Nicht nur eine Frage des liturgischen Stils

Fünf Jahre nach dem Beginn des Pontifikats: Papst Benedikt XVI. ringt zwischen Tradition und Erneuerung

Als Joseph Kardinal Ratzinger am 19. April 2005 im Konklave auf den Stuhl Petri gewählt wurde, hatten sich die Kardinäle mit großer Mehrheit für einen der großen Gegenwartstheologen entschieden, dem neben der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern immer auch die Liturgie ein besonderes Anliegen war. Bei den Exequien für Johannes Paul II. (1978–2005) hatte Kardinal Ratzinger mit großem Gespür für die Symbolkraft und Schönheit der römischen Liturgie, mit einer demütigen, dem Ritus verpflichteten ars celebrandi und einer tiefen Spiritualität beeindruckt. Bei seiner ersten Papstmesse fiel seine außergewöhnliche Gesammeltheit sowie die dichte sakrale Atmosphäre auf. Zum Erscheinungsbild von Papst Benedikt XVI. passt sein Wappen, in welchem die Tiara durch die Mitra ersetzt ist. Zwar hatte schon Paul VI. (1963–1978) das weltliche Symbol der Macht abgelegt, doch blieb es bis zu Johannes Paul II. Teil des päpstlichen Wappens.

Wer Ratzingers Buch „Der Geist der Liturgie“ (2000) gelesen hatte, konnte wissen, was der intellektuelle Ästhet auf dem Stuhl Petri im Bereich des christlichen Kultes an Akzenten setzen würde. Dass er dabei die Kontinuität der römischen Liturgietradition betonen würde, machte er schon mit seiner Weihnachtsansprache vor der päpstlichen Kurie am 22. Dezember 2005 deutlich: Was allgemein für das Zweite Vatikanische Konzil gilt, dass es nicht als Ruptur verstanden werden darf, hat auch für die Reform der Liturgie zu gelten, die daher im Zusammenhang mit der größeren Tradition der Kirche zu sehen ist.

Die Liturgie der Kirche hat eine Außen- und Innenseite, die nicht voneinander zu trennen sind. Der Ritus der Liturgie, aber auch die in ihr verwendeten Paramente, Gegenstände und Symbole stellen daher nicht nur etwas Äußerliches dar, sondern sind Teil und Ausdruck des sakralen Geschehens. Bei den Paramenten greift Benedikt XVI. zunehmend auf historische Messgewänder zurück, beispielsweise aus dem Pontifikat Benedikts XV. (1914–1922); oder er verwendet Gewänder, die alten Mustern nachempfunden sind, etwa aus der Zeit Pauls V. (1605–1621). Unter dem Messgewand trägt der Papst bei festlichen Anlässen die Dalmatik des Diakons, eine Praxis, die bis in die christliche Antike zurückreicht und die mit dem Bischofsamt gegebene Fülle des Weihesakramentes symbolisiert. Bei der Mitra bevorzugt Benedikt XVI. die etwas längere Form.

Beim „abito da camera“ hat Benedikt XVI. einzelne Teile wiederbelebt, die aus der Mode gekommen waren, nicht nur den Camauro (die gegenüber der Mitra ältere Kopfbedeckung), sondern auch die Mozetta, einen bis zu den Ellbogen reichenden Schulterkragen, den der Papst außerhalb der Liturgie in Verbindung mit einer Stola trägt. Johannes Paul II. hat in seinen ersten Jahren zwar noch die leichte Seidenmozetta und den Tabarro (roten Mantel) getragen, später darauf aber verzichtet. Benedikt XVI. trägt die Sommer- wie die Wintermozetta. Er hat auch die weiße Mozetta für die Osterzeit wieder eingeführt. Die Mozetta verwendet er neuerdings auch beim Segen „Urbi et Orbi“ – statt wie bisher den Rauchmantel, der nach Auskunft des päpstlichen Zeremonienmeisters Guido Marini bestimmten gottesdienstlichen Handlungen vorbehalten ist.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhren in der Öffentlichkeit die Veränderungen zweier päpstlicher Insignien: des Kreuzstabes (Ferula) und des Pallium. Das „neue“ Pallium des Papstes, das dieser erstmals am 29. Juni 2008 zu Ehren der heiligen Apostel Petrus und Paulus trug, nimmt die Form des kreisförmigen Pallium auf, das auf der Brust und dem Rücken aufliegt, vorn und hinten in einer kleinen Verlängerung ausläuft und seit dem neunten Jahrhundert von den Erzbischöfen getragen wird. Das von Johannes Paul II. verwendete Pallium war dagegen nach Art jenes (wohl archaisierenden) Pallium gestaltet, mit dem Innozenz III. (1198–1216) auf dem Fresko im Benediktinerkloster Subiaco (um 1219) dargestellt ist. Ähnlich dem Omophorion eines orthodoxen Bischofs (dem östlichen Pendant des westkirchlichen Pallium), ist es über der linken Schulter gekreuzt und deutlich länger als das heutige Pallium der Erzbischöfe, weshalb es immer wieder einige lästige Probleme verursachte. Das „neue“ Pallium Benedikts XVI. gleicht nun dem der Erzbischöfe, doch wurden die roten gleicharmigen Kreuze statt der schwarzen des erzbischöflichen Pallium beibehalten.

