„Mutiger Schritt der Versöhnung“

Internationale Liturgische Tagung in Herzogenrath: Martin Mosebach würdigt Benedikt XVI. Von Regina Einig

Leidenschaftlicher Appell: Martin Mosebach erinnerte die Zuhörer daran, dass das Schicksal der römischen Liturgie von jedem Einzelnen abhängt. Foto: Andreas Düren
Leidenschaftlicher Appell: Martin Mosebach erinnerte die Zuhörer daran, dass das Schicksal der römischen Liturgie von je... Foto: Andreas Düren

Herzogenrath (DT) Der Schriftsteller und Büchnerpreisträger Martin Mosebach hat das Motu proprio Summorum pontificum von Papst Benedikt XVI. als Durchbruch für die überlieferte Liturgie gewürdigt. Zum Abschluss der Kölner Internationalen Liturgischen Tagung „Quelle der Zukunft – Zehn Jahre Motu proprio Summorum pontificum“ erklärte Mosebach am Samstag in Rolduc, wenn auch das Herzensanliegen Benedikts XVI. gescheitert sei – die Reform der Liturgiereform – so bleibe er doch ein Papst der Liturgie und „vielleicht sogar der große Retter der Liturgie“. Nur sehr wenige in der Kurie und im Weltepiskopat hätten dem Papst in dieser Sache zur Seite gestanden. Von progressistischer, aber auch von „konservativer“ Seite sei Papst Benedikt bestürmt worden, dem überlieferten Ritus keinen Freiraum über die von Papst Johannes Paul II. geschaffenen Möglichkeiten hinaus zu gewähren. „Er, der seinem ganzen Wesen nach einsamen päpstlichen Entscheidungen misstraute, hat sich in diesem Fall einmal überwunden und ein Machtwort gesprochen“, so Mosebach wörtlich.

Benedikt XVI. habe durch die Ausführungsbestimmungen für Summorum pontificum kirchenrechtlich verankerte Garantien geschaffen, die der Überlieferung ihren festen Platz im Leben der Kirche sichern. „Das ist immer noch nur ein erster Schritt“, unterstrich der Frankfurter Schriftsteller, der sich seit Jahrzehnten für die Verbreitung des klassischen römischen Ritus einsetzt. Aber es gehörte zur Überzeugung Benedikts, der ein geistlicher Ernst nicht abzusprechen sei, dass das wahre Wachstum liturgischen Bewusstseins nicht befohlen werden könne. Dieses müsse in vielen Seelen stattfinden – und ebenso müsse sich auch die Treue zur Überlieferung an vielen Orten auf der Welt bewähren. Mosebach schloss mit einem Appell: „Es liegt jetzt an jedem Einzelnen, die von Papst Benedikt eröffneten Möglichkeiten zu ergreifen“. Der Papst habe gegen „übermächtige Widerstände“ eine Schleuse geöffnet. „Nun muss das Wasser fließen. Von dieser Aufgabe kann sich niemand dispensieren, der das Leben der Liturgie für einen wesentlichen Bestandteil des Glaubens hält.“ Die Liturgie sei die Kirche, unterstrich Mosebach. Jede im überlieferten Geist gefeierte Messe sei unendlich viel wichtiger als jedes Wort jedes Papstes „Sie ist der rote Faden, der sich durch Glanz und Elend der Kirchengeschichte ziehen muss. Wo sie fortdauert, werden Phasen päpstlicher Willkürherrschaft zu Fußnoten der Geschichte.“

Angesichts der weltweit wachsenden Zahl von Messfeiern in der außerordentlichen Form des römischen Ritus mochte Mosebach nicht resignieren: „Die Totalität des progressistischen Anspruchs ist gebrochen – und das ist das Werk Papst Benedikts XVI.“ Wer beklage, dass er nicht mehr für die gute Sache getan habe, der möge in aller Sachlichkeit auch sagen, wer unter den Kardinälen mit echten Chancen auf das Papstamt mehr für den Ritus getan habe als Benedikt. „Das Ergebnis dieser Bilanz kann nichts anderes sein als Dankbarkeit gegenüber dem Papst, der in schwerster Zeit getan habe, was in seinen Kräften stand.“ Dass die praktische Umsetzung von Summorum pontificum selbst für hochrangige Kleriker mit Schwierigkeiten verbunden ist, steht für Mosebach außer Frage: „Der im Geist Benedikts handelnde und lehrende Präfekt der Ritenkongregation, Robert Kardinal Sarah, diese große Hoffnung in der gegenwärtigen Kurie, hat nichts in Händen, um den von Benedikt ererbten Auftrag, den er treu ausführen wollte, Wirklichkeit werden zu lassen. Die Reform der Reform, die immer nur eine programmatische Formel war, ist nun sogar als Formel verboten“, sagte er in Anspielung auf die Äußerung des amtierenden Pontifex, dem die Rede von der „Reform der Reform“ missfällt.

