Ökumene mit Herzblut

Die griechisch-orthodoxe Kirchengemeinde „Kreuzerhöhung zu Mannheim“ pflegt vielseitige Kontakte und freut sich über Besucher. Von Barbara Wenz

Die Marienikone befindet sich an einem Ehrenplatz direkt vor der „königlichen Pforte“ der Ikonostase und ist liebevoll geschmückt. Foto: Wenz
Die Marienikone befindet sich an einem Ehrenplatz direkt vor der „königlichen Pforte“ der Ikonostase und ist liebevoll g... Foto: Wenz

Vater Georgios hat zum Besuch eines Mariengebetes eingeladen, das in den beiden Fastenwochen vor dem Hochfest „Entschlafung Mariens“, unserem „Mariä Himmelfahrt“, in der Gemeinde gebetet wird. Die Marienikone steht an einem Ehrenplatz, direkt vor der „königlichen Pforte“ der Ikonostase, und ist liebevoll geschmückt. Lieblicher Duft erfüllt den Kirchenraum, als Vater Giorgos im blau-goldenen Räuchermantel das Weihrauchfass schwenkt – bei den Orthodoxen zählt blau unter die liturgischen Farben, ist die Farbe Mariens und wird deshalb an den Festen der Gottesmutter getragen. Melodisch schwingt sich das Gebet des „Trostkanons“ zu Ehren der allheiligen Theotokos, der Gottesgebärerin, empor, welches sich, wie alle orthodoxen marianischen Gesänge durch seine wunderschönen poetischen Umschreibungen auszeichnet. Damit der deutsche Gast den griechischen Intonationen folgen kann, wird auch hier modernste Technik benutzt: Er erhält kurzerhand einen Tablet-PC in die Hand gedrückt, auf dem die Internetseite mit der Übersetzung aufgerufen ist. Ungefähr 40 bis 50 Gottesdienstbesucher, vor allem Frauen, haben sich an diesem Tage versammelt, darunter auch deutsche Konvertiten. Der Psalm 50 wird gesungen, Teile aus dem Lukasevangelium gelesen, dazwischen flehentliche Anrufungen an die allheilige Gottesgebärerin um Errettung aus allerlei leiblicher und seelischer Gefahr: „Nie beschämte Fürsprecherin der Christen, treue Mittlerin beim Schöpfer, verachte nicht die flehentlichen Stimmen der Sünder, komm vielmehr, als Gütige, uns zu Hilfe, die wir gläubig zu Dir rufen: Eile, Gottesgebärerin auf unser Gebet und mühe Dich auf unser Flehen, die Du allezeit beschützt, die Dich verehren.“

Zur Vorbereitung auf das Hochfest fasten die Gläubigen auf Fleisch und Tierprodukte, und es werden besondere marianische Gottesdienste gefeiert. Seit zwölf Jahren nutzt die Gemeinde zur Kreuzerhöhung in Mannheim-Luzenberg das Kirchengebäude. Erzpriester Dr. Georgios Basioudis betreut rund 5 000 Gemeindemitglieder vor allem aus den umliegenden Städten wie Heidelberg, Schwetzingen, Ladenburg und Lampertheim. Er habe auch schon zwei Erwachsenentaufen gemacht, erzählt Vater Georgios. Beide seien vorher Muslime gewesen. Seine Gemeinde gehört zur griechisch-orthodoxen Metropolie in Deutschland, die ihren Sitz in Bonn hat und seit 1980 von Metropolit Augoustinos geleitet wird. Zwar handelt es sich dabei um eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, doch die Finanzierung des Gemeindelebens – und somit auch der aktuelle Neubau eines Gemeindesaals – basiert ausschließlich auf Spenden. Vater Georgios und seine Gemeinde sind im Mannheimer Stadtteil Luzenberg beliebt und bekannt für ihre Feierfreudigkeit: Vor allem wird natürlich das Fest der Kreuzerhöhung als Patronatsfest abgehalten, bei dem alle Konfessionen, die ganze Nachbarschaft und natürlich jedermann willkommen ist. Da wird nicht nur Liturgie gefeiert, getrunken und gegessen, sondern auch viel getanzt. Außerdem feiert die Gemeinde traditionell Beginn und Ende des Marienmonats Mai.

