Petrus besucht vor allem Andreas

Ende November bereist Franziskus als vierter Papst die Türkei – Benedikt XVI. setzte 2006 hier Meilensteine im Dialog mit dem Islam. Von Stephan Baier

Zum Andreas-Fest 2006 besuchte Papst Benedikt XVI. den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul. Nun wandelt Papst Franziskus auf den Spuren seiner Vorgänger, wenn auch mit einem gestrafften Programm. Foto: Archiv
Zum Andreas-Fest 2006 besuchte Papst Benedikt XVI. den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul. Nun wandelt P... Foto: Archiv

Istanbul (DT) „Natürlich sind wir sehr unzufrieden“, sagt der katholische Bischof Louis Pelatre, aber er sagt es mit sanfter Stimme, fein lächelnd und ohne jede Bitterkeit. Dass Papst Franziskus bei seinem Besuch in Istanbul kaum Zeit für die Katholiken findet, bedauert der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz der Türkei, aber er weiß auch, dass die bevorstehende Reise kein Pastoralbesuch bei den Gläubigen der eigenen Herde ist. Der Nachfolger Petri besucht den Nachfolger des Petrus-Bruders, des Apostels Andreas, zum Andreas-Fest in Konstantinopel. Und er tut es – wie seine Vorgänger Johannes Paul II. 1979 und Benedikt XVI. 2006 – bereits im zweiten Jahr seines Pontifikats. Franziskus knüpft damit nahtlos an die Tradition seiner Vorgänger an, die seit Papst Paul VI. den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel im Phanar besucht und ihn damit zum zentralen Ansprechpartner im katholisch-orthodoxen Dialog gemacht haben.

Ein wenig mehr Zeit für die Katholiken hätte sich Bischof Pelatre dennoch gewünscht. Seine kleine Heilig-Geist-Kathedrale, vor deren Eingang eine riesige Statue des Friedenspapstes Benedikt XV. prangt, fasst nur tausend Menschen. In Istanbul leben jedoch rund 20 000 Katholiken des lateinischen Ritus. Dazu kommen noch die durch Fluchtwellen immer zahlreicher werdenden Katholiken des syrischen, des chaldäischen und des armenischen Ritus, die gemeinsam eine Bischofskonferenz bilden.

Die Messe in der Kathedrale am zweiten Besuchstag, am 29. November, wird liturgische Elemente dieser vier Riten enthalten – wie schon beim Besuch von Papst Benedikt XVI. Bischof Pelatre rechnet nun vor, dass viele Plätze in der Kathedrale durch offizielle Besucher, wie Gefolge und Diplomaten, besetzt sein werden. „Der Rest ist für die Gläubigen.“ Viele in Istanbul lebende Katholiken würden also gar keine Chance bekommen, den Papst auch nur von ferne zu sehen, so auch die zahlreichen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak.

„Sicher würde sich der Papst freuen, sie zu sehen“, vermutet Pelatre. Die „außerordentlichen Sicherheitsvorkehrungen“ und das gehetzte Programm des Heiligen Vaters werden es verhindern. Dass Franziskus wenigstens einen Blick in die Schule wirft, die die katholische Kirche für die Irak-Flüchtlinge eingerichtet hat, wagt der französischstämmige Bischof in Istanbul kaum noch zu hoffen. „Das ist sein Stil!“, schmunzelt Bischof Pelatre. „Alle seine Besuche sind Blitzbesuche!“

Tatsächlich orientiert sich die bevorstehende Reise stark an dem Programm, das Benedikt XVI. von 28. November bis 1. Dezember 2006 absolvierte, auch wenn Franziskus einen Tag kürzer reist und den Besuch beim „Haus Mariens“ in Ephesus (Efes) auslässt, sondern nur Ankara und Istanbul besucht. Allerdings hielt Benedikt XVI. auf seiner Türkei-Reise sechs Ansprachen und zwei Predigten, Johannes Paul II. 1979 sogar sieben Ansprachen und zwei Predigten, während Franziskus nur zwei Ansprachen und eine Predigt halten wird. Dabei geht es nicht um Statistik, sondern um Zeichensetzung. So legte Papst Benedikt großen Wert darauf, beim Besuch im Diyanet, dem staatlichen türkischen Religionsamt in Ankara, eine große Grundsatzrede zum christlich-islamischen Dialog zu halten. Das fand wegen der Verwirrung um seine missinterpretierte „Regensburger Rede“ wenige Wochen zuvor dann auch die maximale Aufmerksamkeit der türkischen wie der arabischen Öffentlichkeit. Medien aus der gesamten islamischen Welt drängten sich damals im Vortragssaal des Diyanet, um zu erfahren, was der Papst tatsächlich über den Islam denkt. Seine Ansprache wurde zu einem Glanzlicht der interreligiösen Bemühungen des bayerischen Gelehrtenpapstes. Den damaligen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan traf der Papst dagegen nur zu einem kurzen Gespräch im kleinen Kreis am Flughafen von Ankara.

