„Sprecht von Herz zu Herz mit Christus“

Ansprache Papst Benedikts XVI. an Jugendliche und Seminaristen in New York

Eminenz, liebe Mitbrüder im Bischofsamt, liebe junge Freunde! Verkündet Christus, den Herrn, und „seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Mit diesen Worten aus dem ersten Brief des Petrus begrüße ich jeden von Euch mit von Herzen kommender Zuneigung. Ich danke Kardinal Egan für seine freundlichen Willkommensworte, und ich danke auch den unter Euch ausgewählten Vertretern für ihre freundliche Begrüßung. Bischof Walsh, dem Rektor des St. Joseph Seminars, den Mitarbeitern und den Seminaristen, möchte ich meine besonderen Grüße entbieten und ihnen meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Junge Freunde, ich bin sehr glücklich, dass ich die Gelegenheit habe, mit Euch zu sprechen. Bitte richtet den Mitgliedern Eurer Familien und Euren Verwandten sowie den Lehrern und den Mitarbeitern an den verschiedenen Schulen und Universitäten, die Ihr besucht, meine herzlichen Grüße aus. Ich weiß, dass viele Menschen hart gearbeitet haben, damit unsere Begegnung stattfinden konnte. Ihnen allen bin ich äußerst dankbar. Außerdem möchte ich Euch dafür danken, dass Ihr mir ein Lied zum Geburtstag gesungen habt! Danke für diese bewegende Geste; Ich gebe Euch allen eine „Eins plus“ für Eure deutsche Aussprache! Heute Abend möchte ich Euch an einigen Gedanken darüber teilhaben lassen, was es bedeutet, Jünger Christi zu sein – wenn wir den Spuren des Herrn folgen, wird unser Leben ein Weg der Hoffnung.

Vor Euch habt Ihr die Bilder von sechs gewöhnlichen Männern und Frauen, die zu einem außergewöhnlichen Leben herangewachsen sind. Die Kirche betrachtet sie als Verehrungswürdige, als Selige oder als Heilige: Jeder von ihnen hat auf den Ruf des Herrn zu einem Leben der Nächstenliebe geantwortet und jeder von ihnen hat Ihm hier, in den Gassen, den Straßen und den Vororten von New York gedient. Mich beeindruckt, wie außergewöhnlich verschieden die Mitglieder dieser Gruppe sind: Arme und Reiche, männliche und weibliche Laienchristen – eine von ihnen eine wohlhabende Ehefrau und Mutter – Priester und Ordensfrauen, Immigranten, die von weit her kamen, die Tochter eines Mohawk-Kriegers und einer Algonkin-Mutter, ein Sklave aus Haiti und ein kubanischer Gelehrter.

Die heilige Elizabeth Anna Seton, die heilige Franziska Xaviera Cabrini, der heilige Johannes Neumann, die selige Kateri Tekakwitha, die verehrungswürdigen Pierre Toussaint und Felix Varela: jeder von uns könnte zu ihnen gehören, denn in dieser Gruppe gibt es kein Stereotyp, kein festes Raster. Doch ein genauerer Blick zeigt uns, dass es Gemeinsamkeiten gibt. Entzündet von der Liebe Jesu ist ihr Leben zu einem bemerkenswerten Weg der Hoffnung geworden. Für einige bedeutete das, ihre Heimat zu verlassen und sich auf eine Pilgerfahrt von Tausenden von Kilometern zu begeben. Jeder von ihnen hat sich ganz Gott überlassen, in dem Vertrauen darauf, dass er das letzte Ziel jedes Pilgers ist. Und alle haben denjenigen, denen sie auf ihrem Weg begegnet sind, eine Hand der Hoffnung ausgestreckt und sie oft zu einem Leben des Glaubens erweckt. Diese sechs Menschen haben durch Waisenhäuser, Schulen und Krankenhäuser, durch Freundschaft zu den Armen, den Kranken und Ausgegrenzten und durch das überwältigende Zeugnis, das dadurch abgelegt wird, dass man demütig den Spuren Jesu folgt, zahllosen Menschen, möglicherweise sogar Euren eigenen Vorfahren, den Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aufgezeigt.

