Schwierige Mission für Benedikt XVI.

Mit Tschechien besucht der Papst ein stark entchristlichtes Land – Glaubensschwund bestimmt gesellschaftliches Klima

Zwanzig Jahre nach der Samtenen Revolution besucht Papst Benedikt XVI. die Tschechische Republik – vieles hat sich seitdem verändert, die angestrebte Neuevangelisierung ist aber ausgeblieben.

Die Aufstiegschancen für junge Menschen könnten in der Tschechischen Republik nicht besser sein. Ob in Firmen, Banken oder im Staatsdienst – wer jung und motiviert ist, kann es in dem mitteleuropäischen Land mit zehn Millionen Einwohner schnell zu etwas bringen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Junge Tschechen haben Auslandserfahrungen im Westen, sind bestens ausgebildet, beherrschen auch andere Fremdsprachen als Russisch und haben keine kommunistische Vergangenheit. Zwanzig Jahre sind seit dem europäischen Schicksalsjahr 1989 vergangen, die vierzig Jahre der kommunistischen Diktatur sind in der tschechischen Gesellschaft zwar immer noch präsent, rücken aber jedes Jahr ein weiteres Stückchen in die Vergangenheit. Und so werden mehr und mehr Schnittstellen der tschechischen Gesellschaft mit jungen Menschen besetzt, die den Kommunismus nur noch aus der Schule oder den Anfängen ihres Studiums kennen. Wenn Sie allerdings nach ihrer religiösen Zugehörigkeit gefragt werden, erntet man mitunter fragende Blicke. „To je mi jedno – das ist mir egal“, ist dann die häufigste Antwort.

Die katholische Kirche in Tschechien hat mit dem Dilemma zu kämpfen, dass sie seit der Wende in manchen Landesteilen überhaupt nicht mehr beachtet wird. Das schlägt sich dann auch in der Gesellschaft nieder. Mit der Freiheit und den neuen hedonistischen Möglichkeiten hat sich die Werteskala verschoben. Viele Tschechen zählen Reichtum und beruflichen Erfolg zu den zentralen Lebenszielen. Laut einer Studie im Auftrag der tschechischen Tageszeitung „Mlada Fronta Dnes“ sind die Tschechen eines der untreusten Völker Europas – christliche Werte spielen im Land nur eine untergeordnete Rolle.

Die Situation der katholischen Kirche ist ambivalent. Während in den fünf böhmischen Diözesen Prag, Leitmeritz, Königgrätz, Budweis und dem 1993 neu gegründeten Bistum Pilsen die Katholiken ein Schattendasein führen, durchdringt die Kirche im östlichen Mähren noch weite Teile der Gesellschaft. Hier kann der Katholizismus ähnlich wie in der Slowakei und Polen auf eine lange Tradition zurückgreifen, die auch während der kommunistischen Diktatur nicht zerstört werden konnte. Hier hat die christdemokratische Partei KDU-ÈSL einen großen Teil ihrer Stammwählerschaft. Sieben oder acht Neupriester sind in den Bistümern Olmütz, Brünn und Ostrau-Troppau dann auch keine Seltenheit. Für das Bistum Pilsen ist hingegen nur ein Student im Prager Priesterseminar. Laut offiziellen Statistiken gehören etwa 30 Prozent der Tschechen der katholischen Kirche an, ein paar weitere Prozent rechnen sich anderen Glaubensgemeinschaften zu. Kirchenkreise sprechen aber davon, dass nur etwa fünf Prozent ihren katholischen Glauben aktiv praktizieren. Bedenkt man, dass in Mähren die Sonntagsgottesdienste teilweise überfüllt sind, kann man sich gut vorstellen, wie es im böhmischen Landesteil ausschaut. Hier werden Pfarreien auch in großen Städten teilweise nur von einer Hand voll katholischer Familien getragen.

Insofern war es eine kluge Entscheidung der tschechischen Bischofskonferenz, den großen Sonntagsgottesdienst ins mährische Brünn zu verlegen. Auf dem dortigen Flughafen im Stadtteil Tuøany werden am 27. September bis zu 150 000 Gläubige erwartet. Viele werden auch aus dem benachbarten Polen und der Slowakei kommen. Im böhmischen Landesteil wird Benedikt XVI. neben Prag auch den Wallfahrtsort Altbunzlau (Stara Boleslav) besuchen. Hier wurde der Überlieferung nach im Jahre 929 der tschechische Nationalheilige Wenzel im Auftrag seines Bruders Boleslav ermordet. Seitdem gilt er als Symbol der tschechischen Staatlichkeit. Für die Katholiken ist der katholische Fürst darüber hinaus ein Symbol der Verankerung des Christentums in den Ländern Böhmens und Mährens. Der Besuch des Papstes in dem Wallfahrtsort am Jahrestag seines Todes kann somit auch als Fingerzeig an die entchristianisierte tschechische Gesellschaft gewertet werden. 30 000 Gläubige erwartet die tschechische Bischofskonferenz am 28. September in der kleinen Stadt nördlich von Prag.

