„Quellen sind Zukunft“

Familienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in Maria Vesperbild – Wallfahrtsdirektion startet Offensive für die Bürgerinitiative „Einer von uns“. Von Regina Einig

Die Schutzpatronin Bayerns bildete am Donnerstag das zentrale Motiv des Blumenteppichs, auf dem alle bayerischen Diözesen symbolisch dargestellt waren. Foto: Weizenegger
Die Schutzpatronin Bayerns bildete am Donnerstag das zentrale Motiv des Blumenteppichs, auf dem alle bayerischen Diözese... Foto: Weizenegger

Ziemetshausen (DT) „Die Reise aus Hamburg hat sich auf jeden Fall gelohnt“. Kirstine Fratz, junge nichtkatholische Trendforscherin aus Hamburg, fasst die Eindrücke ihres ersten Besuchs in Maria Vesperbild zusammen. „Eine unglaublich friedvolle, wunderbare Atmosphäre ist hier. Ich fühle mich geborgen und getragen.“ Am sonnendurchfluteten Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel stimmt das Volk in Maria Vesperbild mit den Füßen ab. Von morgens bis abends reißt der Strom der Wallfahrer nicht ab. Weit über zwanzigtausend Beter aus vielen Nationen kommen insgesamt trotz der teilweise gesperrten Zufahrtsstraße am Donnerstag zum Gnadenbild der Schmerzensmutter und zur Fátimagrotte. Dort zieht der prächtige Blumenteppich mit dem Bild der Schutzpatronin Bayerns die Blicke auf sich.

Der 15. August ist, wie Wallfahrtsdirektor Prälat Wilhelm Imkamp hervorhebt, auch ein demokratisches Fest. Im gesteckt vollen Hochamt verweist er am Morgen auf die Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Mariens in den Himmel durch Pius XII. im Jahr 1950. Eine „fromme Kirche von unten“ habe sich gut 150 Jahre hindurch dafür eingesetzt. 141 000 deutschsprachige katholische Laien unterstützten das Gesuch mit ihrer Unterschrift, während die deutschen Bischöfe bis auf zwei Ausnahmen Distanz hielten. Mariä Himmelfahrt sei auch ein Fest der Mitbestimmung, so der Kirchenhistoriker. Mit der Kräuterweihe mache die Kirche anschaulich, dass es ihr um das Leben gehe.

Von der Predigt des Prälaten, der mit Nachdruck vor dem „Abgrund der Abtreibungen“, vor embryonaler Stammzellforschung und „Designerbabys“ warnt, profitiert in diesem Jahr auch das europaweite Volksbegehren „Einer von uns“. Der Funke für den Lebensschutz springt von der Kanzel über. Nach dem Hochamt drängen sich die Messbesucher auf dem Kirchplatz um die Tische mit den Listen. Das Interesse an der Bürgerinitiative „Einer von uns“ ist groß. Tausend Unterschriften kommen am Donnerstag in Vesperbild zusammen. Manche Pilger nehmen Informationsmaterial mit, um in ihren Verbänden und Pfarreien für „Einer von uns“ zu werben. Mehrere Lokalpolitiker der CSU räumen allerdings ein, zum ersten Mal von dem Volksbegehren zu hören. Im Wahljahr fällt die Delegation der Union traditionell stärker als gewöhnlich aus.

Beim abendlichen Pontifikalamt mit Familienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst reihen sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Bayerns Justizministerin Beate Merk bei den Ehrengästen ein, darunter Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und die Präsidentin des Roten Kreuzes, Fürstin Christa von Thurn und Taxis.

Der Limburger Oberhirte geht in seiner Predigt auf die Pieta ein. Das Schweigen unter dem Kreuz entspreche der Stille bei der Geburt. Maria schweige nicht, weil der Schmerz sie verstummen lasse, sondern weil Tränen der Liebe den Glauben so sprechend machten. „Am Anfang und am Ende des Lebens braucht es dieses Bewahren im Herzen, damit Gott als Herr über Leben und Tod nicht aus dem Blick gerät und der Mensch das Gut des Lebens nicht seinen Forschungs- und Freiheitsinteressen unterwirft. Gott im Herzen bewahren heißt, den Glauben für die Bildung des Gewissens zu gewinnen und für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu begreifen.“ Wo Menschen mit ihren Worten nicht mehr im Herzen bewahrten, was den Wert des Nächsten beträfe, werde Gott mundtot gemacht. „Deswegen begrüße ich es sehr, dass das europäische Bürgerbegehren ,Einer von uns‘ uns auch hier auf diesen Zusammenhang so engagiert aufmerksam macht.“

Maria zeige uns, wie Gott den Menschen halte und was die Gesellschaft zusammenhalte. Das sei, so Bischof Tebartz-van Elst, die Bereitschaft zum Kind „und die Zeit, die wir für Kinder aufbringen. Es ist das treue Ja zu Ehe und Familie in ihrer Unverwechselbarkeit, das schon in Nazareth den Himmel aufleuchten lasse und uns bleibend Orientierung gibt“. Die Kunst der Orientierung verlangt der Kirche im Spannungsbogen zwischen Tradition und Moderne viel ab – auch den Mut, sich vom Treiben der Welt abzusetzen. Maria sei ganz Ohr für Gott, so der Familienbischof – und das unterscheide sie von dieser Welt.

Die Geschichte des Wallfahrtsortes Maria Vesperbild lehre: „Quellen sind Zukunft“. Wo Glaube und Kirche nicht in das Projekt der Moderne zu passen schienen und deshalb entweder angepasst oder ausgeschlossen werden sollten, werde jener Nerv abgeschnitten, „der in der Geschichte nachweisbar und nachhaltig Erneuerung gebracht hat“.

Die Lichterprozession beweist, dass Maria Vesperbild mit einem gut durchdachten Konzept aus katholischem Traditionsbewusstsein und professioneller Medienarbeit auf die richtige Karte für die Erneuerung der Kirche setzt. Unzählige Familien mit Kindern ziehen über den Schlossberg. Mit der Papsthymne und dem Gebet für den amtierenden und den emeritierten Pontifex endet ein rundum gelungenes Marienfest, das viele zu ihren persönlichen Glanzpunkten im „Jahr des Glaubens“ zählen. „Es hat mich sehr beeindruckt, zu sehen, wie viele Familien mit Kindern hier waren“, sagte der sichtlich gelöste Bischof nach dem Fest gegenüber dieser Zeitung. „Wo sieht man heute noch so viele frohe Kinder, die gesammelt dabei sind? Mir ist hier noch einmal bewusst geworden, wie wichtig eine Familienkultur ist. Eine Familie allein hat es schwer. Es braucht die Rückbindung an die Gemeinschaft der Glaubenden. An Orten wie Maria Vesperbild, wo Kinder auch Kinder treffen, stärkt man sich gegenseitig. Volksfrömmigkeit und Familienkultur gehören zusammen.“

Eine Bildergalerie ist online abrufbar unter www.augsburger-allgemeine.de