Nur das Wahre kann auch pastoral sein

Wiederverheirateten Geschiedenen Wege zur Heilung zu eröffnen, bedeutet nicht, die Wahrheit im Namen der Liebe zu kompromittieren. Von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.

Das in der Heiligen Schrift geoffenbarte Wort Jesu verpflichtet die Kirche in puncto katholisches Eheverständnis. Foto: SymbolKNA
Das in der Heiligen Schrift geoffenbarte Wort Jesu verpflichtet die Kirche in puncto katholisches Eheverständnis. Foto: SymbolKNA

Am 12. September erscheint im Würzburger Echter-Verlag der von Bischof Rudolf Voderholzer (Regensburg) herausgegebene Band „Zur Seelsorge wiederverheirateter Geschiedener.

Dokumente, Kommentare und Studien der römischen Glaubenskongregation.

Mit einer Einleitung von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.“ Mit Genehmigung von Papst em. Benedikt XVI. veröffentlicht „Die Tagespost“ vorab die Einleitung, die er 1998 als Präfekt der Glaubenskongregation für die italienische Originalausgabe „Sulla pastorale dei divorziati risposati“ (Libreria Editrice Vaticana) verfasste, erstmals vollständig in deutscher Übersetzung.

Ehe und Familie sind für die gesunde Entwicklung von Kirche und Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Zeiten, in denen das Ehe- und Familienleben blüht, sind immer auch Zeiten des Wohlergehens für die Menschen. Geraten Ehe und Familie in eine Krise, hat dies weitreichende Folgen für die Ehegatten und deren Kinder, aber auch für Staat und Kirche. Jedermann ist klar, dass die geistigen Umbrüche und Wandlungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts auch das eheliche und familiäre Leben nicht unberührt lassen. Es gibt zwar Anzeichen hoffnungsvoller Neuaufbrüche auch in diesem wichtigen Lebensbereich. Aber im Ganzen befinden sich Ehe und Familie in vielen Ländern in einer tiefen Krise. Eines von vielen Symptomen dafür ist die zunehmende Zahl derer, die sich scheiden lassen und eine neue zivile Verbindung eingehen.

Die Frage, welcher Weg in der pastoralen Begleitung solcher Menschen einzuschlagen ist, wird zurzeit in der Kirche lebhaft diskutiert. Schwierigkeiten in der Ehepastoral sind allerdings keineswegs neu. Seit den Zeiten der Apostel ist die Kirche damit konfrontiert. Die Kirchenväter bemühten sich, auftretende Probleme von Fall zu Fall zu lösen; sie hielten sich dabei wie selbstverständlich an die Lehre Jesu von der Unauflöslichkeit der Ehe, versuchten aber auch, ohne das Wort Jesu abzuschwächen, auf die oft sehr komplexen Einzelsituationen einzugehen. Im zweiten christlichen Jahrtausend wurden im Westen die mit der Ehe zusammenhängenden Fragen auf der Ebene der Lehre und des Kirchenrechts weiter geklärt und geregelt. Die orthodoxen Kirchen des Ostens betonten das Prinzip der oikonomia, der gütigen Nachsicht in schwierigen Einzelfällen, was allerdings eine fortschreitende Aufweichung des Prinzips der akribia, der Treue zur geoffenbarten Wahrheit, mit sich brachte.

In den letzten Jahrzehnten sind die Ehescheidungen, denen zumeist eine neue zivile Verbindung folgt, sprunghaft angestiegen. Aus diesem Grund fühlte sich die Kirche verpflichtet, einige lehrmäßige, rechtliche und pastorale Prinzipien in dieser Frage neu zu bedenken und zu präzisieren. Diese einführenden Erwägungen können das vielschichtige Thema nicht umfassend erörtern und vor allem nicht auf die vielen dahinterliegenden Problemkreise, auch nicht auf die Weiterentwicklung der Ehelehre seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, eingehen. Sie wollen lediglich (I.) den Kontext der neueren lehramtlichen Stellungnahmen in Kürze beschreiben, (II.) die wesentlichen Inhalte der kirchlichen Lehre zu diesem Thema zusammenfassen und (III.) einige Einwände gegen diese Lehre darlegen und die Richtung einer Antwort aufzeigen.

I. Kontext der neueren lehramtlichen Stellungnahmen

1. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die kirchliche Lehre über Ehe und Familie vertieft und in einer mehr personalistischen Sichtweise vorgelegt (vgl. Gaudium et spes 47–52). Aufgrund der Konzilsoption, die Wahrheit positiv zu verkünden, kamen Schwierigkeiten und Probleme weniger zur Sprache. Die Fragen im Zusammenhang mit den geschiedenen wiederverheirateten Gläubigen wurden von den Konzilsvätern nicht ausdrücklich erörtert beziehungsweise fanden keinen Eingang in die Konzilsdokumente. Sie besaßen damals auch noch nicht die heutige Aktualität. Allerdings lehrt das Konzil, dass die Ehescheidung die Würde von Ehe und Familie entstellt (ebd. 47) und mit der ehelichen Liebe unvereinbar ist (ebd. 49).

2. Bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde Ehescheidung in einzelnen Ländern als rechtliche Möglichkeit in die staatliche Gesetzgebung eingeführt; in den 60er und 70er Jahren dieses Jahrhunderts ist sie dann auch in den meisten Staaten mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung im Zivilrecht verankert worden. In der Folge ließen sich immer mehr auch katholische Gläubige scheiden und gingen häufig eine neue Verbindung ein, natürlich ohne kirchliche Trauung. Nach dem damals geltenden Codex Iuris Canonici von 1917 wurden solche Gläubige als „ipso facto infames“ (can. 2356) und „publice indigni“ (can. 855, 1) angesehen. Aufgrund ihres Lebens in der Sünde waren sie nicht nur von den Sakramenten der Buße und der Eucharistie ausgeschlossen, sondern galten als öffentlich ehrlos.

In manchen Teilen der Kirche, vor allem in den USA, wurde diese kirchliche Regelung als zu hart und nicht mehr angemessen empfunden. Man hob hervor, dass man doch auf die so unterschiedlichen menschlichen Schicksale Rücksicht nehmen müsse und wies insbesondere auf jene hin, die begründete Zweifel an der Gültigkeit ihrer früheren Ehe hatten, dies aber nicht in einem Ehenichtigkeitsverfahren beweisen konnten. In manchen Kreisen wurde inoffiziell eine Lösung schwieriger Situationen im „Forum internum“ vorgeschlagen und praktiziert: In bestimmten Fällen gaben Beichtväter den wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen die Absolution und ließen sie zum Kommunionempfang zu.

3. Am 11. April 1973 richtete die Kongregation für die Glaubenslehre ein vertrauliches Rundschreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche, um in der Frage eine gewisse Orientierung zu geben. Dieses Schreiben unterstrich, dass sich alle an die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe zu halten haben. In der Frage, ob Gläubige in irregulären Situationen zu den Sakramenten zugelassen werden dürfen, wurde auf die geltende Ordnung der Kirche, aber auch auf die sogenannte „probata praxis Ecclesiae in foro interno“ verwiesen.

