Plädoyer für einen Dialog des Lebens

„Kirche in Not“ rückt Zukunft der Christen und Verhältnis zum Islam beim Pater-Werenfried-Jahresgedenken in den Blick. Von Hildegard Mathies

Monsignore Joachim Schroedel. Foto: KNA
Monsignore Joachim Schroedel. Foto: KNA

Köln (DT) Am dritten Jahrestag der Revolution in Ägypten starben bei Kämpfen in Kairo erneut Dutzende Menschen. Rund Tausend wurden nach offiziellen Angaben festgenommen. Die großen Hoffnungen, die mit dem Ende der Präsidentenherrschaft von Hosni Mubarak 2011 und dem Sturz seines gewählten Nachfolgers von den Muslimbrüdern, Mohammed Mursi, im Juli 2013 verbunden waren, haben sich bis heute nicht erfüllt. Ägypten kommt noch nicht zur Ruhe.

Gut 4 600 Kilometer von Kairo entfernt, beim Pater-Werenfried-Jahresgedenken in Köln, geht es an diesem Jahrestag auch um die Frage, wie sich die Situation in Ägypten weiterentwickeln könnte. 98 Prozent betrug die Zustimmung zu einer neuen Verfassung. Doch wie groß sind die Chancen, dass sich durch diese Verfassung wirklich etwas zum Besseren verändert? Bischof Kyrillos William Samaan, der koptisch-katholische Bischof von Assiut, ist optimistisch: „Laut Experten ist diese Verfassung die beste, die wir seit 1923 haben – seit der ersten ägyptischen Verfassung.“ Die neue Staatsordnung betone die Menschen- und bürgerschaftlichen Rechte, die Freiheit und Gleichwertigkeit verschiedener Gruppen – auch der Christen. Die sind bislang in vielen gesellschaftlichen und politischen Bereichen benachteiligt, dürfen etwa keine höheren Ränge im Militär bekleiden und auch nicht Staatspräsident werden. Erstmals würden die Christen nun explizit in der Verfassung erwähnt. Vom neuen Parlament erhoffe man sich zudem die Zustimmung zum Bau von Kirchen.

Auch Monsignore Joachim Schroedel, der Katholische Seelsorger für den Nahen Osten, der in Kairo ansässig ist, zeigt sich zuversichtlich: „Wir sind hoffentlich auf dem richtigen Weg. Inschallah, wie wir sagen.“ So Gott will. Doch die weitere Entwicklung ist nicht nur vom Willen Gottes abhängig, sondern vor allem davon, wie sich das Militär verhält. „Ich hoffe, dass das Militär vernünftig und ein Diener des Staates ist“, sagt Schroedel. „Und nicht Herrscher über den Staat.“ Im Westen werde oft falsch von einem Militärputsch gesprochen. Tatsächlich habe das Volk „mit den Füßen abgestimmt“ und dem Militär so zur Macht verholfen. „Islamismus wollen wir nicht“, lautete die Botschaft der Menschen gegen die Muslimbrüder, so Schroedel. Und mit jedem Anschlag, den sie begingen, erweise sich die islamistische Bewegung einen weiteren Bärendienst. Viele Muslime seien gegen die radikalen, fundamentalistischen Muslimbrüder, ergänzt Bischof Kyrillos.

Der Nahost-Korrespondent der Tagespost, Oliver Maksan, macht deutlich, dass es nun darauf ankommt, „den Verfassungstext mit Leben zu füllen“. „Es gibt Fortschritte“, sagt er, „aber die Entwicklung der letzten Monate ist nicht nur positiv verlaufen.“ Das Militär greife hart durch – auch gegenüber den jugendlichen Rebellen, durch die der sogenannte Arabische Frühling damals in Ägypten ausbrach. Für eine pluralistische Demokratie, wie sie sich viele im Westen wünschen, habe Ägypten keine Voraussetzungen.

