Mit den Muslimen, nicht gegen sie

Die Seligsprechung im algerischen Oran und ein Besuch des Papstes in den Vereinigten Arabischen Emiraten: Im Dialog mit dem Islam taut das Eis weiter ab. Von Guido Horst

Dialog mit Muslimen
Im Vatikan wertet man die jetzt geplanten Begegnungen mit der muslimischen Welt wie auch die herzliche Atmosphäre rund um die Seligsprechungsfeier in Oran als Zeichen der zurückgekehrten Normalität im interreligiösen Dialog mit dem Islam Foto: MP

Es gab Datteln und Mandeln, dargereicht von Frauen in den traditionellen Gewändern Algeriens. Und das nicht in einem luxuriösen Strandhotel für gut betuchte Touristen, sondern in der neuen Moschee von Oran für die katholische Geistlichkeit und die Angehörigen der neunzehn Märtyrer, die Kardinal Angelo Becciu, seines Zeichens Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Heiligsprechungen, am vergangenen Samstag im Heiligtum Notre-Dame de Santa Cruz auf dem Mont Aidour oberhalb der Stadt Oran seliggesprochen hat. Großmufti Mustafa Djaber hatte zu dem Empfang eingeladen, als Zeichen der Gastfreundschaft und Wertschätzung für die christlichen Blutzeugen, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in Zeiten eines blutigen Bürgerkriegs zwischen Islamisten und dem Militär, ihren Wirkungsort nicht verlassen wollten und dafür mit dem Leben bezahlten. Im Anschluss an den Empfang in der Moschee fuhr man hinauf zum katholischen Heiligtum, wo die weiße Statue Unserer Lieben Frau über den blauen Golf von Oran wacht.
Es war eine harmonische Feier. Und ihr vorausgegangen war eine kleine Sensation: Am Donnerstag zuvor hatte der Vatikan bekannt gegeben, dass Papst Franziskus Anfang Februar die Vereinigten Arabischen Emirate besuchen wird, auf Einladung von Kronprinz Muhammad bin Zayid Al Nahyan und der katholischen Ortskirche des Landes, um in Abu Dhabi an einem interreligiösen Friedenstreffen teilzunehmen. Es ist das erste Mal, dass ein Papst die Arabische Halbinsel besucht. Das Programm der Kurzvisite vom 3. bis 5. Februar steht noch nicht fest, die interreligiöse Begegnung, an der Vertreter unterschiedlicher Nationen teilnehmen sollen, steht unter dem Thema "Human Fraternity" (Menschliche Brüderlichkeit). Und dann wird Franziskus am 30. und 31. März kommenden Jahres im ebenfalls mehrheitlich muslimischen Marokko erwartet. Diese Reise erfolgt auf Einladung von König Mohammed VI. und führt in die Städte Rabat und Casablanca. Im August 1985 hatte Johannes Paul II. im Stadion von Casablanca vor zehntausenden Studenten jene historische Rede gehalten, in der er zu Toleranz und Dialog zwischen Christen und Muslimen aufrief.
Im Vatikan wertet man die jetzt geplanten Begegnungen mit der muslimischen Welt wie auch die herzliche Atmosphäre rund um die Seligsprechungsfeier in Oran als Zeichen der zurückgekehrten Normalität im interreligiösen Dialog mit dem Islam. Im Februar vergangenen Jahres hatte die Al Azhar-Universität in Kairo wieder den Dialog mit dem Vatikan aufgenommen, nachdem das geistliche Zentrum des sunnitischen Islams dagegen protestiert hatte, dass Benedikt XVI. nach Anschlägen auf koptische Christen öffentlich einen besseren Schutz der Christen in Ägypten gefordert hatte. Der Besuch von Franziskus in Kairo im April 2017 und seine Teilnahme an einer Internationalen Friedenskonferenz in der Al Azhar-Universität war die offizielle Besiegelung der Wiederaufnahme des Dialogs.
