Nicht alle wollten „heim ins Reich“

80 Jahre Münchner Abkommen: Wie sich christlich-katholischer Widerstand gegen die Nationalsozialisten in den Sudetengebieten bildete. Von Markus Bauer

Die Titel-Collage zur Ausstellung der Ackermann-Gemeinde „Zeugen für Menschlichkeit. Christlicher sudetendeutscher Widerstand 1938–1945“. Obere Reihe von links: Sr. Maria Restituta Helena Kafka, Richard Henkes, Pater Engelmar Unzeitig, Sr. Epiphania Barbara Pritzl, Hanns Georg He... Foto: Collage Ackermann-Gemeinde
Die Titel-Collage zur Ausstellung der Ackermann-Gemeinde „Zeugen für Menschlichkeit. Christlicher sudetendeutscher Wider... Foto: Collage Ackermann-Gemeinde

Nicht nur das Ende des Ersten Weltkrieges oder die Gründung des Freistaates Bayern jährt sich heuer. Diese Ereignisse liegen freilich exakt 100 Jahre zurück und finden daher eine hohe Aufmerksamkeit. Weniger stark im öffentlichen Fokus ist ein anderes Geschehnis vor 80 Jahren: das in der Nacht vom 29. auf 30. September geschlossene Münchner Abkommen, über dessen Wirksamkeit und Bedeutung bis heute diskutiert wird. Unmittelbare Konsequenzen – Verfolgungen, Inhaftierungen, Ermordungen – hatte es für im Sudetenland lebende Gegner des NS-Regimes, darunter auch katholische Priester, Ordensleute sowie Laien; und das schon kurz nach Inkrafttreten.

Blenden wir zurück: Bereits im März 1938 begann mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich die Expansionspolitik des NS-Staates. In der Folge setzten die Westmächte auf ihre sogenannte Appeasement-Politik: eine Politik der Zugeständnisse, der Zurückhaltung, der Beschwichtigung und des Entgegenkommens gegenüber Aggressionen zur Vermeidung von Konflikten, gerichtet auf das Deutsche Reich.

In dem am 28. Oktober 1918 neu gegründeten Staat Tschechoslowakei bildeten die den Staatsnamen gebenden Nationalitäten natürlich die Mehrheit, die Deutschen waren jedoch die größte Minderheit – neben Ungarn, Polen und den Juden. Mit der Gründung des neuen Staates waren die Deutschen aber von einem privilegierten Volk während der Habsburger Monarchie zu einer geduldeten Minderheit geworden, die mühsam eine Beziehung zum neuen Staat suchte. Viele Sudetendeutsche, die vor allem im Grenzgebiet lebten, hofften auf einen Anschluss an Österreich oder Deutschland. Diese ungelöste Nationalitätenfrage begleitete die Republik während der gesamten Zeit ihrer Existenz. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten in Deutschland Ende der 20er Jahre beziehungsweise nach der Machtübernahme 1933 gewann auch in der Tschechoslowakei, besonders im Sudetenland, die Bewegung um Konrad Henlein (Sudetendeutsche Heimatfront, später Sudetendeutsche Partei) an Bedeutung. In Absprache mit Hitler forcierte Henlein ab Februar und März 1938 die Sudetenkrise. Ziel des von NS-Deutschland provozierten und eskalierten internationalen Konfliktes war, die staatliche Existenz des Staates Tschechoslowakei zu zerstören und die böhmischen und mährischen Gebiete in das deutsche Reichsgebiet einzuverleiben. Das Münchner Abkommen – geschlossen zwischen dem deutschen Diktator Adolf Hitler, dem britischen Premierminister Neville Chamberlain, dem französischen Premierminister Édouard Daladier und dem italienischen Regierungschef Benito Mussolini – beinhaltete faktisch die Abtretung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei. Die Westmächte erhofften sich dadurch, Hitlers Aggressionspolitik zu entschärfen.

Erwähnt muss natürlich werden, dass sich bereits ab 1933 vielfältige Formen, Inhalte und Verwirklichungen von Opposition, Obstruktion und Widerstand gegen die NS-Herrschaft auch bei den Sudetendeutschen herausbildeten – auch in Kirchenkreisen. Einstimmige Begeisterung über den Anschluss des Sudetenlandes gab es also nicht.