Gott für die Freiheit danken

Und heute? Wer legt in den Straßen von New York, in den rastlosen Vierteln der großen Städte, an den Orten, an denen die Jugendlichen sich versammeln und jemanden suchen, dem sie vertrauen können, Zeugnis für die Frohe Botschaft Jesu ab? Gott ist unser Ursprung und unser Ziel, und Jesus ist der Weg. Die Strecke dieses Weges windet sich – genau wie bei den Heiligen – durch die Freuden und Prüfungen des normalen, alltäglichen Lebens: innerhalb Eurer Familien, in der Schule oder Hochschule, während Eurer Freizeitaktivitäten und in Euren Pfarrgemeinden. All diese Orte sind durch die Kultur geprägt, in der Ihr aufwachst. Als junge Amerikaner werden Euch viele Möglichkeiten für Eure persönliche Entwicklung geboten, und Ihr werdet mit einem Gespür für Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft und Fairness erzogen. Ihr braucht mich jedoch nicht darauf hinzuweisen, dass es auch Probleme gibt: Handlungen und Denkweisen, welche die Hoffnung ersticken, Wege die zu Glück und Erfüllung zu führen scheinen, doch tatsächlich nur auf Unsicherheit und Furcht hinauslaufen.

Meine eigenen Jahre als Teenager sind von einem schrecklichen Regime zerstört worden, das dachte, alle Antworten zu kennen; sein Einfluss wuchs – er drang in die Schulen und in die weltlichen Vereinigungen wie auch in die Politik und sogar in die Religion ein – bevor man richtig erkannt hat, um was für ein Ungeheuer es sich handelte. Dieses Regime hat Gott verdrängt und war auf diese Weise gegenüber allem Guten und Wahren verschlossen. Viele Eurer Großeltern und Urgroßeltern werden über die entsetzliche Verwüstung berichtet haben, die sich daraus ergeben hat. In der Tat sind einige von ihnen gerade deswegen nach Amerika gekommen, um diesem Entsetzen zu entkommen.

Wir wollen Gott danken, dass sich heute viele Menschen Eurer Generation der Freiheiten erfreuen können, die aus der Verbreitung der Demokratie und der Achtung der Menschenrechte hervorgegangen sind. Wir wollen Gott für all diejenigen danken, die sich darum bemühen sicherzustellen, dass Ihr in einer Umgebung aufwachsen könnt, die das Schöne, Gute und Wahre fördert: Eure Eltern und Großeltern, Eure Lehrer und Priester, die Verantwortlichen der Gesellschaft, die nach dem suchen, was richtig und gerecht ist.

Die Macht zu zerstören besteht jedoch weiterhin. Etwas anderes zu behaupten, hieße, uns selbst etwas vorzumachen. Sie siegt jedoch nie; sie ist bezwungen. Das ist das Wesentliche der Hoffnung, die uns als Christen auszeichnet; die Kirche ruft diese Tatsache auf besonders eindringliche Weise während des österlichen Triduums in Erinnerung und feiert sie mit großer Freude in der Osterzeit! Derjenige, der uns den Weg über den Tod hinausweist, ist der, der uns zeigt, wie wir Vernichtung und Furcht überwinden können: Jesus ist also der wahre Lehrer des Lebens (vgl. Spe Salvi, 6). Sein Tod und seine Auferstehung bedeuten, dass wir zum Vater sagen können: „Du hast uns das neue Leben geschenkt“ (Karfreitag, Gebet nach der Kommunion). Und so haben wir vor erst wenigen Wochen während der wunderschönen Liturgie der Osternacht Gott nicht aus Verzweiflung oder Furcht für unsere Welt angerufen, sondern mit hoffnungsvollem Vertrauen: „Christus ist glorreich auferstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen“ (vgl. Gebet bei der Entzündung der Osterkerze).

Was mag dieses Dunkel bedeuten? Was geschieht, wenn Menschen, vor allem die Verletzlichsten, auf die geballte Faust der Unterdrückung und der Manipulation stoßen, statt auf eine Hand der Hoffnung? Die Träume und Sehnsüchte junger Menschen können hier so leicht erschüttert oder zerstört werden. Ich denke an diejenigen, die vom Drogenmissbrauch betroffen sind, an Obdachlosigkeit und Armut, an Rassismus, Gewalt und Erniedrigung – vor allem von Mädchen und Frauen. Die Gründe für diese Probleme sind vielschichtig, doch ihnen allen ist eine vergiftete geistige Einstellung gemeinsam, die dazu führt, dass Menschen als reine Objekte behandelt werden – es setzt sich eine innere Gefühlskälte durch, welche die gottgegebene Würde jedes Menschen zunächst nicht beachtet und schließlich verhöhnt. Solche Tragödien zeigen auch, was hätte sein können und was sein könnte, wenn andere Hände – Eure Hände – gereicht würden. Ich ermutige Euch dazu, andere, vor allem die Verletzlichen und die Arglosen, dazu einzuladen, gemeinsam mit Euch den Weg des Guten und der Hoffnung zu beschreiten.

