„Schändlicher Versuch“, dem Papst zu schaden

Der Vatikan weist Vorwürfe der „New York Times“ zurück

Rom (DT/KNA) Als „schändlichen Versuch, um jeden Preis Benedikt XVI. und seine engsten Mitarbeiter zu treffen“, hat die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ in ihrer Freitagsausgabe Vorwürfe der „New York Times“ zurückgewiesen, denen zufolge Kardinal Joseph Ratzinger in den neunziger Jahren als Präfekt der Glaubenskongregation einen schweren Missbrauchsfall in der Erzdiözese Milwaukee in den Vereinigten Staaten „verheimlicht“ haben soll. Die von dem amerikanischen Blatt angeführten Dokumente ließen keinen Zweifel daran, dass der damalige Kurienkardinal Ratzinger mit Nachdruck darauf gedrängt habe, dieses Ärgernis zu beheben und Gerechtigkeit wiederherzustellen, hieß es im „Osservatore Romano“ weiter.

Bereits am Mittwochabend hatte Vatikansprecher Federico Lombardi dem Bericht der „New York Times“ widersprochen. Das Blatt hatte den Fall des Priesters Lawrence Murphy, der zwischen 1950 und 1974 an einer Gehörlosenschule rund hundert Kinder missbraucht hat, so dargestellt, als hätten kirchliche Vorschriften Roms die Weiterleitung des Falls an die staatlichen Behörden untersagt. Tatsächlich waren die Vergehen des Priesters erst 1996 der Glaubenskongregation gemeldet worden, erläuterte Lombardi. Der Vorgang sei nach Rom gelangt, weil mit ihm auch ein Verstoß gegen die Würde des Bußsakraments verbunden war. Mit Blick auf das Alter und die angeschlagene Gesundheit des Geistlichen habe der Vatikan auf eine kirchliche Strafe wie die Versetzung in den Laienstand verzichtet und die Erzdiözese Milwaukee darum gebeten, geeignete Maßnahmen gegen den Geistlichen zu verfügen, der damals bereits in Klausur lebte und vier Monate später starb.

Mitte der siebziger Jahre, so heißt es in der Erklärung Lombardis weiter, hätten einige der Opfer des Priesters Murphy dessen Missbrauch den zivilen Behörden gemeldet, die zu damaliger Zeit gegen ihn untersuchten. Diese Untersuchung sei jedoch fallen gelassen geworden. Die römische Kongregation für die Glaubenslehre sei damals über die Materie nicht informiert worden, sondern erst etwa zwanzig Jahre später.

Die „New York Times“, so Lombardi, habe jetzt so getan, als gäbe es in diesem Fall einen Bezug zwischen der Anwendung der Instruktion „Crimen sollicitationis“ aus dem Jahr 1962 und dem Nichtmelden des Kindesmissbrauchs an die zivilen Behörden. Die Instruktion legte damals das Vorgehen gegen Priester fest, die gegen die Würde des Beichtsakraments verstoßen haben. „Tatsächlich gibt es hier keinen solchen Zusammenhang“, erklärte der Vatikansprecher. „Wahr ist vielmehr, dass entgegen der verschiedenen in den Medien zirkulierenden Erklärungsversuchen weder ,Crimen sollicitationis‘ noch das kirchliche Gesetzbuch jemals die Meldung von Kindesmissbrauch bei den Strafverfolgungsbehörden untersagt hatten.“

Auch Kurienbischof Gianfranco Girotti wies Vertuschungsvorwürfe gegen Papst Benedikt XVI. in dessen Zeit als Leiter der Glaubenskongregation als absurd zurück. Kardinal Joseph Ratzinger habe jedes Delikt unnachgiebig verfolgt, sagte Girotti der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“ (Freitag). Er ist seit 2002 Regent der Apostolischen Pönitentiarie, einem der drei vatikanischen Gerichtshöfe. Der Bischof arbeitete zuvor in der vatikanischen Glaubensbehörde. Explizit verteidigte Girotti das vatikanische Vorgehen im Fall Lawrence Murphy. Dieser habe bereits im Sterben gelegen, als die Glaubenskongregation 1996 von den Vorgängen Kenntnis erlangt habe.

Mit großer Sorge sieht man im Vatikan, dass zurzeit manche Medien immer wieder versuchen, Papst Benedikt persönlich in die Missbrauchs-Debatte hineinzuziehen. Das war geschehen, als vor kurzem Vergehen an Kindern im Umfeld der Regensburger Domspatzen bekannt wurden und Fotos des Bruders des Papstes – immer gemeinsam mit Benedikt XVI. – auf den Titelseiten einiger Zeitungen landeten. Auch als der „Fall H.“ in der Erzdiözese München bekannt wurde, bemühten sich zahlreiche Medien, die Schuld an der Wiedereinsetzung des pädophilen Geistlichen in der Seelsorge dem damaligen Erzbischof und Kardinal Joseph Ratzinger anzulasten.