Bei der ersten Vesper des ersten Adventssonntags 2010 kam erstmals die neue Ferula zum Einsatz. Auf ihrer Vorder- und Rückseite ist neben den Symbolen der vier Evangelisten sowie dem päpstlichen Wappen das Osterlamm und das Monogramm Christi dargestellt. Der von Lello Scorzelli gestaltete mattsilbrige Kreuzstab mit dem Bild des Gekreuzigten, den nach Paul VI. Johannes Paul II. in seinem langen Pontifikat verwendet hatte, wurde von Benedikt XVI. seit Palmsonntag 2008 nicht mehr in Anspruch genommen. Bis zur Einführung der neuen Ferula griff er auf den vergoldeten Kreuzstab von Pius IX. (1846–1878) zurück.

Die Kontinuität des päpstlichen Zeremoniells sichtbar machen

Der Stil Benedikts XVI. bei der Auswahl der Paramente und Insignien wird gelegentlich abschätzig als „Retro-Look“ bezeichnet. Dabei wird übersehen, dass der Papst die Kontinuität des päpstlichen Zeremoniells betonen will – gegen manche modischen Trends unter Johannes Paul II., die zum Teil wohl auch seiner Krankheit geschuldet waren. Wenn Kritiker Benedikt XVI. eine Ästhetisierung der Liturgie vorwerfen, so ist zu entgegnen, dass es sich beim christlichen Kult um eine einzigartige sakrale Handlung handelt, deren Mitte die Gegenwart eines göttliches Mysteriums bildet. In seiner sichtbaren Schönheit soll die irdische Liturgie die Einheit mit der himmlischen Liturgie zum Ausdruck bringen. Natürlich kann man fragen, ob es bei den Gewändern immer soviel Spitze und Brokat sein muss. Auf der anderen Seite kann man froh sein, nicht mehr mit den textilen Scheußlichkeiten konfrontiert zu sein, in die der frühere päpstliche Zeremonienmeister Johannes Paul II. gelegentlich gesteckt hat.

Benedikt XVI. nimmt nicht nur Korrekturen am päpstlichen Zeremoniell und Erscheinungsbild der Liturgie vor. Er setzt auch theologisch neue Akzente. Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Sacramentum caritatis“ (2007) unterstreicht er den Charakter der Eucharistie als sakraler Handlung und macht auf ihr Wesen als danksagender Anbetung aufmerksam, das seit den 60er Jahren durch einseitige Fixierung auf den Versammlungs- und Gemeinschaftscharakter der Eucharistie immer mehr verblasst war. Zudem fordert Benedikt XVI. eine neue liturgische Bewegung, eine bessere liturgische Bildung sowie eine ars celebrandi in Treue zur liturgischen Ordnung der Kirche.

Der Papst scheut sich auch nicht, Unbequemes und gern Verdrängtes zu thematisieren, zum Beispiel die fragwürdige Entwicklung des Firmsakraments zu einem Sakrament der Mündigkeit. So werden die Bischöfe in „Sacramentum caritatis“ angehalten, die im 20. Jahrhundert etablierte Initiationspraxis mit der von der Tradition abweichenden Reihenfolge Taufe, Eucharistie und Firmung daraufhin zu überprüfen, ob dabei noch deutlich genug wird, dass die Eucharistie das Ziel der christlichen Initiation darstellt und nicht die Firmung. Von einer Überprüfung der bestehenden Initiationspraxis durch die deutsche Bischöfe hat man bislang nichts gehört. Die Bischöfe scheinen daher weiter auf das Firmsakrament als mehr oder weniger unwirksames Instrument der Jugendpastoral zu setzen.