Ziel dieses Rundschreibens war es, die Unauflöslichkeit der Ehe gegenüber gewissen liberalen Entwicklungen zu schützen und zu verteidigen. Der Hinweis auf die bewährte Praxis im inneren Bereich war aber offen für unterschiedliche Auslegungen. Umstritten war auch die Frage, wie man jenen Gläubigen gerecht werden kann, die im Gewissen von der Nichtigkeit ihrer früheren Verbindung überzeugt sind, dies aber nicht durch Fakten nachweisen können.

4. Diese und ähnliche Fragen bedurften einer Klärung. Auch die Notwendigkeit, nicht nur negative, sondern auch positive Richtlinien über den seelsorglichen Umgang mit geschiedenen wiederverheirateten Gläubigen zu erlassen, wurde immer deutlicher erkannt. Die Bischofssynode von 1980 hat sich mutig diesen Problemen gestellt und verschiedene Vorschläge erarbeitet.

Ausgehend von diesen Vorschlägen hat Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben Familiaris consortio vom 22. November 1981 in seiner Verantwortung als Oberster Hirte der Kirche eine Reihe von konkreten Bestimmungen zur Frage vorgelegt (ebd. 84). Diese Bestimmungen, die im zweiten Teil dieser Einführung umrissen werden, zeigen, wie sich die Kirche als Mutter und Lehrmeisterin auch um Gläubige in irregulären Situationen kümmert.

5. Im Jahr 1983 wurde nach vielen Jahren der Vorbereitung der neue Codex Iuris Canonici promulgiert. Dieser spricht in einem anderen Ton von den wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen, bekräftigt aber, dass jene, die „hartnäckig in einer offenkundig schweren Sünde verharren“, nicht zur heiligen Kommunion zugelassen werden können (vgl. can. 915; vgl. auch Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium, can. 712).

Das neue Kirchenrecht betont weiters die Kompetenz der Ehegerichte bezüglich der Prüfung der Gültigkeit der Ehe von Katholiken. Es räumt aber auch den Erklärungen der Parteien Beweiskraft ein und öffnet so neue Wege, um die Nichtigkeit einer vorausgehenden Verbindung zu beweisen (vgl. unten II.7). Mit dieser rechtlichen Neuerung ist ein Weg aufgezeigt, auf dem auch besonders komplexe Situationen im „Forum externum“, das für die öffentliche Wirklichkeit der Ehe zuständig ist, gelöst werden können.

6. Trotz der Bestimmungen von Familiaris consortio, die in ihren wesentlichen Inhalten auch in den Katechismus der katholischen Kirche aus dem Jahr 1992 eingegangen sind (vgl. ebd. 1650–1651), und den Klarstellungen in den neuen Codices wurde in gewissen Kreisen weiterhin eine davon unterschiedene pastorale Praxis gefördert, vor allem in der Frage des Sakramentenempfanges. Nicht wenige Gelehrte legten Studien vor, in denen sie diese Praxis theologisch zu rechtfertigen versuchten. Viele Priester gaben geschiedenen wiederverheirateten Gläubigen, die weiterhin praktizieren wollten, die Lossprechung und empfahlen beziehungsweise tolerierten, dass sie den Leib des Herrn empfingen.

Um pastoralen Missbräuchen entgegenzuwirken, veröffentlichten die Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz im Jahr 1993 verschiedene Stellungnahmen zur Pastoral mit Geschiedenen und Wiederverheirateten Geschiedenen. Ihre Absicht war, in den Pfarrgemeinden ihrer Diözesen eine einheitliche und geordnete Praxis in der schwierigen Frage zu schaffen. Sie unterstrichen die eindeutigen Worte Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe. Sie mahnten, dass eine generelle Zulassung der Gläubigen, die nach der Ehescheidung noch einmal zivil geheiratet haben, nicht möglich ist.

Aber sie räumten ein, dass diese Gläubigen in gewissen Fällen zum Tisch des Herrn hinzutreten könnten, wenn sie sich nach einem Gespräch mit einem klugen und erfahrenen Priester in ihrem Gewissen dazu ermächtigt hielten.

7. Der Vorstoß der Bischöfe wurde von manchen Kreisen in der Kirche positiv aufgenommen. Nicht wenige Kardinäle und Bischöfe aber wandten sich an die Glaubenskongregation und baten um eine Klarstellung. Gewisse Theologen waren indes wesentlich radikaler und forderten eine Änderung in Lehre und Disziplin. Manche meinten, man solle die geschiedenen wiederverheirateten Gläubigen nach einer Zeit der Buße wieder offiziell zu den Sakramenten zulassen. Andere äußerten die Meinung, man müsse die Frage den in der Seelsorge tätigen Priestern beziehungsweise der Entscheidung der betroffenen Gläubigen selbst überlassen.

Wegen der lehrmäßigen Implikationen solcher Vorschläge hat die Kongregation für die Glaubenslehre am 14. September 1994 ein Schreiben über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen an die Bischöfe der katholischen Kirche gerichtet, um die an sich bekannte Wahrheit und Praxis der Kirche von Neuem einzuschärfen.

8. Der Päpstliche Rat für die Familie hat sich bei seiner Vollversammlung 1997 eingehend mit dem Problem der wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen beschäftigt. Im Anschluss an diese Beratungen wurden einige pastorale Empfehlungen veröffentlicht. Anlässlich dieser Vollversammlung hielt der Heilige Vater am 24. Januar 1997 eine Ansprache, in der er einige wesentliche Grundsätze im Sinne von Familiaris consortio erneut in Erinnerung rief.

II. Die wesentlichen Inhalte der kirchlichen Lehre

Um des leichteren Verständnisses willen sollen die wesentlichen Inhalte der einschlägigen lehramtlichen Verlautbarungen (1) in acht Thesen zusammengefasst und kurz erläutert werden.

1. Die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen befinden sich in einer Situation, die der Unauflöslichkeit der Ehe objektiv widerspricht.

In Treue gegenüber der Lehre Jesu hält die Kirche unerschütterlich daran fest, dass die Ehe unauflöslich ist. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: „Diese innige Vereinigung als gegenseitiges Sich-schenken zweier Personen wie auch das Wohl der Kinder verlangen die unbedingte Treue der Gatten und fordern ihre unauflösliche Einheit“ (Gaudium et spes 48). Die Kirche glaubt, dass niemand – nicht einmal der Papst – die Macht hat, eine sakramentale und vollzogene Ehe aufzulösen (vgl. CIC, can. 1141). Darum kann sie „eine neue Verbindung nicht als gültig anerkennen, falls die vorausgehende Ehe gültig war“ (Schreiben 4). Eine neue zivile Verbindung kann das vorausgehende sakramentale Eheband nicht lösen. Sie steht deshalb objektiv in direktem Gegensatz zur Wahrheit des weiter bestehenden unauflöslichen Ehebandes.