Kardinal Vlk hofft auf „Transformation der Herzen“

Auch wenn dort viele Tschechen nichts mit der katholischen Kirche gemeinsam haben, wird der Papstbesuch für drei Tage omnipräsent sein. In den tschechischen Printmedien finden religiöse Themen erstaunlich viel Platz, katholische Persönlichkeiten und Priester bekommen in manchen landesweiten Tageszeitungen mitunter lange Gastbeiträge. Über den Papstbesuch werden alle Medien rund um die Uhr berichten. Wegen der vielen Pilger wird das Sicherheitsaufgebot nach Angaben der Polizei sogar noch größer als beim Pragbesuch von US-Präsident Barak Obama Anfang April diesen Jahres sein. An der Botschaft des Papstbesuches kommt in Tschechien in diesen Tagen keiner vorbei, der Medien konsumiert.

Wenn der Prager Erzbischof Miloslav Kardinal Vlk über die Rolle der katholischen Kirche in der Tschechischen Gesellschaft spricht, greift er gerne auf politologische Fachtermina aus der Zeit der Wende zurück. Nach der „Transformation des politischen Systems“ müsse jetzt die „Transformation der Herzen“ kommen, fordert der Tschechische Oberhirte schon seit langem. „Mit dem Christentum in Tschechien ist es ganz schwierig. Das muss wachsen und sich entwickeln. Wir Katholiken müssen mit unserem Lebensstil als Vorbilder in die Gesellschaft hinein wirken.“ Mit dem Besuch des Papstes geht ein Herzenswunsch des Kardinals in Erfüllung.

Auf seiner privaten Homepage (www.kardinal.cz) plaudert der begeisterte Blogger gerne aus dem Nähkästchen und erzählt, wie der Papstbesuch zustande kam. Bereits bei den Besuchen in Bayern (2006) und Österreich (2007) wollte der Prager Erzbischof den Papst zu einem Abstecher nach Böhmen und Mähren überreden. Als dann, so schreibt der Kardinal auf seiner Homepage, einige seiner Mitbrüder im Bischofsamt gegenüber der Presse über die begeisterte Reaktion des Papstes auf die Einladung der tschechischen Bischöfe im Rahmen des „ad limina“-Besuches 2005 schilderten, „begann der Gedanke eines Papstbesuches in Tschechien sein eigenes Leben zu leben. An diesem Fall kann man gut sehen, wie wichtig es ist, bei solchen Angelegenheiten Geheimhaltung zu wahren.“ Ein Abstecher nach Tschechien sei 2006 und 2007 aus organisatorischen Gründen gescheitert, schreibt Vlk weiter, „bis mir irgendwann der Papst bei einem Gespräch sagte: Die Tschechische Republik verdient einen eigenen Besuch.“

Der Papstbesuch wird auch gleichzeitig eine seiner letzten Amtshandlungen werden. danach tritt der 77-jährige Prager Metropolit ab. Sein Lebensweg war so außergewöhnlich wie typisch für einen Dissidenten. 1978 entzog ihm die kommunistische Partei die Erlaubnis als Priester zu wirken. Fortan schlug er sich über zehn Jahre als Fensterputzer durch. Erst Anfang 1989 durfte er wieder als Priester wirken. Danach ging alles ganz schnell: 1990 wurde er zum Bischof von Budweis geweiht, 1991 schließlich zum neuen Prager Erzbischof und Primas von Böhmen und Mähren ernannt. 1994 bekam er den Kardinalshut. Vlk hat die katholische Kirche in Tschechien durch die ersten zwei Jahrzehnte nach der Wende geführt, hat neue Strukturen etabliert und die Vergangenheit aufgearbeitet. Gerade letzteres ist der heikelste Punkt. Der Prager Erzbischof kämpft energisch um eine Rückgabe des Prager Veitsdoms, den die Kommunisten 1949 mit einem Enteignungsgesetz in Besitz nahmen. Viele andere Kirchen hat der Staat auch wegen der Unterhaltskosten gerne wieder zurückgegeben. Die Prager Kathedrale wird aber auch von vielen atheistischen Tschechen als nationales Symbol angesehen und soll nach dem Willen vieler Politiker im Besitz des Staates bleiben. Seit 1992 tobt ein Rechtsstreit, der durch mehrere Instanzen ging. 2007 sprach der Oberste Gerichtshof den Veitsdom dem Staat zu, obwohl 2005 das Prager Bezirksgericht der Klage des Prager Erzbischofs Recht gab. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes geht allerdings auf einen Richter zurück, der Mitglied der kommunistischen Partei war. Nicht nur deshalb wollte der Prager Kirchenfürst das Urteil nicht auf sich beruhen lassen und legte Verfassungsbeschwerde ein, ein endgültiges Urteil steht noch aus. Kardinal Vlk wird dieses Kapitel der tschechischen Geschichte in seiner Amtszeit wohl nicht mehr schließen können.