Mit der Massenkonzelebration spricht Benedikt XVI. ein weiteres liturgietheologisches Problem an. Die sogenannte „tridentinische“ Messe kannte keine priesterliche Konzelebration. Doch ist die Konzelebration keine Erfindung des Zweite Vatikanischen Konzils. Schon in der christlichen Antike wurde sie durch den Bischof und sein Presbyterium praktiziert. Davon zu unterscheiden ist die Massenkonzelebration, wie wir sie heute unter anderem während großer Papstmessen, erleben, bei denen die meisten Zelebranten nicht am Altar, sondern weit davon entfernt stehen. Wenn aber zum Beispiel, so Benedikt XVI. bei einem Treffen mit dem Klerus des Bistums Rom, „tausend Priester konzelebrieren, dann weiß man nicht, ob die vom Herrn gewollte Struktur noch gegeben ist. Jedenfalls stellen sich diese Fragen.“ Eine Lösung für das Problem der Konzelebration, die vorgeschlagen wurde, könnte sein, die Zelebranten auf den Hauptzelebranten und maximal elf Konzelebranten zu beschränken. Auch wer als Priester nicht konzelebriert, sondern in Chorkleidung mitfeiert, steht, wie das gläubige Volk, in Einheit mit dem Bischof beziehungsweise mit dem Papst.

In seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ hatte Joseph Ratzinger empfohlen, auf den Altar ein weithin sichtbares Kruzifix zu stellen, um deutlich zu machen, dass Zelebrant und Gemeinde bei der Feier der heiligen Messe gemeinsam auf Christus, den auferweckten Gekreuzigten, schauen. Bei dieser Zentralstellung des Altarkreuzes, die in der päpstlichen Liturgie unter Benedikt XVI. zu beobachten ist, handelt es sich ohne Zweifel um das liturgische Emblem des vom Papst intendierten Reformwerks. Denn zusammen mit den drei Leuchtern, die traditionell rechts und links vom Altarkreuz stehen, ist es ein entscheidender Beitrag zur Wahrnehmung der Einheit von alter und neuer Form der römischen Messe. Die Bestimmung in der „Grundordnung des römischen Messbuch“ (2007), wonach sich auf dem Altar oder in seiner Nähe ein Kruzifix befinden soll, ist zu offen, als dass sie zu einer einheitlichen Stellung des Altarkreuzes führen könnte.

Die gemeinsame Gebetsrichtung zum Kreuz ausrichten

Besser noch als die Zentralstellung des Kruzifixes auf dem Altar könnte die Einheit der römischen Messe in ihren beiden Formen durch eine Rückbesinnung auf die traditionelle, gemeinsame Gebetsrichtung versus Dominum gefördert werden. Schon früh hatte Joseph Ratzinger betont, dass er die durchgehende dem Volk zugewandte Zelebration, auch bei der eucharistischen Liturgie, für eine Fehlentwicklung hält, die freilich nicht von heute auf morgen korrigiert werden könne. Die Konzilsväter gingen noch ganz selbstverständlich von der traditionellen Gebetsrichtung aus. Die Zelebration zum Volk wurde nach dem Konzil auch nicht aus dogmatischen Gründen, sondern aus pastoralen Überlegungen erlaubt (aber niemals vorgeschrieben). Nach einer Erklärung der Gottesdienstkongregation widerspricht die traditionelle Gebetsrichtung nicht der erneuerten Liturgie. Benedikt XVI. bekräftigte dies durch eine vielbeachtete Geste, indem er in diesem wie im letzten Jahr die heilige Messe am Fest der Taufe Jesu am Hochalter in der Sixtinischen Kapelle zelebrierte.

