Sonntagslesung: Gott kann Liebe befehlen

Zu den Lesungen des vierten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

Jer 1, 4–5.17–19;

1 Kor 12, 31–13, 13;

Lk 4, 21–30

Das paulinische Hohelied der Liebe wird gerahmt durch zwei sehr harte Texte über das gewaltsame Geschick des Propheten, nämlich des Propheten Jeremia und Jesu, der nach Lukas der Prophet ist, der in seiner Vaterstadt nichts gilt.

Das Alte Testament und insbesondere das Frühjudentum kennt und verwendet die Figur des missachteten, verfolgten und am Ende getöteten Propheten. Durch das siebte Kapitel der Apostelgeschichte und den ersten Thessalonicherbrief hat sich dieses Bild so verdichtet, dass rundweg alle Propheten verfolgt und getötet wurden, und zwar von ihren jüdischen Volksgenossen. Hier wird dann auch der Tod Jesu eingereiht. Bei Jeremia stoßen wir auf die allerersten Anfänge dieser Auffassung, und nach Lukas ist sie auch Jesus bekannt (ebenso Lk 13, 34f). Die alte Kirche verbindet Jesus hier mit dem Geschick des Sokrates.

Bei näherem Zusehen ist dieses doch eine sehr typische biblische Erfahrung, die in der Überlieferung dann zur Regel geronnen ist: Alle Propheten wurden ermordet. Auch bei Lukas kündigt sich Ähnliches an, und zwar in dem Versuch, Jesus vom Berg herabzustürzen (4, 29). Dieses sind die Merkmale dieser Propheten-Tradition: Der Prophet ist eine einsame, in seinem Volk völlig isolierte Gestalt. Er brandmarkt die Vergehen des Volkes, insbesondere seiner Führung. In seiner Einsamkeit bildet er die Einzigkeit Gottes ab. Er kann und darf mit seiner Botschaft keinen Kompromiss eingehen. Sein Verhalten wird als Verrat empfunden, insbesondere dann, wenn er für Jerusalem mit Unheil droht. Denn das empfindet man als Defätismus. Jesus wird man aufgrund seiner Gerichtsworte gegen die Stadt und den Tempel wegen deren Ungehorsam hier leicht einordnen können. Bei jedem Propheten betreibt dann die Obrigkeit (im Alten Testament: der gottlose König) die Beseitigung des Propheten. Die Anklage gegen ihn lautet jeweils: Missbrauch des Charismas zu politischen Zwecken – der Prophet arbeitet den Feinden Israels in die Hände – und das nennt man „prophezeien gegen die Stadt Jerusalem“.

Und ferner versucht man, dem missliebigen Propheten Gotteslästerung anzuhängen, insbesondere deshalb, weil er angeblich in seiner Vision mehr habe sehen wollen als Moses (Jesaja; Stephanus). Der Prophet wird dann gesteinigt oder offiziell ermordet. Die Konsequenz ist die Bestrafung Israels inklusive der Zerstörung der Stadt Jerusalems, Vertreibung des Volkes unter die Völker. Das Ende der Geschichte ist dann die Wiedereinsammlung des Volkes aus der Diaspora unter den Völkern.

Unbeugsamkeit als Gnade

Da es sich um ein zur Zeit Jesu im Judentum sehr geläufiges Schema handelt, dürften für die Leser des lukanischen Doppelwerkes schon aus dem vierten Kapitel des Lukasevangeliums die vielfältigen Anspielungen an diese Gesamtauffassung unübersehbar gewesen sein. Jeremia sagt zwar noch nichts über das Martyrium des Propheten (das tut dann die Schrift „Rest der Worte Baruchs“ im Frühjudentum), wohl aber über seine unbeugsame Härte, die er Gott verdankt. Im übrigen hat die Gestalt des verfolgten Propheten bis heute das Bild des Widerstandskämpfers in totalitären Systemen, besonders aber deren unüberbietbar hohes Ansehen maßgeblich geprägt. Eine eigene Wirkungsgeschichte hat in dieser Tradition der Satz „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29), der eine direkte Parallele im Prozess des Sokrates hat.

Damit stehen wir bei den Texten von Jeremia und Lukas an einem Eckpfeiler jüdisch-christlicher Geschichtstheologie, deren heutige Bedeutung sich so zusammenfassen lässt: Vor allem Lukas verortet Jesus in der Geschichte der ermordeten Propheten. Dabei ist Jesus für ihn nicht einfach einer der Propheten, sondern als Messias und Sohn Gottes ist er mehr. Trotzdem ist er von dieser Geschichte am ehesten zu begreifen. Denn Jesu Geschick ist mit dem der Propheten teilweise deckungsgleich. So wird sein Tod verständlich. Jesus ist im Lichte dieser Auffassung nicht der Volksheld, den die Massen am liebsten zum König machen würden (so etwa Joh 6, 15). Sondern wie im Lukastext steht Jesus allein und predigt an gegen den geschlossenen Widerstand seines Volkes. Viele Heilige haben im Laufe der Geschichte ihre Nachfolge Jesu so verstanden und sind entsprechend geendet.