Papst Franziskus wird im Gegensatz dazu am 28. November das Diyanet zwar besuchen, doch ist hier keine Ansprache vorgesehen. Stattdessen wird Franziskus als erster Staatsgast vom heutigen Staatspräsidenten Erdogan in jenem neuen Präsidentenpalast empfangen, der wegen seiner exorbitanten Größe und wegen der explodierenden Baukosten nicht nur in der Türkei für kritische Schlagzeilen sorgt. Hier wird der Papst mit Erdogan zusammentreffen. Hier wird er sich in einer Ansprache an die staatlichen und gesellschaftlichen Autoritäten wenden.

Obligatorisch für alle offiziellen Gäste ist eine Kranzniederlegung im Atatürk-Mausoleum – außer für Delegationen aus dem Iran, denen eine Referenz an den religionsfeindlichen Staatsgründer der laizistischen Republik Türkei von Ankara nicht zugemutet wird. Wie schon Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wird auch Papst Franziskus das riesige Gelände des Mausoleums in Ankara besuchen, sich dem Grab von Mustafa Kemal Atatürk jedoch nur schweigend nähern. Paul VI. entging diesem Ritual bei seiner Apostolischen Reise 1967 noch, weil er nur Istanbul, Ephesus und Izmir (das antike Smyrna) besuchte, nicht aber die Hauptstadt Ankara.

Ist nun der erste Türkei-Tag dem staatlichen Protokoll in Ankara gewidmet, so stehen die beiden folgenden Tage in Istanbul im Zeichen der kirchlichen und symbolhaften Begegnungen. Die Besuche in der Hagia Sophia und in der Sultan-Ahmet-Moschee sollte man nicht vorschnell als touristischen Teil des Istanbul-Aufenthaltes abtun: Die der göttlichen Weisheit gewidmete Kathedrale war über viele Jahrhunderte nicht nur die größte Kirche der Christenheit, sondern der geistliche Mittelpunkt des oströmischen Reiches und der Krönungsort der byzantinischen Kaiser, bevor sie mit der osmanischen Eroberung zur Moschee wurde.

Gerade diese sakrale Rolle als Reichsmoschee der Sultane jedoch veranlasste 1935 die laizistischen Ideologen der türkischen Republik, die Hagia Sophia – auf Anregung und mit Zustimmung Atatürks – zum Museum umzubauen. 2006 wartete die türkische Öffentlichkeit – und zwar fromme Muslime ebenso wie überzeugte Kemalisten – höchst aufgeregt, wie sich Papst Benedikt beim Besuch der Hagia Sophia verhalten würde. Es gab sogar kleinere Demonstrationen und Gerüchte, Benedikt XVI. werde das Museum durch seinen Besuch wieder zur Kirche machen. Dann aber betrat der Papst die einstige Kathedralkirche ohne Kreuzzeichen und ließ sich führen, ohne – zumindest sichtbar – zu beten.

Gebetet jedoch hat Benedikt XVI. anschließend in der Sultan-Ahmet-Moschee, den Touristen besser bekannt als „Blaue Moschee“ – und er war damit der erste Papst der Geschichte, der in einer Moschee betete. Zumindest wenn man von Johannes Paul II. absieht, der in Damaskus am Schrein Johannes des Täufers betete. Dieser befindet sich heute zwar in der prächtigsten Moschee Syriens, der Omajjaden-Moschee, doch steht er auf geweihtem Boden, auf jenem der frühchristlichen Johannes-Basilika nämlich. Weil jedoch Istanbuls „Blaue Moschee“ nicht auf geweihtem Boden errichtet wurde, sondern auf dem Fundament des ehemaligen kaiserlichen Palastes und als bewusster architektonischer Kontrast zur gegenüberliegenden Hagia Sophia, deshalb war das stille Gebet des ganz in sich gekehrten Papstes in der Moschee 2006 natürlich für Christen wie für Muslime eine Sensation, die kurzzeitig selbst Vatikan-Sprecher Federico Lombardi in Erklärungsnöte brachte. Erst am Folgetag stellte sich heraus, dass der Moment des stillen Gebets vorab mit dem neben Papst Benedikt stehenden Großmufti von Istanbul abgesprochen war. Welche stillen Gesten wird nun Papst Franziskus in der ehrwürdigen Hagia Sophia und in der prachtvollen Sultan-Ahmet-Moschee setzen?

