Mission wächst aus dem Dreiklang von Gebet, Zeugnis und Liebe

„Zeig draußen, was du drinnen glaubst“: Ein Symposion zum 160jährigen Bestehen des Bonifatiuswerks geht dem Phänomen Diaspora auf den Grund

Schwerte (DT) „Zeig draußen, was du drinnen glaubst“ – so die Überschrift eines dreitägigen Symposions in der Katholischen Akademie Schwerte. Mit einer international besetzten Tagung feierte das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken in der vergangenen Woche sein 160jähriges Bestehen: Gut 240 Teilnehmer, unter ihnen zahlreiche Bischöfe aus den skandinavischen Ländern und den ostdeutschen Regionen, etwa die Bischöfe von Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, von Erfurt, Joachim Wanke, und Magdeburg, Gerhard Feige, sowie der Apostolische Nuntius für Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Perísset, nahmen an der Jubiläumsveranstaltung teil. Aber auch zahlreiche Pfarrer aus den Gemeinden, pastorale Mitarbeiter und Katecheten kamen nach Schwerte.

Klöster übernehmen die Rolle geistlicher Zentren

Im Mittelpunkt des Symposions stand das große Thema „Diaspora und missionarische Pastoral“. Dabei richtete sich der Blick – zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer – besonders in den Osten Deutschlands: Noch immer zählt Ostdeutschland – neben Tschechien – zu den am stärksten säkularisierten Regionen Europas. Gut drei Viertel der Bevölkerung bezeichnen sich als religionslos. Christen in der ehemaligen DDR müssen weiterhin damit zurechtkommen, in einer Diaspora-Situation zu leben – in einer „doppelten Diaspora“ sogar, da sich beide Konfessionen zusammen, Katholiken und Protestanten, in der Minderzahl befinden.

Dennoch gibt es in der ostdeutschen Diaspora inzwischen zahlreiche Hoffnung machende Initiativen. Einige von ihnen wurden während des Symposions vorgestellt: Aus dem nach der Wende wiedererrichten Zisterzienserinnenkloster Helfta war die Priorin, Mutter Agnes Fabianek, gekommen. Sie berichtete vom „Wunder von Helfta“: Denn innerhalb weniger Jahre entstand aus den Ruinen eines mittelalterlichen Klosters neues geistliches Leben inmitten eines säkularen Umfelds. Das Kloster hat eine enorme Anziehungskraft für Menschen aller Altersstufen, aus unterschiedlichsten Berufen und sozialen Milieus. In Helfta finden sie einen Ort des Gebets, aber auch einen Raum, in den hinein sie ihre Lebensfragen tragen können.

Eine große Anziehung, speziell auf junge Menschen, übt das Kloster Wechselburg in Mittelsachsen aus: Viermal im Jahr laden die Benediktiner dorthin zu einer Jugendvesper ein, verbunden mit der Möglichkeit zur Übernachtung und der Teilnahme am gemeinsamen Chorgebet der Mönche. Damit bietet das Kloster für junge Menschen einen Raum zur spirituellen Beheimatung und Verortung. Gerade Klöster haben sich in den ostdeutschen Regionen zu geistigen Zentren entwickelt – das zeigten verschiedene Berichte während des Symposions.

Die Kirche im Osten bemüht sich, insbesondere die Jugend, aufgewachsen ohne jeglichen Bezug zu Glauben und Kirche, verstärkt anzusprechen. Dazu konnte der Provinzialvikar der Salesianer Don Boscos, Pater Franz-Ulrich Otto, von seinen Erfahrungen als Jugendseelsorger berichten: Über viele Jahre leitete er die „Villa Lampe“ in Heiligenstadt, im thüringischen Eichsfeld, ein Projekt für offene Jugendarbeit in Trägerschaft des Bistums Erfurt und des Ordens. Auch im Eichsfeld, trotz seiner starken katholischen Tradition, hat die kommunistische Ideologie Spuren hinterlassen. In der „Villa Lampe“, so Pater Otto, seien Jugendliche mit unterschiedlichstem Hintergrund anzutreffen: „Es gibt Jugendliche, die sich stark in der Kirche engagieren, die einfach das Glück hatten, in einer Familie heranzuwachsen, in der Glaube auch im Alltag eine Rolle spielte. Es sind aber auch Jugendliche da, die mehr ,auf Durchzug‘ schalten und bei denen es darauf ankommt, Blockaden aufzubrechen, Interesse zu wecken. Und dann gibt es dezidiert atheistische Jugendliche.“

Überraschend – die Erfahrung des Salesianers aus vielen Jugendgottesdiensten, dass die stärksten Impulse manchmal von den Atheisten ausgehen: immer dann, wenn sie sich angesprochen fühlen und spüren, dass Religion nicht nur eine Schablone, ein normierter Verhaltenskodex ist, sondern ihr Leben bereichern kann. „Und häufig geschieht es“, so der Pater, „dass Atheisten, die diese Entdeckung machen, plötzlich übersprudeln vor Fragen. Und dann wird es interessant.“

Deutlich wird gerade mit Blick auf die ostdeutschen Regionen der innere Zusammenhang zwischen diakonischem Handeln und missionarischer Wirkung der Kirche. Im Bistum Dresden-Meißen hat beispielsweise die Sterbebegleitung in vielen Gemeinden große Bedeutung gewonnen. Diese Hospizdienste haben sich spontan und aus der Mitte der Gemeinde heraus entwickelt. Sie seien wirkliche „Leuchttürme“, so Bischof Reinelt, weil in ihnen existenzielle Not von Menschen am ehesten erlebbar sei und dann spürbar werde, was christliche Solidarität mit den Notleidenden bedeute.

