Pilgermagnet seit 500 Jahren

Der Heilige Rock im Dom zu Trier. Von Andreas Weiner

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann und das Domkapitel inspizieren die Tunika Christi in der Heilig-Rock-Kapelle im Dom. Foto: KNA
Der Trierer Bischof Stephan Ackermann und das Domkapitel inspizieren die Tunika Christi in der Heilig-Rock-Kapelle im Do... Foto: KNA

Seit dem zwölften Jahrhundert war man in Trier überzeugt, im Besitz des ungeteilten Gewandes Christi zu sein, um das die Soldaten unter dem Kreuz gelost hatten (Joh 19, 23f.). Der Legende nach war es die Hl. Helena selbst, die das Gewand Christi nach Trier gebracht haben soll. 1196 ließ Erzbischof Johann I. die Tunica Christi und andere Reliquien, anlässlich der Weihe des neuen Hochaltares aus dem Westchor in den Ostchor des Domes transferieren. Im frühen 15. Jahrhundert (1403) forderte der Propst des Stiftes von St. Paulin, Friedrich Schavard, angesichts der Kirchenspaltung, des großen Schismas, den Heiligen Rock, das ungeteilte Gewand Christi, als ein Zeichen der kirchlichen Einheit öffentlich zu zeigen. Die Reliquie aber blieb weiterhin im Altar geborgen.

Die Wende sollte erst der Reichstag von 1512 bringen. Kaiser Maximilian I. hatte den Reichstag für das Frühjahr 1512 nach Trier einberufen. Der Kaiser hatte sich offenbar für Trier entschieden, um bei kriegerischen Auseinandersetzungen in den nahen Niederlanden schneller eingreifen zu können. Im Vergleich zu den traditionellen Versammlungsorten des Reichstages Nürnberg, Frankfurt, Augsburg oder Worms war man in Trier mit seinen etwa 6 000 Einwohnern nur ansatzweise den infrastrukturellen und logistischen Herausforderungen eines Reichstages gewachsen. Der Kaiser kam per Schiff moselaufwärts von Koblenz und traf bereits am 11. März 1512 in Trier ein. Über seine Reise und seinen Aufenthalt in Trier sind wir durch den kurtrierischen Sekretär Peter Maier von Regensburg bestens unterrichtet. Maier beschrieb ausführlich die Gestaltung der Messen in den Trierer Kirchen, die Jagdausflüge des Kaisers, die Speisenfolgen bei Festmahlen und deren Teilnehmer, erwähnte aber nur am Rande das aus heutiger Sicht wichtigste Ereignis dieses Reichstages: die Auffindung und Erhebung des Hl. Rocks.

Schon im 16. Jahrhundert wurde intensiv geworben

Um hierzu Näheres zu erfahren, muss man auf die Aufzeichnungen eines weiteren Augenzeugen zurückgreifen, des damaligen Dompredigers Johannes Enen (* um 1480, +1519), der 1512 auch Rektor der Trierer Universität und 1517 Trierer Weihbischof wurde. Maximilian hatte demnach aus alten Büchern Kenntnis von der Existenz der Tunica Christi im Trierer Dom und bedrängte Erzbischof und Domkapitel, die Reliquie zu erheben und zu zeigen. Am 14. April 1512 kam es in einem exklusiven Kreis zu diesem Ereignis. Anwesend war neben den Kurfürsten und Erzbischöfen von Mainz und Trier eine große Zahl geistlicher und weltlicher Würdenträger. Neben Vertretern des adeligen Standes aus dem ganzen Reich waren auch Gesandte des Papstes sowie der bedeutendsten europäischen Königshäuser anwesend.

Am 3. Mai 1512, dem Fest der Kreuzauffindung durch die Kaiserin Helena, an dem der Kaiser eine Messe für seine 1510 verstorbene zweite Gemahlin, Bianca Sforza, lesen ließ, wurde im Anschluss erstmals öffentlich die Tunika Christi gezeigt. In den folgenden Wochen kam es wiederholt zu zuvor angekündigten Zeigungen der Heiltümer des Domes und am Pfingstfest 1512 erfolgte schließlich eine erste umfassende Heiltumsschau.

