Über den unersetzbaren Beitrag der Familie

Der Sieg der Liebe über die trostlose Entwicklung der Städte: Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 2. September

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Auf dem letzten Abschnitt unseres Weges der Katechesen über die Familie wollen wir uns anschauen, auf welche Weise sie ihrer Verantwortung nachkommt, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie den Glauben mitzuteilen, den Glauben weiterzugeben.

In einem ersten Moment können uns einige Aussagen aus dem Evangelium in den Sinn kommen, die die familiären Bindungen und die Nachfolge Jesu in einen Gegensatz zueinander zu stellen scheinen. Zum Beispiel jene starken Worte, die wir alle kennen und eben gehört haben: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10, 37–38).

Natürlich will Jesus damit nicht das vierte Gebot aufheben, das erste große Gebot, das sich auf den Menschen bezieht. Die ersten drei beziehen sich auf Gott, dieses bezieht sich auf den Menschen. Und wir dürfen auch nicht denken, dass der Herr, nachdem er sein Wunder für die Brautleute in Kana gewirkt hat, nachdem er das eheliche Band zwischen Mann und Frau geheiligt hat, nachdem er Söhne und Töchter zum Leben in der Familie zurückgebracht hat, uns auffordert, diesen Bindungen gegenüber gefühllos zu sein! Das ist nicht die Erklärung. Im Gegenteil, wenn Jesus den Vorrang des Glaubens an Gott bekräftigt, dann findet er kein bedeutungsreicheres Beispiel als die familiäre Liebe. Zudem werden eben diese familiären Bindungen durch die Erfahrung des Glaubens und der Liebe Gottes verwandelt, sie werden mit einem größeren Sinn erfüllt und befähigt, über sich selbst hinauszugehen, um eine weiter gefasste Vater- und Mutterschaft zu schaffen und um auch diejenigen als Brüder und Schwestern anzunehmen, die von jeder Bindung ausgegrenzt sind.

Die Grammatik der Liebe lernt man in der Familie

Jesus hat einmal jemandem, der ihm gesagt hatte, draußen seien sein Vater und seine Mutter und suchten ihn, mit dem Hinweis auf seine Jünger erwidert: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3, 34–35). Das Wissen um eine Liebe, die weder gekauft werden kann, noch zum Verkauf steht, ist die beste Mitgift des Wesens der Familie. Gerade in der Familie lernen wir, in jener Atmosphäre des Wissens um Liebe zu wachsen. Dort wird ihre „Grammatik“ erlernt, anderswo ist es sehr schwierig, das zu lernen. Und gerade das ist die Sprache, durch die Gott sich allen zu verstehen gibt.

Die Einladung, die familiären Bindungen in den Bereich des Glaubensgehorsams und des Bundes mit dem Herrn zu stellen, setzt sie nicht herab; im Gegenteil: Es schützt sie, es befreit sie vom Egoismus, bewahrt sie vor der Zerrüttung, führt sie sicher zum ewigen Leben. Ein familiärer Stil in den mitmenschlichen Beziehungen ist ein Segen für die Völker: Er bringt wieder Hoffnung auf die Erde. Wenn sich die familiäre Liebe in Zeugnis für das Evangelium umsetzen lässt, vermag sie Unvorstellbares zu leisten und die Werke Gottes mit Händen greifbar zu machen, die Werke, die Gott in der Geschichte wirkt, wie jene, die Jesus für die Männer, die Frauen und die Kinder gewirkt hat, denen er begegnet ist. Ein einziges Lächeln, das der Verzweiflung eines verlassenen Kindes, das wieder Lebensfreude empfindet, auf wunderbare Weise entrungen wird, kann uns das Handeln Gottes in der Welt besser erklären als tausend theologische Abhandlungen. Ein einziger Mann und eine einzige Frau, die vermögen, für ein Kind anderer und nicht nur für das eigene ein Wagnis einzugehen und Opfer zu bringen, erklären uns Dinge über die Liebe, die viele Wissenschaftler nicht mehr verstehen. Wo familiäre Liebe herrscht, entstehen diese aus dem Herzen kommenden Gesten, die mehr sagen als Worte. Die Geste der Liebe… Das macht nachdenklich.

