„Theologische Bekräftigung“

Rabbi Rosen begrüßt aktuelles Vatikandokument als Hilfe, um Neubewertung des Judentums in Nostra aetate bekannter zu machen Von Oliver Maksan

Der israelische Rabbiner David Rosen geht nicht davon aus, dass antichristliche Haltungen in Israel zunehmen. Foto: IN
Der israelische Rabbiner David Rosen geht nicht davon aus, dass antichristliche Haltungen in Israel zunehmen. Foto: IN

Jerusalem (DT) Von jüdischer Seite ist das vergangene Woche in Rom vorgestellte Dokument des Vatikans über den Dialog mit dem Judentum begrüßt worden. Der israelische Rabbiner David Rosen, Berater des israelischen Chefrabbinats in interreligiösen Fragen und Dialogbeauftragter des American Jewish Comittee, betonte gegenüber dieser Zeitung am Sonntag, dass das Dokument „definitiv einen theologischen Fortschritt in Sachen Wertschätzung des Judentums“ darstelle. „Die von katholischer Seite erfolgte theologische Bekräftigung, dass die Juden schon Teil von Gottes Heilsplan sind und daher keiner Mission der Bekehrung bedürfen, ist meiner Meinung nach der wichtigste Punkt des Dokuments“, erklärte Rosen, der seit Jahren im interreligiösen Gespräch mit dem Heiligen Stuhl steht. „Nostra aetate hat davon nur implizit gesprochen. Das neue Papier sagt dies erstmals ausdrücklich so.“ Rosen betonte, dass es seitens der jüdischen Dialogpartner des Vatikans keinerlei diesbezügliche Forderungen gegeben habe. „Dies war ganz und gar eine Initiative des Vatikan. Die einzige Einbeziehung jüdischer Partner bestand darin, dass die Päpstliche Kommission für die Beziehungen mit den Juden einzelne Personen bat, den ersten Entwurf hinsichtlich der Frage zu kommentieren, ob er das Judentum und jüdische Quellen korrekt wiedergibt. Dieser frühere Entwurf ist allerdings nicht identisch mit der Endfassung.“

Auf die Frage, ob die jüdische Seite vom Vatikan angesichts des neuen Dokuments eine Änderung der unter Papst Benedikt XVI. für den alten Ritus neuformulierten Karfreitagsfürbitte für die Juden erwarte, verwies Rosen auf den für die Beziehungen zum Judentum zuständigen Kurienkardinal Koch. „Kardinal Koch wiederholte bei der Vorstellung des Dokuments die Position des Vatikan, wonach die revidierte Fürbitte des Lateinischen Ritus eschatologisch zu verstehen sei. Er anerkannte aber gleichzeitig, dass das Problem in der Überschrift „für die Bekehrung der Juden“ der Fürbitte liege. Diese Überschrift sei in der Neufassung Papst Benedikts nicht eingeschlossen gewesen. Die Neufassung sei von der Kommission Ecclesia Dei leider mit der vorkonziliaren Überschrift veröffentlicht worden. Er stimmte zu, dass dies entsprechend geklärt werden müsse.“

Angesichts des 50-jährigen Jubiläums der Veröffentlichung der Konzilserklärung Nostra aetate sagte Rosen, dass die darin enthaltene theologische Neubewertung des Judentums unter Juden noch nicht ausreichend bekannt sei. „Das Wissen darum wächst aber. Dabei hilft auch das neue Dokument.“ Die Frage, ob angesichts jüngerer Übergriffe jüdischer Extremisten auf christliche Einrichtungen in Israel antichristliche Einstellungen unter Juden zunähmen, verneinte Rosen. „Offensichtlich nehmen Extremismus und Gewalt in einer angespannten politischen Lage zu. Und jüdische gewalttätige Extremisten hier in Israel tendieren dazu, ausländerfeindlich und antichristlich zu sein. Ich glaube aber, dass sie eine kleine Minderheit sind. Ich glaube nicht, dass antichristliche Haltungen zunehmen, im Gegenteil.“

Rabbi Rosen gehört auch zu den Erstunterzeichnern eines in der Vorwoche von orthodoxen Rabbinern aus Israel, den USA und Europa veröffentlichten Dokuments über die Beziehungen zum Christentum. Das auf der Internetseite des „Center für Jewish-Christian Understanding and Cooperation“ (CJCUC) publizierte Dokument würdigt den sittlichen Wert des Christentums und ruft zur Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen auf. In der „Den Willen des Vaters im Himmel zu tun: In Richtung einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“ überschriebenen Erklärung betonen die Rabbiner, dass Juden und Christen zusammenarbeiten müssten, um die moralischen Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. „Wir erkennen an, dass seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die offiziellen Lehren der katholischen Kirche über das Judentum sich fundamental und unwiderruflich geändert haben. Mit der Erklärung Nostra aetate begann der Prozess der Versöhnung zwischen unseren beiden Gemeinschaften“, erklärten die Rabbiner. Unter Bezugnahme auf die jüdischen Gelehrten Maimonides und Jehuda Halevi bekräftigen sie, dass das Christentum weder ein Unfall noch ein Irrtum sei, sondern dem Willen Gottes entspreche und ein Geschenk an die Völker sei. „Indem Gott Judentum und Christentum trennte, wollte er die Trennung von Partnern mit bedeutenden theologischen Differenzen, nicht eine Trennung von Feinden.“ Da die katholische Kirche die Fortdauer des Bundes zwischen Gott und Israel anerkannt habe, könnten die Juden die konstruktive Rolle des Christentums als Partner bei der Erlösung der Welt anerkennen, ohne fürchten zu müssen, dass dies für missionarische Zwecke ausgenützt würde. Der Text zitiert jüdische Theologen, die dem Christentum eine positive Rolle bei der Verbreitung sittlicher Werte zusprechen. So habe Jesus die Tora des Moses bekräftigt. Gleichzeitig habe er die Völker auf die Gebote des Noachitischen Bundes verpflichtet. „Wir Juden und Christen haben mehr gemein, als was uns trennt: den ethischen Monotheismus des Abraham; die Beziehung zum Einen Schöpfer des Himmels und der Erde, der für uns sorgt; die jüdischen heiligen Schriften; den Glauben an bindende Tradition sowie Werte wie Leben, Familie, mitfühlende Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Freiheit, universale Liebe und schließlich den Weltfrieden“, so die Rabbiner. Sie laden andere orthodoxe Rabbiner ein, sich ihrer Erklärung durch eine Unterschrift anzuschließen.

Anlässlich des Jubiläums von Nostra aetate findet derzeit an der Universität Tel Aviv ein Symposium mit jüdischen und katholischen Gesprächspartnern statt. Von katholischer Seite nehmen Kurienkardinal Koch, der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, sowie Franziskanercustos Pierbattista Pizzaballa teil.