Patriarch Irinej sagt Papstbesuch in Serbien ab

Die Identifikation von Nation und Kirche spielt für Serbiens Orthodoxie bis heute eine zentrale Rolle. Von Stephan Baier

Patriarch Irinej
FILE - Serbian Orthodox Church Patriarch Irinej, (C), speaks to ethnic Serbs as he holds a liturgy at the Episcopal Church of Saint George, in the southern town of Prizren, Kosovo, 07 February 2013. EPA/VALDRIN XHEMAJ (Zu dpa "Zeitungen: Serbische Bischöfe versuchen Putsch gegen ... Foto: Valdrin Xhemaj (EPA)
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Mit einem einzigen Satz schob der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej einem möglichen Papstbesuch in Serbien einen Riegel vor. „Es freut uns, dass der Papst den Wunsch hat, nach Serbien zu kommen, aber aufgrund dessen, was hier in der Vergangenheit vorgefallen ist, ist ein großer Teil der Nation dagegen“, meinte das Kirchenoberhaupt jüngst im Interview mit der Belgrader Zeitung „Kurir“. Radio Vatikan bestätigte umgehend, dass „Medienberichten zufolge“ eine Serbien-Reise des Papstes für Mai 2016 geplant gewesen sei, diese aber „letztendlich wegen der vorgezogenen Parlamentswahlen“ – also weder wegen des orthodoxen Widerstands noch wegen der Berufung des Patriarchen auf den Unwillen eines Großteils „der Nation“ – verschoben werde.

Als sei damit noch nicht über Gebühr spekuliert worden, meinte Radio Vatikan zudem, die Begründung des Patriarchen deuten zu können: Dieser spiele damit „auf die serbischen Flüchtlinge an, die während des Jugoslawien-Krieges vom katholischen Kroatien des Landes verwiesen wurden“. Das ist keine plausible Deutung, gab es doch – trotz einiger Spannungen und aktueller Streitpunkte – zuletzt eine wirtschaftliche und politische Normalisierung zwischen Serbien und Kroatien, auch hochrangige politische Begegnungen. Und wenngleich die rasche Anerkennung der Unabhängigkeit Kroatiens durch den Heiligen Stuhl, noch vor den Staaten der damaligen Europäischen Gemeinschaft, in Serbien bis heute unvergessen ist, wäre das seit 2010 amtierende Oberhaupt der serbischen Orthodoxie doch nicht so naiv, die Rückeroberung der Krajina 1995 durch das kroatische Militär dem Vatikan oder der katholischen Kirche anzulasten.

Anti-katholische Ressentiments sind in Serbien wesentlich älter. Man muss tiefer graben, um ihre Wurzeln freizulegen. In den Jahrhunderten osmanischer Herrschaft war es allein die orthodoxe Kirche, die den Serben eine Art national-kultureller Identifikation bieten konnte. Während politisch der Sultan herrschte, rang die serbisch-orthodoxe Kirchlichkeit mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, denn dieser war der Führer der christlichen Millet. Lange waren die Armenier die einzigen Christen des Osmanischen Reiches, die nicht dem Ökumenischen Patriarchen unterstanden. 1557 stellte die Hohe Pforte mit dem Patriarchat von Pec die Unabhängigkeit der serbischen Orthodoxie wieder her; 1766 hoben die Türken es wieder auf. So stand die serbische Orthodoxie unter einem doppelten Druck: im Osmanischen Reich unter jenem der Griechen, die im Ökumenischen Patriarchat das Sagen hatten, in der Habsburger-Monarchie unter jenem der dominanten katholischen Kirche. Mangels serbischer Staatlichkeit war sie hier wie dort aber das Zentrum des mehr und mehr erwachenden nationalen Gedankens.

