Noch eine Kirchengeschichte

Der Osnabrücker Kirchenhistoriker Manfred Eder fügt der Fülle an Kompendien ein weiteres hinzu – Lesenswert, aber tendenziös

Noch eine Kirchengeschichte? Der Osnabrücker Kirchenhistoriker Manfred Eder ist sich bewusst, dass er mit seinem neuesten Opus kein Neuland betritt, und benennt deswegen die Gründe, warum er uns trotzdem „2000 Jahre im Überblick“ vorlegt: Zu umfangreich, zu unübersichtlich und zu wenig auf katholische Benutzer ausgerichtet seien, insbesondere für Einsteiger, die vorhandenen Kirchengeschichten. Gemessen an den beiden erstgenannten Kriterien hat Eder ein lesenswertes Kompendium verfasst, das nicht nur von Studenten, sondern überhaupt von am Thema Interessierten mit Gewinn in die Hand genommen werden dürfte.

Entstanden ist ein straff strukturiertes Buch, das sich in Stoffbegrenzung übt und, wie der Autor selbst formuliert, die Aussparung verschiedener Themenbereiche erforderlich macht. In knappem, präzisen Stil, der dennoch nicht oberflächlich daherkommt, führt der Autor die Leser vom Pfingstereignis als „Geburtstag der Kirche“ bis zum Zweiten Vaticanum und zu einem Ausblick in die Zukunft. Eine Zeittafel sowie ein relativ übersichtliches Literaturverzeichnis runden die Darstellung ab. Eher mangelhaft sind die Karten zu bewerten, die im vorliegenden Schwarzweißdruck meistens wenig zum Erkenntnisgewinn beitragen.

Angesichts der selbstauferlegten Beschränkung des Autors ist es nicht verwunderlich, dass man sich einige Themen ausführlicher behandelt gewünscht hätte: Thomas von Aquin wird zwar als „überragender Theologe“, ansonsten aber nur im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung als „eigentliche Autorität für den mittelalterlichen Dämonenglauben“ erwähnt. Ein Absatz zur Scholastik und Theologie des großen Denkers wäre – analog zur Darstellung der Patristiker – mehr als angemessen gewesen. Nicht ganz klar wird, warum eigentlich die Päpste ihr „babylonisches Exil“ in Avignon antraten. Bei der Behandlung der sozialen Frage im 19. Jahrhundert vermisst man das zu einer weltweiten Bewegung gewordene Werk des Gesellenvaters Adolph Kolping. Und warum sich der Konzilspapst nach seiner Wahl Johannes XXIII. nennen konnte, hätte im Hinblick auf den im Text ebenfalls genannten, vom Konstanzer Konzil 1415 abgesetzten letzten schismatischen Papst erklärt werden können, zumal Eder ansonsten nicht mit hintergründigen Anekdoten und Aperçus spart. Andere Anmerkungen könnte man machen, die dem bis hierher positiven Gesamteindruck aber keinen Abbruch tun.

Ist die Darstellung der historischen Abläufe insgesamt als gelungen zu bezeichnen, so kann man den – oft zwischen den Zeilen zu lesenden – Bewertungen handelnder Personen und geschichtlicher Prozesse nicht unbedingt folgen. Den abendländischen Kirchenvater Ambrosius zunächst als Judenverfolger und „erste(n) Kirchenfürst(en), der sein Amt erfolgreich zur Beeinflussung von Staatsmännern benutzte“, einzuführen, mag zwar auf der Höhe der Zeit sein, lässt den Leser allerdings etwas ratlos zurück. Natürlich ist es gut und richtig, die Geschichte der Kirche kritisch zu betrachten, insbesondere jene Episoden und Ereignisse, während derer sich Christen jeden Standes nicht von der Verkündigung Jesu leiten ließen. Eder tut dies ausführlich und berichtet über Kreuzzüge, Hexenverfolgungen oder die Auswüchse weltlicher Machtausübung, für deren Verlockungen insbesondere Kurie und Kirchenfürsten zu allen Zeiten anfällig waren. Umgekehrt hätte man gerne etwas über die bis in unsere Tage wiederkehrenden Versuche weltlicher beziehungsweise nationaler Gewalten gelesen, sich eine antirömische, gefügige Staatskirche zu schaffen – Stichworte wären hier beispielsweise Gallikanismus, Josephinismus oder das Wirken diverser Zentralkomitees. Leider finden in dem Werk auch große Kirchenverfolgungen der Neuzeit, etwa im Kontext der Französischen Revolution oder im kommunistischen Ostblock, keine Erwähnung.

