Syrien ist stolz auf seine Religionen

Damaskus, die „Perle des Orients“, will „Heimat aller himmlischen Religionen“ bleiben – Staat und Kirchen feierten gemeinsam den Abschluss des Paulus-Jahres

Als die arabischen Truppen unter Khaled bin Al-Walid im Jahr 634 Damaskus, eine der ältesten Städte der Welt, eroberten, da mussten sie das Osttor mit Gewalt einnehmen, während die christlichen Einwohner ihnen das Westtor freiwillig öffneten. Darum erklärte der Kalif die Osthälfte der traditionsreichen, auf einem Jupiter-Tempel stehenden Johannes-Basilika zur Moschee, während die Westhälfte noch 72 Jahre lang weiter als Kirche genutzt wurde. Bis heute beten Christen wie Muslime hier in der weiträumigen Omajjaden-Moschee an dem Schrein, in dem der Kopf Johannes des Täufers aufbewahrt wird. So war es kein Zufall, dass der Religionsminister Syriens, Mohammed Abdulstar Al-Sayyed, zusammen mit den Imamen der Stadt zum Abschluss des Paulus-Jahres den Delegaten des Papstes, Kardinal Antonio Maria Rouco Varela, und die Vertreter der Kirche in der Omajjaden-Moschee empfing, dass der in Syrien als Theologe hoch angesehene Minister, der Mufti, der Kardinal und der Patriarch der melkitischen Kirche gemeinsam am Schrein des Täufers beteten.

Syrien ist stolz auf seine Geschichte, und dazu gehört auch der Völkerapostel Paulus, der auf dem Weg nach Damaskus von Christus ergriffen und in Damaskus von Hananias, dem ersten Bischof der schon damals bedeutenden christlichen Gemeinde, getauft wurde. Beim Empfang der kirchlichen Delegationen in der Omajjaden-Moschee rühmte der Mufti von Damaskus, Bashir Abdulbari, den Reichtum der Religionen und Riten in Syrien, das beispielhafte Miteinander von Christen und Muslimen in Damaskus, der „Perle des Orients“. Der Religionsminister rezitierte auswendig jene Sure des Koran, die die Verkündigung des Engels an Maria schildert und präsentierte Damaskus als „Heimat aller himmlischen Religionen“, womit Judentum, Christentum und Islam gemeint sind. Syriens Präsident Baschar Al-Assad ging am Montag beim Empfang für den Päpstlichen Delegaten und die Vertreter der Kirche einen Schritt weiter: Das Wort vom „Dialog“ zwischen Christen und Muslimen gefalle ihm nicht, erklärte der Präsident. Christen und Muslime seien nämlich Brüder. Auch solle man nicht von einer christlich-muslimischen Koexistenz sprechen, denn man könne ja auch nicht sagen, dass Hand und Kopf eines Menschen koexistierten.

Ob der Präsident bei diesem Bild an Paulus und seine Sicht der Kirche als eines Leibes mit vielen Gliedern gedacht hat? Tatsächlich ist das Miteinander von Christen und Muslimen in Syrien nicht Theorie, sondern gelebter Alltag: In das mehrheitlich christliche Dorf Maalula, wo bis heute in der aramäischen Muttersprache Jesu gesprochen und gebetet wird, kommen auch muslimische Reisegruppen. Iranische Pilger lassen sich in der den frühchristlichen Märtyrern Sergius und Bacchus geweihten Kirche das Vater Unser auf Aramäisch vorbeten. „Die Iraner kommen gerne hierher, wegen der Liebe zu Jesus, den sie als Propheten verehren, und weil ihnen hier das Christentum erklärt wird“, meint Pater Toufic. Auch zu dem von Kaiser Justinian nach einer Marienerscheinung begründeten Wallfahrtsort Saydnaya, der wie eine Glaubensburg weithin sichtbar über der kargen Ebene thront, pilgern Christen und Muslime, um im griechisch-orthodoxen Nonnenkloster eine angeblich von Lukas gemalte Marien-Ikone zu verehren.

Der christliche Souvenirhändler in der Altstadt von Damaskus, neben der frühchristlichen Hananias-Kirche, verkauft Rosenkränze und muslimische Gebetsketten, Broschüren über den Apostel Paulus und über den islamischen Helden Saladin. Der Tourismus-Minister Syriens, Saadallah Agha Al-Kalaa, wies am Samstagabend bei der feierlichen Vesper des griechisch-orthodoxen Patriarchats im Visionskloster Tel Kawkab darauf hin, dass Damaskus „zweimal das Licht Jesu gesehen“ habe: Christus habe sich zunächst an Paulus, dann an Hananias gewandt. Er wünsche allen Besuchern, dass sie wie Paulus in Damaskus der „Liebe Gottes“ begegnen, so der Minister unter dem Applaus der Pilger, um anzufügen: „Wir sind stolz auf unsere Religionen.“

Eine dritte Erscheinung des als Prophet verehrten Jesus erwarten fromme Muslime seit jeher in Damaskus: Das Ende der Zeiten breche an, so sagt eine islamische Überlieferung, wenn der nicht gestorbene, sondern in den Himmel entrückte Prophet Isa (Jesus) auf dem nach ihm benannten Minarett der Omajjaden-Moschee herabkommt. Nicht das endzeitliche Erscheinen Christi, sondern sein historisches Eingreifen in das Leben des Paulus und des Hananias war das Thema der Feierlichkeiten von Staat und Kirchen zum Abschluss des Paulus-Jahres in Damaskus. Unter dem Titel „Der Weg nach Damaskus – Ein Licht für die Welt“ wurde am Montagabend in der Zitadelle der syrischen Hauptstadt auch choreografisch beeindruckend mit Tanzeinlagen und Lichteffekten das Leben des Apostels Paulus nachgespielt. „Syrien ist eine Symphonie mit sehr viel Harmonie“, meinte der Patriarch der melkitischen Katholiken, Gregorios III. Laham, in seiner Begrüßung.