Im Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog weist man jetzt darauf hin, dass es keine einzige negative Stimme in der muslimischen Welt zu der Feier in Oran gab, der ersten Seligsprechung in einem immerhin fast komplett islamischen Land. Die Muslime in Algerien hätten keine theologischen Kriterien, um die Erhebung der Märtyrer zur Ehre der Altäre einordnen zu können. Aber sie würden die 19 christlichen Glaubenszeugen als herausragenden Teil der algerischen Gesellschaft sehen, die auch dann ihren Platz nicht verlassen hätten, als der Bürgerkrieg ihr Leben bedrohte   ein Konflikt, in dem unter den hundertfünfzig- bis zweihunderttausend Opfern auch 99 Imame waren, die die Fatwas der Islamisten nicht anerkennen wollten.
Dass die Feier in Oran den Segen von höchster staatlicher Stelle hatte, drückte Papst Franziskus in seiner Grußbotschaft aus, als er Algeriens Präsident Abd al-Aziz Bouteflika für die Hilfe bei den Vorbereitungen für die Seligsprechungszeremonie dankte. Franziskus gedachte auch aller anderen Opfer des algerischen Bürgerkriegs. Die Kirche wolle sich weiter für Dialog, Eintracht und Freundschaft einsetzen. Mit der ausgestreckten Hand gegenüber den Muslimen folgt Rom dem beständigen Aufruf der Führer der orientalischen Kirchen   der mit Rom unierten wie der mit Rom nicht unierten  , dass man im Mittleren Osten wie in Afrika nur mit den Muslimen und nicht gegen sie leben könne. Jetzt hat auch Tawadros II., der Papst der leidgeprüften Kopten Ägyptens, angekündigt, dass er auf Einladung des Königshauses nach Saudi-Arabien reisen werde. Sein Aufenthalt dort setzt eine Reihe von Besuchen prominenter christlicher Bischöfe fort, wie dem des maronitischen Patriarchen Kardinal Bechara Boutros Rai und des mittlerweile verstorbenen Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran   immerhin in einem muslimischen Land, das früher für Oberhäupter christlicher Kirchen völlig unzugänglich war.
Um die zwölfhundert Mitfeiernde hatten sich am Samstag auf das Plateau des Heiligtums begeben, um die Märtyrer zu ehren: Christliche und muslimische Algerier, aber auch Gäste aus dem Ausland, vor allem aus den Herkunftsländern der Getöteten. Die Liste der neuen Seligen führte der Bischof von Oran, der Dominikaner Pierre-Lucien Claverie, an, der am 1. August 1996 zusammen mit seinem jungen muslimischen Fahrer Mohamed Bouchikhi von einer Bombe zerfetzt worden war. Weltbekannt ist das Schicksal der sieben Mönche von Tibhirine; der französische Regisseur Xavier Beauvois hat ihnen 2010 den vielfach preisgekrönten Film "Von Menschen und Göttern" gewidmet. Auch vier Weiße Väter, zwei Augustinerschwestern, ein Maristenpater und vier weitere Schwestern nahm Kardinal Becciu in das Buch der Seligen auf. Sie alle starben zwischen 1994 und 1996. Der Präfekt der Heiligsprechungskongregation erinnerte in seiner Predigt daran, dass die neuen Seligen die bedingungslose Liebe Gottes zu den Armen und Ausgegrenzten verkündet und ihre Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche bis zum Martyrium bezeugt haben. "Sie waren stark und ausdauernd im Dienst am Evangelium und an der Bevölkerung, trotz des feindlichen Klimas der Gewalt und Unterdrückung, von dem sie umgeben waren." Mit dieser Seligsprechung in Oran "möchten wir ganz Algerien nur eines sagen: Die Kirche wünscht nichts anderes, als dem algerischen Volk zu dienen und gegenüber allen Liebe unter Beweis zu stellen."
So sahen es auch die anwesenden Muslime. So sagte Großmufti Mustafa Djaber beim Empfang in der Moschee zu Medienvertretern, die "christlichen Märtyrer waren Menschen des Glaubens, die ihre Mission darin sahen, den Frieden unter den Leuten zu verbreiten. Es ist die Seligsprechung von Menschen der Kirche, die während einer großen nationalen Tragödie getötet wurden, und das erfüllt uns mit großer Freude. Sie ist ein Zeichen des Zusammenlebens und ein Symbol für den Aufbau des Friedens. Mit dieser Feier wollen wir der ganzen Welt sagen, dass Christen und Muslime gemeinsam Gutes wirken können."