Illinois, Pennsylvania, Kentucky, Missouri, Nebraska, New York und New Mexiko – Strafermittlungen in die Wege geleitet. Und nun hat sich auch das Bundesjustizministerium eingeschaltet und weitere Ermittlungen in Pennsylvania und Buffalo (New York) gestartet. Bereits am 18. Oktober (Die Tagespost berichtete) hatte das Justizministerium in einem überraschenden Schritt die Bistümer des Bundesstaates Pennsylvania vorgeladen. Die Ermittlungsbehörden fordern von der Kirche Einsicht in Akten, die bis in das Jahr 2001 zurückreichen. Das Hauptinteresse liegt auf dem angeblichen Transport von Minderjährigen über Staatsgrenzen zum Zwecke des sexuellen Missbrauchs sowie auf der Verbreitung und Herstellung pornografischen Materials durch Geistliche.

Zuvor hatte US-Bundesstaatsanwalt William McSwain einen Brief an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, geschickt, in dem er die Bereitstellung relevanter Akten durch die Bistümer forderte. Zuerst berichtete der US-Journalist Rocco Palmo am 26. Oktober über das Schreiben, das auf den 9. Oktober datiert ist, in der zurückliegenden Woche allen Bischöfe der USA weitergeleitet und auf diese Weise öffentlich bekannt wurde. In seinem Brief verordnet McSwain – der von Präsident Donald Trump zum Bundesanwalt von Ost-Pennsylvania ernannt worden war – den Bischöfen, keine Akten (auf Papier oder elektronisch) „zu zerstören, wegzuwerfen, loszuwerden, zu löschen oder zu verändern“, die mit Personal- oder Missbrauchsfragen zu tun haben. Am Tag seines Schreibens hatte McSwain bereits die Personalakten der Diözesen des Bundesstaates Pennsylvania angefordert.

Die Initiative des Bundesstaatsanwalts wird als erste groß angelegte Untersuchung der kirchlichen Missbrauchsfälle von Seiten der Bundesregierung angesehen. Bislang hatte sich die Regierung aus der Angelegenheit größtenteils herausgehalten, wohl um sich nicht dem Vorwurf der Verletzung der Religionsfreiheit auszusetzen. Bislang waren vor allem lokale Gerichtsbarkeiten mit dem Thema befasst.

Allerdings hatte der McCarrick-Skandal in den USA einen solchen Schock ausgelöst – besonders da es um einen Kardinal ging, der von anderen ebenfalls hochrangigen Klerikern jahrelang in seinem Verhalten gedeckt wurde – dass sich die Stimmung nun selbst auf Regierungsebene geändert hat. Hinzu kommt, dass sich mittlerweile viele bekannte Katholiken für eine staatliche Strafermittlung einsetzen. Sie sehen, dass die kirchliche Hierarchie nach dem Missbrauchsskandal von 2002 die nötige umfassende Aufarbeitung nicht geleistet hat.

Als Beispiel kann der Bischof von Buffalo (New York), Richard Malone, gelten, dem nun vorgeworfen wird, etliche Missbrauchstäter in seiner Diözese aktiv geschützt zu haben. Seine ehemalige Assistentin, Siobhan O'Connor, legte am Sonntag in einer Fernsehsendung dar, wie sie heimlich Hunderte von kompromittierenden Dokumenten kopiert habe, die sonst vom Bischof versteckt worden wären. Das dürfte der Grund sein, weshalb das Bundesjustizministerium unter Jeff Sessions nun auch diese Diözese untersucht. Strafvereitelung ist in den USA Sache des Bundesrechts. Ebenso wie Fälle, in denen es um organisiertes Verbrechen geht. Bis jetzt wurde das entsprechende Gesetz noch nie voll auf die Kirche angewandt, gut informierte Beobachter erwarten allerdings, dass dies nun der Fall sein wird. Sollten die Ermittlungen der Bundesbehörden erfolgreich sein, könnten dann auch Bischöfe strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Das würde die katholische Kirche in den USA wohl zutiefst erschüttern.

Unter glaubenstreuen Katholiken in den USA gehen die Meinungen über diese Entwicklung unterdessen auseinander. Pater Joseph Fessio SJ, Gründer des bekannten Verlags Ignatius Press, erklärte gegenüber der Tagespost, es gehe hier um das Problem der „Kultur des Geheimhaltens und des Vertuschens“. „Es gibt einen Ort für Privatheit, Vertraulichkeit und selbst (ein bisschen) Geheimhaltung. Aber dies wurde massiv missbraucht. Es ist verständlich, dass die katholischen Laien Vertrauen in ihre Kirchenführer verloren haben.“ Seiner Meinung nach müssten die Laien daher auch in die Aufarbeitung einbezogen werden. Für Fessio spielt neben den Fällen des Kindesmissbrauchs, die überwiegend weit in der Vergangenheit liegen, das Thema „homosexueller Beziehungen zwischen zustimmenden Klerikern und Seminaristen“ eine große Rolle. Der Kindesmissbrauch sei dabei eine „Untergruppe! dieser Beziehungen, die selbst aber auch „eine Untergruppe der (allgemeinen) pro-homosexuellen Kultur“ darstelle, welche „ihren Ursprung in der Ablehnung von Humanae Vitae hat“.

Der Journalist und Buchautor Philip Lawler sieht die Situation hingegen kritisch. Er sagte der Tagespost, dass „öffentliche Strafverfolger – besonders jene mit politischen Ambitionen – die Gelegenheit nutzen werden, um gegen unbeliebte Persönlichkeiten der Öffentlichkeit vorzugehen. Unglücklicherweise haben sich unsere Bischöfe so unbeliebt gemacht, dass sie eine unwiderstehliche Zielscheibe geworden sind.“ Lawler sieht daher „Gefahren für die Religionsfreiheit, wann immer Regierungsvertreter versuchen, die Arbeit der Kirche zu kontrollieren“. Derzeit sei er allerdings noch mehr über „die Gefahren für die Integrität der Kirche, die von Innen kommen“, besorgt. Lawler plädiert dafür, Priester und Bischöfe zu behandeln „wie jeden anderen, wenn es um die Einhaltung vernünftigen Zivilrechts geht“. „Sollten sie sich kriminell verhalten haben – und ich habe keinen Zweifel, dass einige es getan haben – dann sollten sie strafrechtlich verfolgt werden.“

Donna Bethell – ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende des katholischen „Christendom College“ – äußerte sich gegenüber der Tagespost wie folgt: „Die Macht der Regierung, Dokumente einzuziehen und Straftaten zu verfolgen, scheint nun notwendig zu sein. Es wird sicherlich einige unerwünschte Konsequenzen geben, wenn Enthüllungen gemacht werden und die Kirche sich noch mehr blamiert. Es wäre besser gewesen, hätten wir es selber getan.“ Bethell – die eine Initiative gestartet hat, um Kardinal Joseph Tobin, einen Vertrauten McCarricks, vom Posten des Erzbischofs von Washington fernzuhalten – verweist hier auf „die Opfer dieses Horrors“, die „zu oft ohne Anerkennung ihres Leiden verblieben sind“. „Vielleicht haben wir am Ende nur noch ein paar wenige Bischöfe und Priester, aber wenn sie heiligmäßig sind und wenn das Kirchenvolk in seinem Bestreben nach Heiligkeit wieder bestärkt werden kann, dann haben wir es besser.“