Priester, Erzieher und Sozialarbeiter

Die Salesianer feiern 2015 ein Jubiläumsjahr: Vor zweihundert Jahren wurde ihr Gründer geboren – Zum Gedenktag Don Boscos am 31. Januar. Von Katrin Krips-Schmidt

Don Bosco. Foto: IN
Don Bosco. Foto: IN

Man mag es für einen sozialromantischen Mythos halten und verwundert den Kopf schütteln über die Anekdote, die man sich noch 200 Jahre nach der Geburt des Heiligen am 16. August 1815 in Becchi erzählt: Don Bosco hatte für 300 jugendliche Straftäter beim Gefängnisdirektor einen Freigang erwirkt – der Priester verbürgte sich dafür, dass er alle Häftlinge nach dem gemeinsamen Tagesausflug in den Wald wieder zurück in die Strafanstalt bringen werde. Das Unglaubliche geschah: Keiner der Jugendlichen nutzte die günstige Gelegenheit zu einer Flucht – alle kehrten abends nach Stunden ausgelassenen Spiels wieder zurück. Vielleicht ist die Begebenheit aus dem 19. Jahrhundert nicht in die Gegenwart übertragbar. Sie zeigt jedoch, dass Don Bosco zu einem Freund der entwurzelten jungen Menschen geworden war – sie mochten ihn und wollten ihn nicht enttäuschen.

Der jüngste Sohn, der einer armen Bauernfamilie aus Becchi in der Nähe von Turin entstammte, ist ein kluger und sympathischer Junge. Als er zwei Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Die Mutter, eine glaubensstarke Frau, muss alleine für den kräftezehrenden Unterhalt der Familie mit den drei Söhnen sorgen. Mit neun Jahren erfährt Johannes in einer Vision seine Berufung. In dem Traum bringt er eine Schar raufender Jungen auseinander, während ihm eine Stimme zuruft: „Nicht mit Schlägen, sondern mit Güte wirst du sie zu Freunden gewinnen.“

Als ein Wanderzirkus durch den Heimatort zieht, wird dieses Ereignis zur Initialzündung für den aufgeweckten und sportlichen Tausendsassa. Fortan gibt er Vorstellungen für die eigene Familie und schließlich auch auf dem Marktplatz. Er jongliert, führt kleine Taschenspieler- und Zaubertricks vor, macht einen Salto Mortale, geht im Handstand, tanzt und balanciert auf dem Seil. Damit gewinnt er bereits im Alter von zehn Jahren die Herzen der anderen Jungen aus seinem Dorf, die sich begeistert um ihn scharen. Vor der Vorstellung betet er mit ihnen den Rosenkranz und hält eine kurze Predigt.

In der Kleinstadt Chieri kommt er 1830 auf das Gymnasium. Mit Gleichgesinnten gründet er den „Bund der Fröhlichen“, und 1835 geht mit dem Eintritt in das Priesterseminar sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung. 1841 wird er mit 26 Jahren zum Priester geweiht, und er geht nach Turin. In dem Industriezentrum erschüttert ihn der Anblick der vielen Straßenkinder, die – verlassen von ihren eigenen Eltern – kein Zuhause mehr haben, das ihnen Schutz bietet. Johannes beschließt, sich diesen armen, oft auch moralisch und religiös verwahrlosten Kindern mit Konsequenz und Güte zu widmen.