Der zweite Bereich des Dunkels – der den Verstand betrifft – wird häufig nicht bemerkt und ist aus diesem Grund besonders bedrohlich. Die Manipulation der Wahrheit verfälscht unsere Wahrnehmung der Realität und trübt unsere Vorstellungskraft und unsere Hoffnung. Ich habe schon die zahlreichen Freiheiten erwähnt, derer Ihr Euch erfreuen dürft. Die fundamentale Bedeutung der Freiheit muss mit Entschiedenheit bewahrt werden. Es überrascht nicht, dass viele Einzelpersonen und Gruppen in der Öffentlichkeit lautstark ihre Freiheit einfordern. Doch die Freiheit ist ein empfindlicher Wert. Sie kann falsch verstanden oder missbraucht werden und auf diese Weise nicht zu dem Glück führen, das wir alle von ihr erwarten, sondern auf einen dunklen Schauplatz der Manipulation, auf dem das Verständnis, das wir von uns selbst und von der Welt haben, durch diejenigen, die hintergründige Ziele haben, verunsichert oder sogar entstellt wird.

Habt Ihr bemerkt, wie oft der Ruf nach Freiheit ertönt, ohne dass dabei jemals auf die Wahrheit der menschlichen Person Bezug genommen wird? Einige Menschen behaupten heutzutage, dass die Achtung der Freiheit des Individuums die Suche nach der Wahrheit – selbst der Wahrheit des Guten – überflüssig macht. In einigen Kreisen wird es sogar als rechthaberisch oder Anstiftung zur Uneinigkeit angesehen, von der Wahrheit zu sprechen, die folglich am besten in der Privatsphäre belassen wird. Und an Stelle der Wahrheit – oder besser gesagt ihres Fehlens – hat sich eine Vorstellung verbreitet, die unterschiedslos allem einen Wert beimisst und behauptet, auf diese Weise die Freiheit zu gewährleisten und das Bewusstsein zu befreien. Wir bezeichnen das als Relativismus. Doch welche Absicht hat eine „Freiheit“, die unter Missachtung der Wahrheit das verfolgt, was falsch und unrichtig ist? Wie vielen jungen Menschen ist eine Hand gereicht worden, die sie im Namen der Freiheit oder der Erfahrung zu Abhängigkeit, zu moralischer oder geistiger Unsicherheit, zu Kränkungen, zum Verlust der Selbstachtung, ja zur Verzweiflung und auf tragische und traurige Weise gar zum Selbstmord geführt hat? Liebe Freunde, die Wahrheit ist kein auferlegter Zwang. Noch ist sie einfach eine Reihe von Regeln. Sie ist die Entdeckung des Einen, der uns niemals enttäuscht; des Einen, dem wir immer vertrauen können. Wenn wir die Wahrheit suchen, gelangen wir zum Leben aus dem Glauben, denn die Wahrheit ist letztlich eine Person: Jesus Christus! Das ist der Grund, warum wirkliche Freiheit nicht bedeutet, sich herauszuhalten. Sie bedeutet, sich einzumischen; das bedeutet nicht weniger, als sein eigenes Selbst loszulassen und zuzulassen, von Christi Dasein für die anderen angezogen zu werden (vgl. Spe Salvi, 28).

