Muntermacher statt Mutlosigkeit

Gebet, Diskussionen, Workshops und ein Musical: Mehr als 1 700 Teilnehmer kamen zum 14. Internationalen Forum Altötting der Gemeinschaft Emmanuel

Altötting (DT) Geschichten von einer Bekehrung zum katholischen Glauben können ansteckender sein als jede Virusgrippe. Sie erklären mehr über den Glauben an Jesus Christus als viele Bände Theologie. Und wenn sie erzählt werden, mag der Raum noch so voll sein – man könnte eine Stecknadel fallen hören. Beim Forum der Gemeinschaft Emmanuel in Altötting, das am Sonntag zu Ende ging, konnte man das mehrfach beobachten. Selbst bei den sogenannten „Teenies“. Für die dreizehn- bis sechzehnjährigen jungen Menschen gab es ein eigenes Programm und einen eigenen Veranstaltungsort, die mittelalterliche „Herrenmühle“ am Rande der Stadt. Eigentlich hörte man sie jubeln und toben in der vergangenen Woche, wenn in der mitten in die burgähnliche Anlage gebauten Halle das Abendprogramm lief.

Doch an einem der Abende waren die zweihundert Jungen und Mädchen im besten Pubertätsalter mucksmäuschenstill. Auf Bierbänken über kaltem Betonboden sitzend, hörten sie eine Bekehrungsgeschichte. Eine beeindruckende. Und die älteren Teenager kannten den jungen Mann genau, der da oben auf der Bühne stand. Es war Paddy Kelly, Mitglied der berühmten Kelly-Family. Die CDs dieser Band erreichten Millionenauflage. Alle deutschen Musikpreise haben sie abgeräumt. Sie waren in ganz Europa erfolgreich und auf anderen Kontinenten, bis nach China. Heute hat Paddy seinen Namen geändert. Der heute 31-Jährige heißt Bruder John Paul Mary und ist Novize bei der französischen Johannesgemeinschaft.

Paddy Kelly stand schon am Fenster eines Hochhauses, um herunterzuspringen. Er wollte sich das Leben nehmen. Alles hatte er: Geld, Millionen Fans, eine Freundin, ein Schloss, Bodyguards... Aber er war innerlich leer und er wusste nicht mehr, wofür das alles gut sein sollte. Irgendetwas hielt ihn zurück, zu springen. Eine innere Stimme: Warte! Spring nicht. Während Bruder John Paul Mary das erzählt, hört man in der großen vollen Halle nichts als ihn und das Schnarren eines Kühlschranks. Dann kniet sich der ehemalige Popstar und die Teenies tun es ihm gleich. Sie beten für alle Menschen, die in so einer Situation doch gesprungen sind und für die, die solche Gedanken im Herzen tragen. Paddy sprang nicht. Zu Hause nahm er die Bibel in die Hand. Und da war es ihm, als höre er Gottes Stimme. Er fühlte sich ganz persönlich angesprochen. Dann war da eine Lourdesreise. Schließlich führte ihn der Zufall nach Medjugorje. Eine tiefe Beichte befreite ihn von einer großen Last. Und als er im Jahr 2000 durch die Heilige Pforte im Petersdom schritt, hörte er sich sagen: „Totus Tuus. Ich lege mein Leben in deine Hände, Gott.“

Der Mann in der grauen Mönchskutte, der ein Popstar war, kann immer noch virtuos mit Stimme und Gitarre umgehen und damit begeistert er die Jugendlichen. Die selbst geschriebenen Lieder handeln von der Frequenz, auf der Gott sendet, sind Liebeserklärungen an Jesus, Dankgebete an Maria für ihr Ja zur Menschwerdung Gottes. Mit einem kleinen Gag, den die Jugendlichen sicher nicht vergessen, zeigt er, dass jeder beten kann, weil Gott in jedem Menschen wohnt. Ein Junge soll sein kleines Musikgerät, den „Ipod“ vorführen, und dafür die „Play“-Taste drücken. „In dir“, erklärt der Johannesbruder, „ist göttliche Musik.“ Auch da gebe es eine Taste: Wenn man das „L“ durch ein „R“ ersetzt, dann heißt die Taste „Pray“, Beten, und wenn man die drücke, dann komme die schönste Musik. Jetzt, sagte er, drücken wir auf diese Pray-Taste. Und dann singt Paddy alias Bruder John Paul Mary ein Gebet und alle Jugendlichen liegen ihm zu Füßen, nein, nicht ihm, sondern Gott selbst, den Paddy ihnen in die Betonbodenhalle gebracht hatte. Dann wird das Allerheiligste zur Hallentür hereingetragen, sehr feierlich, mit Messdienern, und es folgt eine Anbetung, bei der die dreizehn-, vierzehn-, 15-jährigen Teenager lange auf dem Betonboden knien. Es sei sehr, sehr „cool“ gewesen, meint am nächsten Tag ein 13-jähriger Junge.