Aus diesem Grund ist es verboten, „aus welchem Grund oder Vorwand auch immer, sei er auch pastoraler Natur, für Geschiedene, die sich wiederverheiraten, irgendwelche liturgische Handlungen vorzunehmen“ (FC 84). Solche Handlungen würden nämlich den Eindruck erwecken, dass es sich um eine neue sakramental gültige Eheschließung handelt und die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe weiter aushöhlen.

2. Die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen bleiben Glieder des Volkes Gottes und sollen die Liebe Christi und die mütterliche Nähe der Kirche spüren.

Obwohl diese Gläubigen in einer Situation leben, die der Botschaft des Evangeliums widerspricht, sind sie nicht von der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. Sie „sind und bleiben ihre Mitglieder, weil sie die Taufe empfangen haben und den christlichen Glauben bewahren“ (Rede 2). Aus diesem Grund sprechen die lehramtlichen Dokumente in der Regel von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen und nicht einfach von wiederverheirateten Geschiedenen.

Jene, die unter schwierigen familiären Verhältnissen leiden, bedürfen in besonderer Weise der pastoralen Liebe. Die Kirche ist gerufen, ihnen nach dem Vorbild Jesu, der niemanden von seiner Liebe ausschloss, nahe zu sein. Sie wird „unablässig bemüht sein, solchen Menschen ihre Heilsmittel anzubieten“ (FC 84).

Die Hirten sind aufgerufen, sich in taktvoller Weise der betroffenen Gläubigen anzunehmen. Dazu gehört, dass sie die verschiedenen Situationen gut unterscheiden. Manche haben durch schwere Schuld ihre eheliche Verbindung zerstört, andere sind vom Ehepartner einfach verlassen worden; manche sind im Gewissen von der Nichtigkeit ihrer vorausgehenden Ehe überzeugt, andere haben vor allem wegen der Kindererziehung wieder geheiratet; schließlich gibt es jene, die in der zweiten Verbindung den Glauben neu entdeckt und bereits einen langen Weg der Buße zurückgelegt haben (vgl. FC 84; Schreiben 3).

Ausgehend von dieser einfühlsamen, auf das Einzelschicksal eingehenden Unterscheidung werden die Hirten den betroffenen Gläubigen konkrete Wege der Umkehr und der Teilnahme am kirchlichen Leben aufzeigen. Zusammen mit der Bischofssynode von 1980 hat Johannes Paul II. die ganze Kirche eingeladen, den Gläubigen in schwierigen ehelichen Verhältnissen beizustehen und ihnen nicht mit Desinteresse oder Vorwürfen zu begegnen. „Die Kirche soll für sie beten, ihnen Mut machen, sich ihnen als barmherzige Mutter erweisen und sie so im Glauben und in der Hoffnung stärken“ (FC 84).

„Das Mit-Leiden und Mit-Lieben der Hirten und der Gemeinschaft der Gläubigen ist nötig, damit die betroffenen Menschen auch in ihrer Last das süße Joch und die leichte Bürde Jesu erkennen können (vgl. Mt 11, 30). Süß und leicht ist ihre Bürde nicht dadurch, dass sie gering und unbedeutend wäre, sondern sie wird dadurch leicht, dass der Herr – und mit ihm die ganze Kirche – sie mitträgt. Zu dieser eigentlichen, in der Wahrheit wie in der Liebe gleichermaßen gründenden Hilfe hinzuführen, ist die Aufgabe der Pastoral, die mit aller Hingabe angegangen werden muss“ (Schreiben 10).

3. Als Getaufte sind die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen berufen, aktiv am Leben der Kirche teilzunehmen, insofern dies mit ihrer objektiven Situation vereinbar ist.

An vielen Lebensvollzügen der Kirche können die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen ohne weiteres teilnehmen: „Sie sollen ermahnt werden, das Wort Gottes zu hören, am heiligen Messopfer teilzunehmen, regelmäßig zu beten, die Gemeinde in ihren Werken der Nächstenliebe und Initiativen zur Förderung der Gerechtigkeit zu unterstützen, die Kinder im christlichen Glauben zu erziehen und den Geist und die Werke der Buße zu pflegen, um so von Tag zu Tag die Gnade Gottes auf sich herabzurufen“ (FC 84).

In der Ansprache von 1997 hebt der Heilige Vater die Bedeutung der Kindererziehung besonders hervor: „Ein wichtiges Kapitel bezieht sich auf die menschliche und christliche Erziehung der Kinder der neuen Verbindung. Ihre Teilhabe am vollen Bedeutungsgehalt der Weisheit des Evangeliums, der kirchlichen Lehre entsprechend, bereitet die Herzen ihrer Eltern auf wunderbare Weise für den Empfang der notwendigen Kraft und Klarheit vor, um die wirklichen Schwierigkeiten auf ihrem Weg überwinden zu können und jene volle Transparenz des Geheimnisses Christi zurückzuerlangen, das die christliche Ehe sichtbar und gegenwärtig macht“ (Rede 4).

Das Schreiben der Glaubenskongregation hebt neben den genannten Aspekten auch die Bedeutung der geistlichen Kommunion hervor: „Den Gläubigen muss geholfen werden, zu einem tieferen Verständnis vom Wert der Teilnahme am eucharistischen Opfer Christi, der geistlichen Kommunion, des Gebetes, der Betrachtung des Wortes Gottes, der Werke der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit zu gelangen“ (Schreiben 6).

Es ist wichtig, immer wieder zu betonen, dass die betroffenen Gläubigen in vielfacher Weise am Leben der Kirche partizipieren können und sollen. Die Teilnahme am kirchlichen Leben darf nicht einfach auf die Frage des Kommunionempfangs reduziert werden, wie es leider oftmals geschieht.

4. Aufgrund ihrer objektiven Situation dürfen die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen nicht zur heiligen Kommunion zugelassen werden und auch nicht eigenmächtig zum Tisch des Herrn hinzutreten.

Nachdem der Papst in Familiaris consortio die betroffenen Gläubigen zur Teilnahme an vielen Aspekten des kirchlichen Lebens aufgerufen hat, stellt er in klaren Worten fest: „Die Kirche bekräftigt jedoch ihre auf die Heilige Schrift gestützte Praxis, wiederverheiratete Geschiedene nicht zum eucharistischen Mahl zuzulassen“ (FC 84). Diese Norm ist keine bloß disziplinäre Regelung, die von der Kirche geändert werden könnte. Sie leitet sich von einer objektiven Situation her, die das Hinzutreten zur heiligen Kommunion in sich unmöglich macht. Johannes Paul II. bringt diesen doktrinellen Grund mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Sie stehen insofern selbst ihrer Zulassung im Weg, als ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse in objektivem Widerspruch zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche sind, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht“ (FC 84). Zu diesem primären Grund kommt ein zweiter hinzu, der mehr pastoraler Natur ist: „Ließe man solche Menschen zur Eucharistie zu, bewirkte dies bei den Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe Irrtum und Verwirrung“ (FC 84).