Wie können wir als Gläubige anderen helfen, dem Weg der Freiheit zu folgen, der Erfüllung und bleibendes Glück bedeutet? Wir wollen uns erneut den Heiligen zuwenden. Wie hat ihr Zeugnis andere Menschen wahrhaft von der seelischen und geistigen Dunkelheit befreit? Die Antwort ist im Wesen ihres Glaubens zu finden; im Wesen unseres Glaubens. Die Menschwerdung, die Geburt Jesu, zeigt uns, dass Gott einen Platz unter uns findet. Er kommt obwohl die Herberge voll ist, er kommt in einen Stall, und es gibt Menschen, die sein Licht sehen. Sie erkennen die dunkle verschlossene Welt des Herodes als solche und folgen stattdessen dem leuchtenden Leitstern am Nachthimmel. Und was leuchtet aus ihm hervor? Hier könnt Ihr Euch das Gebet in Erinnerung rufen, das in der allerheiligsten Osternacht gesprochen wird: „Allmächtiger, Ewiger Gott, du hast durch Christus allen die an dich glauben, das Licht deiner Herrlichkeit geschenkt... entflamme in uns die Sehnsucht nach dir“ (Segnung des Osterfeuers). Und so geben wir einander in einer feierlichen Prozession mit unseren brennenden Kerzen das Licht Christi weiter. „Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude. Weit vertreibt sie den Hass, sie einigt die Herzen und beugt die Gewalten“ (Exsultet). So wirkt das Licht Christi. Das ist der Weg der Heiligen. Es ist eine wunderbare Vision der Hoffnung – das Licht Christi bedeutet für Euch, Leitsterne für die anderen zu sein, Christi Weg der Vergebung, der Versöhnung, der Demut, der Freude und des Friedens zu folgen.

Manchmal sind wir jedoch versucht, uns in uns selbst zu verschließen, an der Kraft des Glanzes Christi zu zweifeln, den Horizont der Hoffnung einzuengen. Fasst Mut! Richtet Euren Blick auf unsere Heiligen. Ihre unterschiedlichen Erfahrungen von Gottes Gegenwart veranlassen uns dazu, die Weite und Tiefe des Christentums von neuem zu entdecken. Lasst zu, dass sich Eure Imagination frei in die grenzenlose Weite des Horizonts der christlichen Jüngerschaft erhebt. Manchmal werden wir als Menschen angesehen, die nur von Verboten sprechen. Nichts könnte der Wahrheit ferner stehen! Wirkliche christliche Jüngerschaft zeichnet sich durch ein Gefühl des Staunens aus. Wir stehen vor dem Gott, den wir als Freund kennen und lieben, vor der unermesslichen Weite seiner Schöpfung und der Schönheit unseres christlichen Glaubens.

Liebe Freunde, das Vorbild der Heiligen fordert uns sodann dazu auf, vier wesentliche Aspekte unseres Glaubensschatzes zu betrachten: persönliches Gebet und Schweigen, liturgisches Gebet, tätige Nächstenliebe und Berufungen.

Von größter Bedeutung ist, dass Ihr eine persönliche Beziehung zu Gott entwickelt. Diese Beziehung drückt sich im Gebet aus. Es liegt in Gottes eigenstem Wesen, dass er spricht, hört und antwortet. Tatsächlich ruft uns der heilige Paulus in Erinnerung: wir können und sollten „ohne Unterlass“ beten (1 Thess 5,17). Weit davon entfernt, uns in uns selbst zurückzuziehen oder uns den Höhen und Tiefen des Lebens zu entziehen, wenden wir uns durch das Gebet Gott und durch ihn einander zu, einschließlich den Ausgegrenzten und denen, die anderen Wegen als dem Weg Gottes folgen (vgl. Spe Salvi, 33). Wie die Heiligen uns auf so lebendige Weise lehren, wird das Gebet aktive Hoffnung. Christus war ihr ständiger Gefährte, mit dem sie auf jedem Schritt ihres Weges für die anderen gesprochen haben.

Es gibt einen weiteren Aspekt des Gebets, den wir uns in Erinnerung rufen müssen: die stille Betrachtung. Der heilige Johannes etwa sagt uns, dass wir, um die Offenbarung Gottes zu erfassen, erst hören und dann antworten müssen, indem wir das verkünden, was wir gehört und gesehen haben (vgl. 1 Joh 1,2–3; Dei Verbum, 1). Haben wir vielleicht etwas von der Kunst des Hörens verlernt? Lasst Ihr Raum, um auf das Raunen Gottes zu hören, das Euch zum Guten aufruft? Freunde, fürchtet Euch nicht vor dem Schweigen oder der Stille, hört auf Gott, betet ihn in der Eucharistie an. Macht, dass sein Wort Euren Weg als eine Entfaltung der Heiligkeit gestaltet.