Als Joseph Ratzinger noch Präfekt der Kongregation für die katholische Glaubenslehre war, hat er bei verschiedenen Anlässen auch die Messe nach dem Missale von 1962 gefeiert. Es war daher nicht überraschend, als er zwei Jahre nach seiner Wahl zum Papst mit dem Motu Proprio „Summorum pontificum“ (2007) die Feier der Messe im klassischen Ritus wieder allgemein allen Priestern erlaubte, die rechtlich an der Ausübung ihres Priesteramtes nicht gehindert sind. Der Papst wünscht eine freie Entfaltung der traditionellen Liturgie, gegen die es freilich in manchen Ortskirchen nicht geringe Widerstände gibt. Eine päpstliche Messe im usus antiquior ist nach Auskunft von Prälat Marini derzeit nicht geplant. Dies dürfte nicht nur kirchenpolitische Gründe haben. Denn schon eine Missa pontificalis im usus antiquior, erst recht eine große Papstmesse, ist ein höchst kompliziertes liturgisches Ritual. Zudem macht sie in manchen Bestandteilen den Eindruck, einer anderen Welt zu entstammen. So dürften Pontifikalhandschuhe, aber auch Cappa Magna, nur noch schwer in unsere Zeit passen.

Eine der signifikantesten Veränderungen im Zuge der Liturgiereform war das fast vollständige Verschwinden der lateinischen Liturgiesprache. Dass diese Entwicklung keine Grundlage in der Liturgiekonstitution „Sacrosanctum concilium“ hat, darauf ist immer wieder hingewiesen worden. Die Förderung der lateinischen Liturgiesprache ist ebenfalls ein Anliegen Benedikts XVI. In der Tat muss man fragen, ob eine Gemeinde, die nicht in der Lage ist, das lateinische Messordinarium zu singen, voll liturgiefähig ist im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils – nimmt man ernst, was die Konzilsväter zur lateinischen Sprache und Gregorianik als unverzichtbaren Elementen der Liturgie sagen. Und sind Priester angemessen ausgebildet, wenn sie nicht in der Lage sind, in lateinischer Sprache zu zelebrieren? Die lateinische Liturgiesprache mit der dazugehörigen Gregorianik stellt zudem eine wichtige Klammer zwischen alter und neuer Form der römischen Liturgie dar, sodass Priester über die lateinische Messfeier an das Missale von 1962 herangeführt werden könnten.

In der Messe nach dem sogenannten tridentinischen Ritus wird die Eucharistie kniend in den Mund empfangen. Die Mundkommunion ist auch die reguläre Form der Kommunion in der Messe Pauls VI. Für einige Länder, wie Holland und Deutschland, wurde aber neben der regulären Form der Mundkommunion (die nach dem Abbau der Kommunionbänke heute zumeist stehend erfolgt) die Möglichkeit der Handkommunion eröffnet, die man nach dem Konzil eigenmächtig gegen die liturgische Ordnung eingeführt hatte. Es ist kein Geheimnis, dass Benedikt XVI. die Mundkommunion wünscht. Dahinter steht die Überzeugung, dass zur Feier der Eucharistie untrennbar die Anbetung gehört und wir daher, zum Zeichen danksagender Anbetung, auf den Knien die heilige Kommunion empfangen sollten. Die kniende Mundkommunion bringt zudem die Realpräsenz Christi im eucharistischen Brot in angemessener Form zum Ausdruck. Benedikt XVI. setzt bei der Art des Kommunionempfangs aber nicht auf Vorschriften, sondern auf Empfehlungen und Zeichen. So sind alle Gläubigen, die beim Papst kommunizieren, gehalten, kniend die Kommunion in den Mund zu empfangen.

