Sorge um Leib und Seele des Menschen

Theologie und Pflegewissenschaft, Ethik und Kardinal Walter Kaspers Lebenswerk: Die Hochschule in Vallendar setzt ganz eigene Schwerpunkte. Von Heinrich Wullhorst

Hell und freundlich – mit Menschen, die grüßen: So präsentiert sich die Hochschule Vallendar. Foto: Verena Breitbach
Hell und freundlich – mit Menschen, die grüßen: So präsentiert sich die Hochschule Vallendar. Foto: Verena Breitbach

Mein Gott, ist das schön hier“, denkt man sich, wenn man bei strahlendem Sonnenschein die Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar (PTHV) am Mittelrhein Vallendar erreicht. Insbesondere dann, wenn man selbst die Studienjahre in der Betonwüste der anonymen Bochumer Ruhr-Uni hinter sich gebracht hat. „Hier muss studieren Spaß machen“, denke ich mir. Und die kleine, übersichtliche Universität erfreut sich sicher auch deshalb einer großen Nachfrage. „Viele Studenten möchten heute gar nicht unbedingt in einer großen Stadt leben“, beschreibt Holger Zaborowski die Idylle. Der Philosophieprofessor und Rektor der PTHV sieht Vallendar als einen besonderen Ort, der auch durch sein geistliches Leben gekennzeichnet ist. Das wird dem Besucher sofort deutlich, wenn er sich auf den Hügel begibt, auf dem die Hochschule errichtet ist und zu deren Füßen man die Wiege der marianischen Schönstatt-Bewegung findet.

Hat man den Weg bergauf geschafft, erwartet den Besucher ein helles, freundliches Gebäude, in dem es zunächst einmal auffällt, dass die Menschen, denen man begegnet, sofort freundlich zurückgrüßen. Als ich nach dem Weg zum Rektorat frage, begleitet mich ein Mitarbeiter dorthin. Während meines Besuchs in Vallendar werde ich mit vielen unterschiedlichen Ordenskleidern konfrontiert. Hier tagt nämlich zu dieser Zeit die Konferenz der deutschen Ordensoberen. Ein weiterer Vorteil des Hauses, der zu dem besonderen Flair der PTHV beiträgt, ist nämlich das angegliederte Bildungs- und Gästehaus, das „Forum Vinzenz Palotti“. Auch die Kommunität der Pallotiner, die in dem Haus ansässig ist, prägt das Leben der Hochschule mit. Eine große Vielfalt also, die eine Basis für den menschlichen Umgang bildet, den man hier pflegt.

Die Theologische Fakultät mit ihren etwa 170 Studentinnen und Studenten steht, wie auch die pflegewissenschaftliche Fakultät mit rund 250 Studierenden, für einen unkomplizierten und sehr persönlichen Austausch mit den Professoren. So lassen sich die Lernprozesse so gestalten, dass alle Seiten Freude an der Arbeit haben. Das modularisierte Vollzeit-Studium der katholischen Theologie in Vallendar ermöglicht nach zehn Semestern den Abschluss als „Magister Theologiae“. Darüber hinaus bietet die Hochschule auch das Lizentiat, die Promotion oder die Möglichkeit der Habilitation an. „Wir brauchen Einrichtungen wie unsere Hochschule, um genuin theologische Antworten auf die Herausforderungen der Zeit zu finden, aber eben auch solche, die nicht im Elfenbeinturm entwickelt werden, oder in überspringenden Aktionismus ausufern“, beschreibt Holger Zaborowski die Aufgaben einer Theologischen Fakultät in der heutigen Zeit.

Das Zusammenwirken der Theologie mit der Pflegewissenschaftlichen Fakultät ist eine weitere Besonderheit der Lehre in Vallendar. Hier steht der Mensch in seiner Verletzlichkeit und Endlichkeit, aber auch mit seinen Kräften und Wünschen im Mittelpunkt. Und dieser besondere Blick auf den Menschen ist einer der Gründe, warum es im Zusammenwirken der beiden Fakultäten von Anfang an so gut funktioniert hat, weiß Maria Peters von der Stabsstelle im Dekanat der Pflegewissenschaftlichen Fakultät: „Die Sorge um Leib und Leben und die Sorge um die Seelen der Menschen, das ist es, was die Disziplinen bei einer unterschiedlichen Herangehensweise eng verbindet.“ Und so habe man in Vallendar einen Ort geschaffen, der es ermögliche, eine andere Sicht auf den Patienten zu definieren. „Der Patient ist jemand, der Hilfe braucht, der oft nicht mehr autonom entscheiden kann, dessen Würde aber zu jeder Zeit gewahrt werden muss. Daraus ergeben sich wichtige ethische Fragen, die vor Ort in besonderer Weise offen diskutiert werden können. Dies ist möglich aufgrund der Atmosphäre des Hauses durch die Zusammenarbeit mit der Theologie und den Freiheiten in ihrer Schwerpunktsetzung, die eine Fakultät hat.“ Und so hat sich Vallendar zu einem Zentrum der Pflegewissenschaft entwickelt, in dem gerade diese Themen im Zentrum stehen. Dem trägt die Ausbildung an der Hochschule Rechnung: Neben dem Aufbaustudiengang in Pflegewissenschaft, der mit dem Bachelor-Abschluss endet, bietet Vallendar ein Masterstudium mit einer Regelstudienzeit von vier Semestern und die Möglichkeit zur Promotion an. Eine besondere Bedeutung hat der Lehramtsstudiengang Pflege. Hier werden Lehrerpersönlichkeiten für den berufsschulischen Bereich ausgebildet, die wissenschaftlich fundiert, kritisch-reflektiert und sozialkompetent Lehr- und Lernprozesse gestalten sollen.

Einen eigenen Maßstab setzen die Institute der Hochschule. Sie beschäftigen sich mit der wissenschaftlichen Weiterbildung, der Missionswissenschaft, mit der interkulturellen und interreligiösen Begegnung oder mit der Theologie und Geschichte religiöser Gemeinschaften. Das Kardinal Walter Kasper-Institut erforscht und sichert die Theologie und das ökumenische Engagement des prominenten Oberhirten. So hält es sein Wirken lebendig. Das Ethik-Institut an der PTHV wiederum bildet die beschriebene Klammer für das Zusammenwirken der beiden Fakultäten, weil dort der gesellschaftliche Diskurs über eine ethisch verantwortbare Gestaltung des Gesundheitswesens geführt wird. Daneben gibt es eine enge Kooperation mit dem Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung.

Beim Rundgang durch die Hochschule fallen nicht nur die hell und freundlich gestalteten Räume auf, die die besondere Atmosphäre des Lernorts unterstreichen. Die gepflegten Außenanlagen wie der kleine Teich sind Oasen der Ruhe, die gerne von den Studenten in den Denk- und Arbeitspausen aufgesucht werden. Auf dem Rückweg von Vallendar fahre ich noch einmal durch die wunderbare Landschaft, blicke auf die Hochschule zurück und sage mir: „Wenn du noch einmal entscheiden könntest, du würdest hier studieren.“