Einige Theologen haben eingewandt, dass diese Norm nicht der vom Papst geforderten Unterscheidung der verschiedenen Situationen gerecht werde; man müsse auch in der Frage des Kommunionempfangs auf den Einzelfall eingehen und flexibel sein. Diese Auffassung ist aber nicht mit Familiaris consortio vereinbar, wie das Schreiben der Glaubenskongregation ausdrücklich feststellt: „Die Struktur des Mahnschreibens und der Tenor seiner Worte zeigen klar, dass diese in verbindlicher Weise vorgelegte Praxis nicht aufgrund der verschiedenen Situationen modifiziert werden kann“ (Schreiben 5).

Andere haben vorgeschlagen, zwischen der offiziellen Zulassung zur heiligen Kommunion, die nicht möglich sei, und dem Hinzutritt dieser Gläubigen zum Tisch des Herrn zu unterscheiden, der in gewissen Fällen erlaubt sei, wenn sie sich in ihrem Gewissen dazu ermächtigt hielten. Demgegenüber betont das Schreiben der Glaubenskongregation: „Gläubige, die wie in der Ehe mit einer Person zusammenleben, die nicht ihre rechtmäßige Ehegattin oder ihr rechtmäßiger Ehegatte ist, dürfen nicht zur heiligen Kommunion hinzutreten. Im Fall, dass sie dies für möglich hielten, haben die Hirten und Beichtväter wegen der Schwere der Materie und der Forderungen des geistlichen Wohls der betreffenden Personen (vgl. 1 Kor 11, 27–29) und des Allgemeinwohls der Kirche die ernste Pflicht, sie zu ermahnen, dass ein solches Gewissensurteil in offenem Gegensatz zur Lehre der Kirche steht. Sie müssen diese Lehre zudem allen ihnen anvertrauten Gläubigen in Erinnerung rufen“ (Schreiben 6).

Es ist wichtig, den Gläubigen den Sinn dieser verbindlichen Norm gut zu erklären. Es geht nicht darum, jemanden in irgendeiner Weise auszuschließen oder zu diskriminieren. Es geht „einzig um die uneingeschränkte Treue zum Willen Christi, der uns die Unauflöslichkeit der Ehe als Gabe des Schöpfers zurückgegeben und neu anvertraut hat“ (Schreiben 10). Wenn die Gläubigen, die sich in einer solchen Situation befinden, dies von innen her annehmen, legen sie dadurch auf ihre Weise Zeugnis ab für die Unauflöslichkeit der Ehe und für ihre Treue zur Kirche (vgl. Schreiben 9). Gewiss wird ihnen dadurch auch die Notwendigkeit der Bekehrung immer neu bewusst. Freilich – und dies ist heute in der Kirche weithin vergessen – gibt es auch viele andere Situationen, die einem würdigen und fruchtbaren Kommunionempfang im Weg stehen. In Predigt und Katechese müsste dies wieder viel mehr und deutlicher zur Sprache kommen. Dann könnten auch die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen ihre Situation leichter verstehen.

5. Aufgrund ihrer objektiven Situation können die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen „gewisse kirchliche Aufgaben nicht ausüben“ (KKK 1650).

Dies gilt etwa für das Patenamt. Gemäß dem geltenden Kirchenrecht muss der Pate „ein Leben führen, das dem Glauben und dem zu übernehmenden Dienst entspricht“ (CIC, can. 874, 1, 3). Die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen entsprechen nicht dieser Regelung, da ihre Situation dem Gebot Gottes objektiv widerspricht.

Eine neuere Untersuchung – auch unter Einbeziehung des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten – hat ergeben, dass diese rechtliche Norm eindeutig und klar ist. Dabei wurde aber betont, dass die Bedingungen, die für die Übernahme des Patendienstes erforderlich sind, – weit über die hier erörterte Frage hinaus – genauer präzisiert werden sollten, um das Patenamt in seiner Bedeutung aufzuwerten und Missbräuchen in der Pastoral entgegenzuwirken. Mittlerweile sind bereits Schritte in diese Richtung gesetzt worden.

Auch andere kirchliche Aufgaben, die ein besonderes christliches Lebenszeugnis voraussetzen, können nicht an Geschiedene, die zivil wiederverheiratet sind, übertragen werden: liturgische Dienste (Lektor, Kommunionhelfer), katechetische Dienste (Religionslehrer, Erstkommunion- beziehungsweise Firmhelfer), Mitgliedschaft im diözesanen Pastoral- beziehungsweise im Pfarrgemeinderat. Mitglieder solcher Räte müssen ganz im kirchlich-sakramentalen Leben verwurzelt sein und ein Leben führen, das mit den sittlichen Grundsätzen der Kirche übereinstimmt. Das Kirchenrecht legt fest, dass in den diözesanen Pastoralrat – und dies gilt analog ebenso für den Pfarrgemeinderat – „nur Gläubige berufen werden (dürfen), die sich durch festen Glauben, gute Sitten und Klugheit auszeichnen“ (CIC, can. 512, 3) (2). Es ist auch davon abzuraten, dass wiederverheiratet geschiedene Gläubige als Trauzeugen fungieren, auch wenn es in dieser Frage keine inneren Gründe dagegen gibt. (3)

Auch in diesem Punkt kann man nicht einwenden, dass die betroffenen Gläubigen diskriminiert werden. Es handelt sich vielmehr um innere Folgen ihrer objektiven Lebenssituation. Zudem erfordert das Gemeinwohl der Kirche, dass man Verwirrung und ein mögliches Ärgernis auf jeden Fall vermeidet. Allerdings darf in diesem Problemkreis die Frage ebenfalls nicht einseitig auf die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen fixiert werden, sondern ist grundsätzlicher und umfassender zu erörtern.

6. Wenn wiederverheiratete geschiedene Gläubige sich trennen beziehungsweise wie Bruder und Schwester leben, können sie zu den Sakramenten zugelassen werden.

Damit die Geschiedenen, die eine neue zivile Verbindung eingegangen sind, das Sakrament der Versöhnung, das den Zugang zur heiligen Kommunion öffnet, gültig empfangen können, müssen sie aufrichtig bereit sein, ihre Lebenssituation so zu ändern, dass sie der Unauflöslichkeit der Ehe nicht mehr entgegensteht.

Das bedeutet konkret, dass sie bereuen, das sakramentale Eheband, das ein Abbild der bräutlichen Vereinigung zwischen Christus und seiner Kirche ist, verletzt zu haben und sich von jener Person trennen, die nicht ihre rechtmäßige Ehegattin beziehungsweise ihr rechtmäßiger Ehegatte ist. Wenn dies aus ernsthaften Gründen, zum Beispiel wegen der Kindererziehung, nicht möglich ist, müssen sie sich vornehmen, vollkommen enthaltsam zu leben (vgl. FC 84). Mit Hilfe der alles überwindenden Gnade und ihres entschiedenen Bemühens soll sich ihre Verbundenheit immer mehr in ein Band der Freundschaft, der Wertschätzung und der Hilfsbereitschaft verwandeln. Dies ist die Interpretation, die Familiaris consortio der sogenannten „probata praxis Ecclesiae in foro interno“ gibt. Im Schreiben der Glaubenskongregation wird diese Lösung erneut vorgetragen mit dem Zusatz, dass „die Pflicht aufrechterhalten bleibt, Ärgernis zu vermeiden“ (Schreiben 4).