Doch dieser Weg ist kein allgemeines Gesetz für jeden Christen. Die christliche Moral ist auch in diesem Falle nicht einfach nach den Regeln des kategorischen Imperativs gebaut. Danach würde das, was man tut, jederzeit auch für jeden anderen Christen allgemeine Norm sein. Nein, der Widerstand des Propheten ist genau das Gegenteil zu einer allgemeinen Regel. Seine Kraft und seine Legitimation beruht auf der persönlichen Berufung. Davon aber spricht Jeremia, und aus diesem Grund gehört zum Leben eines jeden Propheten eine besondere, individuelle Berufung. An der Stelle der „allgemeinen Moral“ steht hier das Geheimnis der Berufung jedes einzelnen Propheten. Nur wo sie vorliegt, ist der widerständige Prophet kein Berufsnörgler. Ob sie vorliegt, kann das Gottesvolk früher oder später regelmäßig an der Übereinstimmung mit Gottes Geboten feststellen, oft erst nach dem Martyrium.

Im Widerstand der Propheten zeigt sich ihre Inspiration. Das gilt besonders dann, wenn sie in dem Prozess, den man ihnen macht, den Herrschern gegenüberstehen. Damit stoßen wir auf ein weiteres wichtiges Element der Prophetentradition. Bei Jeremia ist es die Berufung und die Verheißung, die ihm Gott zuteil werden lässt, bei Jesus ist es der Heilige Geist, bei den frühchristlichen Zeugen gibt ihnen Jesus oder der Heilige Geist ein, was sie vor der Obrigkeit zu sagen haben. Bei Stephanus ist es die Vision des Menschensohnes, über die er im Angesicht seiner Feinde berichtet. Bei Sokrates war es das Daimonion, auf das er sich berief. Die Konfrontation des gerechten Philosophen oder Märtyrers mit der obrigkeitlichen Macht ist damit stets zumindest der Anlass dafür, dass in dem schwachen Opfer die Kraft des unsichtbaren Gottes aufleuchtet und damit die dem irdischen Potentaten überlegene Macht. Aber die Inspiration, die Berufung, die Vision, der Heilige Geist Gottes, alles dieses ist zusammengenommen „ekstatisch“ und wird in diesen auf Konfrontation bedachten Berichten zum ganz speziellen Ort der Offenbarung. Das scheint mir wichtig: Die anfängliche beziehungsweise grundsätzliche Berufung oder Inspiration des Propheten durch den einen und einzigen Gott findet ihren angemessenen Ausdruck im Konflikt mit irdischer Macht. Immer wieder gerät der Monotheismus mit den Mächtigen der Welt in Konflikt (vom Polytheismus wird dieses nicht berichtet). Und das Daimonion des Sokrates könnte man als eigenständigen Proto-Monotheismus (das heißt als eine Vorstufe zum Glauben an den einen Gott) bezeichnen.

Paulus als Kontrastprogramm

Das paulinische Hohelied der Liebe (1 Kor 12, 31–13, 13) scheint auf den ersten Blick eine Art Kontrastprogramm zu den beiden „harten“ Texten Jer 1 und Lk 4 zu sein. Denn die Liebe, die „alles erträgt“ (13, 7 nach Berger-Nord: „Wer liebt, kann alles vergeben und alles ertragen“) scheint dasselbe zu sein wie die neumodische Toleranz, die für alles Verständnis hat, weil ihr alles egal ist. Doch Liebe im Sinne der Bibel ist weder Gefühl noch Sentimentalität, weder Stimmung noch ein alles erdrückender Schmusekurs. Liebe kann im Liebesgebot befohlen werden, weil sie kein subjektives Stimmungsbarometer ist, sondern Treue, Stütze und Förderung bestehender Gemeinschaft, Loyalität im Miteinander. Liebe ist daher eine „kommunitäre“ Tugend, das heißt: Gott „ist“ die Liebe, weil er immer und immer wieder neu gerechte Gemeinschaft segnet. Eine gerechte Gemeinschaft besteht dann, wenn sich keiner an den Rand gedrückt oder hinausgedrängt erfährt. Gerade deshalb folgt im ersten Korintherbrief 1 Kor 13 auf 1 Kor 12 mit dem Bild von der Gemeinde als dem Leib Christi. Denn nach 1 Kor 12 gab es in der Gemeinde von Korinth Menschen, die für sich in der Gemeinde keinen Platz mehr entdecken konnten. Das Geben und Nehmen bestand nicht mehr. Eine Gemeinschaft ist gesund, wenn in ihr wie in einem Orchester jeder eine Rolle spielen kann, sei sie auch noch so gering. Liebe meint die Kraft, dieses Gleichgewicht immer wieder herzustellen. Insofern hängt Liebe auch mit einem recht verstandenen Patriotismus zusammen. Denn die Liebe von 1 Kor 13 bezieht sich erkennbar nicht auf Zweier-Freundschaften, sondern auf die patriotische Liebe zur Gemeinde, zur Kirche im Ganzen. Die in der Praxis übliche Auslegung der Stelle 1 Kor 13 auf das Zweier-Bündnis Ehe übersieht häufig auch, dass die Ehe nie nur Zweier-Bündnis ist, sondern Abbild der Kirche. Das heißt: Dass sie als Bündnis geliebt werden, patriotisch verteidigt werden will. Diese Auffassung von Liebe als Kraft zur Gerechtigkeit im eigenen Volk haben aber die Propheten immer gelehrt. 1 Kor 13 ist daher als Predigt von der Liebe kein Gegensatz zu dem harten Prophetenbild von Jeremia und Lukas, sondern beschreibt genau die inhaltliche Füllung der prophetischen Botschaft. Klaus Berger