Müller: Es gibt keine zwei Lehrämter

Präfekt der Glaubenskongregation äußert sich zur Kontroverse um das Verhältnis von Lehramt und akademischer Lehre sowie zum Freiheitsbegriff. Von Regina Einig

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, warnt vor modernen Formen der ideologischen Gleichschaltung. Foto: dpa
Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, warnt vor modernen Formen der ideologischen Gleichschaltu... Foto: dpa

Köln (DT) Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, hat hervorgehoben, dass es auf Seiten der Theologieprofessoren kein durch die Autorität Gottes gestütztes Lehramt gibt. Der Kurienkardinal äußerte sich am Samstag am Rande des von der geistlichen Bewegung Comunione e Liberazione organisierten dreitägigen „Rhein-Meetings“ in Köln. Angesprochen auf die Debatte der Bischöfe Rudolf Voderholzer (Regensburg) und Stefan Oster (Passau) mit einigen Theologieprofessoren über das Verhältnis des bischöflichen Lehramts zur wissenschaftlichen Theologie erklärte der Kardinal gegenüber dieser Zeitung, man dürfe die Habilitation der Theologiewissenschaft nicht verwechseln mit der Ordination eines Bischofs oder Priesters. Wörtlich sagte der Präfekt der Glaubenskongregation: „Es ist mit dem katholischen Glauben nicht vereinbar, von zwei Lehrämtern in der Kirche zu sprechen. Die Lehre des Glaubens ist die Wiedergabe der Offenbarung im Bekenntnis der Kirche. Dafür ist die ganze Kirche zuständig, aber im Besonderen auch das Lehramt der Bischöfe und besonders des Papstes. Die akademische Lehre bewegt sich nicht auf dieser Ebene, sondern hat eine ganz andere Bedeutung.“

Theologie, so der Präfekt der Glaubenskongregation, setze den offenbarten Glauben voraus, der Forschungsobjekt sei. Freiheit der Theologie bedeute, dass alle Methoden, die hier legitim angewendet würden, auch zum Zug kommen. Kardinal Müller verwarf die Vorstellung, Freiheit der Theologie mit Beliebigkeit gleichzusetzen. Gemeint sei nicht die Möglichkeit, „die Offenbarung in ein bloß menschliches Gebilde, einer menschlichen Religion umzuwandeln und so den Wissenschaftscharakter der Theologie als Glaubenswissenschaft aufzugeben und sich zu einer phänomenalen Religionswissenschaft zurückzubilden“. Kardinal Müller zufolge ist „diese Diskussion nicht neu“. Vor Journalisten legte er Wert darauf, „dass man sich in solchen ,Neudiskussionen‘ nicht entfernt von schon erreichten Reflexionsstandards. Müller warnte davor, „alte Schlachten“ zu kämpfen und zu meinen, „das Lehramt der Kirche oder die Offenbarung selber sei ein äußerer Fakt, die jetzt auf die Theologie auftrifft“.

Darüber hinaus ging der Präfekt auch auf die Verantwortung des Bischofs für die Lehre ein. „Der Bischof hat in seiner Diözese die höchste Verantwortung, und zwar von Christus empfangen“, stellte Müller fest. Durch seine Weihe habe er das Lehramt empfangen und auch die Verantwortung, dass die Kirche in ihrer Verkündigung und all ihren Lebensäußerungen der Wahrheit treu bleibt, wie sie von Gott in Jesus Christus offenbart worden ist. Der Kardinal wandte sich gegen das Missverständnis, die bischöfliche Lehramt führe zu Engführungen in der Theologie: „Es geht nicht darum, die Theologie auch in ihrer legitimen Vielfalt ihrer Fächer und Ansätze auf ein einziges Modell hinzuführen, sondern es geht um die gemeinsame Orientierung aller theologischen Bemühungen an den uns vorgegebenen Forschungsgegenstand: das ist die Offenbarung Gottes in Jesus Christus selber. Auch die anderen Wissenschaften können sich ihren Inhalt und ihre Prinzipien nicht aus irgendwelchen Bezügen herholen.“

Klar sprach sich der Präfekt gegen dialektische Spielereien im Wissenschaftsbetrieb aus: „Man spricht von Dezentralisierung und meint damit, dass es eine Verschiebung im Machtgefüge gibt.“ In der Kirche, so Müller, gehe es nicht um Macht im politischen Sinn, sondern um die Wahrnehmung der Verantwortung.

Zur Rolle seines Dikasteriums befragt, wies der Kardinal auf die helfende Funktion hin: Die Glaubenskongregation trete im Auftrag des Papstes in Erscheinung, „aber nicht in dem Sinn, dass sie das bischöfliche Lehramt ersetzt, sondern es mitträgt und auch subsidiär unterstützt“. Aufgabe der Kongregation sei es, das Lehramt der verschiedenen Bischöfe auf die Einheit der Kirche in der Wahrheit auszurichten. In einzelnen Situation könne und müsse die Glaubenskongregation eingreifen. Der Präfekt der Glaubenskongregation hob hervor, dass die deutschen Bischöfe im weltkirchlichen Vergleich über gut ausgestattete Bistümer verfügen: „In Deutschland kann jeder Bischof sich genügender Hilfsinstrumente bedienen. Es sind ausgebildete Theologen und Kanonisten in jeder Diözese vorhanden.“

Mit Nachdruck warnte der Kardinal die gut tausend überwiegend jungen Teilnehmer des Rhein-Meetings in Köln vor einem falschen Freiheitsverständnis. Es gehe nicht nur um eine technische Beherrschung der möglichen destruktiven und sogar suizidalen Folgen der Entwicklungen der Medizin, der globalen Kommunikation oder der Waffensysteme, „sondern um die Orientierung des Gewissens am Guten und an der Wahrheit“. Die Relativierung der Wahrheit bedeute „die größte Bedrohung der Freiheit“, so Müller. Die Wahrheit des Menschen vor Gott ist der Grund seiner Freiheit in Gott, das Ziel der Freiheit jedoch ist die Liebe“, sagte der Kardinal.

Kritik übte der Präfekt der Glaubenskongregation am „staatlich und ideologisch gelenkten Mainstreaming“. Einzelne gesellschaftliche Gruppen dürften sich nicht des Staates bemächtigen, „um durch die Möglichkeiten der schulischen Erziehung, der universitären Bildung und der medialen Information und Meinungsbildung eine dominante Ideologie zu begünstigen“. Eine solche Gleichschaltung verrate „obrigkeitsstaatliches und totalitäres Denken“. Menschen widersetzten sich „mit vollem Recht“ einer „augenblicklich dominanten Ideologie“ in Medien, Parlamenten und Rechtsprechung, sagte der Kardinal. Als Beispiele für solche Ideologien nannte er Strömungen, die Abtreibung als Menschenrecht betrachteten oder die Ehe als beliebige Sexualgemeinschaft umdefinierten.

Müller zufolge kann der moderne demokratische Staat „weder die Kirche noch das verfasste Judentum, islamische oder andere religiöse Gemeinschaften zur Staatsreligion, aber auch nicht ersatzweise atheistische und politische Vereine zur Staatsideologie erheben und den Andersdenkenden lediglich den Status einer tolerierten Minderheit zuweisen“. Das Axiom „Religion ist Privatsache“ widerspreche fundamental den individuellen und sozialen Menschenrechten. Wörtlich sagte der Kardinal: „Ein Staat ohne öffentliche Präsenz der religiösen Bekenntnisse seiner Bürger wäre nicht säkular-naturrechtlich legitimiert, sondern in eine Gesinnungsdiktatur pervertiert.“