Sonntagslesung Das Reich Gottes ist nahe Jona 3, 1–5.10; 1 Korinther 7, 29–31; Markus 1, 14–20 Zu den Lesungen des dritten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B):

Das Reich Gottes ist nahe Jona 3, 1–5.10; 1 Korinther 7, 29–31; Markus 1, 14–20 Zu den Lesungen des dritten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Harm Klueting

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :

Der Evangelientext besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil ist von der Erfüllung der Zeit die Rede, von Umkehr und vom Reich Gottes. Im zweiten Teil hören wir die Geschichte von den ersten Jüngerberufungen, von der Berufung des Simon, des Andreas, des Jakobus und des Johannes. Und es ist die Rede davon, dass Johannes der Täufer ins Gefängnis gekommen ist. Wir wissen, dass Johannes der Täufer im Gefängnis des Königs Herodes getötet wurde (Markus 6, 24–29; Matthäus 14, 8–12). Vielleicht fürchtete der Mensch Jesus ähnliches für sich. „Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See“ – am See Genezaret – „liegt“ (Matthäus 4, 13). Seine Zeit – die Zeit, dass er sterben soll am Kreuz – ist ja noch nicht gekommen. In unserem Abschnitt aus dem Markusevangelium heißt es einfach: „Jesus ging wieder nach Galiläa“. Zwar liegt auch Nazaret in Galiläa, aber nicht am See und in einer anderen Gegend dieses Landes. Dieser Teil Galiläas wird zur Wirkungsstätte Jesu. „Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden“ (Matthäus 4, 23).

Seine Zeit ist noch nicht gekommen. Aber: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ Das Reich Gottes ist mit seinem Kommen angebrochen. Er – Jesus Christus, „das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat“ (Johannes 1, 14) – ist das Reich Gottes. Und deshalb ruft Jesus zur Umkehr: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“. Markus überliefert hier für Jesus dasselbe Wort, das auch von Johannes dem Täufer berichtet wird. Auch der rief seinen Zuhörern zu: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Matthäus 3, 2). In anderen Bibelübersetzungen steht an beiden Stellen: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“.

Buße ist nicht Strafe für irgendetwas. Das könnte man annehmen angesichts des „Bußgeldkataloges“ der Verkehrsbehörden, in dem steht, was uns erwartet, wenn wir mit dem Auto schneller als erlaubt fahren, länger als erlaubt parken, rote Ampeln nicht beachten et cetera. Nein! Buße in der Bibel – Buße in unserem Verhältnis zu Gott – ist etwas anderes.

Buße heißt Umkehr. Strafe kommt erst, wenn die Buße ausbleibt; Buße – Umkehr – führt zu Versöhnung oder zur Vergebung. Das zeigt das Buch Jona, eines der zwölf Kleinen Propheten neben Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel, das unter den Prophetenbüchern des Alten Testaments eine Sonderstellung einnimmt, weil es keine Sammlung der Worte eines Propheten, sondern eine Erzählung über den Propheten Jona ist.

Ein Prophet Jona lebte – das weiß man aus 2 Könige 14, 25 – im 8. Jahrhundert v. Chr. zur Zeit des Königs Jerobeam II. von Israel, doch wurde das Buch erst Jahrhunderte später und ohne Bezug auf diese Zeit verfasst.

Unser Jona erhält von Gott den Auftrag, den Bewohnern von Ninive, einer großen – „groß (sogar) vor Gott“ –, 612 v. Chr. zerstörten Stadt am linken Tigrisufer gegenüber dem heutigen Mossul im Irak, den Zorn Gottes und die Strafe der Zerstörung binnen vierzig Tagen anzudrohen. Doch die Leute von Ninive taten Buße. „Und Gott sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.“ Das Bußsakrament ist kein Sakrament der Bestrafung, sondern ein Sakrament der Vergebung, die es dann gibt, wenn wir in Reue unsere Sünden bekennen. Wenn wir umkehren von einem Weg, der in die Gottesferne führt, auf den Weg, der zu Gott führt.