Für Schroedel liegt ein Schlüssel darin, dass das Aggressionspotenzial gelöst werden könnte, wenn es den Ägyptern „etwas besser“ ginge. Er appelliert an die rund 500 Tagungsteilnehmer, sich solidarisch mit den Ägyptern zu zeigen, indem sie etwa nach Kairo, Luxor oder Assuan reisen. Jeder achte Ägypter lebe vom Tourismus. „Doch wir haben kaum noch Tourismus und die Menschen haben nix mehr zu fressen. Anders kann ich das nicht sagen.“ Sie müssten die Tiere, die zum Transport der Touristen dienten, schlachten, weil sie auch nichts mehr hätten, um die Esel und Kamele zu füttern. Und wie kann das Zusammenleben von Christen und Muslimen künftig aussehen? Monsignore Schroedel und Bischof Kyrillos sind sich einig: Es kann nur über den „Dialog des Lebens“ funktionieren. Seit Jahrhunderten lebten Christen und Muslime zusammen. Im alltäglichen Leben funktioniere dies auf vielerlei Weise, würden die gleichen Werte gelten. Auch wenn sich der Islam nie anders verstanden habe denn als politische Kraft, so Schroedel, setzt er auf das Miteinander: „Wir müssen Weihnachten und den Ramadan miteinander feiern. Dann entdeckt man die Menschlichkeit des anderen. Das brauchen wir heute dringend – wahrscheinlich auch in Deutschland“, sagt der Nahost-Beauftragte unter großem Applaus.

Während Ägypten um einen Neuanfang ringt, scheint Syrien davon und vom Ende des Krieges weit entfernt. Das hat auch Auswirkungen auf das Nachbarland Libanon, wie Bischof Simon Faddoul berichtete, Präsident der Caritas im Libanon und neu ernannter Apostolischer Exarch (Bischof) für West- und Zentralafrika. Jeden Tag fliehen 5000 Menschen in den Libanon; eineinhalb Millionen sind es bislang. Die schon vorher schwache Infrastruktur, die mangelhafte Versorgung mit Wasser und Strom – all das ist nun noch problematischer.

Für die Flüchtlinge gibt es keine Camps. Viele improvisieren sich Zeltunterkünfte aus Planen, die sie irgendwo finden. Oft leben 12 bis 15 Menschen in den drei mal vier Meter großen Notzelten. Viele haben keinen Boden. „Wenn es regnet, versinken sie im Schlamm“, erzählt Faddoul. „Es ist eine Katastrophe.“

Sicherheit finden die Flüchtlinge auch sonst nicht: In Grenznähe bringen verirrte Bomben den Syrienkrieg in den Libanon. Die meisten Flüchtlinge haben nichts. In 78 Prozent der Familien sei der Haushaltsvorstand eine Frau – „70 Prozent von ihnen sind nicht alphabetisiert“, sagt der Caritas-Präsident. „Welche Zukunft soll da die junge Generation haben?“ Es wüchsen gleich mehrere verlorene Generationen heran. Das Schulsystem könne 150 000 Kinder aufnehmen – „doch wir haben 250 000 bis 300 000, die die Schule nicht besuchen können“. Sie wüssten überhaupt nicht, was es heißt, ein soziales Leben zu führen.

Die Caritas hilft mit Nahrungsmitteln, Kleidung, Hygieneartikeln und vor allem mit Psychologen und Sozialarbeitern, die sich um die traumatisierten Menschen kümmern – egal, ob es Muslime oder Christen sind. Doch die Menschen im Libanon fühlten sich selbst alleingelassen, sagt Faddoul. „Sie haben das Gefühl, dass sich keine helfende Hand ausstreckt.“

Wie es im Nahen Osten weitergeht, kann niemand beantworten. Auch das wird deutlich auf dem Podium. Doch in einem sind sich die Teilnehmer einig: „Der Nahe Osten ohne oder mit weniger Christen ist nicht mehr der Nahe Osten“, zitiert Bischof Kyrillos Papst Benedikt XVI. Für den Bischof von Assiut ist klar, dass die Christen bleiben, um ihre Mission zu erfüllen: das Salz der Erde und das Licht der Welt zu sein. „Wir können nicht ohne euch, ihr könnt nicht ohne uns“, laute die Botschaft an „unsere muslimischen Brüder“.

Heiliger Josef Freinademetz. Foto: IN