Theologie im Angesicht des Schreckens

Ein theologischer Band reflektiert die Zeitgeschichte des Ersten Weltkrieges. Von Barbara Stühlmeyer

Der Erste Weltkrieg war auch in der Kunst eine Zäsur, wie hier ein Ausschnitt des Triptychons „Der Krieg“ von Otto Dix (1891–1969) zeigt. Foto: dpa
Der Erste Weltkrieg war auch in der Kunst eine Zäsur, wie hier ein Ausschnitt des Triptychons „Der Krieg“ von Otto Dix (... Foto: dpa

Dass Menschen Jesus Christus und seiner Kirche den Rücken kehren, weil sie in ihrem Leben schreckliche Erfahrungen gemacht haben, kommt häufiger vor, als jedem von uns lieb sein kann. Und natürlich verstärkt sich eine solche Bewegung immer dann, wenn Kriege oder Naturkatastrophen eine Gesellschaft als Ganze heimsuchen. Es ist also kein Wunder, dass ein Ereignis wie der erste Weltkrieg, in dessen Verlauf sich ein bis dahin undenkbares Vernichtungspotenzial entfaltete und Verheerungen hinterließ, die sich niemand hatte vorstellen können, tiefgreifende Folgen für alle Bereiche des Lebens hatte. Der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan bezeichnete den Ersten Weltkrieg deshalb als Urkatastrophe. In mehr als einem Sinn öffnete dieser Krieg, an dem Menschen mehrerer Kontinente mitwirkten, die Büchse der Pandora, wie J. Leonard seine Geschichte des Ersten Weltkrieges nennt. Es ist nur folgerichtig, davon auszugehen, dass die Auswirkungen dieses Krieges sich auch auf die Theologie erstreckten. Nicht erst nach Auschwitz wurde die Frage nach dem barmherzigen und allmächtigen Gott gestellt, auch nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Theologen das Empfinden eines tiefen Einschnittes.

Doch eigentlich beginnt der, wie die Herausgeber des lesenswerten Bandes „Urkatastrophe. Die Erfahrung des Krieges 1914–1918 im Spiegel zeitgenössischer Theologie“ in ihrer Einleitung betonen, schon früher. Denn bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich etwas, das Joachim Negel und Karl Pinggéra mit einem bemerkenswerten Begriff „die Erfahrung der parzellierten Wirklichkeit“ nennen. Allerdings verschärfen die durch den Krieg erlebten Brüche die Wahrnehmung dafür, dass die bisherigen Denk- und Orientierungsmuster einfach nicht mehr funktionierten. Und auch der Fortschrittsoptimismus, der bis dahin nicht nur die führenden Köpfe hatte glauben lassen, dass alles im Großen und Ganzen immer nur besser werde und der technische Fortschritt unaufhaltsam sei, hatte sich in furchtbarster Weise pervertiert. Denn das, was die Herausgeber „die bestialische Selbstzerstörung der europäischen Zivilisation“ nennen, die man auf den Schachtfeldern des Krieges hatte besichtigen können, erschütterte das Vertrauen in die aufgeklärte Vernunft und deren Möglichkeiten zutiefst.

Die Theologen vor und nach dem Ersten Weltkrieg dachten Gott unter den Bedingungen einer Welt, die so zerrissen war, wie man es sich zuvor nicht hatte vorstellen können. Auf der einen Seite gierten die Menschen nach Lebensgenuss und Zerstreuung, auf der anderen Seite reagierten sie mit Beunruhigung auf den Zerfall ihrer Kultur. Wieder andere flüchteten sich in eine Form von Religiosität, die dem Denken keinen Raum mehr geben wollte, schlossen sich einer der zahlreichen Zurück-zur-Natur-Bewegungen an oder ergaben sich einem stumpfen Schicksalsglauben. Eine weitere, erfreuliche, wenngleich seltenere Reaktionsform verband sich mit einer gesteigerten künstlerischen Kreativität und einer in Teilen enormen wissenschaftlichen Produktivität.

