Trutzig und federleicht

„Die Perle des Bierzo“: „Tagespost“-Serie zum Jakobsweg (Teil X) Von Andreas Drouve

El Bierzo, so heißt der idyllische, hügeldurchsetzte Landstrich, der im Nordwesten Kastilien-Leóns an Galicien stößt und nach dem zehrenden Abstieg vom Eisenkreuz mit den Pilgerstationen Molinaseca und Ponferrada beginnt. Es ist ein friedliches, fruchtbares Stückchen Erde mit Kirschen, Walnussbäumen, Maronen. Hinter Cacabelos säumen Weingärten den Pilgerweg, der nach Überwindung seichter Höhen abwärts führt nach Villafranca del Bierzo, der „Perle des Bierzo“, so der selbstgewählte Namensschmuck. Links zu Ortsbeginn erwartet Pilger gleich der Höhepunkt: die Kirche des heiligen Jakobus, Iglesia de Santiago, die sich auf einem leicht abschüssigen Gelände neben dem Friedhof hält und den Blick über das übrige, ein Stück tiefer gelegene Villafranca del Bierzo freigibt.

Der Nachbarhügel ist mit der Franziskuskirche besetzt; das einst angeschlossene Kloster soll Franz von Assisi persönlich begründet haben. Villafrancas Jakobuskirche wurde in den Jahren um 1186 auf Weisung des Bischofs von Astorga erbaut und präsentiert sich als Schmuckstück der Romanik, das trutzig und federleicht zugleich wirkt: trutzig die blockartige Struktur, federleicht die Fensterbögen und die reliefartigen Steinschmuckbänder. Nach Norden, also direkt zum Pilgerweg hin, wendet sich die berühmte Puerta del Perdón, das zweite und letzte Vergebungsportal am Jakobsweg; das erste gehört zur Königlichen Stiftskirche San Isidoro in León und liegt bereits einige Tagesetappen zurück.

An beiden Portalen konnten Erschöpfte und Kranke, die nicht mehr in der Lage waren, weiter nach Santiago de Compostela zu ziehen, vorzeitig ihren Ablass erhalten. Pfarrer Gunter Buffo hat in seinem im Privatdruck veröffentlichten Buch „Begegnungen“ die traditionelle Bedeutung der Pforte der Vergebung von Villafranca del Bierzo sehr schön herausgestellt: „Wer nach einem langen Weg in Sehnsucht und Besorgnis bis hierher gelangt und kann jetzt nicht weiter – für den soll gelten: Es sei, als wärst du am Ziel. Es löse sich von dir, was du bis hierher getragen, was deine Schritte belastet. Aller Segen sei dir und Erbarmen. Ganz schaffen wir es nie. Im Durchgang der Pforte Vergebung.“

Es lohnt sich, das Vergebungsportal wegen seiner steinernen Pflanzenzier und Kapitelle näher in Augenschein zu nehmen. Eines der Kapitelle zeigt einen Engel, der den Drei Königen im Schlaf die Botschaft ins Ohr flüstert, jenes daneben die Weisen, die sich auf ihren Reittieren aus dem Morgenland bereits auf den Weg gemacht haben.

Ein weniger friedfertiges Motiv erwartet Ankömmlinge am Hauptportal der Kirche, wo Jakobus auf einem Relief als „Maurentöter“ in Aktion ist. Dahinter müssen sich die Augen erst an das Kirchendunkel gewöhnen, denn die Fensterspalten sind schmal und erlauben nur spärlichen Lichteinfall in das hoch aufgerissene Innere. Vorne rechts an einem Tischchen wacht die Aufsichtsdame darüber, dass niemand fotografiert, weder die einschiffige Kirchenstruktur noch das kleine, sehenswerte Bildnis des Jakobus hinter ihr. Außerdem verkauft sie Kerzen, ja, echte Kerzen, die mancherorts am Jakobsweg leider von sterilen, elektrischen Kerzenkästen abgelöst worden sind. Hier stellen die Pilger sie vor der Altartreppe auf, auf dass sich ihre Gebete symbolisch fortsetzen mögen. Es fällt schwer, sich aus dem Jakobskirchlein, aus dem flackernden Lichtschein der Kerzen zu lösen, doch der Weg geht weiter: zunächst an den Mauern der einstigen Markgrafenburg vorbei und dann durch die Gassen in die Unterstadt von Villafranca del Bierzo.

Ende des elften Jahrhunderts holte der kastilisch-leonesische König Alfons VI. Cluniazenser in die Gegend und betraute sie mit der Pilgerversorgung, wenige Jahrzehnte später fand Villafranca del Bierzo als Etappenziel und wegen seines sauberen Flüsschens Burbia Aufnahme ins mittelalterliche Standardwerk zum Jakobsweg, den Codex Calixtinus. Villafrancas Unterstadt macht einen freundlichen Eindruck. Ruhepole sind der Alameda-Park mit seinen Rosenbeeten und der Rathausplatz mit Restaurants und Kneipen, wo sich dem fruchtigfrischen Aroma der Rot- und Roséweine aus El Bierzo auf den Grund gehen lässt.

Dabei sollte man nicht unbedingt den Selbstversuchen des Servitenmönchs Hermann Künig van Vach nacheifern, der in seinem 1495 verfassten Pilgerführer „Die walfart und Straß zu Sant Jacob“ die Wirkung der Tropfen von „Willefrancken“, sprich: Villafranca, prägnant umriss: „Danach hast du fünf Meilen nach Willefrancken/da trink deinen Wein mit klugen Gedanken/denn er brennt manchem ab sein Herz/dass er ausgeht wie eine Kerz.“