Notfalls auf Bistumsebene durchsetzen

Bei der Vollversammlung des ZdK stellt Bischof Fürst Reformen beim Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in Aussicht. Von Claudia Kock

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart: Gebhard Fürst. Foto: dpa
Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart: Gebhard Fürst. Foto: dpa

„Diesmal traf es Alois Glück“, sagte Pressesprecher Theodor Bolzenius und kommentierte damit das Foto des am Freitag wiedergewählten Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Zdk) im „Bonner Generalanzeiger“. Es zeigt Glück mit geschlossenen Augen, das Gesicht zum Himmel gewandt und mit einer „Aureole“ um den Kopf: einer der überdimensionalen Lichtkreise, die den großen Festsaal der Bad Godesberger Stadthalle beleuchten. Die Idee sei nicht neu; bereits von Willy Brandt und Helmut Kohl gebe es Bilder mit der „Stadthallen-Aureole“: „Irgendwer kommt immer wieder darauf.“

Wie die „Tagespost“ bereits am Samstag berichtete, war Glück in seinem Amt bestätigt worden und hatte in einem Bericht zur Lage eine stärkere Ausrichtung der Politik auf Nachhaltigkeit sowie einen Ausbau der innerkirchlichen Transparenz unter größerer Beteiligung der Laien gefordert. Auch die vier Vizepräsidenten des ZdK wurden wiedergewählt und Leipzig als Veranstaltungsort des Katholikentages 2016 angenommen.

Am Freitagnachmittag verabschiedete das ZdK die Erklärung „Soziale Lebenslaufpolitik: Zukunft wagen in einer Gesellschaft des langen Lebens“. Es forderte darin von der Politik „mehr Nachhaltigkeit und Folgerichtigkeit. Die Menschen müssten sich der gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen sicher sein können, um daran die eigenen folgenreichen Entscheidungen auszurichten. Neue politische Maßnahmen dürften daher rückwirkend keine negativen Folgewirkungen haben.“ Dabei sei eine „geschlechtergerechte Verteilung von Chancen und Risiken“ von besonderer Bedeutung. Das Familienrecht, ebenso wie das Sozialversicherungs- und Arbeitsrecht müssen einen fairen Ausgleich gewährleisten. Die Gleichstellung von Männern und Frauen im Lebensverlauf sei eine zentrale Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

In der vorhergehenden Diskussion war von verschiedenen Teilnehmern darauf aufmerksam gemacht worden, dass nicht nur die Einbindung in den Arbeitsmarkt, sondern in erster Linie der Mensch selbst Beachtung finden müsse. Das Kindeswohl müsse innerhalb der Familie stets Priorität haben. Auch eher links orientierte Medien setzten sich mit den Auswirkungen der institutionellen Erziehung in Kitas mittlerweile kritisch auseinander.

Der Samstag begann mit der Vorstellung neuer pastoraler Projekte in ganz Deutschland, die vom Arbeitskreis „Pastorale Grundfragen“ unter dem Vorsitz von Hans-Georg Hunstig begutachtet worden waren. „Wir erlebten, wie neue Wege gemeinsam gelebten Glaubens mitten in die Welt hineinführen“, sagt Hunstig. Zu den Projekten gehörten eine Campingplatzkirche an der Nordsee ebenso wie die Caritaskirche St. Nikolaus in Duisburg-Buchholz, wo eine aufzugebende Kirche in eine Anlaufstelle der Caritas umgestaltet wurde. In St. Nikolaus stehe damit „nicht mehr die Liturgie, dafür aber gelebte Nächstenliebe im Fokus der Verkündigung“. Ein ZdK-Mitglied im Plenum regte dazu an, neben der bereits umfangreich vorhandenen City-Pastoral mehr pastorale Projekte auf dem Land zu fördern, wo der größte Teil der Bevölkerung lebe.

Es folgte ein eindrücklicher Vortrag zur Rolle der christlichen Kirchen in Ägypten, gehalten von Maged Moussa Yanni, Mitglied von Justitia et Pax. Eine Vertreterin des Katholischen Frauenbundes wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Texte zum Weltgebetstag der Frauen 2014 von ägyptischen Frauen vorbereitet werden, was zur Sensibilisierung der Gemeinden und Bildungseinrichtungen für die schwierige Lage der Christen im Nahen Osten beitragen könne.

In seinem Bericht zur Lage hatte Alois Glück auch auf die Notwendigkeit verwiesen, sich eingehend mit der Frage nach dem Platz und der Teilhabe der wiederverheirateten Geschiedenen in der Kirche auseinanderzusetzen. In diesem Zusammenhang informierte der Geistliche Assistent des ZdK, Bischof Gebhard Fürst, die Vollversammlung am Samstag über den Stand der Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema der wiederverheirateten Geschiedenen. Dieses Thema, so der Bischof, sei seit Beginn des Dialogprozesses im Jahr 2010 Gegenstand intensiver Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz gewesen. Gegenwärtig, so der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, sei eine Kommission der Bischofskonferenz, bestehend aus sechs Bischöfen, damit beschäftigt, ein Papier zu erarbeiten, das die Frage des Empfangs der Sakramente der Buße und der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene von verschiedenen Seiten beleuchte, unter biblischem und theologischem ebenso wie pastoralem Aspekt. Eine erste Rohfassung sei bereits vorhanden. Diese soll im Ständigen Rat der Bischofskonferenz im kommenden Februar beraten und in der Vollversammlung im März verabschiedet werden. In dieses Papier flössen sowohl die Ansätze der Handreichung für die Seelsorge der Erzdiözese Freiburg wie auch des Hirtenbriefes der oberrheinischen Bischöfe aus dem Jahr 1993 ein. Dadurch solle, so Bischof Fürst, eine eindeutige Positionierung auch in der kommenden Weltbischofssynode ermöglich werden, die sich im Oktober 2014 mit diesem Thema befassen wird.

