Polen gedenkt Jerzy Popieluszkos

Der Warschauer Priester wurde vor 25 Jahren ermordet und soll bald seliggesprochen werden

Warschau (DT/KAP) Polen gedenkt in den kommenden Tagen des 25. Jahrestages der Ermordung des Warschauer Priesters und Wegbegleiters der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“, Jerzy Popieluszko, durch Agenten des kommunistischen Regimes. Am 19. Oktober 1984 wurde Popieluszko entführt, später wurde er in einem Stausee tot aufgefunden. Er hatte die ihm von Geheimpolizisten zugefügten Qualen nicht überlebt. Popieluszko war schon vor seinem Tod eine Symbolfigur des antikommunistischen kirchlichen Widerstands nach dem Verbot der „Solidarnosc“, der ersten freien Gewerkschaft im Ostblock. Nach seiner Ermordung wurde er es noch viel mehr.

Selbst angesichts der andauernden Verfolgung von Regimegegnern und Reformkräften traf die Nachricht vom Tod des Geistlichen die Menschen wie ein Schock. Die weltweite Anteilnahme an der tagelangen Ungewissheit über das Schicksal des 37-Jährigen schlug in Trauer um. Hunderttausende nahmen an der Totenfeier in Warschau teil, in ganz Polen waren Millionen bestürzt über das brutale Ende des Priesters. Johannes Paul II. würdigte ihn als „Verteidiger der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der menschlichen Würde“.

Popieluszko wurde 1947 im Norden Polens als Sohn eines Bauern geboren. 1972 weihte ihn der damalige polnische Primas, Kardinal Stefan Wyszynski, zum Priester. Nach schwerer Krankheit arbeitete er als Krankenhausseelsorger in Warschau. Doch 1980, im entscheidenden Jahr des Umbruchs in Polen, wurde Popieluszko an die Warschauer Pfarre Stanislaw Kostka berufen. Sie wurde zum Zentrum seines Wirkens und seiner späteren Verehrung.

Als sich die Arbeiter des auf dem Gebiet der Pfarre liegenden Stahlwerks den Streikenden der Danziger Werft anschlossen, kam Popieluszkos Stunde. Im Auftrag von Primas Wyszynski übernahm er die Betreuung der Stahlkocher. „Tag und Nacht blieb er bei ihnen, zelebrierte die Messe, nahm die Beichte ab, redete ihnen gut zu, beruhigte die erhitzten Gemüter, half mit, irrationale Aktionen zu vermeiden“, berichtete ein Augenzeuge. Auch nach Ausrufung des Kriegsrechts 1981 und dem Verbot der „Solidarnosc“ blieb Popieluszko im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit – und im Fadenkreuz des Regimes. Die ab 1982 von ihm gehaltenen monatlichen „Messen für das Vaterland“ wurden zur machtvollen Demonstration Tausender für Freiheit und Menschenwürde. Hier konzentrierte sich der Widerstand von Gewerkschaftern und Bürgerrechtlern. Die kommunistischen Machthaber antworteten mit zunehmendem Druck. Erst kamen Drohbriefe, später flog ein Stein ins Zimmer des Geistlichen.

Am 19. Oktober 1984 schließlich entführten vier Agenten Popieluszko in einem Auto und verschuldeten in den folgenden Tagen seinen gewaltsamen Tod, wie die Ermittlungen bald darauf ergaben. Ein Zeuge merkte sich das Autokennzeichen, so dass die Täter bald gefasst wurden.

Die Prozesse über Mörder und Hintermänner, Skandale um vernichtete Geheimdienstakten und vorzeitige Haftentlassungen hielten Polen immer wieder in Atem. Bis heute sind nicht alle Hintergründe aufgearbeitet. Popieluszkos Verehrung am Ort seiner Beisetzung in der Stanislaw-Kostka-Pfarre ist derweil ungebrochen. Sie hat sich zu einem nationalen Wallfahrtsort entwickelt. 1987 kniete Johannes Paul II. dort nieder, als er seine Heimat besuchte. Zehn Jahre später leitete die Erzdiözese Warschau ein Seligsprechungsverfahren ein, das nach Angaben des Vatikans sehr weit fortgeschritten ist. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, versicherte in diesem Mai, Popieluszko werde sehr bald zur Ehre der Altäre erhoben.