Es ist jedermann klar, dass diese Lösung fordernd ist, vor allem wenn es sich um jüngere Menschen handelt. Aus diesem Grund ist die kluge und väterliche Begleitung durch einen Beichtvater, der die betroffenen Gläubigen, die wie Bruder und Schwester leben möchten, Schritt für Schritt voranführt, von besonders großer Bedeutung. Hier müssten noch viel mehr pastorale Initiativen entwickelt werden.

7. Die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen, die subjektiv von der Ungültigkeit ihrer vorausgehenden Ehe überzeugt sind, müssen ihre Situation im „Forum externum“ regeln.

Die Ehe hat wesentlich öffentlichen Charakter. Sie bildet die Urzelle der Gesellschaft. Die christliche Ehe besitzt sakramentale Würde. Der Konsens der Gatten, der die Ehe konstituiert, ist nicht eine bloße Privatentscheidung, sondern schafft für jeden Partner eine spezifisch kirchliche und soziale Situation. Die Ehe ist eine Wirklichkeit der Kirche und betrifft nicht nur die unmittelbare Beziehung der Eheleute zu Gott.

Darum steht es dem persönlichen Gewissen der Betroffenen nicht zu, in letzter Instanz auf der Grundlage der eigenen Überzeugung über das Bestehen oder Nichtbestehen einer vorausgehenden Ehe und den Wert der neuen Beziehung zu entscheiden (vgl. Schreiben 7 und 8).

Aus diesem Grund bekräftigt das revidierte Kirchenrecht die ausschließliche Kompetenz der kirchlichen Gerichte bezüglich der Prüfung der Gültigkeit der Ehe von Katholiken. Dies bedeutet, dass auch jene, die in ihrem Gewissen überzeugt sind, dass ihre frühere, unheilbar zerstörte Ehe niemals gültig war, sich an das zuständige Ehegericht zu wenden haben, das auf dem von der Kirche festgelegten Weg des „Forum externum“ prüft, ob es sich objektiv um eine ungültige Ehe handelt. Der Codex Iuris Canonici von 1983 – und dasselbe gilt in analoger Weise auch vom Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium – bietet auch neue Wege, um die Nichtigkeit einer Ehe nachzuweisen. Monsignore Mario F. Pompedda, der Dekan der Rota Romana, schreibt diesbezüglich in seinem Kommentar „Kirchenrechtliche Problematiken“, der in diesem Band abgedruckt ist: „In tiefer Achtung vor der menschlichen Person, im Anschluss an das Naturrecht und im Bemühen, das Prozessrecht von allem juristischen Formalismus zu befreien und die unumgänglichen Forderungen der Gerechtigkeit zu befolgen (in diesem Fall geht es um das Erzielen einer moralischen Gewissheit und um den Schutz der Wahrheit, der hier sogar die Gültigkeit eines Sakramentes beinhaltet), hat der kirchliche Gesetzgeber Normen festgelegt (vgl. can. 1536 § 2 und can. 1679), aufgrund derer auch schon die Aussagen der betreffenden Parteien einen für die Nichtigkeit ausreichenden Beweis darstellen können, natürlich nur da, wo diese Aussagen in Übereinstimmung mit den Umständen der Rechtssache die Garantie für volle Glaubwürdigkeit bieten.“

Mit dieser neuen kanonischen Regelung, die in der Praxis der kirchlichen Gerichte in manchen Ländern leider noch viel zu wenig beachtet und angewandt wird, soll „jede Abweichung von der Wahrheit, die im prozessualen Weg nachweisbar ist, von der objektiven, vom rechten Gewissen erkannten Wahrheit so weit wie möglich ausgeschlossen werden“ (Schreiben 9).

8. Die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen dürfen niemals die Hoffnung verlieren, das Heil zu erlangen.

Der letzte Absatz im einschlägigen Kapitel von Familiaris consortio ist ein deutlicher Aufruf, niemals die Hoffnung zu verlieren: „Die Kirche vertraut fest darauf, dass auch diejenigen, die sich vom Gebot des Herrn entfernt haben und noch in einer solchen Situation leben, von Gott die Gnade der Umkehr erhalten können, wenn sie ausdauernd geblieben sind in Gebet, Buße und Liebe“ (FC 84; vgl. Rede 4).

Auch wenn die Kirche niemals eine Praxis gutheißen kann, die den Forderungen der Wahrheit und dem Gemeinwohl von Familie und Gesellschaft entgegensteht, so hört sie doch nicht auf, ihre Söhne und Töchter in schwierigen ehelichen Verhältnissen zu lieben, ihre Schwierigkeiten und Leiden mitzutragen, sie mit mütterlichem Herzen zu begleiten und im Glauben zu bestärken, dass sie nicht von jenem Gnadenstrom ausgeschlossen sind, der reinigt, erleuchtet, verwandelt und hinführt zum ewigen Heil.

III. Einwände gegen die kirchliche Lehre – die Richtung einer Antwort

Das Schreiben der Glaubenskongregation von 1994 hat bekanntlich in weiten Teilen der Kirche ein lebhaftes Echo gefunden. Neben vielen positiven Stellungnahmen waren auch nicht wenige kritische Stimmen zu hören. Die wesentlichen Einwände gegen die kirchliche Lehre und Praxis werden im Folgenden in vereinfachender Form umrissen.

Einige gewichtigere Einwände – vor allem der Verweis auf die angeblich flexiblere Praxis der Kirchenväter, welche die Praxis der von Rom getrennten Ostkirchen bis heute präge, sowie der Hinweis auf die traditionellen Prinzipien der Epikie und der Aequitas canonica – wurden von der Glaubenskongregation eingehend untersucht. Die Artikel der Professoren Pelland, Marcuzzi und Rodríguez Luño sind neben anderem im Zuge dieses Studiums entstanden. Die hauptsächlichen Ergebnisse der Untersuchung, die die Richtung einer Antwort auf die vorgebrachten Einwände anzeigen, sollen hier ebenfalls in Kürze zusammengefasst werden.

1. Manche meinen, einige Stellen des Neuen Testaments deuteten an, dass das Wort Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe eine flexible Anwendung erlaube und nicht in eine streng rechtliche Kategorie eingeordnet werden dürfe.