Nach den beiden Besichtigungen in Istanbuls Stadtteil Sultanahmet feiert der Papst die Messe in der katholischen Heilig-Geist-Kathedrale. Anschließend gehört seine Zeit ganz den Begegnungen mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel: Zunächst werden Franziskus und Bartholomaios in der kleinen griechisch-orthodoxen Patriarchalkirche Sankt Georg im Phanar ein ökumenisches Gebet halten. Dann werden sie sich im bescheidenen Palast des Patriarchen unterhalten. Am Sonntag schließlich wird der Papst der orthodoxen Liturgie unter dem Vorsitz von Patriarch Bartholomaios in der Sankt-Georgs-Kirche beiwohnen. Anschließend werden Papst und Patriarch gemeinsam den Segen spenden, eine Erklärung unterzeichnen und zusammen zu Mittag essen.

Nicht vorgesehen sind im vatikanischen Reiseprogramm bisher Begegnungen mit den übrigen Kirchen, und das sorgt in Istanbul für einige Verstimmung. Denn auch wenn das sich auf den Apostel Andreas berufende griechisch-orthodoxe Patriarchat die ehrwürdigste und älteste Tradition vor Ort aufweisen kann, repräsentieren andere Kirchen doch weit mehr Gläubige in der Türkei. Auch die Besuche von Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in Istanbul galten an erster Stelle dem ökumenischen Brückenschlag zur Orthodoxie und dem Verhältnis Roms zum Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie. Dennoch wandten sich die Päpste bisher stets auch den übrigen Konfessionen zu, insbesondere dem zweiten ortsansässigen Patriarchat – dem der Armenier.

Der Patriarchalvikar der armenisch-apostolischen Kirche, Erzbischof Aram Atesyan, zeigt voll Stolz in der armenischen Kathedrale eine Marmortafel, die an die bisherigen Papst-Besuche erinnert. „Alle Päpste bisher haben auch die armenische Kirche besucht. Im Programm von Franziskus ist das nicht vorgesehen“, sagt er, hörbar enttäuscht. Und er fügt an: „Wir wissen, dass Bartholomaios ihn eingeladen hat, aber wir hoffen, dass eine Begegnung doch noch gelingt.“ Auf die Nachfrage, ob er stattdessen in den Phanar gehen würde, um Franziskus zu treffen, meint der ständige Vertreter des schwerkranken armenischen Patriarchen: „Sollte der Papst nicht zu uns kommen, wäre ich schon sehr traurig.“ Ob er dann in den Phanar gehen würde, das müsse er sich erst noch überlegen.

Mit rund 70 000 Gläubigen stellt die armenische Kirche die größte christliche Gemeinschaft in der Türkei. An zweiter Stelle steht die syrisch-orthodoxe Kirche. Und auch sie ist im vatikanischen Reiseplan nicht vorgesehen. „Unsere Kirche glaubt an den Dialog und hat deshalb gute Kontakte zu allen“, sagt der in Istanbul residierende Bischof Yusuf Cetin diplomatisch. Dann erzählt er davon, dass Katholiken und Syrisch-Orthodoxe sich seit 40 Jahren in der Türkei gegenseitig unterstützen, dass er die katholischen Kirchen mitbenutzen dürfe, dass der Besuch Papst Johannes Pauls II. am syrisch-orthodoxen Patriarchensitz in Damaskus „für uns ein historischer Tag“ gewesen sei. „Wenn Papst Franziskus die Türkei besucht, ist das für alle Christen ein großer Segen – und auch für das Land! Wir erwarten den Papst mit großen Hoffnungen“, sagt Bischof Cetin. Gleichwohl hoffe er doch sehr auf eine persönliche Begegnung und auf den Segen des Papstes für seine Kirche – insbesondere für die wachsende Schar der syrischen Flüchtlingsfamilien in Istanbul.

Im Besuchsprogramm Papst Benedikts war 2006 eine Begegnung mit dem Metropoliten der syrisch-orthodoxen Kirche ebenso vorgesehen wie ein Besuch der armenisch-apostolischen Kirche sowie kurze Begegnungen mit dem armenischen Patriarchen und mit dem Großrabbiner in der Türkei. Manche meinen nun, dass aus Sicherheitsgründen – etwa wegen der zuletzt kolportierten Morddrohungen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ – so manches Detail des Franziskus-Besuchs erst in allerletzter Minute veröffentlicht werde. Der Lazaristen-Pater Franz Kangler, der seit Jahrzehnten in Istanbul wirkt und die kleine, aber bunte christliche Szene bestens kennt, sieht es anders: „Von Anfang an war Patriarch Bartholomaios begeistert von Franziskus. Er sagte, das sei ein Mann wie Johannes XXIII.“ Und warnend fügt Kangler hinzu: „Franziskus muss aufpassen, dass er die anderen orthodoxen Kirchen nicht übersieht.“