Schwierigkeiten hat Eder mit dem Primats- beziehungsweise dem späteren Unfehlbarkeitsanspruch des Bischofs von Rom und sieht des öfteren – so während der dritten Sitzungsperiode des Zweiten Vaticanums – finstere konservative Mächte am Werk. Ärgerlich ist der Vorwurf des Autors gegenüber Papst Pius XII., dieser habe angesichts des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden „die engen Bahnen der Diplomatie und der karitativen Hilfe“ nicht verlassen. Die Erkenntnisse der Historie, über die gerade diese Zeitung immer wieder ausführlich berichtet, belegen, wie viele zehntausende Juden der Diplomatie des Pontifex ihr Leben verdanken, der deswegen unmittelbar nach Kriegsende mit Sympathiebekundungen auch aus Israel überhäuft worden ist. Im Jahre 2009 scheint es an der Zeit, die engen Bahnen einer eingefahrenen Geschichtswissenschaft zu verlassen und endlich das große theologische Erbe dieses Papstes, das wie das keines anderen in das von Eder mit Sympathie behandelte Zweite Vatikanische Konzil eingegangen ist, zu würdigen.

Völlig unverständlich ist die Ignoranz des Autors gegenüber der historischen Leistung Papst Johannes Pauls II., der nicht nur einen der längsten, sondern – das lässt sich trotz der für einen Historiker mangelnden zeitlichen Distanz sagen – auch eines der bedeutendsten Pontifikate der zweitausendjährigen Kirchengeschichte bekleidet hat. Der Beitrag Karol Wojtylas zur Überwindung des Kommunismus und der Teilung Europas, sein wegweisendes Eintreten für eine „Kultur des Lebens“ und gegen einen fortschreitenden ethischen Relativismus, all das hätte zumindest ansatzweise benannt werden müssen. Stattdessen zwei dürre Sätze zu seiner Verbundenheit mit dem Judentum sowie, in einer Reihe mit einem emeritierten Tübinger Theologen, zu seinem Dialog mit den nichtchristlichen Religionen.

Wirkliche Fragezeichen werfen Anfang und Ende des Kompendiums auf. Eder beschreibt die Auferstehung des „jüdischen Wanderpredigers“ Jesus von Nazareth als „Erfahrungen“ seiner Anhänger, „die sie zu der unwiderruflichen Überzeugung bringen: Der am Kreuz Gestorbene lebt!“ Zusammen mit der Entdeckung des leeren Grabes würden sie wieder zu Anhängern „nunmehr des auferstandenen Jesus Christus, dessen Geist sie spüren – als in ihren Herzen wirkend und mit ihnen in existenzieller Verbindung stehend“. Vielleicht hätte der Osnabrücker Lehrstuhlinhaber einfach nur den Bericht der Evangelien zitieren sollen, anstatt mit Formulierungen, die nicht falsch sind, haarscharf an der Glaubenswahrheit von der auch leiblichen Auferstehung Jesu vorbeizuzielen.

Ähnlich fragwürdig auch der Ausblick am Ende des Büchleins. Eder betrachtet das Aussterben homogener katholischer Sozialmilieus in Deutschland insofern als Fortschritt, „als sich diese zwar für die Glaubenspraxis stabilisierend und für die Glaubensweitergabe förderlich auswirkten, dafür aber eine weitgehende Abkapselung von geistigen Strömungen und gesellschaftlichen Problemen in Kauf nahmen“. Dieser nicht nachvollziehbaren Behauptung liegt, wie andere Passagen des Buches zeigen, ganz offensichtlich ein unscharfer und unkritischer Modernismusbegriff des Autors zugrunde. In Anlehnung an Karl Gabriel werden dann drei angebliche Strömungen der katholischen Kirche in Deutschland vorgestellt – kurz bezeichnet als fundamentalistischer Rückzug, basiskirchliches Modell oder pluriformer und weltoffener Katholizismus, von denen nur die dritte Variante „die Chance für eine zeitgemäße Repräsentanz des Christentums“ biete. Es mag sein, dass heutzutage in theologischen Seminaren derartige Debatten geführt werden. Mit der gesellschaftlichen und kirchlichen Wirklichkeit dürften sie indessen nichts zu tun haben. Die vielen, oftmals sich im Verborgenen abspielenden Neuaufbrüche im Glauben, über die nicht oder nur unzureichend berichtet wird, lassen eine zeitgemäße Repräsentanz des Christentums vor allem in einem authentischen, manchmal auch unzeitgemäßen Zeugnis des einzelnen Christen vermuten.