Ratzinger schlagen, das Konzil treffen

Eine Attacke auf Benedikt XVI. soll Franziskus im Streit um „Amoris laetitia“ entlasten. Von Guido Horst

Rom (DT) Es ist nicht lange her, dass Kardinal Walter Kasper die Erwartung geäußert hat, die Veröffentlichung des Schreibens der argentinischen Bischöfe des Großraums Buenos Aires zu „Amoris laetitia“ und des entsprechenden bestätigenden Reskripts von Papst Franziskus in den „Acta Apostolicae Sedis“ würde die Debatte um das nachsynodale Schreiben endlich beenden. Selten wird sich der Kardinal so sehr getäuscht haben wie in diesem Fall: Die Auseinandersetzung geht jetzt erst so richtig los.

Ein weiterer Schritt, die Debatte zu befeuern, war jetzt die Veröffentlichung eines Buchs in Italien, das der Philosophiedozent Enrico Maria Radaelli veröffentlicht hat, in dem es vordergründig überhaupt nicht um „Amoris laetitia“ geht: Zum fünfzigsten Jahrestag des Erscheinens der „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger vertritt Radaelli darin die These, dass der spätere Kardinal und Papst für eine modernistische und häretische Theologie stehe, wie sie mit dem Zweiten Vatikanum das Denken der ganzen Kirche erfasst und alle Päpste der letzten Zeit geprägt habe. Auch wenn das Buch – dessen Titel „Al cuore di Ratzinger. Al cuore di mondo“ man mit „Am Herzen Ratzingers. Am Herzen der Welt“ übersetzen könnte – nur über das Internet und in wenigen Buchhandlungen Roms und Mailands zu beziehen ist, hat es ein gewisses Gewicht, da es der mittlerweile emeritierte Philosophieprofessor Antonio Livi, von 2002 bis 2008 Dekan der Philosophischen Fakultät Päpstlichen Lateran-Universität in Rom, mit einer völlig zustimmenden Rezension empfohlen hat.

Radaelli selber ist ein Schüler des 1997 verstorbenen bekannten italienisch-schweizerischen Konzilskritikers Romano Amerio, dessen Hauptwerk „Iota Unum. Eine Studie über die Veränderungen in der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert“ zur „Bibel“ aller Traditionalisten, seien sie nun erklärte Anhänger der Pius-Bruderschaft oder nicht, geworden ist. Livi greift in seiner Rezension die Thesen von Amerio und Radaelli auf und fasst zusammen: „Ich halte es angesichts der aktuellen theologisch-pastoralen Konjunktur für unerlässlich, sich dessen bewusst zu sein, wie Enrico Maria Radaelli in seiner jüngsten Arbeit erschöpfend dargelegt hat, wie sehr die (zuerst de facto und dann de iure) Hegemonie der progressistischen Theologie in den Strukturen des Lehramts und der Leitung der katholischen Kirche sich auch und vielleicht vor allem den Lehren des Professors Joseph Ratzinger verdankt, die nie von Joseph Ratzinger als Bischof, Kardinal und Papst widerrufen geschweige denn überwunden worden sind.“

Solche Worte klingen wie typisch traditionalistischer Beton, möchte man denken – in der Schärfe der Ratzinger-Schelte vielleicht noch angereichert durch die Magenkrämpfe, die der Rücktritt von Benedikt XVI. ausgelöst hat, was für einen eingefleischten Integralisten so unmöglich ist wie ein Stein, der plötzlich zum Himmel fällt. Doch in der anschwellenden Debatte um „Amoris laetitia“ waren sie dann doch wie Labsal für die sogenannten „Prätorianer“, jene journalistischen Kohorten, die „allzeit bereit“ da einspringen, wo Papst Franziskus innerkirchlich angegriffen wird – wie etwa in der Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener in einzelnen Fällen zu den Sakramenten. Und tatsächlich: Antonio Livi und Enrico Maria Radaelli haben beide die Internet-Kampfschrift „Correctio filialis de haeresibus propagatis“ unterzeichnet, die Franziskus der Häresie bezichtigt. Grund genug etwa für den Vatikan-Insider Andrea Tornielli, in mehreren Artikeln und Interviews des „La Stampa“-Online-Dienstes „Vatican Insider“ folgende Rechnung aufzumachen: Die Leute, die Franziskus wegen „Amoris laetitia“ angreifen, sind dieselben, die auch Benedikt XVI. und vor diesem Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul II. angegriffen haben. Damit haben sich diese Kritiker selbst diskreditiert und die Widerstände gegen „Amoris laetitia“ sind obsolet.

Doch was treibt einen Radaelli oder Livi um, wenn sie sich mit Vehemenz auf die Theologie Joseph Ratzingers stürzen? Livi schreibt in seiner Rezension: „Die neomodernistische Theologie mit ihren häretischen Entgleisungen hat in Wahrheit eine hegemoniale Bedeutung in der Kirche eingenommen (in den Seminaren, den päpstlichen Hochschulen, in den Dikasterien des Heiligen Stuhls) und konnte von dieser Machtposition aus auf die Themen und die Sprache der unterschiedlichen Äußerungen des kirchlichen Lehramts Einfluss nehmen. Und diesen Einfluss geben – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – alle Dokumente der Zweiten Vatikanums und viele Lehräußerungen der Päpste der nach-konziliaren Zeit wieder. Alle Päpste dieser Periode sind durch diese Hegemonie geprägt.“

Dem Konzilstheologen Ratzinger werfen diese Traditionalisten vor, zusammen mit zahlreichen anderen modernen Theologen – wie etwa Hans Urs von Balthasar oder Henri de Lubac – die Wege der traditionellen Systeme der Neoscholastik verlassen und sich mit einer Rückwendung zu den Kirchenvätern auch platonistischen Einflüssen geöffnet zu haben. Livi und Radaelli sehen Ratzinger und andere Konzilstheologen näher bei Kant und Hegel als bei einem heiligen Thomas von Aquin.

Um es etwas bildhaft ausdrücken: Die Schemen für die Konzilstexte, die Johannes XXIII. ursprünglich hatte erarbeiteten lassen, waren noch Texte der „alten Schule“. Dann kam auf dem Konzil die Wende. Die Konzilsväter und ihre theologischen Berater erarbeiteten ganz neue Dokumente, gingen auch Themen wie die Beziehung zu den anderen Religionen und die Ökumene an – das Zweiten Vatikan dauerte nicht wie ursprünglich geplant wenige Monate, sondern ganze drei Jahre. Diese Wende haben die Traditionalisten nicht mitgemacht und ihre Opposition zur Theologie des Konzils und zu den nachkonziliaren Päpsten lebte subkutan weiter.