In Ostdeutschland lassen sich mehr Erwachsene taufen

In vielen Gemeinden der Diözese Dresden-Meißen gibt es regelmäßige Besuchsdienste von ehrenamtlichen Helfern bei Sterbenskranken zu Hause. Diese persönliche Zuwendung zu Menschen, die sich mit dem Tod auseinandersetzen müssen, hat starken Zeugnischarakter. Denn gerade Menschen, die stets in großer, oft völliger Distanz zum Glauben gelebt haben, sind in der Not des Sterbens oft sehr einsam. „Niemand kann ihnen an dieser Stelle wirklich beistehen“, so Bischof Reinelt, „höchstens Menschen, die an die Auferstehung und das ewige Leben glauben. Das kann man dann zwar nicht immer verbal transportieren. Aber die anderen spüren, dass uns dieser Glaube trägt.“

Caritative und pastorale Initiativen der katholischen Kirche in den neuen Bundesländern tragen durchaus Früchte: Die Zahl der Erwachsenentaufen hat in den verschiedenen Bistümern, etwa in Dresden-Meißen, in Erfurt und Magdeburg, über die Jahre hinweg zugenommen – Zeichen für ein wachsendes kirchliches Leben im Osten Deutschlands.

Anders stellt sich die Diaspora-Situation für katholische Christen in Nordeuropa dar. Mit weniger als zwei Prozent im Durchschnitt an der – überwiegend lutherischen – Gesamtbevölkerung sind Katholiken dort in allen Ländern – von Dänemark bis Island und Finnland – in der Minderheit. Und die wenigen Katholiken leben meist in Gemeinden, die sich über enorme Räume erstrecken – manchmal über eine Fläche so groß wie Portugal. Unter diesen Bedingungen ist es für die Gläubigen schwer, jeden Sonntag zur Feier der Eucharistie zusammenkommen. Dennoch, so konnte zum Beispiel der Bischof von Tromsö, der gebürtige Kroate Berislav Grgic, berichten, gebe es vielerorts ein reges Gemeindeleben, würden viele Menschen weite Anfahrten zur Messe am Sonntag in Kauf nehmen und untereinander Kontakt halten.

Die katholische Kirche in Skandinavien ist heute eine kleine, aber – durch Einwanderer und Konversionen – wachsende Kirche, jung und international geprägt: Oft finden sich in einer Gemeinde 50 bis 60 Nationen, die dort Beheimatung und die integrative Kraft der katholischen Kirche erfahren können. Es sind zahlreiche Klöster und Priesterseminare in den nordischen Ländern neu entstanden. Im schwedischen Uppsala steht die erste katholische Hochschule Skandinaviens seit der Reformation kurz vor der staatlichen Anerkennung – Ausdruck einer zunehmenden Wahrnehmung und Wertschätzung der katholischen Tradition und des gesamtgesellschaftlichen Beitrags von Katholiken in den skandinavischen Gesellschaften, wie der Leiter, der Jesuitenpater Philipp Geister, unterstrich.

Insgesamt, so ein wesentliches Ergebnis des Symposions, muss der Diaspora-Begriff heute weiter gefasst werden. Der ehemalige Rektor der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/ Main und heutige Dekan der katholisch-theologischen Fakultät in Mainz, der Pastoraltheologe Professor Michael Sievernich, erinnerte in seinem Vortrag an die Gründungsphase des Bonifatiuswerks im 19. Jahrhundert: Damals habe die Neugründung dieses Werks einen Neuaufbruch von Katholiken im protestantisch geprägten Deutschen Reich bedeutet. Heute gelte es, den Diaspora-Begriff zu „entgrenzen“, denn in einer globalisierten Welt mit unzähligen Wanderungsbewegungen und zunehmend pluraler werdenden Gesellschaften, seien nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle Diaspora-Situationen fast schon die Norm.

Ohne gesellschaftspolitisches Engagement geht es nicht

Der Jesuit Sievernich verwies zudem auf die heilsgeschichtliche Deutung von Diaspora durch Karl Rahner: Dieser habe dargelegt, die christliche Diaspora der Gegenwart sei kein ,Unfall‘, sondern die von Gott gewollte Existenzform von Christen. Denn zu allen Zeiten hätten Christen in einem überwiegend nicht-christlichen Umfeld gelebt. Aufgabe von Christen sei es, ihren Glauben andersgläubigen oder nicht-gläubigen Menschen zu verkünden und diesen Glauben authentisch zu leben. Dazu, so Sievernich, gehörten wesentlich auch das gesellschaftspolitische Engagement von Christen und die diakonische Pastoral. „Zeig draußen, was du drinnen brauchst“ – entschiedenes Christ-Sein erfordert vor allem, ein glaubwürdiges Zeugnis abzulegen – im „missionarischen Dreiklang von Gebet, Zeugnis und Liebe“, wie der Generalsekretär des Bonifatiuswerks, Monsignore Georg Austen, es auf den Punkt brachte.