Seit Beginn des Pontifikats Benedikts XVI. hat es auch vereinzelte textliche Veränderungen am Messbuch gegeben. Für das Messbuch von 1962 hat der Papst 2008 die Karfreitagsfürbitte für die Juden geändert, nachdem schon Johannes XXIII. als antisemitisch eingestufte Aussagen getilgt hatte. Obwohl schon Johannes Paul II. seit 1988 der traditionellen Liturgie einen größeren Freiraum gewährte, zeigte sich in seinem Pontifikat noch kein signifikanter Widerstand gegen die Fürbitte für die Juden im klassischen Ritus. Dies änderte sich erst unter dem aus Deutschland kommenden Papst Benedikt XVI. Dazu mag auch die 2007 erfolgte vollständige Freigabe der alten Messe beigetragen haben. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden im klasssichen Ritus ist keineswegs antisemitisch, nur weil in ihr für das endzeitliche Heil der Juden gebetet wird. Es fällt aber auf, dass im Vergleich zur Fürbitte für die Juden im Messbuch Pauls VI. die besonderen Auszeichnungen des ersterwählten Volkes Israels fehlen. Die Fürbitte für die Juden, wie sie seit 1970 gebetet wird, kann aber, und wird auch immer wieder, im Sinne der theologisch unhaltbaren Theorie eines zweifachen, parallelen Weges zum endzeitlichen Heil: für die Juden ohne Christus durch das Gesetz, für die Heiden durch Christus. Dafür gibt es im Missale Pauls VI. zwar keinerlei Anhalt, wohl aber im Messbuch für das deutsche Sprachgebiet, dass an entscheidender Stelle über die Aussage des lateinischen Textes hinausgeht. Man würde sich eine einheitliche Karfreitagsfürbitte für die Juden wünschen, die sowohl die Prärogative des Volkes Israels als auch das Bekenntnis zu Christus als dem universalen Heilsmittler zum Ausdruck bringt.

Die bedeutendsten Veränderungen für das neue römische Messbuch sind sicherlich die drei von Benedikt XVI. approbierten alternativen Entlassformeln zum traditionellen Ite missa est (Ite in pace; Ite ad Evangelium Domini nuntiandum; Ite in pace, glorificando vita vestra Dominum). Die Bischofssynode 2005 zur Eucharistie hatte sich für weitere Entlassformeln ausgesprochen, um den Sendungscharakter der Eucharistie zu unterstreichen. Bei einer weiteren, von Benedikt XVI. in Erwägung gezogenen Veränderung ist noch unklar, ob sie durchgeführt werden wird. In „Sacramentum caritatis“ hatte der Papst mitgeteilt, dass er die zuständigen Dikasterien aufgefordert habe, die Möglichkeit zu untersuchen, die Stellung des Friedensgrußes zu verlegen, zum Beispiel vor das Offertorium. Zusätzlich wurden die Bischofskonferenzen befragt. Die Verlegung des Friedensgrußes vor das Offertorium würde der Mahnung Christi entsprechen, dass jedem Opfer notwendig die Versöhnung vorausgehen muss. Für eine Verlegung des Friedensgrußes vor das Offertorium sprechen auch historische, ökumenische und praktische Gründe: So haben die alten orientalischen Liturgien den Friedensgruß nach den Fürbitten. Mit einer veränderten Position des Friedensgrußes könnten auch die Probleme behoben werden, die mit ihm vor der Kommunion seit Jahren verbunden sind: Unruhe und Aktionismus statt Sammlung und Anbetung in der Vorbereitung auf die Kommunion. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich bedauerlicherweise gegen eine Verlegung des Friedensgrußes ausgesprochen. Eine Antwort auf die Probleme, die der Friedensgruß vor der Kommunion bereitet, haben die deutschen Bischöfe nicht gegeben. Im fünften Jahre des Pontifikats Benedikts XVI. kann man sagen, dass der Papst den von ihm eingeschlagenen Weg der Überprüfung der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht verlässt. Die „Reform der Reform“ vollzieht sich langsamer als von manchen erwartet. Doch lässt sich Benedikt XVI. in seinem Kurs nicht beirren. Es geht dem Papst um mehr als Fragen des liturgischen Stils. Die Reform der Reform ist der Prozess einer organischen Liturgieentwicklung im Sinn des letzten Konzils, der angesichts der vielfach anzutreffenden Misere der Liturgie schwierig, aber unabweisbar ist. Die Misere kann nicht dadurch behoben werden, dass man weitermacht wie bisher, indem man die seit 1970 gefeierte Messe von der vorausgehenden Liturgietradition absetzt und in ihrer Zelebration dem Urteil des Priesters und der Gemeinde unterwirft. Die Folge wäre ein ungeschichtliches und zugleich kongregationalistisches, damit aber ein zutiefst unkatholisches Verständnis von Liturgie. Die Liturgiemisere kann aber auch nicht dadurch behoben werden, dass man die römische Messe, eingefroren auf ihren Zustand von 1962, zum Maß aller Dinge macht, was auf Dauer wohl ihren Untergang bedeuten würde.