Diplomatisch gäbe es für Papst Benedikt auch sonst noch einiges mit tschechischen Politikern zu besprechen. Noch immer gibt es zwischen Tschechien und dem Vatikan kein Konkordat. Daran wird sich auch mit dem Papstbesuch nichts ändern – schließlich kommt Benedikt XVI. zu einer politisch äußerst ungünstigen Zeit in das Land. Ende März wurde mitten in der tschechischen Ratspräsidentschaft die konservative Regierung unter Ministerpräsident Mirek Topolanek gestürzt. Seitdem herrschen in der politischen Szene des Landes absurde Verhältnisse. Erst wurde eine Beamtenregierung eingesetzt, die das Land übergangsweise führen sollte. Der Leiter des tschechischen Statistikamtes Jan Fischer wurde zum Ministerpräsidenten ernannt – und damit über Nacht aufgrund der bis Ende Juni dauernden EU-Ratspräsidentschaft zu einem der temporär mächtigsten Politiker Europas. Im Prager Parlament tobt nun ein Machtkampf zwischen den einzelnen Lagern. Der konservative Block will das Parlament auflösen und so schnell wie möglich Neuwahlen herbeiführen. Als Termin peilte der gestürzte Ministerpräsident Mirek Topolánek ursprünglich Anfang Oktober an. Die Sozialdemokraten, laut aktuellen Umfragen abgeschlagen, sind vehement dagegen und wollen die Beamtenregierung bis zum regulären Ende der Legislaturperiode im Mai 2010 im Amt lassen. Der Streit ist mittlerweile zu einer Verfassungskrise eskaliert, die Entscheidung über eine Selbstauflösung des Parlaments liegt nun bei den Gerichten. Derweil gerät das bestehende Parteiensystem ins Rutschen. Der von den Grünen nominierte Außenminister Karl Johannes Fürst zu Schwarzenberg hat mit TOP 9 eine eigene Partei gegründet, die nach bei den Parlamentswahlen auf Anhieb bis zu zehn Prozent erreichen könnte. Dies geht vor allem zu Lasten der ehemaligen Regierungspartei der Grünen, die sich nach Flügelkämpfen mittlerweile am Rande der Selbstauflösung befinden. Aber auch viele Wähler der Christdemokraten wollen zur neuen Partei überlaufen, so dass die KDU-ÈSL um einen Wiedereinzug ins Parlament bangen muss.

Auch an die wenden, die mit Kirche nichts am Hut haben

Das alles wird Papst Benedikt XVI. nur am Rande interessieren, bei den politischen Vertretern sind lediglich kurze Höflichkeitsbesuche geplant. Seine Reise hat vor allem pastorale Hintergründe. So rechnet Kardinal Vlk damit, dass der Papst seine neue Enzyklika „Caritas in veritate“ im Rahmen des Besuches auslegen wird. Dies wird er dann auf Italienisch oder Englisch tun – und nicht auf Deutsch. „Aus praktischen Gründen“, so der für die Organisation federführende Bischof Václav Maly, werde das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht Deutsch sprechen. Eine Entscheidung, die in katholischen Kreisen kontrovers diskutiert wurde und bei großen Teilen des tschechischen Klerus Unverständnis hervorrief. „Schließlich waren es doch gerade die Deutschen, die uns während des Kommunismus so intensiv unterstützt haben“, kann der Pilsner Generalvikar Robert Falkenauer die Entscheidung nicht nachvollziehen. Für ihn ist diese Entscheidung weltkirchlich das falsche Signal. Zudem sprechen viele Katholiken eher Deutsch als Englisch und Italienisch. Die Entscheidung hat aber wohl andere Hintergründe und zielt nicht primär auf das katholische Kirchenvolk. Der Papst will seine Botschaft eben auch an die über 60 Prozent der Tschechen richten, die sonst nicht viel mit Glaube und Kirche am Hut haben. Und gerade in diesen Kreisen gibt es noch viele geschichtlich bedingte antideutsche Strömungen und Ängste. Hier will Papst Benedikt XVI. wohl nicht unnötig provozieren.