An den einzelnen Tagen wurden zwischen 40 000 und 80 000 Pilger gezählt, ein Vielfaches der Einwohnerzahl Triers. Auch wenn diese Zahlen vielleicht übertrieben sein mögen, zeugen sie doch von dem überwältigenden Erfolg der Heiltumsweisung. Dies führte dazu, dass die Trierer Heilig- Rock-Wallfahrt ab 1513 zunächst jährlich für etwa zwei Wochen durchgeführt und intensiv durch Heiltumsschriften beworben wurde. 1515 erwirkten Abgesandte des Trierer Domkapitels bei Papst Leo X. einen vollkommenen Ablass für die Wallfahrer, die den Trierer Dom besuchten, den Hl. Rock verehrten und der Domkirche eine Spende zukommen ließen. Im Privileg wurde aber auch festgelegt, dass die Trierer Heiltumsschau in Anlehnung an die Aachener Heiltumsfahrt nur noch alle sieben Jahre stattfinden sollte. Martin Luther übte scharfe Kritik an der Heilig-Rock-Wallfahrt und sprach vom „Beschiss mit unsers Herrn Rock zu Trier“.

Als 1559 der Trierer Reformationsversuch, den der Kurfürst mit politischer und militärischer Macht unterdrückte, scheiterte, war an eine Heilig-Rock-Wallfahrt nicht zu denken. Damit waren die großen öffentlichen Heiltumsweisungen zunächst vorbei und gewissermaßen doch noch der Reformation zum Opfer gefallen. Einem exklusiven Kreis von Trier-Besuchern war es in den folgenden Jahrzehnten dennoch möglich, die Reliquie zu sehen.

Während einer kurzen Friedenspause nach dem Dreißigjährigen Krieg ließ Kurfürst Carl Caspar von der Leyen 1655 den Heiligen Rock öffentlich zeigen. Anders als im 16. Jahrhundert gab es keine zusammenhängende Wallfahrtsperiode mehr. Beginnend mit dem 1. Mai, dem Domweihfest, wurden die Heiltümer nur noch an einzelnen Tagen gezeigt, die für Pilger aus unterschiedlichen Regionen reserviert waren. An den einzelnen Tagen zählte man zwischen mehreren 10 000 und 80 000 Pilgern. Für die Stadt Trier mit ihren damals circa 3 500 Einwohnern sicherlich eine Herausforderung.

Dicht gedrängt standen die Pilgermassen vor dem Westchor des Domes, vor dem auf einem Holzgerüst eine Art Schaubühne aufgebaut war, auf der der Hl. Rock präsentiert wurde. Trotz des großen Erfolges dieser Wallfahrt sollte jetzt das Jahrhundert der privaten Zeigungen beginnen, in denen vor allem die jeweiligen Erzbischöfe und Kurfürsten, deren Hofstaat und Mitglieder des Domkapitels die Reliquie sahen.

Noch im 17. Jahrhundert begann man am Ostchor des Trierer Domes mit dem Bau einer Heilig-Rock-Kapelle, die im frühen 18. Jahrhundert vollendet wurde. In den unsicheren Kriegsjahren war die Tunika Christi allerdings häufiger auf der gegenüber Koblenz gelegenen, rechtsrheinischen kurtrierischen Festung Ehrenbreitstein als in der Trierer Heilig-Rock-Kapelle aufbewahrt. Als 1765 Kurfürst Johann Philipp von Walderdorff den Heiligen Rock auf den Ehrenbreitstein bringen ließ, folgte erstmals wieder eine, wenn auch nur kurze, drei Tage dauernde öffentliche Zeigung.

Unter Kurfürst Clemens Wenzeslaus, der im Geist der katholischen Aufklärung regierte, wurden Prozessionen und Wallfahrten stark eingeschränkt und teilweise sogar verboten. Um die protestierenden Gläubigen zu beschwichtigen, plante der Kurfürst 1790 eine öffentliche Ausstellung des Heiligen Rocks, zu der es jedoch aufgrund des Krieges mit dem revolutionären Nachbarland Frankreich nicht kam. Stattdessen wurde die Reliquie wieder auf den Ehrenbreitstein gebracht und 1794 nach Würzburg, von dort nach Bamberg, schließlich nach Böhmen und wieder zurück nach Bamberg. Kurfürst Clemens Wenzeslaus hatte inzwischen auf sein Kurfürstentum und das Erzbistum verzichtet und sich in sein zweites Bistum Augsburg begeben. Dorthin ließ er nun auch den Heiligen Rock bringen.