Wie nun reagierten die Theologen auf diese divergenten Strömungen? Genau dies thematisierten die Redner der Marburger Ringvorlesung im Wintersemester 2014/15, deren Manuskripte im vorliegenden Band zu lesen sind.

Da geht es Elmar Salman um die Frage, wie der Geist der Avantgarde in der katholischen Welt bewertet wurde. Wolf-Friedrich Schäufele geht der Frage nach, wie sich das Bild vom „Deutschen Gott“ innerhalb einer Krisentheologie und des deutschen Nationalismus im Ersten Weltkrieg entfaltete. Thomas Ruster sucht in der Theologie nach Spuren der Nationalisierung der Religion, während Jörg Ernesti die Haltung des Vatikan zwischen moralischer Autorität und politischer Ohnmacht in den Blick nimmt. Diesem ersten, „Perspektiven: Theologie im Krieg“ genannten Teil schließt sich ein zweiter an, der mit „Profile: Theologen und der Krieg“ überschrieben ist. Die Autoren Georg Pfleiderer, Joachim Negel, Alf Christophersen, Christoph Markschies, Friedemann Voigt, Bernd Wacker, Hans Martin Dober, Justus Bernhard und Barbara Nichtweiß stellen in ihren Beiträgen je einen Theologen und dessen Denken im Kontext des Ersten Weltkrieges vor. Neben Karl Barth, Erich Przywara, Paul Tillich, Reinhold Seeberg, Adolf Dreißmann und Adolf von Harnack werden hier Erich Troeltsch, Hugo Ball, Carl Schmitt, Franz Rosenzweig, Emanuel Hirsch und Erik Peterson fokussiert, deren Versuche, den Gott biblischer Heilsgeschichte im Angesicht menschlicher Unheilsgeschichte zu denken, deren Kritik an theologischer Kriegsrhetorik oder deren Annäherung an einen religiös verstandenen Sozialismus die Bandbreite der damaligen Debatten sinnfällig widerspiegelt.

Der dritte, „Peripherien: Die Kirchen und der Krieg weltweit“ betitelte Abschnitt des Buches widmet sich in den drei Beiträgen von Karl Pinggéra, Hannelore Müller und Frieder Ludwig den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf das orthodoxe Christentum und seine Theologie, dem Protestantischen Internationalismus und den Folgen des europäischen Krieges für die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Mission in Afrika und Asien.

Gewissermaßen als Summe zu verstehen ist der „Nachspiel“ überschriebene letzte Beitrag des Buches von Roman A. Siebenrock, der Gewaltverhinderung als Grundthema einer christlichen Theologie gerade in Zeiten apokalyptischer Verschärfung postuliert.

„Urkatastrophe. Die Erfahrung des Krieges 1914–1918 im Spiegel zeitgenössischer Theologie“ ist ein überaus lehr- und facettenreicher Band, der das Ringen theologischer Denker in Zeiten tiefgreifender Krisen darstellt. Gerade deshalb ist das Buch für heute hochrelevant, erweist sich dessen Lektüre doch als maßgeblich und richtungsweisend für unsere eigene Beschäftigung mit der Lehre von Gott. Darüber hinaus entfaltet das Buch noch eine zweite, heilsame Wirkung, denn es zeigt, dass die Kirche den einen oder anderen nicht ganz so wegweisenden Denker und seine Werke überlebt hat. Das Geheimnis des Leibes Christi ist eben dies: Er besteht aus fehlbaren Menschen und ist doch ewig. Deshalb lehrt die Beschäftigung mit der Geschichte der Theologie in erster Linie Gelassenheit. In zweiter Linie aber erweist sie sich auch immer wieder als Schatzsuche, bei der die Leser gewiss sein können, die im Acker des Alltags verborgene Perle zu finden, jenen Schatz, von dem Jesus redet, auf den zu hören nicht nur die Theologen aller Zeiten berufen sind.

Joachim Negel, Karl Pinggéra (Hg.): Urkatastrophe. Die Erfahrung des Krieges 1914–1918 im Spiegel zeitgenössischer Theologie. Herder, 2016, 540 Seiten, ISBN 978-3-451-32851-0, 34, EUR 99,–