„System Heimerziehung“

Der „Runde Tisch“ legt einen Zwischenbericht vor – Genaue Zahl der Betroffenen muss noch geklärt werden

Berlin (DT/KNA) Es ist ein offizielles Dokument, 46 Seiten lang. Gelegentlich auch mit Behördendeutsch und Bandwurmsätzen. Aber trotz solcher Sachlichkeit macht der Zwischenbericht, den der „Runde Tisch Heimerziehung“ am Freitag in Berlin vorlegte, deutlich, dass manche Heimkinder in der frühen Bundesrepublik regelrechtes Grauen erfahren haben. Stete Prügel, Psychodruck, Essens- und Schlafentzug, Trennung von der Mutter im Alter von drei Tagen, auch sexueller Missbrauch – all das gehört zur Schilderung Betroffener, aus denen der Bericht einleitend zitiert. Abschließend spricht das Gremium dann von häufig vorkommenden Misshandlungen, von „mancherorts katastrophalen“ und schockierenden Verhältnissen in sogenannten Endstationen. Bemerkenswert: Die Beteiligten des Gremiums – Vertreter mehrerer Bundesministerien, Bundesländer, von Wissenschaft, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und Betroffenen – legten den Bericht im Konsens vor.

Zumindest an einer Stelle wurde Antje Vollmer als Vorsitzende des „Runden Tischs“ lagerpolitisch. Die frühen Jahre der Bundesrepublik seien ein ziemlich düsteres Kapitel, sagte sie. Und: Man könne nicht sagen, dass Deutschland in dieser Zeit eine „voll entwickelte Demokratie“ gewesen sei. Wenn es einen Grund für die 68er gegeben habe, „dann findet man das hier“. Der Bericht spricht wörtlich vom „System Heimerziehung“ mit Leid, Unrecht und großen Mängeln. Dieses Wort, meinte Vollmer, mache Schluss mit der Haltung, es habe nur einzelne Fälle gegeben.

Und doch sprach sie betont nicht von „systematischen“ Missständen in den Einrichtungen. Dabei verwies sie nicht nur darauf, dass es unter den bis zu 800 000 Heimkindern dieser Jahre heute eben auch positiv besetzte Erinnerungen gebe. Vollmer nannte auch die Zahl der Rückmeldungen von Betroffenen. „Uns gibt zu denken: Obwohl wir jederzeit erreichbar sind, haben sich insgesamt 450 gemeldet.“ Die genaue Zahl der Betroffenen müsse man noch klären. Vielleicht, so Vollmer, hätten sich ja auch nur die „besonders“ Verletzten gemeldet.

Die Vorstellung des Berichts, die offiziell eine Pressekonferenz war, zugleich aber Betroffene einbezog, drohte an mancher Stelle zu kippen. So weist der „Runde Tisch“ die Verwendung des historisch besetzten Begriffs „Zwangsarbeit“ zurück, da dieser an ein „Konzept der gezielten Existenzvernichtung durch härteste körperliche Arbeit“ in der Zeit des Nationalsozialismus erinnere. Mehrere Ex-Heimkinder schilderten vehement, wie sie – schutzlos – niederste Arbeiten als Zwangsarbeit empfunden hätten.

Ähnlich drastisch wurde es, als es um die Frage sexuellen Missbrauchs ging, den mehr als jeder dritte der 450 Rückmeldungen anspricht. Und doch: Auch die drei früheren Heimkinder im Gremium tragen den Zwischenbericht mit, von dem sicher vieles in dem für Mitte Dezember 2010 angekündigten Abschlussbericht einfließt. Diskussionen wird es vor allem noch um die Frage etwaiger Entschädigungen geben. Vollmer erklärte, besser als finanzieller Ausgleich versöhne möglicherweise direkte persönliche Ansprache. Wo Träger und Einrichtungen im Gespräch ihr Gegenüber ernst nähmen, „haben wir auf Dauer den Eindruck, dass da die stärkste Heilung passiert“. Als ein Beispiel nannte sie die Telefon-Hotline der katholischen Kirche. Und auch die ehemaligen Heimkinder im Gremium mahnten: „Gründen Sie regional vernetzte Tische! Ermöglichen Sie Aktensicherung, Akteneinsicht und Aktenübergabe! Richten Sie Beratungsstellen für ehemalige Betroffene ein!“ Und doch wird es bis Dezember um finanzielle Entschädigungen, auch um Rentenansprüche für kaum gelohnte Arbeit gehen. Den direkten Vergleich zu nationalsozialistischen Zwangsarbeitern wies Vollmer auch bei diesem Thema zurück. Doch die Idee eines Fonds oder einer Stiftung findet sich in dem Bericht. Aber über die Chancen einer Realisierung, so Vollmer, könne sie „jetzt nichts sagen“.