„Mission Manifest“ weiterdenken

Im Schweizerischen Freiburg trafen sich Kritiker und Unterstützer der meistdiskutierten Schrift des Jahres. Es wurde eine Debatte mit manchen Überraschungen. Von Kilian Martin

Gut 200 Zuhörer verfolgten die Debatten über das „Mission Manifest“ an der Universität Freiburg. Foto: Yannick Wenger
Gut 200 Zuhörer verfolgten die Debatten über das „Mission Manifest“ an der Universität Freiburg. Foto: Yannick Wenger

Kurz schien es, als würde Daniel Kosch den gut angelegten Plan der Veranstalter zunichte machen. Der Generalsekretär der römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz sollte die Rolle des Kritikers spielen bei der Tagung zum „Mission Manifest“ im Schweizer Freiburg am vergangenen Mittwoch. Kosch nahm die Einladung an und stellte sich der Diskussion. Das Wohlwollen allerdings, das er dabei für das „Manifest“ an den Tag legte, war wohl nicht Teil des Plans gewesen. Kosch begann voll des Lobes: Die Autoren würden schließlich schon mit dem Buchtitel beweisen, dass ihnen an der Zukunft der Kirche gelegen sei. „Das finde ich gut!“ Der Kirchenfunktionär wolle darum nicht streiten, sondern vorankommen. Ganz im Sinne von Papst Franziskus: Andiamo avanti – gehen wir voran.

Einen so konstruktiven Umgang mit dem „Mission Manifest“ hatten gewiss nicht alle der gut 200 Teilnehmer der Tagung erwartet. Seit Monaten wird in der deutschsprachigen Kirche hitzig über die Schrift gestritten. Die Schrift hat das kirchliche Jahr 2018 in der deutschsprachigen Welt geprägt wie keine andere. Anfang des Jahres auf der Augsburger „MEHR“-Konferenz vorgestellt, sollte das Buch im Sinne der Autoren ein Weckruf zu neuem missionarischen Handeln der Kirche sein. Über 4 000 Mitunterzeichner haben sich seither zu neuen missionarischen Aktivitäten verpflichtet.

Dabei gingen und gehen selbst unter den Unterstützern die Ansichten über den Text des „Manifests“ auseinander. So kam es nun auch zur Freiburger Tagung, die auf eine Anregung von Abt Urban Federer OSB stattfand. Der Vorsteher der Territorialabtei Einsiedeln gehört zwar zu den Erstunterzeichnern des „Mission Manifest“, vermisste bislang aber eine theologische Vertiefung. Ein bemerkenswertes Programm dafür lieferte nun ausgerechnet der als Kritiker geladene Kosch. In zehn Anmerkungen zeigte er aus seiner Sicht notwendige Korrekturen am „Mission Manifest“ auf. Er störe sich etwa am defizitären Bild vom Menschen und wünsche sich eine positive Sicht auf die Weltlichkeit der Welt. Auch die institutionelle Gestalt der Kirche sei nicht grundsätzlich negativ zu bewerten. Nicht zuletzt plädierte der promovierte Theologe dafür, die Vision des „Manifests“ weiterzudenken – in die Zukunft gerichtet und zugleich größer gefasst.

Bei Kosch wie auch bei anderen Diskutanten kam die theologische Reflexion des „Mission Manifest“ immer wieder auf die Notwendigkeit, angebliche oder tatsächliche Dichotomien aufzulösen, die in der Grundsatzschrift zu finden seien: Die Grazer Dogmatikerin Gunda Werner monierte etwa einen grundlegenden Dualismus von Theologie und Kerygma im „Mission Manifest“. Mitherausgeber Johannes Hartl stellte seinerseits die auf Seiten der Kritiker vernehmbare Haltung in Frage, wonach theologische Rede entweder komplex oder intellektuell unredlich sei. Federer wiederum fasste den Kern der Debatte über das „Manifest“ wiederum betont selbstkritisch im angeblichen Widerspruch „guter Glaube, böse Welt“ in Worte.

Wie stehen Katholiken zur säkularen Moderne?