Doch unabhängig von einzelnen Formulierungen besteht eine echte Notwendigkeit für eine Reform der römischen Liturgie. Darin waren sich die Teilnehmer der von Martin Lohmann moderierten Podiumsdiskussion – Erzbischof Alexander Sample (Portland/Oregon), Prälat Markus Graulich, Untersekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte, Pfarrer Guido Rodheudt (Herzogenrath) und Peter Kwasniewski (Wyoming) – einig. Die erste Hürde stellt dabei weltweit die Seminarausbildung dar: Graulich wies darauf hin, dass die jüngst veröffentlichte Ausbildungsordnung für Priester „die Liturgie eher an die Seite stellt“. Erzbischof Sample veranschaulichte die begrenzten Spielräume des einzelnen Hirten bei der Priesterausbildung am Beispiel seiner eigenen Diözese: Die Seminaristen von Portland teilen das interdiözesane Seminar einer Benediktinerabtei mit Priesteramtskandidaten aus zwanzig weiteren Bistümern. Die Seminarleitung stehe vor der Aufgabe, unterschiedliche Vorstellungen auszubalancieren. Nicht jeder Bischof lege Wert darauf, dass seine Priesteramtskandidaten die außerordentliche Form des römischen Ritus kennenlerne. Erzbischof Sample machte aus seiner Position keinen Hehl: „Jeder Priester und jeder Seminarist sollte die außerordentliche Form des römischen Ritus zumindest lernen.“

Andererseits unterstrich Pfarrer Rodheudt, dass jeder Priester an der „Reform der Reform“ mitwirken könne, indem er die Eucharistie nach dem Messbuch Pauls VI. im Licht der Tradition zelebriere. Einig war man sich auf dem Podium, dass sich die beiden Riten gegenseitig befruchten können. Kanonstille, die Zelebrationsrichtung nach Osten sowie die knieend empfangene Mundkommunion nehmen viele Gläubige in der alten Messe als Bereicherung wahr. In der ordentlichen Form des römischen Ritus möchten andere nicht mehr auf die Präfationen und die nach 1962 kanonisierten Heiligen sowie die Leseordnung verzichten.

Aus kirchenrechtlicher Perspektive beleuchtete Prälat Graulich die Umsetzung des Motu proprio bei der Vorstellung des von ihm bei Pustet herausgegebenen Buchs „Zehn Jahre Summorum Pontificum – Versöhnung mit der Vergangenheit – Weg in die Zukunft“. Die Leitlinien der deutschen Bischöfe widersprechen Graulich zufolge den universalkirchlichen Ausführungsbestimmungen für die Feier des römischen Ritus in der außerordentlichen Form. Während die gesamtkirchliche Regelung Pfarrern bei der Feier der alten Messe in der Pfarrei selbstverständlich zugesteht, dass eine größere Anzahl von Messbesuchern keine Pfarrangehörigen sind, sieht die Deutsche Bischofskonferenz für diesen Fall vor, dass ein Antrag an den Diözesanbischof gestellt werden muss. „Diese Leitlinie geht klar über die Norm hinaus und stellt eine Bedingung auf, welche dem Gesetzestext nicht entspricht und daher keinen rechtlichen Bestand hat“. Bischöfe könnten von universalen Gesetzen nicht in diesem Sinne dispensieren, dass sie neue Forderungen aufstellten. Anhand Rückmeldungen aus den Diözesen auf das Motu proprio konnte Graulich am Beispiel mehrerer Länder nachweisen, dass die Zahl der Messorte, an denen der römische Ritus in seiner außerordentlichen Form gefeiert wird, seit 2007 deutlich gestiegen ist. Insbesondere das Interesse junger Menschen an der alten Messe habe Erstaunen bei den Bischöfen geweckt. Graulichs Bilanz: „Mit der Veröffentlichung des Motu proprio Summorum pontificum hat Papst Benedikt XVI. einen mutigen Schritt der Versöhnung innerhalb der Kirche getan.“