Übersehene Heilige

Helmut Moll entdeckt besondere Ehepaare. Von Martin Lohmann

Heilige gibt es viele. Wer an Heilige denkt, dem fallen wohl zunächst Priester, Päpste, Bischöfe und Ordensleute ein. Aber Ehepaare? Sie scheinen bei Heiligsprechungen eher vergessen oder übersehen worden zu sein. Vielleicht kommt einem noch die Heilige Familie in den Sinn. Doch die Gottesmutter und ihr Bräutigam Joseph waren kein Ehepaar. Jesus hatte einen irdischen Pflegevater – und Gott selbst zum Vater. Wer etwas länger grübelt, dem kommen dann Anna und Joachim in den Sinn, die Eltern der Jungfrau Maria. Aber sonst?

Dabei betont die Kirche doch so gerne die Bedeutung der Ehe, der Familie und der Verbindung von Mann und Frau. Es gibt zahlreiche Texte, in denen beschrieben wird, wie wichtig für den Glauben und das Glaubenszeugnis die Eheleute sind. Franziskus hat in seiner ersten Enzyklika „Lumen fidei“ dazu geschrieben: „Der erste Bereich, in dem der Glaube die Stadt der Menschen erleuchtet, findet sich in der Familie. Vor allem denke ich an die dauerhafte Verbindung von Mann und Frau in der Ehe. Sie entsteht aus ihrer Liebe, die Zeichen und Gegenwart der Liebe Gottes ist.“

Auch Papst Johannes Paul II. hatte schon 1994 in seinem Schreiben „Tertio millennio adveniente“ gefordert, dass die Kirche ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die „Heiligkeit derer zu richten“ habe, „die auch in unserer Zeit die volle Wahrheit Christi gelebt haben. In besonderer Weise wird man sich hier um die Anerkennung der heroischen Tugenden von Männern und Frauen bemühen, die ihre Berufung in der Ehe verwirklicht haben: Da wir überzeugt sind, dass es in diesem Stand nicht an Früchten der Heiligkeit mangelt, empfinden wir das Bedürfnis, die geeigneten Wege dafür zu finden, dass diese Heiligkeit festgestellt und der Kirche als Vorbild für die anderen christlichen Eheleute vorgestellt werden kann.“ Auch sein Nachfolger, Papst Benedikt XVI., hatte hier einen besonderen Handlungsbedarf der Kirche gesehen.

Der Heiligenexperte und Kölner Prälat Helmut Moll hat sich auf Spurensuche begeben – und zu seinem eigenen Erstaunen zahlreiche selige und heilige Ehepaare in der Geschichte der Kirche entdeckt. Nicht nur die Heilige Familie und die Eltern der Gottesmutter werden als Vorbilder gezeigt, erinnert werden muss auch aus frühester Zeit des Johannes des Täufers, Elisabeth und Zacharias. Aber aus der Heiligen Schrift bekannt sind auch Aula und Prisca. Im dritten Jahrhundert finden sich die Märtyrer-eheleute Bonifatius und Thekla sowie Chrysanthus und Daria, und aus der Zeit der Konstantinischen Wende unter anderem Basilius der Ältere und Emmelia sowie Gregor von Nazianz und Nonna.

Später, im zwölften Jahrhundert begegnet uns das heilige Kaiserpaar Heinrich und Kunigunde oder Isidor und Turibia. Auch Elisabeth von Thüringen und Ludwig sind bekannt. Zu den Seligsprechungesverfahren für vorbildliche Ehepaare zählen aktuell Bruder Klaus und seine Dorothea, aber auch (der bereits seliggesprochene) Habsburger Kaiser Karl und Kaiserin Zita. Und viele andere.

Die 48 Seiten starke Monographie des Helmut Moll stellt insgesamt mehr als 60 Ehepaare aus zwanzig Jahrhunderten vor. Der Autor ist davon überzeugt, dass „gerade unsere Zeit, in der Ehe und Familie so widrigen Belastungen ausgesetzt sind“, überzeugende Vorbilder benötigt werden. Und es gibt sie, diese weithin eher vergessenen Heiligen. Denn „die Heiligen sind die wahren Lehrer der Kirche, nicht zuletzt jene Ehegatten, die sich im Sakrament der Ehe rückhaltlos und für immer aneinander verschenkt haben. In guten wie in bösen Tagen, bei Gesundheit und Krankheit zusammenzustehen, bezeugt ihren heroischen Tugendgrad, der auch darin zum Ausdruck kommt, zu einer endgültigen und unwiderruflichen Entscheidung fähig zu sein.“

Helmut Moll: Selige und heilige Ehepaare. Dominus-Verlag, Augsburg 2016, 48 Seiten, geheftet, EUR 4,50