Subtile Botschaften für die Gegenwart

Michael Burleigh legt in einem kritischen Blick auf die Sakralisierung der Politik dar, warum Gott der Ideologen größter Feind ist

Die Welt will ihn partout nicht finden, den Frieden in Gott. An ihm scheiden sich die Geister. Schon immer in der Geschichte der Menschheit hat die Frage nach der Religion Zwietracht geschürt und kontroverse Meinungen heraufbeschworen, insbesondere jedoch die Frage nach der christlichen Religion.

Das Christentum scheint leicht angreifbar, aber in seiner Art unwiderlegbar zu sein – auch im jüngsten Werk des britischen Historikers Michael Burleigh, der mit seinem 1280 Seiten starken Wälzer ein ehrgeiziges Unterfangen geschultert hat: Nämlich das Christentum in seiner immensen historischen Bedeutung zu rehabilitieren. Von der französischen Revolution bis Al-Kaida beschreibt er breit gefächert die Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion, oder besser: wie sich die Politik an der (christlichen) Religion die Zähne ausbeißt. Dabei soll „Irdische Mächte, göttliches Heil“, so der Titel, keine Geschichte des Christentums darstellen – Burleigh hebt ausdrücklich hervor, kein Kirchenhistoriker oder Theologe zu sein – sondern eher auswählend die Geschichte der modernen Ideologien und Politik, der allgemeinen europäischen Säkularisierung verfolgen.

Der erste Teil behandelt das Gerangel zwischen Politik und Religion, das mitunter in blutige Schlächterei umschlug, vom Zeitalter der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Das Buch beginnt mit der Auflösung der großen Transzendentalien der traditionellen Gesellschaft. Der Glaube an die Vernunft sollte das Vertrauen auf übernatürliche Mächte ersetzen. Dies hatte weitreichende Auswirkungen, nicht nur auf die Religiosität der Menschen selbst, sondern vor allem auf den Staat und seine Strukturen, auf die Gesellschaft und ihr Selbstverständnis. Das durch die Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Raum entstandene Loch versuchten die neuen Mächtigen mit allerlei religionsähnlichen Versatzstücken zu stopfen, die sich – mehr oder weniger brachial mit anderem Sinn versehen – leicht auf die eigenen Interessen anwenden ließen. So zeichnet Burleigh zunächst die Abwendung Europas vom christlichen Glauben nach und zeigt, wie sich neue Heilserwartungen im Sozialismus oder Nationalismus kristallisierten und sich letztlich zu den Schrecknissen des Nationalsozialismus und Kommunismus auswuchsen. Diese sind Thema des zweiten Buchteils, in dem sich Burleigh der atheistischen Ideologien des 19. Jahrhunderts annimmt, auf denen die totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts fußten. Die klassischen Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat, den Kulturkämpfen zwischen Christen, Liberalen und Sozialisten, und nach den Auswirkungen religiöser Institutionen auf das politische Leben klärt Burleigh souverän und beweist damit seine ausführliche Kenntnis der internationalen Quellenlage. Als roter Faden zieht sich durch die gewaltige Abhandlung die breit angelegte Untersuchung sowohl der Politik der Religion als auch der Religion der Politik. Die Propagierung des „neuen Menschen“, nationale Selbstbeweihräucherung, die Ernennung „heiliger“ Helden, das Versprechen eines Himmels auf Erden schuf eine zivile Ideologie, die Religion zum Mittel der Politik werden ließ und sie damit ihres Selbstzweckes beraubte. Im Wandel der Zeit blieb Gott nicht länger das himmlische Äquivalent des absoluten Monarchen auf Erden; Menschsein, Wissenschaft, Fortschritt, Moral, Geld, Kultur, ja auch Sport wurden zu verehrungswürdigen Phänomenen und verdrängten ihn als Idole einer erneuerten Religiosität. „Fremde Götter“ wie Bolschewismus, Faschismus, Nationalsozialismus erkoren sich zu alternativen Objekten religiöser Hingabe und spirituellen Trostes.

Burleigh wärmt dabei nicht noch einmal die allseits bekannte Geschichte dieser totalitären Strömungen auf, sondern ruft deren pseudoreligiösen Pathologien in Erinnerung, ihr geschicktes Hantieren mit Begriffen wie Wiedergeburt und Erwachen, Gut und Böse, Hoffnung, Aufopferung und Vorsehung. Er legt dar, wie schlau die Bösen des 20. Jahrhunderts die Religion für ihre Zwecke instrumentalisieren konnten, gleichzeitig aber jede Möglichkeit nutzten, ihren Hass auf sie kundzutun: Gott ist der Möchtegern-Götter größter Feind.

Die Politisierung der Religion und die Sakralisierung der Politik findet ihre Fortsetzung im 21. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit dem islamistischen Terror. Die Nachfolge der drei Satane Lenin, Hitler und Stalin, tritt in Burleighs Darstellung nun Osama bin Laden an. Allzu sicher ist sich Burleigh hier in der Benennung des schemenhaften Bösen, die sich bis zum bildlichen Vergleich mit dem Antichrist versteigt, wozu ihn Bin Ladens affektiertes Lächeln verleitet.

Nichtsdestoweniger erweist sich Burleigh als ein aufmerksamer Beobachter, der sich bemüht, in seiner Beschreibung dem Historikergrundsatz des „sine ira et studio“, der objektiven emotionslosen Haltung, zu folgen. Das gelingt ihm nicht immer, was aber keinen Mangel darstellen muss: Teilweise witzig, ironisch, ein bisschen polemisch und durchweg „very british“ führt Burleigh durch die Jahrhunderte und lässt die Gelegenheit nicht aus, einige „Botschaften für die Gegenwart“ loszuwerden, die sich der Leser allerdings selbst zwischen den Zeilen herausbuchstabieren muss. Insgesamt betrachtet ist der Duktus des Werkes eher pessimistisch, Apokalypse ein vielgenannter Begriff. Doch Burleigh ist überzeugt, dass man sich durch die klare Benennung eines Problems bereits auf dem halben Weg zu seiner Lösung befindet, was ihn seine Untersuchung mit einem gewissen Optimismus abschließen lässt. Auch wenn man nicht in allen Punkten Burleighs Konsequenzen zustimmen möchte, handelt es sich um ein Buch, über das es sich durchaus nachzudenken lohnt.