Streitpunkt seit Jahrhunderten

Diesmal wieder ein gemeinsamer Ostertermin der christlichen Kirchen Von Christoph Arens

Kein Ostern wie jedes andere: Trotz unterschiedlicher Zeitrechnung feiern katholische, evangelische und orthodoxe Christen das Fest in diesem Jahr am selben Tag. Foto: dpa
Kein Ostern wie jedes andere: Trotz unterschiedlicher Zeitrechnung feiern katholische, evangelische und orthodoxe Christ... Foto: dpa

Bonn (DT/KNA) Dies ist kein Ostern wie jedes andere. Denn trotz unterschiedlicher Zeitrechnung feiern katholische, evangelische und orthodoxe Christen das Fest in diesem Jahr wieder am selben Tag: am 20. April. Das kommt nicht gerade häufig vor. Seit dem 16. Jahrhundert folgen östliche und westliche Kirchen unterschiedlichen Kalendern: die russisch-orthodoxe und einige andere orthodoxe Kirchen richten sich nach dem auf Julius Caesar zurückgehenden Julianischen Kalender, katholische und evangelische Kirche folgen dem 1582 von Papst Gregor XIII. reformierten Gregorianischen Kalender. Die Ostertermine können deshalb bis zu fünf Wochen auseinanderfallen. Seit Jahrhunderten ist der Ostertermin ein Zankapfel in der Christenheit.

Ostern wird in der katholischen und den evangelischen Kirchen immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond gefeiert. Als Frühlingsbeginn gilt dabei der 21. März; frühester Ostertermin ist deshalb der 22. März, spätester der 25. April. Gegenüber dem Gregorianischen Kalender liegt der 21. März des Julianischen Kalenders aber derzeit 13 Tage später; daher verschiebt sich das orthodoxe Osterfest manchmal um eine Mondphase. Gemeinsame Ostern gab und gibt es in den rund 1 500 Jahren zwischen 1583 und dem Jahr 3000 genau 271 Mal, wie zahlenbegeisterte Astronomen ausgerechnet haben – davon im 20. Jahrhundert 26 Mal, im 21. Jahrhundert 31 Mal. Für viele Christen ist ein solcher kalendarischer Zufall deshalb von hoher Symbolik.

Eine Einigung auf einen gemeinsamen Ostertermin könnte ein Signal für das Zusammenwachsen aller Kirchen werden, meinte Papst Johannes Paul II. Erst kürzlich sprach sich der koptisch-orthodoxe Papst Tawadros II. für einen gemeinsamen Ostertermin aus: „Die Einheit der Kirche ist der Regelzustand, alles andere ein Ausnahmezustand“, sagte er in Berlin. Besonderen Veränderungsdruck gibt es in Israel und Palästina. „Die meisten christlichen Familien im Heiligen Land sind konfessionsgemischt“, sagte der Franziskaner-Kustos in Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, einmal der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er sprach sich dafür aus, dass die katholische Kirche dort Ostern künftig auch nach dem orthodoxen Kalender feiere. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) ist seit Jahrzehnten um eine Vereinheitlichung bemüht – bislang ohne Erfolg. Zuletzt wurde das Problem auf einer Kirchenkonferenz im Jahr 1997 im syrischen Aleppo thematisiert und ein gemeinsamer Vorschlag erarbeitet. Er verlief im Sand: Wegen großer Widerstände in den orthodoxen Kirchen, die über solche Fragen in den 1920er Jahren schon einmal einen bis zur Kirchenspaltung hochkochenden Konflikt erlebt hatten. Veränderungen können verunsichern, wie die Volksaufstände und Unruhen belegen, die der Kalenderreform im 16. Jahrhundert folgten. „Kalender-Korrekturen waren in der Geschichte immer nur schwer durchsetzbar, weil Menschen sich an neue Zeitrhythmen gewöhnen müssen“, sagt Oberastronomierat Reinhold Bien. Der Wissenschaftler ist Spezialist beim Thema Zeit. Das, was er im Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg erarbeitet, hat Auswirkungen auf fast jeden Kalender, der in Deutschland hergestellt wird. Denn auf Jahre im Voraus berechnet das Institut den Lauf der Gestirne und die sich daraus ergebenden Jahresläufe und Feste. Kann da der Papst so einfach am Kalender drehen und das Osterfest verlegen? „Natürlich kann heutzutage jeder seinen Kalender machen“, sagt Bien. Nicht mal der Staat schreibe vor, wann Ostern oder Weihnachten zu feiern seien. Es gelten weiter die kirchlichen Traditionen. Einzig die Industrie hat bislang in der Zeitrechnung eigene Vorstellungen durchgesetzt: Seit 1992 bestimmt eine Deutsche Norm, dass anders als nach kirchlicher Tradition der Montag der erste Tag der Woche ist. Wer Ostern verschieben wolle, müsse nicht nur das ganze Kirchenjahr verändern, mahnt Bien. Auch Ferientermine und die Karnevalssession seien betroffen. „Und wer will schon gerne Ostern im Mai feiern, wo doch für viele das Osterfest mit dem Frühling und dem neuen Leben verbunden ist?“ rechnet Bien vor. „Wenn Sie mich fragen: Am besten ändert man nichts.“