Zu Beginn seines Apostolats steht die Begegnung mit einem Sechzehnjährigen. Bartholomeo Garelli ist Vollwaise, Analphabet und arbeitslos. Don Bosco lädt ihn und seine Freunde zur Katechese ein. Der erste Schritt ist getan. Jede Woche werden es mehr Jugendliche, die seinem Ruf folgen und zum Unterricht und zum Spielen kommen – manchmal sind es bis zu 400 Jungen. Jedes Mal an einem anderen Ort, bis man schließlich in einem Schuppen in einem verrufenen Stadtviertel Turins eine feste Bleibe findet. Seine seit 1846 entstehenden Begegnungsstätten nennt Don Bosco „Oratorien“. Eine große Hilfe ist für ihn auch seine Mutter Margareta. Mit Handwerkern schließt er für seine Zöglinge gerechte Arbeitsverträge ab, doch allmählich verfolgt er als Ziel, eigene Werkstätten zu schaffen, die zugleich zu Bildungsstätten werden, die von einem christlichen Geist durchdrungen sind. Im Herbst 1853 eröffnet Don Bosco eine Schuster- dann die Schneiderwerkstatt. Er zeigt seinen Schützlingen – so wie er es gelernt hat, als er seine Studien selbst bezahlen musste – wie man näht und schneidert. 1854 folgt die Buchbinderei. Don Bosco opfert einen Teil seines Schlafs für sein literarisches Schaffen: Er verfasst unter anderem eine „Heilsgeschichte“ und eine „Kirchengeschichte“ und veröffentlicht eine „Bibliothek für die italienische Jugend“, die 204 Bände umfasst. Sein Werk braucht wohlhabende Gönner. Don Bosco findet sie. Er hat aber nicht nur Freunde. Vielen Turinern ist seine Arbeit ein Dorn im Auge, und auch nicht jeder im Klerus ist angetan von dem Umgang, den einer von ihnen mit den „Gassenjungen“ pflegt. Man hält ihn nicht nur für einen harmlosen Narren, sondern erklärt ihn gar für verrückt – manche wollen ihn in eine „Irrenanstalt“ einliefern lassen. Einmal erscheinen zwei vom Ordinariat geschickte Priester bei ihm und laden ihn zu einer Droschkenfahrt ein. Sie wollen ihn in die Kutsche setzen und den Fahrer anweisen, ihn in die Nervenheilanstalt zu bringen. Don Bosco durchschaut den Plan und lässt seinen Mitbrüdern den Vortritt. Er selber steigt nicht ein. Dem Kutscher ruft er zu: „Schnell ins Irrenhaus! Die beiden Herren werden erwartet!“

1859 gründet er die „Gesellschaft des heiligen Franz von Sales“, kurz „Salesianer“ genannt, die sich rasch ausbreitet – bald auch außerhalb Italiens mit einer Niederlassung 1875 in Nizza und mit der ersten Missionsexpedition nach Übersee, nach Argentinien im selben Jahr. Mit der heiligen Maria Mazzarello ruft Don Bosco 1872 das „Institut der Töchter Mariens, Hilfe der Christen“ ins Leben.

Nach dem Tod des 1934 von Papst Pius XI. heiliggesprochenen Ordensgründers gibt es 780 Salesianer und 320 Töchter und das Werk tritt seine Reise um die ganze Welt in 128 Länder auf allen fünf Kontinenten der Erde an. Etwa 15 000 Salesianer mit weiteren vielen Tausenden von Mitarbeitern setzen die Arbeit Don Boscos weiter fort – vor allem in der Jugendarbeit und -bildung, in der Pfarrseelsorge, sowie in allen Bereichen der modernen Kommunikationsmittel, bei Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten.

Als sich der heilige Don Bosco vier Jahre vor seinem Tod, bereits erschöpft und verausgabt, von einem Arzt eingehend untersuchen lässt, gibt dieser ihm den Rat: „Sie sind wie ein äußerst abgenutztes Kleidungsstück, das wochentags wie sonntags getragen wurde. Die einzige Möglichkeit es zu erhalten, besteht darin, es in den Schrank hängen – mit anderen Worten: Ich empfehle Ihnen absolute Ruhe.“ Der unermüdliche Pater antwortet: „Danke, Herr Doktor, aber das ist die einzige Medizin, die ich nicht einnehmen kann.“ Denn er hatte „Gott versprochen, bis zum letzten Atemzug“ für seine armen Jugendlichen da zu sein. 1887, gerade zweiundsiebzig Jahre alt, ist Don Bosco physisch sehr geschwächt, atmet schwer und kann sich nur noch auf seine Freunde oder nahen Angehörigen gestützt vorwärtsbewegen. Seine letzte Messe feiert er am 11. Dezember. Am 17. Dezember nimmt er die Beichte von dreißig Oberschülern ab – es wird das letzte Mal sein.

Die folgenden 42 Tage bis zu seinem Tod am 31. Januar 1888 verbringt Don Bosco im Bett und setzt das um, was er einem seiner Mitarbeiter immer sagte, als er noch gesund war: „fare, patire, tacere“. Tun kann er nun nichts mehr – nur noch leiden und schweigen.

Das bekannteste Lebensmotto des Schutzpatrons der Jugend, der Jugendseelsorge sowie der katholischen Buchverlage lebt auch heute noch in dem salesianischen Geist seiner Werke weiter: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ Ein davon abgeleiteter weiterer Ausspruch des „Vaters und Lehrers der Jugend“, der zur Maxime aller Eltern werden sollte, ist in den Zeiten von beruflich bedingter Mütter- und Väterabwesenheit so aktuell wie nie zuvor und nimmt auf die tatsächlichen Bedürfnisse von Kindern – Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit – Bezug: „Es tut einer viel, der wenig tut, aber das tut, was er tun muss; es tut einer nichts, der viel tut, aber nicht das, was er tun soll.“