Und dann hat unser Evangelientext ja noch den anderen – den scheinbar anderen – Teil. Jesus wandert am See entlang. Er trifft auf zwei Fischer, die am Ufer ihrer Arbeit nachgehen, zwei Brüder: Simon, der später Petrus heißen wird, und Andreas. Er fordert sie auf: „Kommt her, folgt mir nach“. Und sie kommen und folgen ihm nach. Und dann begegnet er zwei anderen Brüdern, auch sie Fischer, Jakobus und Johannes. Auch sie ruft er. „Und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.“ Diese Fischer treten in die Nachfolge Jesu. Sie verlassen ihren bisherigen Lebensweg – tun Buße, wenn wir Buße richtig verstehen – und werden Jünger Jesu Christi – bei allen Schwächen, die sie als sündige Menschen auch weiterhin haben.

Petrus – der große Petrus, an den niemand von uns heranreicht – verleugnet Jesus dreimal, bis der Hahn kräht. Aber dann kehrt er um – dann bereut er –, und dann „ging er hinaus und weinte bitterlich“. Diese vier Jünger sind übrigens gar nicht die armen Fischer, als die man sie gern versteht; nach dem Zeugnis des Markus – Matthäus 4, 22 und Lukas 5, 11 wissen davon nichts, während Johannes 1, 37.40–51 die Jüngerberufung ganz anders berichtet – beschäftigen sie Tagelöhner, griechisch „misthotoi“, oder Lohnarbeiter, sind offensichtlich Eigner ihrer Schiffe und also Kleinunternehmer des Fischereigewerbes, wie Petrus und Andreas – nach Matthäus 8, 14 und Lukas 4, 38 nur Petrus – in Kafarnaum ja auch ein Haus besitzen (Markus 1, 29).

„Kehrt um“ – „Tut Buße“ –, „denn das Himmelreich ist nahe.“ Buße ist nichts, vor dem wir Angst haben müssen. Jesus droht uns nicht mit Buße – wie der Bußgeldkatalog oder das Strafgesetzbuch –; Jesus lädt uns ein zur Buße, er lädt uns ein zur Umkehr. Diese Umkehr vollziehen die vier Jünger, indem sie ihren bisherigen Lebensweg verlassen und dem nachfolgen, von dem nach dem Zeugnis des Johannes, also wohl einem dieser vier, Philippus sprach: „Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazaret, den Sohn Josefs“ (Johannes 1, 45), auch wenn sie, wieder nach Johannes, nach dem Tod Jesu am Kreuz zum Fischereigewerbe zurückkehren (Johannes 21, 3).

Aber dabei bleibt es nicht. Denn nun begegnet ihnen der Auferstandene. Aber „keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war“ – griechisch: „eidotes hoti ho kyrios estin“ (Johannes 21, 12). Andreas war sich schon bei der Jüngerberufung in unserem Evangelienabschnitt ganz sicher: „Wir haben den Messias gefunden“ – griechisch: „heurekamen ton Messian“ –, was Johannes erläutert, indem er schreibt: „Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus)“ (Johannes 1, 41). Dabei bedeutet das griechische „heurisko“ oder deutsch „finden“ hier ein zufälliges Finden von etwas, was man nicht gesucht hat: der überwältigende Einbruch des Unerwarteten, das Reich Gottes.

Papst Benedikt XVI. schreibt dazu: „Der zentrale Inhalt des ,Evangeliums‘ lautet: Das Reich Gottes ist nahe. Es wird eine Markierung in der Zeit gesetzt, Neues geschieht. Und es wird eine Antwort der Menschen auf dieses Geschenk verlangt: Bekehrung und Glaube. Das Zentrum dieser Ansage ist die Botschaft vom Nahesein von Gottes Reich. Diese Ankündigung bildet tatsächlich die Mitte von Jesu Wort und Wirken.“

Und weiter mit einem Theologen der Kirche der Antike, Origenes: „Jesus selbst ist das ,Reich‘; das Reich ist nicht eine Sache, nicht ein Herrschaftsraum wie weltliche Reiche. Es ist Person: Er ist es“ – „Denn sie wussten, dass es der Herr war.“ Aber was heißt das, Jesus selbst ist das Reich? Dazu wieder der emeritierte Heilige Vater: „Gott gibt es. Und: Gott ist wirklich Gott, das heißt er hält die Fäden der Welt in Händen.“ Und schließlich: „Darum ist jetzt erfüllte Zeit.“ Hingegen die weltlichen Reiche … auf sie lässt sich das Pauluswort an die Korinther beziehen: „Die Zeit ist kurz. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“