Von den Wallfahrern gingen auch politische Signale aus

Dem 1802 durch Napoleon eingesetzten Trierer Bischof Charles Mannay gelang es in zähen diplomatischen Verhandlungen schließlich, 1810 den Heiligen Rock für Trier zurückzuerhalten. Für die geplante Wallfahrt wurde ein strenges Reglement ausgearbeitet, das Ruhe und Ordnung garantieren und sicherlich auch die französische Obrigkeit beruhigen sollte. Die Rückführung der Christusreliquie nach Trier geriet zu einem religiösen Triumphzug und die folgende Wallfahrt mit mehr als 200 000 Pilgern zum Erfolg.

Nach einer an Konflikten zwischen Kirche und Staat reichen Zeit, fand 1844 unter Bischof Wilhelm Arnoldi die nächste Wallfahrt statt. Sie war sicherlich die umstrittenste Wallfahrt des 19. Jahrhunderts, denn innerkirchlich standen sich ultramontane Katholiken, die einen strikteren Kurs gegenüber den staatlichen Aufsichtsansprüchen im religiösen Bereich, eine schärfere konfessionelle Abgrenzung und eine Abkehr von allen aufklärerischen Tendenzen im Bereich der Frömmigkeitspraxis forderten, und „Deutschkatholiken“ gegenüber, die die Wallfahrt als Aberglaube und Fanatismus geißelten und sich schließlich von der Katholischen Kirche abspalteten. Trotz dieser Gegensätze kamen weit mehr als eine halbe Million Pilger, die meisten aus dem Bistum Trier. Damit wurden alle Erwartungen weit übertroffen.

Im neu geschaffenen Reich von 1871 wurden die Kirche, die kirchlichen Organisationen, wie auch der Kirche nahestehende politische Kräfte massiv bekämpft. Nachdem diese Zeit des Kulturkampfes überstanden war und die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat auch auf diplomatischem Wege beigelegt waren, fand in Trier 1887 ein Katholikentag statt, auf dem der Luxemburger Bischof Koppes in einer öffentlichen Versammlung die Bitte an den Trierer Bischof Michael Felix Korum richtete, den Heiligen Rock „zur andächtigen Verehrung“ auszustellen. Nach wissenschaftlichen und publizistischen Vorbereitungen, Untersuchungen und Restaurierungen des Gewandes kündigte der Bischof schließlich am 1. Juni 1891 eine Wallfahrtszeit von sechs Wochen ab Ende August an.

Die Wallfahrt übertraf in ihrer Resonanz alle Erwartungen. Fast zwei Millionen Menschen kamen. Großen Anteil daran hatte ein neues Verkehrsmittel, die Eisenbahn. Aus der ganzen Welt kamen die Pilger jetzt nach Trier. Durch den Erfolg der Wallfahrt, an der praktisch auch alle deutschen Bischöfe teilnahmen, wurde aber auch der Politik ein deutliches Zeichen gegeben: Mit dem Katholizismus war auch nach dem Kulturkampf weiter zu rechnen.