An der linken Wand des Kirchenschiffs, dicht bei der Ikonostase, hängt eine besondere Ikone. Zu sehen ist, für jeden Katholiken leicht erkennbar, der heilige Franziskus, der ein Modell des Kirchengebäudes trägt, weil es von der Franziskusgemeinde gebaut wurde, erklärt Vater Georgios. Ebenso leicht erkennbar ist der heilige Martin von Tours mit Bischofsstab und rotem Mantel, „weil es vorher seine Kirche war“, führt der Pfarrer weiter aus. Am unteren Rand sind die typischen baulichen und landschaftlichen Merkmale der Stadt und des Stadtteils zu sehen: das Mercedes-Werk, die Glasfabrik, die Luzenberg-Schule und der Rhein. Auch ein kleiner Martinsumzug von Kindern mit Laternchen ist zu erkennen. Solche Verweise auf das Lokale sieht man auf dieser Art von Ikonen, die sich nicht direkt in der Ikonostase befinden, durchaus öfter. „Es ist unsere „ökumenische Ikone“, fügt Vater Georgios erläuternd hinzu, und sie soll besonders die Dankbarkeit gegenüber der römisch-katholischen Kirche in Mannheim ausdrücken, die den griechisch-orthodoxen dieses Kirchengebäude überlassen hat.

Überhaupt wird Ökumene in dieser Gemeinde besonders groß geschrieben: Nicht nur, dass die Griechisch-Orthodoxen solidarisch mit den kleineren, arabischsprachigen Gemeinschaften in Mannheim sind und gerne den rum-orthodoxen Gastfreundschaft in ihrer Kirche gewähren, Erzpriester Georgios Basioudis repräsentiert seine Metropolie in mehreren ökumenischen Gremien auf Bundesebene und ist Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Mannheim. Auch die Verbindung zu den römischen Katholiken wird intensiv gepflegt: Für den Katholikentag, der 2012 in Mannheim stattfand, wurde die „Orthodoxe Insel“ im Zentrum Ökumene mitkonzipiert, außerdem engagierte sich die Gemeinde rege bei der Vermittlung von Privatquartieren und stellte viele Helfer zur Betreuung der Gäste der beiden Sandhofener Schulen zur Verfügung. Die Gemeinde kooperiert mit allen griechischen, deutschen und internationalen Sportvereinen, vor allem aber mit den Schulen vor Ort, die ihre Weihnachtsgottesdienste regelmäßig in der Kreuzerhöhungskirche feiern. Selbstverständlich steht man auch in engem Kontakt mit dem Migrationsbeauftragten und dem Migrationsbeirat der Stadt und beteiligt sich auch an Festen wie dem Internationalen Fest im Schloss oder am Adventsmarkt in Sandhofen. Daneben ist es der gastfreundlichen und kooperativen Gemeinde aber auch ein Anliegen, das eigene traditionsreiche und wertvolle Erbe zu pflegen, zu präsentieren und für das Gemeinwohl einzusetzen: „Wir tragen hohe sprachliche, kulturelle und religiöse Schätze aus einer reichlichen und wertvollen Geschichte von einigen Jahrtausenden mit“, heißt es dazu auf der äußerst professionell gestalteten Internetseite unter der Adresse „orthodoxie-ma.de“

Damit dies künftig noch besser gelingt, wurde vor einem Jahr der Grundstein zum Neubau eines Gemeindesaals in direkter Nachbarschaft zur Kirche gelegt. Er soll Platz bieten für 190 Gäste, eine Bühne für Vorträge, Konzerte und andere Darbietungen enthalten, sowie eine Küche, in der für das leibliche Wohl der Gemeindemitglieder und Besucher gesorgt werden kann. Nicht zuletzt soll der Saal, der auch vermietet und somit von der evangelischen Kirchengemeinde mitgenutzt werden kann, das soziale Miteinander bereichern. Vater Giorgios ist zuversichtlich, dass dieser lang gehegte Traum aller Gemeindemitglieder bald verwirklicht werden kann, auch wenn dafür noch einiges an Spendengeldern fehlt. Dem Besuch gibt er zum Abschied eine Postkarte als Geschenk und kleine Erinnerung mit: Darauf sind der heilige Franziskus und der heilige Martin von Tours zu sehen – die „ökumenische Ikone“ der Kreuzerhöhungskirche in Mannheim-Luzenberg.