Man dürfe in dieser Frage die Erwartungen allerdings nicht zu hoch schrauben. Die Ehe sei ein Sakrament und als solches unantastbar. Die Unauflöslichkeit der sakramental geschlossenen Ehe stehe nicht zur Debatte. Vorstellbar sei jedoch unter Umständen die Wiederzulassung einer zivilrechtlich geschiedenen und wiederverheirateten Person zu den Sakramenten im genau überprüften Einzelfall. Der Bischof gab zur Erläuterung folgendes Beispiel aus der pastoralen Praxis: Auf eine kirchliche Stellenausschreibung bewarb sich in seiner Diözese vor einigen Jahren eine geschiedene Frau. Bei einem klärenden Gespräch gab sie an, dass ihr Mann seit einem Unfall querschnittsgelähmt sei und sie die Ehe nicht habe fortsetzen können, da seine Behinderung ihre Lebensqualität zu stark beeinträchtigt habe. Die Frau habe die Stelle nicht bekommen. Wenn jedoch der von ihr verlassene schwerbehinderte Partner eine neue Lebensgefährtin fände und dadurch als gläubiger Katholik in einen Gewissenskonflikt in Bezug auf die Sakramente geriete, so sei dies ein solcher Einzelfall, bei dem eine Ausnahmeregelung vielleicht möglich sei.

Das kirchliche Arbeitsrecht überprüfen

Außerdem, so der Bischof, habe er eine Eingabe an die Deutsche Bischofskonferenz gemacht, das kirchliche Arbeitsrecht zu überprüfen, das ein deutscher Sonderfall sei. Es ginge hier nicht um eine dogmatische Frage, sondern eine säkulare Angelegenheit. Es sei denkbar, die Eignung kirchlicher Mitarbeiter nicht an ihre sakramentale Situation zu binden, sondern nur an eine Loyalitätspflicht gegenüber dem kirchlichen Arbeitgeber und dem Leitbild der jeweiligen Einrichtung. Dies könne jedoch nicht für Mitarbeiter gelten, die in der direkten Verkündigung stehen wie ständige Diakone oder Gemeindereferenten. Eine abgestufte Lösung sei hier angezeigt. In der Arbeitsrechtsfrage zeigte Bischof Fürst sich kämpferisch. Wenn eine Änderung nicht einheitlich auf der Basis der Bischofskonferenz erreicht werden könne, dann werde er es auf der Basis der Diözese durchsetzen. Diese Ansage wurde von der Vollversammlung mit großem Applaus bedacht, ebenso wie die anschließenden Worte des Generalsekretärs des Deutschen Caritasverbandes, Georg Cremer, der dem Bischof beipflichtete, dass Scheidung und Wiederverheiratung kein Beschäftigungshindernis darstellen dürften. „Für die Caritas“, so Cremer wörtlich, „wünsche ich mir eine Lösung, die wir nach außen hin vertreten können.“

Kritisch gegenüber Bischof Fürsts Vorschlag einer abgestuften Regelung äußerte sich dagegen eine Vertreterin des Bundesverbandes der Gemeindereferenten, für die auch für Mitarbeiter in der Verkündigung Scheidung und Wiederverheiratung kein Beschäftigungshindernis darstellen sollte, da dies ein weit verbreitetes Problem sei.

Gegenseitiges Verständnis, Vergebung und Versöhnung standen auch im Mittelpunkt der Messe, die die Teilnehmer der Vollversammlung unter Vorsitz von Bischof Fürst am Freitagabend feierten. Mit den Worten von Kardinal Döpfner wurde gebetet: „Wir wollen einander annehmen und ertragen. Das besagt, dass wir miteinander reden, hinhören, uns informieren lassen, die Motive und die letzte Einstellung des anderen zu verstehen suchen, uns sorgfältig vor Unterstellungen hüten, eigene Missgriffe eingestehen, immer wieder neu mit unserem und der anderen Versagen rechnen und zur Verzeihung bereit sind.“

Unversöhnlich zeigte sich die Vollversammlung dagegen im Fall des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst. In seinem Lagebericht sagte Glück der Limburger Diözesanversammlung volle Solidarität und Unterstützung des ZdK zu. Es wurde deren Erklärung vom 16. November verteilt, auf der es ausdrücklich heißt, dass „ein Neubeginn mit dem Bischof nicht möglich erscheint“. Die Solidaritätserklärung wurde von der Vollversammlung mit anhaltendem Applaus quittiert und von Glück am Freitagnachmittag noch einmal bekräftigt, gegen eine einzelne Gegenstimme, die sich im Plenum erhob: Die Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft der Säkularinstitute im Zdk plädierte dafür, dass „man nicht nur den Räten und denen, die mit ihm zusammenarbeiten mussten, das Bedauern ausspricht, sondern dass wir auch hier als Kirche Zeugnis geben, wo ein Bruder, ein Mensch, nicht alles richtig gemacht hat – dass auch mal bedacht wird, wie sehr man ihn fertiggemacht hat und wie man ihm helfen kann“. Die Angehörige des benediktinischen Säkularinstituts „St. Bonifatius“ sagte, es habe sie als Christin erschüttert, wie sehr der Bischof ausgegrenzt und lächerlich gemacht wurde. Selbst wenn er alles getan habe, was man ihm vorwirft, „habe ich mich gefragt: Was hätte Jesus getan? Ich habe gedacht: Wenn ein Hirte einmal zum Schaf wird, das sich in der Wüste verloren hat, würde Jesus ihn auch suchen. Allerdings habe ich mich gefragt, ob die 99 Gerechten ihn dann auch wieder aufnehmen würden.“