Einige Exegeten merken kritisch an, dass das Lehramt im Zusammenhang mit der Unauflöslichkeit der Ehe fast ausschließlich eine Perikope – nämlich Markus 10, 11–12 – zitiere und andere Stellen aus dem Matthäus-Evangelium und aus dem ersten Korintherbrief nicht genügend berücksichtige. Diese Bibelstellen sprächen von einer gewissen „Ausnahme“ vom Herrenwort über die Unauflöslichkeit der Ehe, und zwar im Fall von „porneia“ (Mt 5, 32; 19, 9) und im Fall der Trennung um des Glaubens wegen (1 Kor 7, 12–16). Solche Texte seien Hinweise, dass die Christen in schwierigen Situationen schon in der apostolischen Zeit eine flexible Anwendung des Wortes Jesu gekannt haben.

Auf diesen Einwand ist zu antworten, dass die lehramtlichen Dokumente die biblischen Grundlagen der Ehelehre nicht umfassend darlegen wollen. Sie überlassen diese wichtige Aufgabe den kompetenten Fachleuten. Das Lehramt betont allerdings, dass sich die kirchliche Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe aus der Treue gegenüber dem Wort Jesu ableitet. Jesus bezeichnet die alttestamentliche Scheidungspraxis eindeutig als Folge der menschlichen Hartherzigkeit. Er verweist – über das Gesetz hinaus – auf den Anfang der Schöpfung, auf den Schöpferwillen, und fasst seine Lehre mit den Worten zusammen: „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 10, 9). Mit dem Kommen des Erlösers wird also die Ehe in ihrer schöpfungsgemäßen Ur-Gestalt wieder hergestellt und der menschlichen Willkür entrissen – vor allem der männlichen Willkür, denn für die Frau gab es ja die Möglichkeit der Scheidung nicht. Jesu Wort von der Unauflöslichkeit der Ehe ist die Überwindung der alten Ordnung des Gesetzes in der neuen Ordnung des Glaubens und der Gnade. Nur so kann die Ehe der gottgegebenen Berufung zur Liebe und der menschlichen Würde voll gerecht und zum Zeichen der unbedingten Bundesliebe Gottes, das heißt zum „Sakrament“, werden (vgl. Eph 5, 32).

Die Trennungsmöglichkeit, die Paulus in 1 Korinther 7 eröffnet, betrifft Ehen zwischen einem christlichen und einem nicht getauften Partner. Die spätere theologische Reflexion hat erkannt, dass nur Ehen zwischen zwei Getauften „Sakrament“ im strengen Sinn des Wortes sind und dass nur für diese im Raum des Christusglaubens stehenden Ehen die unbedingte Unauflöslichkeit gilt. Die sogenannte „Naturehe“ hat ihre Würde von der Schöpfungsordnung her und ist daher auf Unauflöslichkeit angelegt, kann aber unter Umständen eines höheren Gutes – hier des Glaubens – wegen aufgelöst werden. So hat die theologische Systematik den Hinweis des heiligen Paulus rechtlich als „Privilegium Paulinum“ eingeordnet, das heißt als Möglichkeit, eine nicht sakramentale Ehe um des Gutes des Glaubens willen aufzulösen. Die Unauflöslichkeit der wirklich sakramentalen Ehe bleibt gewahrt; es handelt sich also nicht um eine Ausnahme vom Wort des Herrn. Darauf werden wir später zurückkommen.

Bezüglich des rechten Verständnisses der „porneia“-Klauseln gibt es eine Fülle von Literatur mit vielen unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Hypothesen. Unter den Exegeten herrscht in dieser Frage keinerlei Einmütigkeit. Viele nehmen an, dass es sich hier um ungültige eheliche Verbindungen und nicht um Ausnahmen von der Unauflöslichkeit der Ehe handelt. Auf alle Fälle kann die Kirche ihre Lehre und Praxis nicht auf unsichere exegetische Hypothesen aufbauen. Sie hat sich an die eindeutige Lehre Christi zu halten.

2. Andere wenden ein, dass die patristische Tradition Raum lasse für eine differenziertere Praxis, die schwierigen Situationen besser gerecht wird; die katholische Kirche könne zudem vom ostkirchlichen „Ökonomie“-Prinzip lernen.

Man sagt, dass das gegenwärtige Lehramt sich nur auf einen Strang der patristischen Tradition stützt, aber nicht auf das ganze Erbe der Alten Kirche. Obwohl die Väter eindeutig am doktrinellen Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe festhielten, haben einige von ihnen auf der pastoralen Ebene eine gewisse Flexibilität mit Rücksicht auf schwierige Einzelsituationen toleriert. Auf dieser Grundlage haben die von Rom getrennten Ostkirchen später neben dem Prinzip der akribia, der Treue zur geoffenbarten Wahrheit, jenes der oikonomia, der gütigen Nachsicht in schwierigen Einzelfällen, entwickelt. Ohne die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe aufzugeben, erlauben sie in gewissen Fällen eine Zweit- und auch eine Drittehe, die allerdings von der sakramentalen Erstehe unterschieden und vom Charakter der Buße geprägt ist. Diese Praxis sei von der katholischen Kirche nie ausdrücklich verurteilt worden. Die Bischofssynode von 1980 habe angeregt, diese Tradition gründlich zu studieren, um die Barmherzigkeit Gottes besser aufleuchten zu lassen.

Die Studie von P. Pelland legt die wesentlichen Vätertexte zur Problematik klar und deutlich vor. Für die Interpretation der einzelnen Texte bleibt natürlich der Historiker zuständig. Aufgrund der schwierigen Textlage werden die Kontroversen auch in Zukunft nicht ausbleiben. In theologischer Hinsicht ist festzuhalten:

a) Es gibt einen klaren Konsens der Väter bezüglich der Unauflöslichkeit der Ehe. Weil diese dem Willen des Herrn entspringt, besitzt die Kirche keinerlei Gewalt darüber. Deshalb war die christliche Ehe von Anfang an unterschieden von der Ehe der römischen Zivilisation, auch wenn es in den ersten Jahrhunderten noch keine eigene kanonische Ordnung gab. Die Kirche der Väterzeit schließt Ehescheidung und Wiederheirat eindeutig aus, und zwar aus gläubigem Gehorsam gegenüber dem Neuen Testament.

b) In der Kirche der Väterzeit wurden geschiedene wiederverheiratete Gläubige niemals nach einer Bußzeit offiziell zur heiligen Kommunion zugelassen. Es trifft indes zu, dass die Kirche Zugeständnisse in einzelnen Ländern nicht immer rigoros rückgängig gemacht hat, auch wenn sie als nicht mit Lehre und Disziplin übereinstimmend bezeichnet wurden. Wahr scheint auch, dass einzelne Väter, etwa Leo der Große, für seltene Grenzfälle „pastorale“ Lösungen suchten.

c) In der Folge kam es zu zwei gegensätzlichen Entwicklungen:

In der Reichskirche nach Konstantin suchte man mit der immer stärkeren Verflechtung von Staat und Kirche eine größere Flexibilität und Kompromissbereitschaft in schwierigen Ehesituationen. Bis zur gregorianischen Reform zeigte sich auch im gallischen und germanischen Raum eine ähnliche Tendenz. In den von Rom getrennten Ostkirchen setzte sich diese Entwicklung im zweiten Jahrtausend weiter fort und führte zu einer immer liberaleren Praxis. Heute gibt es in manchen Ostkirchen eine Vielzahl von Scheidungsgründen, ja bereits eine „Theologie der Scheidung“, die mit den Worten Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe auf keine Weise zu vereinbaren ist. Im ökumenischen Dialog muss dieses Problem unbedingt zur Sprache gebracht werden.