Die Syrer leben zusammen und feiern zusammen

Dieses Bestreben nach Harmonie kann erklären, warum bei einer Vesper im byzantinischen Ritus unter freiem Himmel vor abertausenden Christen unterschiedlicher Konfessionen der Großmufti von Syrien, Scheich Ahmad Badr-Eddin Hassoun, vor dem Kreuz und mit Blick auf die Kirche eine lange Rede hält und von den Christen mit stürmischem Applaus gefeiert wird. Unter den Klängen von Blasmusik und Kirchenglocken war Ignatius IV. Hazim, der Patriarch der griechisch-orthodoxen Kirche, Syriens größter Konfession, zuvor feierlich eingezogen. „Das Paulus-Jahr war für uns ein Segen“, sagte der greise Patriarch: „Wir bedanken uns bei den Brüdern in allen Kirchen und bei den Muslimen, die von Anfang an mitgemacht haben. Wir Syrer feiern alles gemeinsam, ob es ein christliches oder ein islamisches Fest ist. Wir leben zusammen und sollen auch miteinander feiern.“

Nach der Vesper bat er den Großmufti an das vor dem Altar aufgebaute Mikrophon. „Warum hat Gott unser Land erwählt?“, appellierte Scheich Hassoun an den Patriotismus der Syrer. „Warum hat Gott Abraham nicht nach Moskau geschickt, Jesus nicht nach New York, Mohammed nicht nach Rom? Hier waren die Propheten, hier war immer Heiliges Land“, so der Großmufti, der dabei jenseits der aktuellen syrischen Staatsgrenzen ganz ausdrücklich auf die größere Einheit des historischen Raums Bezug nahm. Und dann verglich der Großmufti die Vielfalt der Religionen mit der Buntheit der Blumen: „Wir sagen, einer sei Protestant oder Katholik, Sunnit oder Schiit, aber alle haben nur einen Vater und eine Mutter. Gott hat Moses, Jesus und Mohammed geschickt, weil er die Menschen liebt. Wir sind alle Gläubige.“ Lebhafter Applaus der christlichen Pilger. Nicht überall anerkennen islamische Autoritäten so dezidiert den Status der Christen als Gottgläubige und ihr Heimatrecht im Orient.

„Syrien ist ein Treffpunkt der Kulturen und Ausgangspunkt für das Christentum wie für den Islam“, sagte Patriarch Gregorios III. beim Festakt in der Zitadelle von Damaskus. Er weiß den Freiraum, den das säkulare Regime und ein milder Islam den christlichen Konfessionen gewähren, zu schätzen. Rund 1,7 von 20 Millionen Einwohnern Syriens sind heute Christen. Die griechisch-orthodoxe Kirche, die griechisch-katholischen Melkiten, das syrisch-orthodoxe Patriarchat, die armenisch-apostolische Kirche, die Maroniten, die Katholiken des armenischen, des syrischen, des lateinischen und neuerdings durch die Irak-Flüchtlinge auch des chaldäischen Ritus leben, wie Patriarch Ignatius IV. im Gespräch mit dieser Zeitung betonte, wie „eine Familie“.

An vielen Orten hat sich die vielfältige und geschichtsträchtige syrische Kirchenlandschaft zur ökumenischen und interreligiösen Basisarbeit entschieden. Da ist etwa das „Kloster des heiligen Jakobus des Persers“, benannt nach dem im 4. Jahrhundert in Bagdad hingerichteten Märtyrers, in Qara, 90 Kilometer nördlich von Damaskus: Die kontemplativ lebenden melkitischen Schwestern, die das Kloster 1994 renovierten, nutzen die traditionelle orientalische Gastfreundschaft zum interreligiösen Gespräch und sind, wie Oberin Agnes Marijam erklärt, „ausgehend von der jüdisch-christlichen Tradition offen für alle Gottsucher“. Nebenbei restaurieren sie auch alte Ikonen und den aus dem 11. Jahrhundert stammenden Freskenzyklus ihrer Kirche.

Wenige Kilometer entfernt, hoch in den Bergen über der Steinwüste liegt das alte Kloster des „Heiligen Moses des Äthiopiers“, eines Königssohnes, der auf die Krone verzichtete, um in der syrischen Wüste – in die sich auch Paulus nach seiner Bekehrung zurückzog – ein monastisches Leben zu führen. Beeindruckt von der monastischen Radikalität pilgern bis heute Muslime an diesen schwer zugänglichen Ort, wo sie von einer jungen zehnköpfigen christlichen Gemeinschaft empfangen werden, die sich der spirituellen Erneuerung von Christen und Muslimen verschrieben hat. Der in Rom geborene ehemalige Jesuiten-Schüler Pater Paolo ist seit einem Vierteljahrhundert der Motor der aus Mönchen und Nonnen des syrischen Ritus bestehenden Gemeinschaft. Zum Paulus-Jahr hat er einen eindeutigen Kommentar: „Diese Idee des Papstes war genial!“ Da stimmt auch Syriens Tourismusminister zu: Eine „gute Gelegenheit“ sei das Paulus-Jahr, um Syrien als „Brücke des Dialogs“ zu präsentieren. An Massentourismus ist er nicht interessiert, an christlichen Pilgern jedoch sehr wohl.