Spontane Hochzeit Contra: Päpstliche Luftnummer

Eine Trauung über den Wolken wirft Fragen auf. Von Helmut Hoping

Hochzeitsfeier mit Papst Franziskus
Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen: Fördert die Trauung von Carlos Ciuffardi und Paula Podest aus Chile im Papstflieger das Verständnis der sakramentalen Ehe? Foto: KNA

Love is in the air“ – Eine Stewardess und ein Steward, seit mehreren Jahren zivil verheiratet, Eltern zweier Kinder, werden von Franziskus auf dem Flug von Santiago de Chile nach Iquique kirchlich getraut. Antonio Spadaro SJ, engster Berater des Papstes, hatte die Aktion zunächst als spontane Idee des Pontifex ausgegeben. Doch so überraschend kam sie wohl nicht. Einer der beiden Trauzeugen war der Chef der Airline LATAM, bei der die Flugbegleiter beschäftigt sind. Lateinamerikanische Medien sprachen von einem PR-Gag.

„Alles, was ihr auf Erden bindet, das wird auch im Himmel gebunden sein“ (Matthäus 18, 18). Oder müsste es bei der Trauung über den Wolken heißen: „Alles, was ihr im Himmel bindet, wird auch auf Erden gebunden sein“. Aber wo? Jede katholische Eheschließung ist in der Pfarrei zu registrieren, in der sie stattgefunden hat. Die Navigationsdaten des Papstfliegers könnten Auskunft geben, über welchem Gebiet man sich bei der Trauung gerade befand.

Laut kirchlichem Gesetzbuch sind nur Ehen gültig, die unter Assistenz des Ortsordinarius oder des Ortspfarrers beziehungsweise eines von ihnen delegierten Priesters oder Diakons geschlossen wurden (can. 1108, § 1). Von der Bestimmung ist der Papst aufgrund seiner universalen Jurisdiktion natürlich ausgenommen. Die kirchliche Trauung ist weiter in einer Kirche oder eine Kapelle zu feiern; nur mit Erlaubnis des Ortsbischofs kann sie an einem anderen angemessenen Ort erfolgen (can. 1118, § 1). Als Universalepiskopus hat Franziskus entschieden, dass eine Flugzeugkabine einen angemessenen Ort für eine kirchliche Trauung darstellt.

Bevor eine Ehe geschlossen wird, ist sicherzustellen, dass einer gültigen und erlaubten Eheschließung nichts im Wege steht (can. 1066). Sollte die Prüfung erfolgt sein, ist an der Gültigkeit der Trauung zunächst nicht zu zweifeln. Allerdings hatte Franziskus vor einiger Zeit erklärt, dass die Mehrheit aller Eheschließungen wahrscheinlich ungültig sei, da den meisten Paaren das nötige Verständnis des Ehesakraments fehle. Sein Lehrschreiben „Amoris laetitia“ mahnt daher eine angemessene Vorbereitung der Brautleute auf die Ehe an. Konterkarierte Franziskus mit der Trauung an Bord nicht sein eigenes Anliegen? Zu seiner Verteidigung verwies der Papst auf dem Rückflug nach Rom auf einen von den Flugbegleitern schon vor Jahren absolvierten Ehevorbereitungskurs. „Ich kam zu dem Urteil, dass sie vorbereitet sind und beide wussten, was sie tun.“

Nach Auskunft der Flugbegleiter hat der Papst ihre Ringe gesegnet und den Konsens entgegengenommen. Der vom Ritus vorgesehene feierliche Trauungssegen, der nach einer Bestimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils (SC 78) immer gespendet werden soll, auch wenn er zur Gültigkeit der Eheschließung nicht erforderlich ist, scheint nicht erteilt worden zu sein. Oder kann Franziskus den ja nicht gerade kurzen Segen auswendig? Von einer Schriftlesung und Homilie war in der Presse nichts zu hören. Mit liturgischen Rubriken geht der Papst bekanntlich schon am Boden eher lässig um. Über den Wolken scheint die Freiheit des Stellvertreters Christi grenzenlos zu sein.

Auf dem Rückflug nach Rom sagte Franziskus, die Trauung könnte „eine Inspiration für andere Paare in der Welt" sein. Werbung für kirchliche Eheschließungen sieht anders aus. Bald werden wir vermutlich Blitzhochzeiten auch in Heißluftballons, Fernzügen, auf Kreuzfahrtschiffen sehen. Die Liturgieberater der deutschen Bischöfe könnten sich der Sache annehmen und ein Ritual für schnelle Trauungen zu Wasser, auf der Erde und in der Luft kreieren. Doch Vorsicht! Nur der Papst hat eine Trauvollmacht, die nicht an Bistums- und Pfarreigrenzen gebunden ist.

Bedenklich an der päpstlichen Luftnummer ist vor allem die damit verbundene Trivialisierung der kirchlichen Eheschließung. Mit einer gottesdienstlichen Feier hatte sie nicht mehr im Entferntesten etwas zu tun. Sie ähnelte mehr einem Spectaculum als einem Sacramentum, auch wenn dem Auge nur wenig geboten wurde.

Der Verfasser lehrt Dogmatik und Liturgiewissenschaft in Freiburg

 

 

Hintergrund

Zwei Besatzungsmitglieder der chilenischen Airline LATAM nutzten während des Papst-Flugs von Santiago nach Iquique die Gelegenheit, ihre kirchliche Trauung nachzuholen. Paula Podest (39) und Carlos Ciuffardi (41) aus Chile gaben sich am 18. Januar 2017 vor Papst Franziskus ihr Ja-Wort, nachdem sie seit acht Jahren zivilrechtlich als Paar eingetragen sind. Die geplante kirchliche Hochzeit musste wegen eines Erdbebens ausfallen, berichtete das Paar. Laut Vatikansprecher Greg Burke ist es das erste Mal, dass eine Trauung unter derartigen Umständen stattfand. „Ich denke, dass die Eheschließung gültig ist“, meinte Burke. Die Ehevorbereitung hatte bereits stattgefunden, sodass der Trauung formal nichts im Wege stand. Braut, Bräutigam, zwei mitreisende Trauzeugen und der Papst unterschrieben das handschriftlich aufgesetzte Dokument – irgendwo über San Pedro de Atacama in 11 000 Metern Höhe.