Mensch der Wahrheitsliebe

Am 10. Dezember 2018 verstarb Robert Spaemann - ein Mensch, der die Wahrheit liebte mit einem geschärften Auge für die unbedingte Würde des Menschen. Ein Nachruf. Von Pater Engelbert Recktenwald

Robert Spaemann
Vorbild im Denken, Leben und Glauben: Robert Spaemann (1927–2018). Foto: dpa

Wer Robert Spaemann kennenlernen durfte, merkte bald, dass sich in diesem Menschen ein scharfer Geist mit entschlossener Tatkraft verband. Als Philosoph war er mit jenem Gespräch vertraut, das mit Sokrates und Platon seinen Anfang nahm und sich bis heute fortsetzt. Er bewegte sich darin mit souveräner Urteilskraft und verstand es, die Erkenntnisse der Großen über alle Zeitgrenzen hinweg miteinander in Kontakt zu bringen und daraus Funken für neue Einsichten zu schlagen. Er gründete keine philosophische Schule und kein geschlossenes System. Sein Denken war offen, aber konsequent, und er scheute sich nicht, die Linien seines Denkens auszuziehen bis in die politische und kirchliche Praxis hinein. Damit will ich sagen: Der eine Mensch Spaemann zerfällt nicht in den Philosophen hier und den Katholiken dort, sondern er verwirklichte in Person jene Einheit von Denken und Praxis, die jede Glaubwürdigkeit ausmacht, und die Einheit von Denken und Glauben, die auch das Anliegen des mit ihm befreundeten Kardinal Ratzingers / Papst Benedikts war.

Spaemann mischte sich in die großen Diskussionen ein und scheute dabei keinen Konflikt, auch nicht den Konflikt mit den Bischöfen. Im jahrelangen Streit um den Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung war er es, der öffentlich am überzeugendsten den Verbleib im Beratungssystem als unverantwortlich kritisierte, und zwar in einem großen Artikel, der 1999 unter dem vielsagenden Titel „Die schlechte Lehre vom guten Zweck. Der korrumpierende Kalkül hinter der Schein-Debatte“ in der FAZ erschien. Schon zuvor hatte er in der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio gezeigt, dass die Ausstellung des Beratungsscheins eine formelle und als solche eine nie erlaubte Mitwirkung bei der Abtreibung darstellt, weil dieser Schein keinen anderen Verwendungszweck hat, als den Weg für die Tötung des ungeborenen Kindes freizumachen.

Dass Spaemann in dieser Frage fast die gesamte Schar der Moraltheologen gegen sich hatte, hängt mit der grundlegenderen Verirrung deutscher Moraltheologie zusammen, die die Existenz in sich schlechter Handlungen leugnet. Sie macht jede Entscheidung zu einer Frage der Güterabwägung und etabliert damit das verhängnisvolle Prinzip, dass der Zweck die Mittel heilige. 1982 unterzog Spaemann diesen Irrtum, der auch unter dem Namen „Konsequentialismus“ firmiert, einer gründlichen Kritik, die in der Herder-Korrespondenz unter dem Titel „Wer hat wofür Verantwortung?“ erschien. Die Theologenwelt war so aufgeschreckt, dass gleich drei Moraltheologen darauf antworteten und in der Folge von Spaemann unter dem Titel „Teleologische und deontologische Moralbegründung“ eine souveräne Replik kassierten. Die scharfe Verurteilung jenes Irrtums in Zusammenhang mit „Humanae vitae“ durch Johannes Paul II. in einer Rede vom November 1988 war dann einer der Auslöser der „Kölner Erklärung“, in der über 200 Theologen dem Papst ihren Widerstand erklärten.

So ist es verständlich, dass Spaemann unter Theologen nur wenige Freunde hatte. Schon damals erzählte er mir, was heute die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass ein Moraltheologe, der die Lehre von „Humanae vitae“ annehme, in Deutschland aufgrund der theologischen Seilschaften keine Chance habe, auf einen Lehrstuhl zu gelangen.