Die Mehrheit der Sudetendeutschen war katholisch, circa zehn Prozent bekannten sich zu anderen christlichen Kirchen. Sie pflegten ein reges katholisches Gruppen-, Vereins- und Verbandsleben, die Gründung einer selbstständigen Diözese für die Katholiken der Böhmischen Länder war jedoch nicht möglich. In der Politik vertrat vor allem die Deutsche Christlich-Soziale Volkspartei (DCV) die Interessen der deutschen Katholiken und stellte mit Robert Mayr-Harting (Justizminister von 1926 bis 1929) und Erwin Zajicek (Minister ohne Geschäftsbereich von 1936 bis 1938) sogar zwei Kabinettsmitglieder. Die christlichen Wurzeln betonte aber auch der „Bund der Landwirte“. Kurzum, es waren also auch Mitarbeit, Regierungsbeteiligung und ein Miteinander möglich.

Die Besetzung der durch das Münchner Abkommen von der Tschechoslowakei losgelösten Gebiete wurde vom 1. bis 10. Oktober 1938 durch fünf Heeresgruppen vollzogen. Bereits ab dem 10. Oktober galt für das Gesamtgebiet die Reichsgesetzgebung, auch die Geheime Staatspolizei nahm ihre Tätigkeit auf. Damit zeigte das Nazi-Regime sehr schnell sein wahres Gesicht. Schon Anfang Oktober begann die Verfolgung der katholischen Kirche, die von den NS-Machthabern als ideologischer Gegner gesehen wurde. Dies betraf Priester ebenso wie Ordensleute und Laien. Darüber hinaus wurden katholische Zeitungen, aber auch Vereine und Verbände verboten. Die Kirche geriet unter eine immer stärkere Kontrolle, die Tätigkeit der Priester wurde streng beobachtet. Katholische Schulen oder das Gebäude des Priesterseminars in Leitmeritz wurden durch die Nazi-Behörden beschlagnahmt, der Leitmeritzer Bischof Anton Weber musste aus dem gleichen Grund seine Residenz verlassen. Dass auch die Kirchenstruktur (Zugehörigkeit zu Dekanaten, Bistümern et cetera) völlig neu zu bearbeiten war, sei nur am Rande erwähnt. Auch NS-Gegner wurden sehr schnell verhaftet und interniert. Bereits am 16. Oktober 1938 erfolgte der erste Transport mit Sudetendeutschen ins KZ Dachau. Zu diesem ersten Transport gehörte wohl auch der am 26. September 1900 in Rehberg geborene Franz Gruber. Seine Familie war lange in der grenznahen Region angesiedelt, Gruber lebte bis zur Annexion des Sudetenlandes, gegen die er sich offen äußerte, als Holzhauer in Sattelberg. Er wurde verhaftet und als einer der ersten Sudetendeutschen ins Konzentrationslager Dachau verbracht. Bereits sechs Wochen später, am 24. November 1938, starb er dort.

Die Lebensläufe und Motive zum Widerstand waren ebenso different wie die Tätigkeiten der Personen. Auch variieren die Abläufe vom offen gezeigten Widerstand über die Verhaftung bis zum Tod sehr stark. Bleiben wir zunächst bei Beispielen, die verdeutlichen, dass die Nationalsozialisten sehr schnell weitere sudetendeutsche Widerstandskräfte verfolgten. Ebenfalls im Oktober 1938 traf es Josef Tippelt (geboren am 30. August 1908 in Marschendorf). Die aktive Mitgliedschaft in der Christlich-Sozialen Volkspartei und sein Engagement als Katholik waren die Gründe, dass er letztlich wegen Landesverrats hingerichtet wurde. Von Anfang an prangerte der Lehrer die antichristliche nationalsozialistische (und auch kommunistische) Ideologie an. Ein an den Wiener Kardinal Theodor Innitzer gerichteter kritischer Brief Tippelts – der Oberhirte hatte den Anschluss Österreichs mit „Heil Hitler“ unterzeichnet – wurde abgefangen und Tippelt im Oktober 1938 verhaftet. In Berlin-Plötzensee wurde er am 6. März 1943 hingerichtet.