Prophetisches Zeugnis geben

In der Liturgie finden wir die ganze Kirche beim Gebet. Das Wort Liturgie bedeutet die Teilnahme des Gottesvolks am „Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist“ (Sacrosanctum Concilium, 7). Was ist dieses Werk? Zunächst einmal bezieht es sich auf die Passion Christi, seinen Tod und seine Auferstehung sowie seine Auffahrt in den Himmel – was wir als „österliches Geheimnis“ bezeichnen. Es bezieht sich auch auf die Feier der Liturgie selbst. Die beiden Bedeutungen sind tatsächlich untrennbar miteinander verbunden, weil dieses „Werk Jesu“ der wirkliche Inhalt der Liturgie ist. Durch die Liturgie wird das „Werk Jesu“ ständig in die Beziehung mit der Geschichte gebracht; mit unserem Leben, um es zu formen. Hier erhaschen wir einen weiteren Blick auf die Erhabenheit unseres christlichen Glaubens. Immer wenn Ihr Euch zur Messe versammelt, wenn Ihr zur Beichte geht, immer wenn Ihr eines der Sakramente feiert, ist Jesus am Werk. Durch den Heiligen Geist zieht er Euch zu sich, in seine Opferliebe zum Vater, die zur Liebe für alle wird. Wir sehen dann also, dass die kirchliche Liturgie ein Dienst der Hoffnung für die Menschheit ist. Eure gläubige Teilnahme ist aktive Hoffnung, die hilft, dass wir die Welt – Heilige und Sünder gleichermaßen – für Gott offenhalten; das ist die wahrhaft menschliche Hoffnung, die wir jedem anbieten (vgl. Spe salvi, 34).

Euer persönliches Gebet, Eure Zeiten stiller Betrachtung und Eure Teilnahme an der kirchlichen Liturgie bringen Euch näher zu Gott und bereiten Euch auch darauf vor, den anderen zu dienen. Die Heiligen, die uns heute Abend begleiten, zeigen uns, dass ein Leben des Glaubens und der Hoffnung auch ein Leben der Liebe ist. Wenn wir Jesus am Kreuz betrachten, sehen wir die Liebe in ihrer radikalsten Form. Wir können beginnen, uns den Weg der Liebe vorzustellen, dem wir folgen müssen (vgl. Deus caritas est, 12). Gelegenheiten, diesem Weg zu folgen, sind reichlich vorhanden. Blickt um Euch mit den Augen Christi, hört mit seinen Ohren, fühlt mit seinem Herzen und denkt mit seinem Verstand. Seid Ihr bereit, alles für die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu geben, so wie er? Viele Beispiele der Not, auf die unsere Heiligen mit Mitgefühl reagiert haben, sind immer noch hier in dieser Stadt und darüber hinaus zu finden. Und neue Formen der Ungerechtigkeit sind entstanden: Einige sind komplex und haben ihre Ursache in der Ausnutzung des Herzens und in der Manipulation der Gedanken; selbst unser gemeinsamer Lebensraum, die Erde, ächzt unter der Last konsumbestimmter Habgier und unverantwortlicher Ausbeutung. Wir müssen genau hinhören. Wir müssen mit einem erneuerten sozialen Handeln reagieren, das von der universalen Liebe ausgeht, die keine Grenzen kennt. Auf diese Weise garantieren wir, dass unsere Werke der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit aktive Hoffnung für andere werden.

Liebe Jugendliche, zum Abschluss möchte ich ein Wort zu den Berufungen sagen. Zunächst denke ich an Eure Eltern, Großeltern und Paten. Sie haben Euch als erste im Glauben erzogen. Indem Sie Euch zur Taufe gebracht haben, haben sie Euch ermöglicht, das größte Geschenk Eures Lebens zu empfangen. An diesem Tag seid Ihr in die Heiligkeit Gottes selbst eingetreten. Ihr seid zu angenommenen Söhnen und Töchtern des Vaters geworden. Ihr seid in Christus vereint worden. Ihr seid zu einer Wohnstätte des Geistes geworden. Beten wir für Mütter und Väter in der ganzen Welt, vor allem für diejenigen, die mit sozialen, materiellen oder spirituellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Ehren wir die Berufung zur Ehe und die Würde des Familienlebens. Wir wollen stets würdigen, dass Berufungen in den Familien entstehen.