Die Nationwerdung, die auf dem Balkan später einsetzte als in West-Europa, konnte sich an der Volkssprache oder an der Religion festmachen. In seinem Standardwerk zur Geschichte Serbiens zeigt der Historiker Holm Sundhausen, dass die orthodoxe Kirche im 19. Jahrhundert schwach war, während der Aberglaube weit verbreitet war. Weil aber die Sprache die Slawen des Balkanraums eher vereint denn trennt, wurde die trennende Religion zum Katalysator der Nationsbildung. Die Münchener Historikerin Marie-Janine Calic schreibt: „So entwickelte sich der erneuerte Katholizismus für Slowenen und Kroaten, die Orthodoxie für Griechen, Rumänen und Serben zum wesentlichen gemeinschaftsstiftenden und zugleich abgrenzenden Faktor.“ Religion und Kirche wurden „zum Kern kollektiver Identität“. Mit Blick auf Südosteuropa insgesamt meint Calic: „Unter den Bedingungen der Fremdherrschaft war allein die Kirche jener Ort, an dem das Gemeinschaftsbewusstsein gepflegt und Gruppeninteressen vertreten werden konnten. Sie wurde zugleich als Schutzraum vor kultureller und religiöser Überfremdung, vor Germanisierung, Magyarisierung und Islamisierung, begriffen.“

In Serbien hatten und haben religiöse Feiertage wie der mythenumwobene St. Veits-Tag, Kirchenbauten, Klosteranlagen und Heiligengeschichten vielfach mehr nationale denn religiöse Bedeutung. Sie dienen der Selbstfindung und Selbstvergewisserung als Nation. Bereits 1878 stellte der Geograf Vladimir Karic fest, dass man in Serbien vom „serbischen Glauben“ sprach, und „infolgedessen jeden Menschen gleich welcher Volkszugehörigkeit auch ,Serbe‘ nennen möchte, wenn er nur orthodox ist“. Umgekehrt identifizieren sich bis heute viele Serben, die nie eine Kirche betreten oder sogar ungetauft sind, mit der größten Selbstverständlichkeit als „orthodox“.

Das hatte und hat Konsequenzen: Nicht erst in den Kriegen der 1990er Jahre fühlte sich das politische Serbien vom Westen verraten und nur von Moskau verstanden. Bereits 1888 erschien ein „Katechismus für das serbische Volk“, in dem „das große und mächtige Russland“ als orthodoxes Land zum „einzigen aufrichtigen und verlässlichen Freund der Serben“ erklärt wird. Im selben Werk wird gemahnt, das katholische Habsburger-Reich sei der stärkste Gegner, darum müsse man „Österreich hassen, als unseren größten Feind“.

Die Identifikation der serbischen Orthodoxie mit den nationalen Interessen Serbiens – und zwar in Abgrenzung gegen stets bedrohliche Nachbarn – lässt sich durch die bewegte Geschichte des 20. Jahrhunderts verfolgen. Bis hin zur Kosovo-Frage unserer Zeit. Es war das serbische Patriarchat, das im ersten Jugoslawien (im „Staat der Serben, Kroatien und Slowenen“), gegen ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl opponierte. Der Heilige Synod wandte sich an das „orthodoxe Volk“, es möge „zu seinem orthodoxen Glauben stehen“ und eine Privilegierung der Katholiken verhindern. Als Slobodan Milosevic 1991 Krieg gegen die nach Freiheit und Selbstbestimmung strebenden Kroaten führte, wandte sich der damalige serbische Patriarch Pavle an den Jugoslawien-Vermittler, um zu erklären, es sei den Serben in der Krajina nicht zumutbar, mit den Kroaten zusammenzuleben. Selbst während der Massaker von Radovan Karadzic und Ratko Mladic im Bosnien-Krieg erklärten serbische Kirchenvertreter noch, dies alles geschehe nur zur Verteidigung der Serben. Den Autor versuchte ein serbischer Intellektueller in Belgrad 1990 – also noch vor den jugoslawischen Nachfolgekriegen – zu überzeugen, es gebe eine Weltverschwörung gegen Serbien, „angeführt von Teheran und vom Vatikan“. Dahinter steht die Annahme, die Muslime in Bosnien und im Kosovo sowie die Katholiken in Kroatien und Bosnien-Herzegowina agierten als Teil eines globalen – gegen Serbien gerichteten – Komplottes, gesteuert von der muslimischen Macht Iran und vom Papst.