Bekehrungsgeschichten könnte man schreiben über viele der Menschen, die in diesen sonnigen Augusttagen über den Kapellplatz von Altötting laufen, viele aber erneuern auch ganz einfach ihren Glauben bei diesem Forum, finden zu einem tieferen Herzensgebet, fühlen sich zur Beichte hingezogen, lernen die Anbetung vor dem Allerheiligsten schätzen. Der „Barmherzigkeitsabend“ füllt die Wallfahrtsbasilika bis in die hintersten Bänke – und es gibt zwei davon, für Jugendliche und Erwachsene. Da hört man Zeugnisse von der Barmherzigkeit Gottes auch noch für den größten Sünder und dann folgt gleich die Praxis, zwei Stunden Verweilen vor dem ausgesetzten Herrn in der Monstranz, begleitet von der typischen Musik der Gemeinschaft Emmanuel: „Wenn Du die Gabe wüsstest, die Gott dir schenkt“ und „Weder Leben noch Tod, keine Macht der Welt, nichts kann uns trennen von Gott“. Die Lieder singt mehrstimmig ein kleiner Chor. Es ist eine Meditation, die diese wichtigen Sätze immer wieder anstimmt mit Melodien, die das Herz berühren.

Fast zwanzig Priester sitzen an den Seiten des Gotteshauses und hören Beichte. Jeder ist „besetzt“ und mit diskretem Abstand warten mehrere Kandidaten. Dabei gibt es schon mehrere Stunden am Tag Beichtgelegenheiten, vor der Wallfahrtskapelle und auf einer ruhigen Wiese hinter der Stiftskirche, auf der tagsüber das Allerheiligste ausgesetzt ist. „In Altötting, da können wir uns fett essen – geistlich, als Reserven für das Auf und Ab im Leben, für Leid und Freude. Das ist das Fett, mit dem Jesus uns ausstattet für die Mühen der Ebene“. Ein Pfarrer der Gemeinschaft, Christian Schmitt, hat in seiner Predigt zum Morgengottesdienst das richtige Bild gewählt. Vieles von dem, was hier praktiziert wird, könnte man auch den Menschen in den Gemeinden zukommen lassen, denen, die nie den Weg auf so ein Event finden und ein wenig mehr „Fett“ für den Alltag ihres Glaubens brauchen könnten – ganz zu schweigen von der Not derer, die Gott suchen und nur angesprochen werden wollen. Aber die großen Pilgerfahrten derjenigen, die in den Diözesen für Jugendarbeit zuständig sind und für Pastoral, stehen noch aus. Dabei könnten sie viel lernen und bekämen mehr Mut für die Herausforderungen der Jugendpastoral.

Zwei Bischöfe kommen zum Forum und zeigen sich auch beeindruckt von dem Bild, das sich ihnen bietet. Bischof Klaus Küng von St. Pölten feiert bei der Eröffnung den Gottesdienst und der Kölner Weihbischof Heiner Koch die große Schlussmesse. Es sind keine Heerscharen, die dieses Forum mit wieder mehr als tausendsiebenhundert Teilnehmern stemmen. Einige dutzend Mitglieder planen das Ereignis und einige weitere helfen bei der Durchführung. Andreas Schmidt, Priester und Leiter der Internationalen Akademie für Musik und Evangelisation in Altötting, ist sich bewusst, dass man mit rein menschlichen Mitteln so eine große Wirkung kaum erzielen könnte. „Wir schleppen nur das Wasser heran. Gott ist es, der in den Einzelnen das Wasser in Wein verwandelt.“

