Sonntagslesung: In Jesus kommt das umfassende Heil

Zu den Lesungen des zweiten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

Jes 49, 3.5–6

1 Kor 1, 1–3

Joh 1, 29–34

Das universale Heil für die ganze Welt ist der gemeinsame Nenner der drei Texte. Denn die entscheidende Verheißung in Jes 49 ist die Ernennung des Gottes-Sklaven zum Licht der Völker, damit Gottes „Heil reiche bis an das Ende der Welt“, also universal verbreitet sei. Nach 1 Kor 1 richtet sich der Brief nicht nur an die Korinther, sondern auch „an alle, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an welchem Ort auch immer“, also überall. 1 Kor ist übrigens mit dieser Angabe Zeuge einer vor allem außerhalb von Paulus bezeugten urchristlichen Praxis, einen Brief an viele Gemeinden zu schicken, wie es etwa in der Offenbarung des Johannes oder in 1 Petr oder in Jak belegt ist. Die paulinische Praxis, nur an die eigenen Gemeinden zu schreiben, ist daher eher die Ausnahme. 1 Kor bezeugt daher (noch) das Enzyklika-Modell.

Weiter zum Thema Universalismus: Nach Joh 1, 29–34 wird Jesus bezeichnet als der, der wie ein Lamm die „Sünde der Welt“, also aller Menschen, „trägt“. Der Ausdruck „Licht der Völker“ in Jes 49, 6 erinnert zudem an Jesu Selbstvorstellung als „Licht der Welt“ in Joh 8, 12. In allen drei Texten geht das universale Heil von Israel aus. Nach Jes 49 ist wieder der „Sklave Gottes“ als der typische fromme Israelit im Blick. In Joh 1 geht es um Jesus, und so auch in 1 Kor 1, wenn von der Anrufung seines Namens die Rede ist. Es gibt offenbar – vgl. die Lesungen der vergangenen Sonntage – ein enges Bündnis zwischen frühchristlicher universaler Mission und den Prophetien des Jesaja. Denn Jesaja ist der bevorzugte Prophet im frühen Christentum, was allerdings auch schon für das Judentum der Qumrantexte gilt. Zu erinnern ist nur an die gut erhaltene Jesaja-Rolle aus Qumran. Dennoch ist der Universalismus der „hinteren“ Jesaja-Kapitel gewiss nicht dasselbe wie die beschneidungsfreie Heidenmission im frühen Christentum. Denn Jesaja meint nichts anderes als die Bekehrung der Heiden zum Gott des Judentums. Und neu ist bei Jesaja der intensive missionarische Impuls. Dieser tritt an die Stelle der früher geläufigen feindlichen Abgrenzung. Im frühen Christentum dagegen bleiben die Heiden unbeschnittene Heiden.

Was heißt: Die Sünde der Welt hinwegnehmen?

Noch einmal neu zu stellen ist die Frage, was der Ausdruck „die Sünde der Welt wegtragen“ meint. Bekanntes ist nicht nochmals zu wiederholen, etwa dass in jüdischen Schriften des 1. Jh. n. Chr. der himmlische Schreiber (!) Henoch genannt wird, der die Sünden (aller) wegträgt, indem er sie nicht notiert oder ausradiert. Jedenfalls stirbt Henoch nicht bei diesem Tun, sondern handelt aus amtlicher Vollmacht und ebensolchem Ermessen. Neu ist vielmehr zu fragen, worin die inhaltliche Kohärenz des Textes in Joh 1,29–34 besteht. Denn der Täufer nennt Jesus das Lamm, das die Sünde der Welt wegträgt, und er schildert wie zur Bestätigung dieser Aussage, er habe den heiligen Geist auf Jesus kommen sehen und von Gott vernommen: „Dieser wird mit dem heiligen Geist taufen“ (Joh 1,33). Man darf fragen, was das eine (Sünde wegnehmen) mit dem anderen (Taufen mit heiligem Geist) zu tun hat. Schließlich ist auch die Lamm-Metapher zu klären.

Die erste Frage ist relativ leicht zu beantworten, wenn man einmal aufmerksam geworden ist auf den Zusammenhang zwischen heiligem Geist und Reinheit bzw. Sündenvergebung bei Johannes. Nach Joh 20 ist der heilige Geist die Vollmacht zur Sündenvergebung, nach Joh 15 sind die Jünger rein durch Jesu Wort. Dieses Wort Jesu wird verstanden als heiliger Geist, der sie berührt und rein macht. Die Fußwaschung macht diese Zusammenhänge deutlich. Das heißt: Die Taufe mit dem heiligen Geist kann auch darin bestehen, dass man sich durch Jesu Wort erreichen lässt. Weil dieses Wort universal an alle Welt ergeht, wird auch alle Sünde aller Welt so getilgt. Die Belege: Joh 15, 3 („Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich euch gesagt habe.“) bezieht sich auf Joh 13, 10 („Ihr seid schon rein.“). Die schöpferisch-reinigende Wirkung der Worte Jesu: Joh 6, 63: „Lebendig macht nur der heilige Geist. Fleisch und Blut nützen nichts. Heiligen Geist und ewiges Leben, das schenken meine Worte.“ Sündenvergebung (Reinheit) durch den heiligen Geist: Joh 20, 23: „Danach blies er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den heiligen Geist. Wenn ihr Menschen die Sünden vergebt, dann ist das gültig. Und wenn ihr die Vergebung verweigert, dann gilt das auch.“ Dass der Christ nach Joh 3, 5 von oben durch Wasser und Geist neu geboren wird, bringt offenbar die Initiation durch das Wort auf den sakramentalen Punkt. Die Voraussetzung für diese Heilsaussagen nach dem JohEv ist der Prolog: In Jesus begegnet den Menschen Gottes Schöpfungswort. Es hat durch die Menschwerdung in Jesus nichts von seiner Kraft verloren.