Im Westen wurde durch die gregorianische Reform die ursprüngliche Auffassung der Väter wieder hergestellt. Diese Entwicklung fand auf dem Konzil von Trient einen gewissen Abschluss und wurde auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil erneut als Lehre der Kirche vorgetragen.

Die Praxis der Ostkirchen, die Folge eines komplexen historischen Prozesses, einer immer liberaleren – und sich mehr und mehr vom Herrenwort entfernenden – Interpretation einiger dunkler Vätertexte sowie eines nicht geringen Einflusses ziviler Gesetze ist, kann von der katholischen Kirche aus lehrmäßigen Gründen nicht übernommen werden. Zudem ist die Behauptung unrichtig, dass die katholische Kirche die orientalische Praxis einfach toleriert habe. Gewiss hat Trient keine ausdrückliche Verurteilung ausgesprochen. Die mittelalterlichen Kanonisten sprachen allerdings durchgehend von einer missbräuchlichen Praxis. Zudem gibt es Zeugnisse, dass Gruppen orthodoxer Gläubiger, die katholisch wurden, ein Glaubensbekenntnis mit einem ausdrücklichen Verweis auf die Unmöglichkeit einer Zweitehe unterzeichnen mussten.

3. Manche schlagen vor, auf der Basis der traditionellen Prinzipien der Epikie und der Aequitas canonica Ausnahmen von der kirchlichen Norm zu gestatten.

Bestimmte Ehefälle, so sagt man, können im „Forum externum“ nicht geregelt werden. Die Kirche dürfe nicht nur auf rechtliche Normen verweisen, sondern müsse auch das Gewissen der Einzelnen achten und tolerieren. Die überlieferte Lehre von Epikie und Aequitas canonica könnten moraltheologisch beziehungsweise juridisch eine Entscheidung des Gewissens, die von der allgemeinen Norm abweicht, rechtfertigen. Vor allem in der Frage des Sakramentenempfangs solle die Kirche hier Schritte setzen und den betroffenen Gläubigen nicht nur Verbote vorhalten.

Die beiden Beiträge von Don Marcuzzi und Professor Rodríguez Luño werfen Licht auf diese komplexe Problematik. Dabei sind drei Fragenbereiche deutlich voneinander zu unterscheiden:

a) Epikie und Aequitas canonica sind im Bereich menschlicher und rein kirchlicher Normen von großer Bedeutung, können aber nicht im Bereich von Normen angewandt werden, über die die Kirche keine Verfügungsgewalt hat. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist eine dieser Normen, die auf den Herrn selbst zurückgehen und daher als Normen „göttlichen Rechts“ bezeichnet werden. Die Kirche kann auch nicht pastorale Praktiken – etwa in der Sakramentenpastoral – gutheißen, die dem eindeutigen Gebot des Herrn widersprechen. Mit anderen Worten: Wenn die vorausgehende Ehe von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen gültig war, kann ihre neue Verbindung unter keinen Umständen als rechtmäßig betrachtet werden; daher ist ein Sakramentenempfang aus inneren Gründen nicht möglich. Das Gewissen des Einzelnen ist ausnahmslos an diese Norm gebunden.

b) Die Kirche hat indes die Vollmacht zu klären, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Ehe als unauflöslich im Sinne Jesu betrachtet werden kann. Auf der Linie der paulinischen Aussagen in 1 Korinther 7 legte sie fest, dass nur zwei Christen eine sakramentale Ehe schließen können. Sie entwickelte die Rechtsfiguren des „Privilegium Paulinum“ und des „Privilegium Petrinum“. Mit Rückgriff auf die „porneia“-Klauseln bei Matthäus und in Apostelgeschichte 15, 20 wurden Ehehindernisse formuliert. Zudem wurden Ehenichtigkeitsgründe immer klarer erkannt und das Prozessverfahren ausführlicher entwickelt. All dies trug dazu bei, den Begriff der unauflöslichen Ehe einzugrenzen und zu präzisieren. Man kann sagen, dass auf diese Weise auch in der Westkirche dem Prinzip der oikonomia Raum gegeben wurde, allerdings ohne die Unauflöslichkeit der Ehe als solche anzutasten.

Auf dieser Linie liegt auch die rechtliche Weiterentwicklung im Codex Iuris Canonici von 1983, gemäß der auch den Erklärungen der Parteien Beweiskraft zukommt. An sich scheinen damit nach Ansicht kompetenter Fachleute (vgl. die Studie von Msgr. Pompedda) die Fälle praktisch ausgeschlossen, in denen eine ungültige Ehe auf dem prozessualen Weg nicht als solche nachweisbar ist. Weil die Ehe wesentlich öffentlich-kirchlichen Charakter hat und der Grundsatz gilt „Nemo iudex in propria causa“ („Niemand ist Richter in eigener Sache“), müssen Eheangelegenheiten im „Forum externum“ gelöst werden. Wenn wiederverheiratete geschiedene Gläubige meinen, dass ihre frühere Ehe niemals gültig war, sind sie demnach verpflichtet, sich an das zuständige Ehegericht zu wenden, das die Frage objektiv und unter Anwendung aller rechtlich verfügbaren Möglichkeiten zu prüfen hat.

c) Freilich ist nicht ausgeschlossen, dass bei Eheprozessen Fehler unterlaufen. In einigen Teilen der Kirche gibt es noch keine gut funktionierenden Ehegerichte. Manchmal dauern die Prozesse ungebührlich lange. Hin und wieder enden sie mit fragwürdigen Entscheidungen. Hier scheint im „Forum internum“ die Anwendung der Epikie nicht von vorneherein ausgeschlossen. Im Schreiben der Glaubenskongregation von 1994 ist dies angedeutet, wenn gesagt wird, dass durch die kirchenrechtlichen Neuerungen Abweichungen der gerichtlichen Urteile von der objektiven Wahrheit „so weit wie möglich“ ausgeschlossen werden sollen (vgl. Schreiben 9). Manche Theologen sind der Auffassung, dass sich die Gläubigen auch im „Forum internum“ an ihrer Meinung nach falsche gerichtliche Urteile unbedingt zu halten haben. Andere meinen, dass hier im „Forum internum“ Ausnahmen denkbar sind, weil es in der Prozessordnung nicht um Normen göttlichen Rechts, sondern um Normen kirchlichen Rechts geht. Diese Frage bedarf aber weiterer Studien und Klärungen. Freilich müssten die Bedingungen für das Geltendmachen einer „Ausnahme“ sehr genau geklärt werden, um Willkür auszuschließen und den – dem subjektiven Urteil entzogenen – öffentlichen Charakter der Ehe zu schützen.