Hier im St. Joseph Seminar möchte ich alle anwesenden Seminaristen grüßen und alle Seminaristen in ganz Amerika ermutigen. Ich freue mich zu wissen, dass Eure Zahl ansteigt! Das Volk Gottes rechnet darauf, dass Ihr gottgefällige Priester werdet, täglich auf dem Weg des Wandels, welche in anderen den Wunsch hervorrufen, tiefer am kirchlichen Leben der Gläubigen teilzunehmen. Ich möchte Euch dazu drängen, Eure Freundschaft mit Jesus, dem Guten Hirten, zu vertiefen. Sprecht von Herz zu Herz mit ihm. Weist jede Versuchung der Zurschaustellung, des Karrieredenkens oder des Dünkels zurück. Bemüht Euch um ein Lebensmodell, das von Liebe, Keuschheit und Demut geprägt ist, in der Nachahmung Christi, des Ewigen Hohepriesters, dessen lebendiges Abbild Ihr werden sollt (vgl. Pastores dabo vobis, 33). Liebe Seminaristen, ich bete täglich für Euch. Bedenkt, dass vor dem Herrn zählt, in seiner Liebe zu bleiben und seine Liebe für andere leuchten zu lassen.

Schwestern, Brüder und Priester der Orden leisten einen großen Beitrag zur Sendung der Kirche. Ihr prophetisches Zeugnis ist von der tiefen Überzeugung geprägt, dass der Primat des Evangeliums das christliche Leben formt und die Gesellschaft verwandelt. Heute möchte ich Eure Aufmerksamkeit auf die positive spirituelle Erneuerung richten, um welche sich die Kongregationen im Hinblick auf ihr Charisma bemühen. Das Wort Charisma bezeichnet eine Gabe, die frei und großzügig geschenkt wird. Charismen werden durch den Heiligen Geist verliehen, der Gründer und Gründerinnen inspiriert und Kongregationen mit einem dementsprechenden spirituellen Erbe bildet. Die erstaunlich große Anzahl von Charismen, die jedem Orden eigen sind, stellt einen außerordentlich großen geistigen Schatz dar. In der Tat wird die Geschichte der Kirche vielleicht am schönsten durch die Geschichte ihrer spirituellen Schulen dargestellt, von denen die meisten aus dem heiligmäßigen Leben ihrer Gründer und Gründerinnen entstanden sind. Ich bin sicher, dass einige von Euch jungen Menschen durch die Entdeckung der Charismen, die eine solche Fülle an spiritueller Weisheit hervorbringen, von einem Leben im apostolischen oder kontemplativen Dienst angezogen werden. Scheut Euch nicht, mit den Brüdern, Schwestern oder Priestern der Orden über das Charisma und die Spiritualität ihrer Kongregation zu sprechen. Es gibt keine perfekte Gemeinschaft, doch der Herr fordert Euch dazu auf, die Treue zu einem Gründungscharisma und nicht zu einzelnen Personen zu erkennen. Habt Mut! Auch Ihr könnt Euer Leben zu einem Geschenk Eurer selbst für die Liebe zum Herrn Jesus und in ihm für jedes Mitglied der Menschheitsfamilie machen (vgl. Vita Consecrata, 3).

Freunde, ich frage Euch nochmals, worum geht es heute? Was sucht Ihr? Was raunt Gott Euch zu? Jesus Christus ist die Hoffnung, die niemals enttäuscht. Die Heiligen zeigen uns die selbstlose Liebe seines Weges. Als Jünger Christi hat sich ihr außergewöhnlicher Weg innerhalb der Gemeinschaft der Hoffnung entfaltet, welche die Kirche ist. Innerhalb der Kirche werdet auch Ihr den Mut und die Unterstützung finden, dem Weg des Herrn zu folgen. Gestärkt durch das persönliche Gebet, angeregt durch das Schweigen, geprägt durch die kirchliche Liturgie werdet Ihr die besondere Berufung entdecken, die Gott für Euch vorgesehen hat. Nehmt sie freudig an! Ihr seid heute die Jünger Christi. Lasst sein Licht auf diese große Stadt und darüber hinaus leuchten. Zeigt der Welt den Grund für die Hoffnung, die in Euch widerhallt. Berichtet anderen von der Wahrheit, die Euch frei macht. Mit dem Gefühl großer Hoffnung, die ich in Euch setze, möchte ich mich verabschieden, bis wir uns in diesem Juli in Sydney beim Weltjugendtag wiedersehen! Und als Zusicherung meiner Liebe zu Euch und Euren Familien erteile ich Euch von Herzen meinen Apostolischen Segen.