Jesus ist das Lamm, weil Lämmer die reinsten Tiere sind. Als der, der den heiligen Geist in die Welt bringt, ist Jesus entweder der „Heilige Gottes“ oder „das Lamm Gottes“. Keineswegs ist es notwendig anzunehmen, Jesus sei im JohEv das Lamm nach Jes 53, also der leidende Gottesknecht. Denn nach Jes 53 ist das Lamm lediglich wegen des Verstummens vor dem Scherer mit dem Gerechten vergleichbar, nicht als Lamm durch Leiden. So wie das Lamm vor dem Scherer verstummt, kann und will der Sklave Gottes sich in seinem Leiden nicht selbst verteidigen. Ein Zusammenhang zwischen Lamm und Leiden ist für das JohEv nicht anzunehmen. Es genügt der Hinweis auf die apokalyptische Zoologie, nach der das Weiß der Lämmer Zeichen von Unschuld und Sündenreinheit ist. Die Auskunft zu Joh 1,29 lautet daher im Sinne der johanneischen Theologie: Durch sein Schöpfer-Wort reinigt Jesus die Jünger auch von aller Sünde, weil er sie neu schafft. Daher wird in Joh 20 die Vollmacht zur Sündenvergebung durch Anhauchen mitgeteilt, weil der Mensch durch Anhauchen zum lebendigen Menschen wurde.

Zu beachten ist für gegenwärtige Leser, dass das JohEv zeitlich noch vor der Konzentration der Frömmigkeitsgeschichte auf das Leidens-Lamm liegt. Das am Kreuz geschlachtete Lamm ist für das JohEv noch kein Thema. Das ist klar daran erkennbar, dass keine der beiden Stellen mit „Lamm Gottes“ in Kap. 1 auch nur andeutungsweise auf Jesu Leiden Bezug nimmt und dass umgekehrt in der Passion Jesu nach Johannes von Sündenvergebung nicht die Rede ist.

In dem Lied „O du Lamm Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet, allzeit erfunden geduldig“ entspricht daher die erste Aussage auch ganz dem JohEv: Aufgrund seiner weißen Farbe ist das Lamm das Symboltier der Unschuld schlechthin. Von einer Schlachtung des Lammes spricht ein ganz anderer Text: die Offenbarung des Sehers Johannes 5. Und eine Personengleichheit zwischen Johannes dem Evangelisten und dem Seher Johannes nimmt heute niemand mehr an. Die Kennzeichnung„geduldig“ passt am ehesten zur bildlichen Auffassung des Lammes in Jes 53. Das Kirchenlied hat daher, wie es in der Frömmigkeit öfter geschieht, die verschiedenen Bilder der Bibel zum Stichwort „Lamm“ kombiniert. Das ist nicht zu tadeln, sondern schlicht festzustellen.

Jesus ist das Lamm, weil er als der Reinmachende selbst rein ist

Für den biblischen Befund muss man bedenken, dass das Lamm zur Alltagswelt gehörte und daher vielfältig in Bildern aufgegriffen wurde: oft wegen seiner Unschuld, wegen seiner Geduld oder wegen der sinnenfällig begegnenden Schlachtung; auch hat ein Lamm Hörner zum Stoßen. Damit soll angedeutet werden, dass es also auch eine Macht der Gerechtigkeit gibt, dass es Passahlämmer gibt, die nicht geopfert werden, auch nicht zur Sühne, aber tägliche Lamm-Opfer im Tempel, bei denen das ganz anders ist. Das ist der erlebnismäßige Unterschied zu der Weise, in der wir Lämmer erfahren. Ein Lamm zu sehen, ist etwas Außergewöhnliches, für Jesus und seine Mitmenschen aber das Allergewöhnlichste. Daher belasten wir als moderne Leser jedes Lamm der Bibel, von dem wir lesen, mit allen theologischen Aussagen zugleich, während für Jesus und die neutestamentlichen Autoren sich vielfältige Assoziationen unterschiedlichen Inhalts mit den verschiedensten Lämmern verbinden. Kurzum: Nach Joh 1 ist Jesus das Lamm, weil er als der Reinmachende selbst rein ist. Klaus Berger