Eine aktuelle Streitfrage, an der sich die belastete Geschichte und das Selbstbild festmachen, ist die mögliche Heiligsprechung des kroatischen Kardinals Alojzije Stepinac (1889 bis 1960). Er war 1945 vom kommunistischen Regime Jugoslawiens festgenommen und ein Jahr später in einem manipulierten Schauprozess unter falscher Anklage zu 16 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Die Anklage warf dem Zagreber Erzbischof Kollaboration mit dem kroatischen Ustascha-Regime während des Zweiten Weltkriegs vor, obwohl seine Proteste gegen die anti-jüdischen und anti-serbischen Maßnahmen der Ustascha bekannt waren. Papst Pius XII. sprach damals vom „traurigsten Prozess der Kirchengeschichte“. Während hunderte katholische Priester und Ordensleute von Titos Kommunisten in Gefängnisse geworfen oder ermordet wurden, wurde Stepinac selbst nach sechs Jahren Haft in den Hausarrest entlassen – allerdings nicht in seine Bischofsresidenz in Zagreb, sondern in seine Heimatgemeinde. 1998 sprach Papst Johannes Paul II. den Bekennerkardinal im bedeutendsten kroatischen Wallfahrtsort, Marija Bistrica, vor hunderttausenden Gläubigen selig.

Die politische Rehabilitierung erfolgte langsam: 1992 hob das kroatische Parlament die Verurteilung von Kardinal Stepinac auf, aber erst im Juli 2016 wurde der einstige Schuldspruch vom kroatischen Höchstgericht formell aufgehoben.

Vor fast einem Jahr, am 16. Januar 2016, empfing Papst Franziskus eine Delegation des serbisch-orthodoxen Patriarchats im Vatikan. Obwohl der Osservatore Romano nur das Treffen selbst bekannt gab, ohne Inhalte zu nennen, wusste man in Kroatien rasch, dass es um die anstehende Heiligsprechung von Stepinac ging. Tatsächlich ist die Initiative zu einer gemischten Kommission von Franziskus ausgegangen: Diese Arbeitsgruppe, zu der der Papst die katholischen Mitglieder benannte, das serbisch-orthodoxe Patriarchat seinerseits vier Bischöfe und einen Diplomaten, tagte am 12. und 13. Juli 2016 erstmals in Rom, dann neuerlich Mitte Oktober in Zagreb. Gegenstand der Untersuchungen soll das Handeln von Erzbischof Stepinac in der Zeit zwischen dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 und dem Kriegsende 1945 sein, denn das serbische Patriarchat wirft dem katholischen Kardinal eine Mitverantwortung bei der Verfolgung der orthodoxen Kirche und ihrer Gläubigen vor.

Der Chefredakteur der weitverbreiteten, offiziellen Kirchenzeitung Kroatiens, Glas Koncila, Ivan Miklenic, warf den serbischen Bischöfen im November vor, Lügen und Desinformation über Stepinac zu verbreiten. Die „Causa Stepinac“ rührt bis heute am Selbstverständnis der orthodoxen Serben, die für den „Genozid“, dem sie durch das kroatische Ustascha-Regime ausgesetzt waren, auch die katholische Kirche mitverantwortlich machen.

In einem ganz anderen Sinn betrifft die „Causa Stepinac“ aber auch das Selbstverständnis der katholischen Kroaten: Sie hatten unter dem kommunistischen Regime – wie viele Ortskirchen Mittel- und Osteuropas – ab 1945 viel zu leiden. Stepinac ist dafür ein Beispiel. Er ist zugleich ein Beispiel für die Treue der Kroaten zum Nachfolger Petri: Das Tito-Regime wollte ihn 1945 zwingen, eine vom Papst getrennte kroatische Nationalkirche zu etablieren – was Stepinac ebenso ablehnte wie die Emigration.