„Seid Mütter, keine alten Jungfern“

Vor achthundert Nonnen ruft Papst Franziskus die Orden zum „Fühlen mit der Kirche“ auf. Von Guido Horst

In Rom tagte die Vollversammlung der Internationalen Union der Generaloberinnen (UISG). Foto: ArchivKNA
In Rom tagte die Vollversammlung der Internationalen Union der Generaloberinnen (UISG). Foto: ArchivKNA

Rom (DT) Zum ersten Mal hat Papst Franziskus eine größere Gruppe von Ordensfrauen empfangen – genau in dem Augenblick, in dem der Vatikan durch den Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, bestätigt hat, dass der Dachverband der Ordensoberinnen der Vereinigten Staaten (LCWR) wegen doktrineller und disziplinärer Unklarheiten unter der kommissarischen Leitung eines von Rom berufenen Erzbischofs bleibt. Die Zusammenkunft des Papstes mit achthundert Nonnen, die in Rom die 19. Vollversammlung der Internationalen Union der Generaloberinnen (UISG) abhielten, wurde deshalb mit einer gewissen Aufmerksamkeit verfolgt. Franziskus sprach zu den Nonnen am Mittwochmorgen, noch vor der Generalaudienz, und stellte wie immer drei Gedanken in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Anwesend war auch der brasilianische Kardinal Joao Braz de Aviz, der seit Anfang 2011 die Kongregation für die Institute geweihten Lebens und die Gesellschaften apostolischen Lebens leitet.

Braz de Aviz hatte am vergangenen Sonntag vor der römischen Vollversammlung der Union der Ordensoberinnen die Art der Zusammenarbeit zwischen seinem Dikasterium und der Glaubenskongregation beklagt und eine mangelnde Kommunikation bedauert. Der Präfekt kritisierte, dass er in der Angelegenheit des Dachverbands der amerikanischen Ordensfrauen nicht konsultiert worden sei. In einer offiziellen Mitteilung vom vergangenen Dienstag stellte dann das vatikanische Presseamt klar, dass die Untersuchungen in diesem Fall in erster Linie mit dem Glauben der Kirche und dessen Folgen für das Gott geweihte Leben zu tun hätten – womit klar war, dass die Glaubenskongregation in dieser Angelegenheit zuständig ist. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass die Präfekten der beiden Kongregationen „entsprechend ihrer spezifischen Verantwortung“ eng miteinander zusammenarbeiten und sich bereits am Montag ausgesprochen hätten.

Der Papst hob jetzt bei seiner Ansprache vor den Ordensoberinnen zunächst die zentrale Bedeutung Jesu Christi für das Ordensleben hervor. „Ihr seid berufen, eure Existenz im gottgeweihten Leben auf Christus und das Evangelium hin auszurichten, auf den Willen Gottes, und Euer Leben ganz nach den Worten des heiligen Paulus zu gestalten: ,Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir‘.“ Diese Christus-Zentriertheit sei ein „Exodus“, weg vom eigenen Ich, hin zur Anbetung Gottes und des Dienstes am Nächsten. Anbeten und Dienen seien nicht voneinander trennbar und bildeten die Grundlage des Ordenslebens. Diese zwei Aspekte gründeten sich auf die drei zentralen Gelübde des Ordenslebens: Gehorsam, Armut und Keuschheit. Gehorsam sei das Hören auf de Willen Gottes. Die Armut ist für Franziskus „Überwindung von allem Egoismus in der Logik des Evangeliums, das lehrt, auf die Vorsehung Gottes zu vertrauen“. Als solche sei die Armut ein Hinweis für die ganze Kirche, „dass nicht wir es sind, die das Reich Gottes aufbauen, dass es nicht die menschlichen Mittel sind, die es wachsen lassen, sondern vor allem die Kraft und die Gnade des Herrn, der durch unsere Schwachheit wirkt“. „Eine theoretische Armut nützt nichts“, so Franziskus. Armut lerne man, indem man „das Fleisch des armen Christus berührt, in den Armen, in den Kranken, in den Kindern“.

Die Keuschheit um des Himmelreiches willen zeige, so der Papst weiter, dass die Affektivität ihren Platz in der reifen Freiheit habe und Zeichen für die künftige Welt werde, „um immer den Primat Gottes aufleuchten zu lassen“. Der Papst fügte hinzu: „Aber bitte auf fruchtbare Weise!“ Die Ordensfrau „ist Mutter, sie muss Mutter sein und keine ,alte Jungfer‘! Entschuldigt mich, wenn ich so spreche, aber diese Mutterschaft, diese Fruchtbarkeit des geweihten Lebens ist wichtig!“.

In einem zweiten Gedanken warnte der Papst vor dem „Karrierismus“. Man dürfe nicht vergessen, dass die wahre Macht im Dienst liege, wie Christus mit seiner am Kreuz erfüllten Mission bewiesen habe. Der Schaden sei unvorstellbar, den diejenigen der Kirche zufügten, die das Volk Gottes „ausnutzten“, dem sie eigentlich dienen sollten, um ihre eigenen Ambitionen und Interessen zu verfolgen. „Ihr wisst, dass die Autorität, die ihr ausüben solltet, darin besteht, zu begleiten, zu verstehen, zu helfen und zu lieben: alle Menschen zu umarmen. Halten wir unseren Blick auf Christus am Kreuz gerichtet, von ihm her strömt die Autorität der Kirche, in seiner vollkommenen Hingabe seiner selbst an die Menschen.“

Drittens ging Franziskus auf die „Kirchlichkeit“ als grundlegende Dimension des geweihten Lebens ein, der „Dimension, die das Leben in der Tiefe begründet“. Die Ordensberufung sei ein grundlegendes Charisma auf dem Weg der Kirche; niemand sei Gott geweiht, der nicht auch mit der Kirche „fühle“. Dieses Fühlen sei durch die Taufe geboren und drücke sich im kindlichen Gehorsam zum kirchlichen Lehramt aus, in der Einheit mit der Mission der Hirten der Kirche und dem Nachfolger Petri, dem Papst, der das sichtbare Zeichen der Einheit der Kirche sei. Für Franziskus ist es unmöglich, „dass eine Ordensfrau und ein Ordensmann nicht mit der Kirche ,fühlen‘“. Verkündigung und Zeugnis seien nie Einzel- oder Gruppenhandlungen. Erneut erinnerte der Papst an ein Wort seines Vorgängers Pauls VI., der von der „Absurdität des Auseinanderreißens“ gesprochen hatte, ohne die Kirche mit Jesus leben zu wollen, Jesus außerhalb der Kirche nachfolgen und Jesus ohne die Kirche lieben zu wollen. „Seid freudig“, sagte der Papst abschließend, „denn es ist schön, Jesus nachzufolgen, es ist schön, lebendige Ikonen der Gottesmutter und unserer Heiligen hierarchischen Mutter Kirche zu werden.“