Den entscheidenden Anstoß zur nächsten Wallfahrt gab Papst Pius XI. selbst, als er 1933 ein Heiliges Jahr ausrief und den Wunsch äußerte, an Orten mit Christusreliquien diese besonders zu verehren. Nur einige Wochen später kündigte Bischof Franz Rudolf Bornewasser eine Wallfahrt vom 23. Juli bis zum 3. beziehungsweise 10. September an. Gleichzeitig mit den Nachrichten über die sogenannte Machtergreifung Hitlers am 30. Januar erfuhren die Menschen von der geplanten Heilig-Rock-Wallfahrt. Wenige Tage vor der Wallfahrt war in Rom ein Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan geschlossen worden, von dem man sich kirchlicherseits ein Auskommen mit dem NS-Staat erhoffte. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht nachvollziehbar, dass bei der Eröffnung der Wallfahrt Bischof und Domkapitel ranghohe Vertreter des nationalsozialistischen Staates am Domportal empfingen und in den Dom geleiteten. Bedeutender als die wenigen Uniformierten waren die Pilgermassen, die kamen, um die Tunica Christi zu sehen. Mit 2, 2 Millionen Teilnehmern, davon eine Million allein aus dem Bistum Trier, das damals 1, 5 Millionen Katholiken zählte, wurden alle vorhergehenden Wallfahrten übertroffen. Die Illusion eines guten Einvernehmens zwischen Kirche und nationalsozialistischem Staat aber war schnell vorbei und statt Völkerversöhnung kamen Krieg und Vernichtung. Vergraben im Dombunker überstand die Tunica Christi unbeschadet den Zweiten Weltkrieg mit der Bombardierung und dem Brand des Trierer Domes.

Nach den Jahren des Wiederaufbaues und unter dem Eindruck des Wirtschaftsaufschwungs und dem damit zunehmenden Materialismus in der Gesellschaft sowie der sich immer klarer abzeichnenden Spaltung Deutschlands rief Bischof Matthias Wehr unter dem Leitwort „Jesus Christus ist der Herr!“ 1959 eine Heilig-Rock-Wallfahrt aus. In einem Grußwort zum alljährlich stattfindenden Heilig-Rock-Fest (22. April) wies Papst Johannes XXIII. auf die ökumenische Bedeutung der Wallfahrt im Zusammenhang mit dem von ihm wenige Monate zuvor angekündigten allgemeinen Konzil hin. Damit waren die Ökumene, die Einheit der christlichen Konfessionen und das Konzil in das Blickfeld der Wallfahrt gerückt.

Fast 1, 8 Millionen Pilger kamen, darunter sechs Kardinäle, 82 Bischöfe und 18 Äbte. Sie erlebten liturgisch vorbildliche Gottesdienste an denen sich das Volk für damalige Verhältnisse ungewöhnlich aktiv beteiligen konnte. Unter diesem Eindruck hatte der Bonner Liturgiewissenschaftler Theodor Schnitzler den Satz geprägt: „Das Konzil beginnt in Trier“. Das ungeteilte Gewand Jesu Christi als Symbol für die Einheit der Christen hatte bei dieser Wallfahrt noch keine praktischen ökumenischen Konsequenzen, wenn auch das Anliegen als solches bereits im „Kleinen Pilgergebet“ formuliert wurde: „...und führe zusammen was getrennt ist“.

Bischof Herrmann Josef Spital kündigte 1992 eine Heilig-Rock-Wallfahrt für 1996 an, die das Motto „Mit Jesus Christus auf dem Weg“ erhielt. Mit Bezug auf das historische Datum der Reliquientransferierung am 1. Mai 1196 wurde die Wallfahrt in die Zeit vom 19. April bis 16. Mai gelegt. Von Anfang an im Blick der Wallfahrt war die Ökumene. Man überwand auf protestantischer Seite die massiven Vorbehalte gegenüber Wallfahrten und auf katholischer Seite die spürbare Neigung zur Fokussierung auf das „materielle Gewand“.

Bischof und Wallfahrtsleitung betonten das spirituelle Moment der Weggemeinschaft der Menschen mit Christus und rückten nicht mehr das Tuch in den Mittelpunkt der Wallfahrt. Damit schufen sie eine Brücke zwischen den Konfessionen. 683 000 Menschen nahmen teil an dieser Wallfahrt. Der ökumenische Funke von 1959 war übergesprungen. Im Motto der Wallfahrt 2012 wird dieses Anliegen fortgeführt „...und führe zusammen, was getrennt ist“.

Der Verfasser ist Diözesankonservator des Bistums Trier und gemeinsam mit Stefan Heinz und Andreas Tacke Mitautor und Mitherausgeber des im Michael Imhof Verlag erschienenen Buches „Trier 1512 – Heiliger Rock 2012“, Reisewege durch das historische Trier. Imhof-Kulturgeschichte. Petersberg 2011“