Tatsächlich kommt die moderne Welt in der Sprache des „Mission Manifest“ nicht gut weg. Sie wird als chaotisch beschrieben, als „spaßsaturiert“, auf dem Krankenbett liegend und der Heilung bedürftig. Ähnliches gilt für die Kirche in ihren gewachsenen Strukturen. Die Autoren lassen keinen Zweifel aufkommen, dass sie diese als wesentlichen Problemfaktor betrachten. Ein Beitrag stellt etwa die Frage, ob kirchliche Entscheidungsträger auch beten, während sie „Millionen verbraten (…) für pastorale Planspiele“. Mit Blick auf solche Fundstellen äußerte Kosch den dringenden Wunsch, die Unterstützer des „Manifests“ mögen solche Abwertungen künftig deutlich vermeiden. Werner ging noch weiter und plädierte gleich für eine Neuauflage des Buchs mit entsprechend veränderter Sprache. In der vorliegenden Fassung könne die Dogmatikerin in der Schrift keine positiven Aspekte ausmachen.

Die Sprachkritik kam bei den Autoren an. Mitherausgeber Johannes Hartl leistete stellvertretend Abbitte: „Wenn wir der Sünde der Lagerbildung Vorschub geleistet haben, tue ich hier gerne öffentlich Buße.“ Auch ansonsten gab sich der Augsburger Theologe sehr selbstkritisch. Für viele Kritikpunkte gebe es in der Tat berechtigten Anlass. Das gelte auch für den mehrfach vorgebrachten Vorwurf antimoderner Tendenzen.

Die Manifestanten nutzten die offene Diskussion der Kritik bei der Freiburger Tagung ihrerseits für eine schärfende Apologetik ihres Anliegens. Dazu lieferte nicht nur Kosch wichtige Stichworte. Gerade die Teilnahme Gunda Werners war vor diesem Hintergrund ein Gewinn für die Veranstaltung. Als Autorin im Sammelband „Einfach nur Jesus?“ (siehe DT Nr. 45, 8.11.2018), dessen Herausgeber dem „Mission Manifest“ Sektierertum und antiintellektuelle Vereinfachung vorwarfen, gehört sie zum Kreis der erklärten Gegner des „Manifests“. Neben allen berechtigten Einwürfen zu Form und Stil offenbarte sie gerade in der Debatte um das missionarische Anliegen an sich jedoch selbst eine fragwürdige Position.

Von christlicher Wahrheit und dem Missionsauftrag

So konnte sich die Dogmatikerin nicht dazu durchringen, das Idealbild einer missionarischen Kirche zu bejahen. Für ungläubiges Kopfschütteln unter den Zuhörern in der Aula Magna sorgte sie zudem, als sie erklärte, auch beim Wahrheitsanspruch des Christentums nicht die Sicht der Autoren des „Mission Manifest“ zu teilen. Für Werner habe jeder Mensch seine Wahrheit und es sei nicht ihre Aufgabe, über die unterschiedlichen Wertigkeiten zu entscheiden.

Dem „Mission Manifest“ lieferte die Dogmatikerin damit ein elementares Stichwort, das Hartl dankbar aufgriff. „Ein Diskurs funktioniert nur mit Wahrheitsansprüchen, sonst endet er in Beliebigkeit“, postulierte der Leiter des Augsburger Gebetshauses. Damit formulierte er zugleich eine wichtige Prämisse für die notwendige weitere theologische Debatte über das „Manifest“. Diese kann nur gelingen, wenn grundlegende Einigkeit über das Anliegen und das theologische Fundament der Autoren besteht.

Werners Verdienst war es, deutlich zu machen, dass den Kritikern eben diese Perspektive häufig fehlt. Das „Manifest“ basiert, so wurde es bei der Freiburger Tagung deutlich, auf einem tief im kirchlichen Lehramt des Zweiten Vatikanischen Konzils und der folgenden Päpste verwurzelten Verständnis vom missionarischen Christentum. Zugleich hat die Schrift nicht den Anspruch, daraus neue theologische Erkenntnisse zu generieren. Es ist ein ganz praktisches Anliegen, das dem „Mission Manifest“ zugrunde liegt. „Wir wollten Mission handgreiflich machen“, erklärte Co-Autor Martin Iten bereits zur Einführung in den Tag. Das Ziel sei es, den oft gemiedenen Begriff der Mission für die Kirche zurückzugewinnen und neu zu beleben.