4. Manche werfen dem aktuellen Lehramt vor, die Lehrentwicklung des Konzils wieder rückgängig zu machen und eine vorkonziliare Eheauffassung zu vertreten.

Einige Theologen behaupten, an der Basis der neueren lehramtlichen Dokumente über Ehefragen stehe eine naturalistische, legalistische Auffassung der Ehe. Das Augenmerk werde dabei auf den Vertrag zwischen den Ehegatten und das „ius in corpus“ gelegt. Das Konzil habe dieses statische Verständnis überwunden und die Ehe in mehr personalistischer Weise als Bund der Liebe und des Lebens beschrieben. So habe es Möglichkeiten eröffnet, schwierige Situationen menschlicher zu lösen. Auf dieser Linie weiterdenkend, stellen einzelne Forscher die Frage, ob man nicht auch vom „Tod der Ehe“ sprechen könne, wenn das personale Band der Liebe zwischen den Ehegatten nicht mehr existiere. Andere werfen die alte Frage auf, ob der Papst in solchen Fällen nicht die Möglichkeit der Eheauflösung habe.

Wer allerdings die neueren kirchlichen Verlautbarungen aufmerksam liest, wird erkennen, dass sie in den zentralen Aussagen auf Gaudium et spes aufbauen und die darin enthaltene Lehre auf der vom Konzil gezogenen Spur in durchaus personalistischen Zügen weiterentwickeln. Es ist aber unangemessen, zwischen der personalistischen und der juridischen Sichtweise der Ehe einen Gegensatz aufzurichten. Das Konzil hat nicht mit der traditionellen Eheauffassung gebrochen, sondern sie weiterentfaltet. Wenn zum Beispiel immer wieder darauf hingewiesen wird, dass das Konzil den streng rechtlichen Begriff des „Vertrags“ durch den weiträumigeren und theologisch tieferen Begriff „Bund“ ersetzt hat, darf dabei nicht vergessen werden, dass auch im „Bund“ das Element des „Vertrags“ enthalten und freilich in eine größere Perspektive gestellt ist. Dass Ehe weit über das bloß Rechtliche in die Tiefe des Menschlichen und ins Geheimnis des Göttlichen hineinreicht, ist zwar immer schon mit dem Wort „Sakrament“ ausgesagt, aber doch oft nicht mit der Deutlichkeit bedacht worden, die das Konzil diesen Aspekten gewidmet hat. Das Recht ist nicht das Ganze, aber ein unverzichtbarer Teil, eine Dimension des Ganzen. Ehe ohne rechtliche Normierung, die sie ins ganze Gefüge von Gesellschaft und Kirche einordnet, gibt es nicht. Wenn die Neuordnung des Rechts nach dem Konzil auch den Bereich der Ehe umgreift, so ist dies nicht Verrat am Konzil, sondern Durchführung seines Auftrags.

Wenn die Kirche die Theorie annehmen würde, dass eine Ehe tot ist, wenn die beiden Gatten sich nicht mehr lieben, dann würde sie damit die Ehescheidung gutheißen und die Unauflöslichkeit der Ehe nur noch verbal, aber nicht mehr faktisch vertreten. Die Auffassung, der Papst könne unwiderruflich zerbrochene Ehen eventuell auflösen, muss deshalb als irrig bezeichnet werden. Die sakramentale, vollzogene Ehe kann von niemandem gelöst werden. Die Eheleute versprechen sich bei der Hochzeit die Treue bis zum Tod.

Weiterer gründlicher Studien bedarf allerdings die Frage, ob ungläubige Christen – Getaufte, die nicht oder nicht mehr an Gott glauben – wirklich eine sakramentale Ehe schließen können. Mit anderen Worten: Es ist zu klären, ob wirklich jede Ehe zwischen zwei Getauften „ipso facto“ eine sakramentale Ehe ist. In der Tat weist auch der Kodex darauf hin, dass nur der „gültige“ Ehevertrag zwischen Getauften zugleich Sakrament ist (Vgl. CIC, can. 1055 § 2). Zum Wesen des Sakraments gehört der Glaube; es bleibt die rechtliche Frage zu klären, welche Eindeutigkeit von „Unglaube“ dazu führt, dass ein Sakrament nicht zustande kommt.

5. Viele behaupten, dass die Haltung der Kirche zur Frage der geschiedenen wiederverheirateten Gläubigen einseitig normativ und nicht pastoral ist.

Eine Reihe von kritischen Einwänden gegen die kirchliche Lehre und Praxis betrifft Fragen pastoraler Art. Man sagt etwa, dass die Sprache der kirchlichen Dokumente zu legalistisch sei, dass die Härte des Gesetzes über dem Verständnis für dramatische menschliche Situationen stehe. Eine solche Sprache könne der Mensch von heute nicht mehr verstehen. Jesus habe ein offenes Ohr für die Nöte aller Menschen gehabt, besonders für jene am Rande der Gesellschaft. Die Kirche hingegen zeige sich eher als Richterin, die verwundete Menschen von den Sakramenten und bestimmten öffentlichen Diensten ausschließt.

Man kann ohne weiteres zugeben, dass die Ausdrucksform des kirchlichen Lehramtes manchmal nicht gerade leicht verständlich erscheint. Diese muss von den Predigern und Katecheten in eine Sprache übersetzt werden, die den Menschen und ihrer jeweiligen kulturellen Umwelt gerecht wird. Der wesentliche Inhalt der kirchlichen Lehre muss dabei allerdings gewahrt bleiben. Er darf nicht aus angeblich pastoralen Gründen verwässert werden, weil er die geoffenbarte Wahrheit wiedergibt. Gewiss ist es schwierig, dem säkularisierten Menschen die Forderungen des Evangeliums verständlich zu machen. Aber diese pastorale Schwierigkeit darf nicht zu Kompromissen mit der Wahrheit führen. Johannes Paul II. hat in der Enzyklika Veritatis splendor sogenannte „pastorale“ Lösungen, die im Gegensatz zu lehramtlichen Erklärungen stehen, eindeutig zurückgewiesen (vgl. ebd. 56).

Was die Position des Lehramts zur Frage der wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen anbelangt, muss zudem betont werden, dass die neueren Dokumente der Kirche in sehr ausgewogener Weise die Forderungen der Wahrheit mit jenen der Liebe verbinden. Wenn früher bei der Darlegung der Wahrheit vielleicht gelegentlich die Liebe zu wenig aufleuchtete, so ist heute die Gefahr groß, im Namen der Liebe die Wahrheit zu verschweigen oder zu kompromittieren. Sicherlich kann das Wort der Wahrheit weh tun und unbequem sein. Aber es ist der Weg zur Heilung, zum Frieden, zur inneren Freiheit. Eine Pastoral, die den betroffenen Menschen wirklich helfen will, muss immer in der Wahrheit gründen. Nur das Wahre kann letzten Endes auch pastoral sein. „Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8, 32).