Sonntagslesung: Der verletzliche Gott fordert uns heraus

Zu den Lesungen des Palmsonntags 2010 (Lesejahr C)

Jes 50, 4–7

Phil 2, 6–11

Lk 22, 14–23, 56

Schon lange nicht mehr wurde katholischen Christen die Wirklichkeit so förmlich um die Ohren gehauen wie in dieser Fastenzeit. Die Lukaspassion passt gut dazu. Kein anderes Evangelium hebt so klar hervor, was Sünde und was Leiden ist. Denn keine Schattierung im Umgang mit dem realen Bösen bleibt uns erspart. Oft kann man nur noch weinen oder schreien, und nur selten gibt es Trost. Auch der Evangelist Lukas schildert alle Variationen und auch Mischungen, über Unschuld und Zwielichtigkeit bis zum Verbrechen und Justizmord. Denn zum Beispiel die mit Jesus gekreuzigten Schächer waren Gewaltverbrecher, Terroristen und wohl sicher Mörder. Die mittelalterlichen Menschen haben gerade deswegen in der Szene zwischen Jesus und dem gerechten Schächer stets Trost gefunden: „Der du den Gewalttäter erhörtest, auch mir hast du Hoffnung gegeben.“ Noch die griechisch-orthodoxe Trauungsliturgie hat keine Hemmung, die Braut mit der reuigen Hure aus dem 7. Kapitel des Lukasevangeliums und den Bräutigam mit dem Schächer aus dem 23. Kapitel des Lukasevangeliums zu vergleichen.

Es ist verwirrend: Kaum einer ist ganz unschuldig, kaum einer ganz schuldig. Keiner ist nur Täter, wenige sind nur Opfer. Die Täter, von denen jetzt die Rede war, sind zum Teil unheilbar krank. Über die Heilbarkeit hat man bis vor kurzem Illusionen gehegt. Die kirchlichen Oberen waren oft von der Heilbarkeit überzeugt und wollten regelmäßig durch Schweigen Täter und Opfer nur schützen. Doch aus der Stärke konnte leicht Schwäche werden. Wer will da ständig urteilen? Wie leicht kann Tun und Lassen in eine neue Qualität förmlich abrutschen. Und weiter: Neben echter Empörung steht auch tiefer Hass, der jeden Anlass gerne nutzt. Und Heuchler gibt es quer durch das ganze Beet. Auch unter den Opfern gibt es solche, die ihre Verletzungen benutzen, um alte Rechnungen aufzumachen. Es wäre auch sehr merkwürdig, wenn es anders wäre. Denn schwarz und weiß gibt es nur in der Theorie, die Wirklichkeit ist zumeist grau und grausam.

Menschliche Tragödien, die nur Gott kennt

Gäbe es Gott nicht, man müsste ihn an dieser Stelle erfinden. So ist Klarheit über Unrecht wünschenswert, aber das ist nicht identisch mit der Klarheit über Menschen. Deshalb hängt in jedem Gerichtssaal – hoffentlich bis auf weiteres – das Kreuz. Denn für alle, die Unrecht getan haben oder die es erlitten, für alle, die an beidem mehr oder weniger Anteil haben, für die Verletzten und die Kranken gilt: Die Menschheit leidet vor allem. Auch das Ausgeliefertsein an perverse Lust ist doch nicht wirklich lustig, sondern ein Leben wie in einer Gummizelle. Hinter jedem, über den man sagt: „Aufklären und Wegsperren“ steht auch jeweils eine menschliche Tragödie. Das weiß nur Gott. So ist die Kirche die Kirche der Sünder und zugleich wie ein riesiges Krankenhaus aus den Zeiten vor der Einführung von Betäubungsmitteln. Die holländischen Maler im Herbst des Mittelalters konnten sehr präzise Elend und Perversion, verzweifelte Scham und grenzenlose Peinigung darstellen, alles zugleich. Gummizelle ist auch, wenn am Ende der Kontakt zu Menschen verboten wird. Und Lukas berichtet von Jesu Schweiß, der wie Blut war.

Die Antwort auf das alles ist das Kreuz. Denn das Kreuz lässt erkennen, was wir so anrichten, wenn wir Unschuldige quälen. Jesus ist das Opfer schlechthin. Täter und Opfer können sich je nach dem Maß, in dem einer daran Anteil hat, hier wiedererkennen. Gott ist dort, wo beides aufeinanderstößt. Wie groß auch immer Sünde und Schmach, Verletzung und Verbrechen sein mögen, Gott ist den armen Menschen nicht fern. Daher hat man gerade im Blick auf die Passion Lukas den Evangelisten der Armen in diesem umfassenden Sinn genannt. So sind Offenbarung der Schuld, Vergebung und Heilung einander angenähert.