Ein weiterer Laie, der ebenfalls im Herbst 1938 in Ungnade fiel, war Eduard Schlusche (geboren am 12. Oktober 1894 in Bennisch). Von Jugend an war der Holzkaufmann, Buchhändler und Verleger von missionarischem Eifer beseelt und stark engagiert. Da er 1934 einen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe nachgedruckt hatte, wirkte er auch beim (geheimen) Druck und Vertrieb der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ mit. Im Herbst 1938 geriet er ins Visier der Gestapo, im März 1941 wurde er verhaftet, kam ins KZ Auschwitz und dann ins KZ Neuengamme bei Hamburg. Gegen Kriegsende wurden die Häftlinge auf Schiffe verladen, die bombardiert wurden. Dabei starb Schlusche.

Erwähnt aus den Tagen unmittelbar nach der Angliederung des Sudetenlandes sei noch der in Weipert im Stadtamt als Rentmeister beschäftigte Wenzel Bartl (geboren am 3. Januar 1885 in Weipert). Er half antifaschistischen und jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland. Auf Basis dessen, was sie ihm berichteten, verfasste er eine Publikation gegen den Nationalsozialismus, in der er die in den Konzentrationslagern herrschenden Verhältnisse schilderte. Noch im September wurde die Familie des katholischen Sozialdemokraten von den Anhängern der Henlein-Partei überfallen. Danach wurde Bartel von der Gestapo über Bärenstein in Sachsen nach Chemnitz verschleppt und schließlich in die Konzentrationslager Flossenbürg und Dachau verbracht. Hier kam er am 10. März 1940 im Alter von 55 Jahren ums Leben. Kritik am und Widerstand gegen das NS-Regime kam aber auch von Ordensleuten. So war der Augustiner-Chorherr Roman Karl Scholz (geboren am 16. Januar 1912 in Mährisch Schönberg) zunächst von der NS-Ideologie begeistert. Nach dem Besuch eines NSDAP-Parteitages sah er diese Politik jedoch kritisch. Im Herbst 1938 gründete er mit dem Journalisten Viktor Reimann die „Österreichische Freiheitsbewegung“. Aber die Gruppe wurde verraten, Scholz am 22. Juli 1940 verhaftet. Anfang März 1944 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tod durch das Schafott. Das Urteil wurde am 10. Mai 1944 vollstreckt. Die weiteren politischen beziehungsweise historischen Ereignisse – Zerschlagung des Reststaates Tschechoslowakei Mitte März 1939, die Errichtung des Protektorats Böhmen-Mähren, der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dessen Entwicklung bis hin zum Attentat auf Reinhard Heydrich am 4. Juni 1942 sowie die NS-Politik insgesamt – hatten auch Auswirkungen auf den Widerstand sudetendeutscher Katholiken. Zwei Namen seien abschließend hervorgehoben: Schwester Maria Restituta Helene Kafka (geboren am 1. Mai 1894 in Hussowitz bei Brünn), Franziskanerin von der christlichen Liebe. Sie setzte sich gegen die Entfernung der Kreuze in den Zimmern des Krankenhauses, in dem sie als OP-Schwester tätig war, ein. Ein patriotisches, gegen die NS-Politik gerichtetes Soldatenlied führte zur Verhaftung. Am 30. März 1943 wurde sie enthauptet. Ihre Seligsprechung erfolgte am 21. Juni 1998 in Wien. Ebenfalls seliggesprochen wurde am 24. September 2016 Pater Engelmar Unzeitig (geboren am 1. März 1911 in Greifendorf), Mitglied der Kongregation der Missionare von Mariannhill. Die NS-Zeitung „Der Stürmer“ hatte er als Schmierblatt tituliert und Juden in Schutz genommen – Gründe für seine Verhaftung in Glöckelberg im Böhmerwald am 21. April 1941. Am 3. Juni 1941 kam er ins KZ Dachau. Als im Dezember 1944 eine Fleckfieberepidemie ausbrach, stellte sich Pater Unzeitig als Pfleger der Kranken zur Verfügung. Am 20. Februar 1945 erkrankte er selbst und starb am 2. März 1945.

Die Ausstellung „Zeugen für Menschlichkeit“ ist im Prager Emmaus-Kloster bis zum 31. März 2019 zu sehen. Das Kloster ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.