Therapien senken Rückfallquote

Studie: Priester als Missbrauchstäter nur selten pädophil

Trier (DT/KNA) Katholische Priester, die Minderjährige missbrauchen, sind in den seltensten Fällen in klinischem Sinne pädophil. Die Beweggründe für sexuelle Übergriffe ließen sich überwiegend dem „normalpsychologischen Bereich“ zuordnen, heißt es in einer von der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellten Studie. Die Untersuchung mit dem Titel „Sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche in Deutschland – Eine Analyse forensischer Gutachten 2000–2010“ wurde am Freitag vom Missbrauchsbeauftragten der Bischofkonferenz, Bischof Stephan Ackermann, in Trier präsentiert.

Die wissenschaftliche Leitung hatte der Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, Norbert Leygraf. Er machte in Trier deutlich, dass insbesondere eine sexuelle Präferenzstörung im Sinne einer Pädophilie oder Hebephilie, also eine sexuelle Neigung zu Kindern oder pubertierenden Jugendlichen, nur bei einer Minderheit der begutachteten Geistlichen festgestellt worden sei. Hier zeigten sich bei den Geistlichen kaum Unterschiede zur deutschen Allgemeinbevölkerung. In Sachen Rückfälligkeit verwies Leygraf auf „internationale Befunde“, wonach nur etwa fünf Prozent der sexuell übergriffigen Geistlichen nach einer Therapie erneut mit Übergriffen in Erscheinung getreten seien. Nicht bekannt sei bislang, ob sexuell übergriffige Geistliche ohne psychologische Behandlung eine höhere Rückfallquote aufwiesen. Leygraf machte deutlich, dass übergriffige Geistliche, die innerhalb ihrer Kirche verblieben, über einen sozialen Kontrollrahmen verfügten, der im Sinne der Prävention vor Rückfällen als Schutzfaktor angesehen werden könne. Für die Studie wurden 78 Gutachten aus 21 deutschen Bistümern ausgewertet. Die Gutachten wurden zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2010 erstellt, die meisten Vorfälle lagen mehrere Jahrzehnte zurück. Die 78 Gutachten erbrachten unter anderem diese Ergebnisse: neun der 78 Geistlichen waren pädophil, vier hatten eine homosexuelle Neigung zu pubertären Jungen. Von den verbleibenden 65 Priestern wiesen 54 Prozent eine heterosexuelle Orientierung auf, 37 Prozent eine homosexuelle, neun Prozent waren bisexuell. Bei 37 der Geistlichen wurden in den Gutachten keine Bedenken gegen einen weiteren Einsatz in der Kirchengemeinde vorgebracht, bei 29 wurde ein nur eingeschränkter, bei zwölf kein weiterer Einsatz empfohlen.

Bischof Ackermann erinnerte in Trier daran, dass die Kirche seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts forensisch-psychiatrische Gutachten in Auftrag gebe, wann immer sich ein Geistlicher des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht habe. Er betonte, nur wer über gesicherte Erkenntnisse verfüge, könne gezielt handeln. Um einen besseren Schutz vor sexuellem Missbrauch zu ermöglichen, bedürfe es deshalb der Forschung. Hier sei die Leygraf-Studie ein „wichtiger Baustein“.