Was aber soll der Blick auf das Kreuz ändern? Dass wir nicht fortfahren, das, weiter fortschreitend zu zerstören, was schon beschädigt ist. Damit nicht den Menschen auch noch das Kreuz genommen wird. Man darf in dieser Lage nicht die Menschen auch noch ohne Gott im Regen stehen lassen. Denn das erniedrigt die Menschen ein zweites Mal. Die von vielen jetzt direkt oder indirekt angekündigte Abschaffung des Christentums in Deutschland ist nur der zweite Akt, die gesteigerte Fortsetzung des Bösen und noch schlimmer als der erste Akt. Denn die Sehnsucht des Kleinbürgers bezieht sich vor allem darauf zu ermitteln, wer der Bösewicht ist. In Mekka wird jedes Jahr der Teufel gesteinigt in einem Akt kollektiver Aggression, bei dem eben wegen dieses Charakters oft Menschen totgetrampelt werden. Der neutestamentliche Judasbrief mahnt dazu, genau so etwas nicht zu tun. Nicht weil der Teufel nicht böse wäre, sondern weil das Böse nicht durch Steinigung, und wäre es selbst die des Teufels, aus der Welt geschafft wird.

Denn dort, wo Scham und Schande, Grausamkeit und apokalyptische Selbstentlarvung des Bösen so nahe beieinander liegen, dort ist Gott ganz nahe. In diesem riesigen Krankensaal namens Kirche ist er der einzige Arzt. Aber wie kommt es zu dieser christlichen Nähe von Gott und Leiden? Eine Brücke zum Verständnis ist die im Rahmen von „Sendung“ gebräuchliche Formel der „stellvertretenden Affiziertheit“ nach dem Schema „Wer euch hört, der hört mich, und wer mich hört, der hört den Vater“. Das gilt nun nicht nur von oben nach unten, für die Bewegung von Gott zu den Menschen, es gilt auch rückwärts: Wer euch verletzt, der verletzt mich, und wer mich verletzt, der verletzt den himmlischen Vater. Denn ein Gott, der so sendet, dass eine Kette zu ihm hin entsteht, der kann durch diese Kette ebenfalls berührt und getroffen werden. Denn wer Jesu Liebe zu den Menschen verletzt, der verletzt damit auch die Liebe des Vaters, der Jesus gesandt hat. Wer sendet (Gott), setzt sich auch von sich aus dem Widerstand gegen den Gesandten (Jesus) aus.

Im Leiden Jesu verschwindet seine Gottheit nicht

Und dadurch, dass Jesus einen für Schmerz empfindlichen menschlichen Leib hat, schlägt alles das, was Jesus als Mensch physisch leidet, „verwandelt“ auf Gott durch. Gott hat die Welt nach christlicher Anschauung in geradezu unvernünftiger Intensität geliebt, wie kann er da von dem verschont bleiben, das jeder Liebende über kurz oder lang erfährt? Und es ist nicht zu vermuten, dass der durch Jesus „vermittelte“ Schmerz wegen dieser Vermittlung geringer ist. Wenn Jesus leidet, ist seine Gottheit verborgen, aber sie ist nicht verschwunden. Wenn Jesus malträtiert wird, zieht sich sein Gottsein gewissermaßen in den äußersten Winkel seines Leibes, seiner Existenz zurück, um nachher wieder neu zu erblühen.

Im Leiden Jesu wird Gottes Herz verletzt. Gott hat sich in ihm berührbar und verletzbar gemacht. So etwas geschieht aus Liebe. Es ist der Preis, den Gott dafür bezahlt, dass er so nahe bei den Menschen ist. Die Hoffnung der frühen Predigt: Vielleicht bewegt wenigstens Gottes Schmerz das harte Herz der Menschen. So wie man in der Weisheitsliteratur sagte: Bevor du Unrecht tust, denke an die Schmerzen deiner Mutter. So ist es hier: Denke an die Schmerzen Gottes.

Die sozialen Konsequenzen zieht das Christentum spätestens im 13. Jahrhundert. Nicht zuletzt als Antwort auf die Begegnung mit dem Islam entwickeln christliche Fromme die Vorstellung des Mitleidens. Weil Gott mit den Menschen mitleidet, besteht die wahre Gemeinschaft mit Gott darin, dass auch der Mensch mit Gottes Sohn mitleidet. Damit ist die christliche Konzeption des Mitleidens geboren. Vorher gab es das Erbarmen, in der Richtung von oben nach unten – oder die Nächstenliebe als Form von Gerechtigkeit. Jetzt aber (und zwar erst ab 13. Jahrhundert) gibt es das seelische Mitleiden. In dem großartigen christlichen Hymnus „Stabat mater“ („Christi Mutter stand mit Schmerzen“) will der Christ vom Leiden des Gottessohnes ergriffen werden. Die Folge ist die Stiftung zahlreicher Hospize. In ihnen begegnet man dem Kranken als dem Herrn selbst. Weil Leiden göttlich geadelt ist, ist Mitleiden der Weg zu Gott geworden. Erst im seelisch-empathischen Mitleiden gewinnt das Christentum jene Gestalt, die Krankenfürsorge als Gottesdienst betrachtet. Und die politische Folge liegt darin: Christus nachzufolgen bedeutet wesentlich und unter allen Umständen Gewaltverzicht aus Leidensbereitschaft.

Klaus Berger