Er berichtet, dass jetzt immer mehr Firmgruppen nach Altötting kommen. Ein Pfarrer habe den Firmlingen zur Wahl gestellt: Eine Fahrt zu diesem Forum oder nach Taizé oder ein religiöses Wochenende. Dreißig bis vierzig Jugendliche bringt er jedes Jahr mit ins bayerische Lourdes. Manche junge Besucher des Forums, die aus ganz Europa kommen, in großen Gruppen vor allem aus angrenzenden Ländern Osteuropas, bleiben „hängen“ in Altötting. Zwanzig junge Leute nimmt die Evangelisationsschule auf, die Schmidt leitet. Sie kommen aus verschiedenen Ländern und leben dort ein Jahr lang in einer intensiven Gemeinschaft, lernen Theologie und Philosophie und üben sich in ein regelmäßiges Gebetsleben ein. Sie musizieren und schauspielern und gehen immer wieder nach außen, in Schulen und Pfarreien, um ihre Freude am Glauben weiterzugeben.

Manch einer kommt noch ohne klare Glaubensvorstellung, wie der 19-jährige Ägypter Steven, ein koptischer Katholik, der mit vielen Fragen in dem bayerischen Ort eintraf. Eine Stunde Anbetung am Tag, das sei für ihn anfangs noch „der Horror“ gewesen. „Jetzt hat er eine innere Klarheit und die Sehnsucht, zu evangelisieren. Als wir mit der Gruppe in Rom waren, kamen wir kaum vom Fleck, weil er mit so vielen Leuten über den Glauben ins Gespräch kam.“ Er hat die Hauptrolle in dem Musical, das wie in den vergangenen Jahren für die Schule geschrieben und von den Schülern in ganz Deutschland aufgeführt wurde: Steven spielt Jesus. Das Stück heißt „Mad“ und handelt von Maria Magdalena, eine sehenswerte Darstellung zweier Welten, die zusammenpassen: die Sünderin aus biblischer Zeit und eine junge Drogensüchtige von der Straße in unserer Epoche – beide holt Jesus von der Straße und nimmt ihnen vor den Augen der erstaunten „Frommen“ die Last der Schuld von der Seele. Man kann dieses Stück jetzt nur noch auf DVD sehen, denn die Studenten gehen wieder zurück in ihre Länder und Berufe: Agraringenieur, Mathematiker, Friseuse. Allerdings haben in den vergangenen Jahren die Hauptdarsteller des Musicals den Weg zum Priestertum eingeschlagen. Steven, der Jesus sehr überzeugend verkörpert hat, ist zugleich bescheiden und Popstar, die Mädchen umringen den gutaussehenden jungen Mann und erbitten Autogramme. Aber er führt sie weiter. Einer Katharina erläutert er sofort das Leben der Heiligen von Siena. Als sich auf dem Kapellplatz eine große Gruppe von Punks, Jugendliche in schwarzer Lederkluft, mit geschorenen Haaren und Ringen an allen möglichen Stellen im Gesicht niederlässt, geht er zu ihnen und fragt, warum sie hier seien. Weil das Forum sie davor beschütze, verjagt zu werden, sagen sie ihm. Er gibt zurück: Das sei sicher nicht der einzige Grund. „Ihr seid auf der Suche nach Gott“. Keiner widerspricht ihm.

Weihbischof Koch predigt über die Versuchung der Mutlosigkeit, nach einem Witz des Teufels wichtigstes Werkzeug für die Menschen, und erinnert an die Mittel dagegen: Das Gebet, die Hilfe von Menschen, die uns wie Engel durchtragen durch solche Phasen und das Aufbrechen im Glauben. „Wahrscheinlich erfahren viele Menschen Gott nicht, weil sie sitzen bleiben.“ Er empfahl den Forumsteilnehmern die Zuversicht der obdachlosen Frau im Kölner Hauptbahnhof, die ihm zehn Plastiktüten in die Hand gedrückt habe, damit er mal eben darauf aufpasse. Es sei alles, was sie habe. Ob ihr schon viel gestohlen worden sei, habe er gefragt. Da habe sie vielsagend die Hand gehoben und geantwortet: „Aber der liebe Gott, den raubt mir keiner“. So viel Glaubensmut wünschte der Weihbischof den Menschen, die nun wieder den Heimweg antraten, viele mit dem Gruß: Wir sehen uns wieder im nächsten Jahr!