Die Familie, die auf den Ruf Jesu antwortet, überantwortet dem Bund des Mannes und der Frau mit Gott erneut die Regie über die Welt. Denkt über die Entwicklung dieses Zeugnisses nach. Stellen wir uns vor, dass – endlich! – das Steuer der Geschichte (der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik) dem Bund des Mannes und der Frau übergeben wird, damit sie es mit dem Blick auf die kommende Generation führen. Bei den Themen Erde und Wohnung, Wirtschaft und Arbeit würden ganz andere Töne angeschlagen! Wenn wir – ausgehend von der Kirche – der Familie, die das Wort Gottes hört und es in die Praxis umsetzt, wieder Geltung verschaffen, werden wir wie der gute Wein der Hochzeit von Kana und wie der Sauerteig Gottes sein!

Sich unter die Menschen begeben und Zeugnis geben

Der Bund der Familie mit Gott ist heute aufgerufen, einem Austrocknen der Gemeinschaft in der modernen Stadt entgegenzuwirken. Unsere Städte sind aus Mangel an Liebe, aus Mangel an einem Lächeln zu einer Wüste geworden. Es gibt so viele Vergnügungen, so viele Dinge, um sich die Zeit zu vertreiben, um sich zu amüsieren, doch die Liebe fehlt. Das Lächeln einer Familie vermag diese trostlose Entwicklung unserer Städte zu besiegen. Und das ist der Sieg der Liebe der Familie. Keine wirtschaftliche und politische Wissenschaft kann diesen Beitrag der Familien ersetzen. Nach dem Entwurf von Babel werden leblose Hochhäuser gebaut. Der Geist Gottes hingegen lässt die Wüsten erblühen (vgl. Jes 32, 15). Wir müssen die Türme und Stahlkammern der Eliten verlassen und wieder in die Wohnungen und auf die Plätze der vielen Menschen gehen, die für die Liebe der Familie offen sind.

Die Gemeinschaft der Charismen – die, die dem Ehesakrament gegeben sind, und die, die der Weihe für das Reich Gottes verliehen sind – ist bestimmt, die Kirche in einen durch und durch familiären Raum für die Begegnung mit Gott zu verwandeln. Gehen wir auf diesem Weg weiter voran, verlieren wir nicht die Hoffnung. Wo es eine Familie mit Liebe gibt, vermag diese Familie mit ihrem Liebeszeugnis das Herz einer ganzen Stadt zu erwärmen.

Betet für mich, beten wir füreinander, dass wir fähig werden, die Besuche Gottes zu erkennen und zu fördern. Möge der Heilige Geist in den christlichen Familien frohe Unruhe stiften, dann wird die Stadt des Menschen ihre Depression überwinden!

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

Herzlich heiße ich die Brüder und Schwestern deutscher Sprache willkommen. Insbesondere grüße ich die Pilger der Diözese Innsbruck, die gemeinsam mit Bischof Manfred Scheuer anlässlich des fünfzigjährigen Diözesanjubiläums nach Rom gekommen sind, sowie die Benediktiner des Stiftes Kremsmünster zusammen mit den Gläubigen aus den Stiftspfarren. Die Begegnung mit dem Papst und die Erfahrung der Weltkirche auf eurer Wallfahrt mögen euch im Glauben und im Einsatz für das Evangelium bestärken. Von Herzen segne ich euch und eure Lieben.

Nach den Grüßen in verschiedenen Sprachen verlas der Heilige Vater folgenden Aufruf zum Frieden:

In diesen Tagen wird auch im Fernen Osten des Endes des Zweiten Weltkriegs gedacht. Ich richte erneut mein inbrünstiges Gebet an den Herrn aller Menschen, dass, auf Fürsprache der Jungfrau Maria, die heutige Welt nicht mehr die Schrecken und entsetzlichen Leiden derartiger Tragödien erfahren muss – Doch sie erfährt sie! Das ist auch die stete Sehnsucht der Völker, vor allem derer, die Opfer der verschiedenen derzeit stattfindenden blutigen Konflikte sind. Verfolgte Minderheiten, verfolgte Christen, der Wahnsinn der Zerstörung, und dann die Menschen, die Waffen herstellen und damit handeln, blutige Waffen, Waffen, an denen das Blut so vieler Unschuldiger klebt. Nie wieder Krieg! Das ist der inständige Ruf, der aus unseren Herzen und aus den Herzen aller Männer und Frauen guten Willens zum Fürsten des Friedens aufsteigt.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller