„ Sie verkörperte den Frieden“

Eine Ausstellung und eine Konferenz am Sitz der Vereinten Nationen in New York würdigen Mutter Teresa. Von Andreas Thonhauser

Mit ihrer Arbeit für die Armen wird sie wohl von den meisten assoziiert. Aber Mutter Teresa hatte durchaus auch eine politische Seite. Fernab jeglicher Tages- oder Parteipolitik nutzte sie ihre offiziellen Auftritte und Ansprachen gezielt, um ihre Botschaft einer breiten internationalen Öffentlichkeit zu vermitteln. Diese Botschaft war weder politisch korrekt noch angepasst. Vor allem, weil sie sich stark um die Themen Familie und Schutz des Lebens drehte. Berühmt wurde in diesem Zusammenhang eine Aussage Mutter Teresas, die sie in einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1985 formulierte: Abtreibung sei „der größte Zerstörer des Friedens“.

Dieser Dimension der neuen Heiligen widmet sich nun eine Ausstellung und eine Konferenz am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York. Auf insgesamt zwölf Paneelen wird in der Woche nach der Heiligsprechung an Mutter Teresas Botschaft für die internationale Gemeinschaft erinnert. „Mutter Teresa von Kalkutta verkörperte wie kaum ein anderer ihrer Zeitgenossen die Idee und Vision der Vereinten Nationen, in der Welt für Frieden und Sicherheit zu arbeiten“, erklärt Roger Landry. Der Priester ist ein Mitarbeiter von Erzbischof Bernadito Auza, der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls für die Vereinten Nationen, und zeichnet für die Organisation der Ausstellung und Konferenz verantwortlich. Damit spielt er auf eine Aussage des damaligen UN-Generalsekretärs Pérez de Cuéllar vor Mutter Teresas Rede vor der UN-Generalversammlung an: Mehr als er selbst, mehr als alle Anwesenden, sei Mutter Teresa die UN, sie sei der Friede in dieser Welt.

Ihre damalige Rede sorgte für Aufsehen, Mutter Teresa nahm kein Blatt vor den Mund. Sie begann mit einem Gebet für den Frieden und forderte alle Anwesenden auf, mitzubeten. Danach predigte sie über die Liebe, die Gott durch Christus in die Welt brachte, erinnerte die Zuhörer daran, dass sie alle Brüder und Schwestern sind und dass echter Friede in den Familien beginne: „Wir alle sehnen uns nach Frieden. Und dennoch fürchten wir uns vor den Nuklearwaffen, wir fürchten uns vor dieser neuen Krankheit (HIV/Aids, Anm. d. Red.). Aber wir fürchten uns nicht davor, ein unschuldiges Kind zu töten, dieses kleine, ungeborene Kind, das aus demselben Grund erschaffen wurde: Gott zu lieben und Sie und mich zu lieben.“

Mutter Teresas Erbe soll verteidigt werden

Die Ausstellung mit dem Titel „Leaving No One Behind“ versuche einerseits, diese klare Botschaft wiederzugeben, andererseits aber auch die Art und Weise zu porträtieren, mit wie viel persönlicher Herzlichkeit Mutter Teresa sie zu vermitteln wusste, erklärt Alan Sears, Gründer und Präsident von „ADF International“. Die Organisation von Rechtsanwälten, die sich weltweit für Religionsfreiheit, Lebensschutz und Familie einsetzt, ermöglichte die Ausstellung und Konferenz. „Wir arbeiten mit und für die Vertreter, die ihre Länder bei der UN repräsentieren, und bemühen uns, für das Leben und die Familie einzutreten. In gewisser Weise versuchen wir Mutter Teresas Erbe mit unserer Arbeit an den Vereinten Nationen zu verteidigen“, so Sears.

Das sei nicht immer einfach. Es gebe großes Interesse bei verschiedenen Lobbygruppen, den Lebensschutz oder die christliche Familie als ewig gestrig abzustempeln. Dabei habe die christliche Vision einer Liebe, die im Kleinen, im engsten Familienkreis beginnt und dann Kreise zieht, gerade heute höchste Relevanz. „Mutter Teresa entschied sich, eine Missionarin der Nächstenliebe zu werden und den Frieden durch eine neue Kultur der Liebe in diese Welt zu bringen. Eine, in der jeder Mensch willkommen ist, verteidigt und geliebt wird – das versuchen wir in dieser Ausstellung zu vermitteln. Ihr Beispiel ist beeindruckend“, erklärt Sears, der gemeinsam mit Erzbischof Auza die Ausstellung am 8. September der Öffentlichkeit vorstellen wird. Im Rahmen ihrer Heiligsprechung möchten der Heilige Stuhl und ADF International ihr Leben und ihre Aussagen auch den UN-Vertretern in Erinnerung rufen. Ihre Botschaft sei ebenso inspirierend wie provokant.

Ausstellung und Konferenz porträtieren Mutter Teresa als Friedensstifterin, die einer Welt aus Gewalt und Missbrauch ihre Hingabe und Liebe für die Armen und Ausgegrenzten entgegensetzte. Sie spricht aber auch die Kritik an, die an dem „Engel der Armen“ mitunter geübt wurde. So warf man ihr einmal vor, die Armen zwar zu füttern, ihnen aber keine Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und sich nicht um die systemischen Probleme Indiens zu kümmern. Mutter Teresa würde ihnen zwar den Fisch zu essen geben, sie aber nicht lehren, selbst zu fischen. Die Ausstellung zitiert ihre prompte Antwort auf diese Kritik: „Die Menschen, denen ich diene, sind hilflos. Sie können nicht stehen, können keine Angelrute halten. Ich werde sie füttern und dann zu euch schicken, damit ihr sie lehren könnt zu fischen.“

Auch die Ärmsten New Yorks sind eingeladen

Zur Konferenz am 9. September sind neben UN-Botschaftern und -Delegaten auch die „Missionarinnen der Nächstenliebe“, Mutter Teresas Schwesternorden, eingeladen. Sie kümmern sich um die Ärmsten der Armen im New Yorker Stadtteil Bronx. Zur Konferenz und dem anschließenden Empfang nehmen sie knapp hundert ihrer „Schäfchen“ mit. „Ich glaube, Mutter Teresa hätte es auch so gewollt“, zeigt sich Father Landry zuversichtlich. Sie habe nie Wert auf teures Essen oder noble Empfänge gelegt, sondern immer um Unterstützung für ihre Armen gebeten. Nun lade man nicht nur internationale Würdenträger, sondern eben auch die Ärmsten New Yorks ein.

Neben Erzbischof Auza und Alan Sears stehen drei ehemals enge Vertraute Mutter Teresas als Redner auf dem Programm: Father Daniel Jones wird sich auf ihre Rolle als Friedensstifterin konzentrieren und ihre Botschaft für die Welt der Diplomatie und internationalen Politik beleuchten. Der Professor des „Sacred Heart“-Seminars in Detroit und langjähriger Exerzitienleiter für die Missionarinnen der Nächstenliebe arbeitete auch zu Beginn des Heiligsprechungsprozess mit. Kathryn Spink ist Mutter Teresas Biografin. Sie wird sich in ihrem Vortrag mit dem Wunsch der Heiligen beschäftigen, allen Menschen die Liebe Christi zu bringen, besonders den Ausgegrenzten und Schwachen. Schließlich wird Monsignore Leo Maasburg über Mutter Teresas Philosophie der Mission der Nächstenliebe sprechen und einige Anekdoten aus seinem in 22 Sprachen verbreiteten Buch über ihr inspirierendes Leben mit den 300 erwarteten Gästen teilen.

„Ausstellung und Konferenz ermöglichen uns, die wichtigsten UN-Themen aus einer zutiefst christlichen und menschlichen Sicht anzusprechen: Friede, Armut, Würde und Menschenrechte“, so Father Landry: „Als Papst Franziskus die UN im vergangenen Jahr besuchte, mahnte er Taten statt Worte ein. Mutter Teresas Leben und Wirken ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel.“ Oder wie es der ehemalige UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar im Jahr 1985 unmittelbar vor Mutter Teresas Rede formulierte: „Dies ist eine Halle der Worte. Nun haben wir das Privileg, die mächtigste Frau der Welt bei uns zu haben. Sie will keine Worte. Sie will Taten.“