Spaemann war trotz oder gerade wegen seines klaren Profils ein gefragter Gesprächspartner. So können wir das Paradox beobachten, dass in der Öffentlichkeit der unangepasste Philosoph ernster genommen wurde als die Theologen, die vor lauter Angst, nicht anschlussfähig zu sein, die kirchliche Lehre hinter sich lassen. Für den Dialog zwischen Kirche und Moderne hat Spaemann mehr geleistet als jene Theologen, die für die Medien erst dann interessant werden, wenn sie in diesem Dialog die Seiten wechseln und die Kirche im Namen der Moderne kritisieren. Sein in der Philosophie geschärftes Auge für die unbedingte Würde des Menschen, den unbedingten Anspruch der Wahrheit und die unbedingte Geltung des Guten veranlassten Spaemann zur Kritik überall dort, wo er diese Unbedingtheit in Gefahr sah. Kritik war für ihn kein Selbstzweck, sondern Ausdruck seiner Liebe zu dem, was unsere Würde schützt. Spaemann kritisierte das Kirchenvolksbegehren als Symptom eines Aggiornamento, das die Kirche gegen den Willen ihres Stifters ummodeln will. Er kritisierte Hans Küngs „Projekt Weltethos“, das Glaube und Kirche staatlichen Totalitarismusgelüsten überlässt. Er kritisierte eine Ökumene, die mit der geforderten Interkommunion die Einigungsbestrebungen der Konfessionen gerade zum Stillstand bringen würde, statt sie weiter anzufeuern. Er kritisierte eine Judenmissionskritik, die vergisst, dass Gott Jude geworden war, dass Jesus zuerst zu den Angehörigen seines Volkes gesandt war und dass die Juden deshalb einen Ehrenplatz in der Kirche verdienen. Und schließlich kritisierte er Papst Franziskus, weil dieser in „Amoris laetitia“ die Eindeutigkeit der kirchlichen Lehre über die Unauflöslichkeit der Ehe verdunkelte im Namen einer Barmherzigkeit, die dem Menschen die Konsequenzen der kirchlichen Trauung nicht mehr unvermindert zutraut.

All dies kritisierte Spaemann, weil er von der Stichhaltigkeit seiner Gründe überzeugt war, ohne sich darum zu kümmern, in welche Schubladen er dadurch gesteckt werden könnte. Sein Vertrauen in die Vernunft und in die Kraft des besseren Arguments war seine Stärke auch dort, wo andere sich schon längst ans Lagerdenken und ans Kalkül der political oder ecclesiastical correctness gewöhnt haben. Des Risikos, verkannt zu werden, war er sich bewusst. Es konnte seine Wahrheitsliebe nicht vermindern. In dieser Perspektive ist auch sein Engagement für die überlieferte Liturgie zu sehen. In einem Interview bekannte er einmal, dass er in Tränen ausbrach, als er sie nach langer Zeit wiederentdeckte. Ihm wurde klar, was für ein Schatz der Kirche durch die Liturgiereform, wie sie de facto umgesetzt wurde, verloren gegangen war. Deshalb war es für ihn nur folgerichtig, die Priesterbruderschaft St. Petrus nach Kräften zu unterstützen, als sie 1988 gegründet wurde als eine Gemeinschaft, in der jene Liturgie wieder einen offiziellen Platz in der Kirche erhielt. Es war Spaemann, der von sich aus den Kontakt zur Petrusbruderschaft suchte. Er unterstützte sie, wo er nur konnte, durch Rat und Tat. Es entstanden Freundschaften, die ein Leben lang hielten. So ist es kein Wunder, dass nun Totenamt und Beerdigung nach Wunsch des Verstorbenen der Petrusbruderschaft anvertraut wurden. Spaemann war es auch, der die Idee hatte, das liturgische Anliegen durch die Gründung einer Laienorganisation zu unterstützen. Sie nannte sich „Pro Missa Tridentina. Laienvereinigung für den klassischen römischen Ritus in der Katholischen Kirche e.V.“ Ihr Ziel war es, die klassische Liturgie zu fördern und ihr wieder ein Heimatrecht in der Kirche zu erwirken. Letzteres wurde durch die Freigabe jener Liturgie kraft des Motu proprio „Summorum pontificum“ vom 7. Juli 2007 erreicht. Schon 1994 hatte Spaemann in seiner großen Rede über die „Präsenz des klassischen römischen Ritus in der katholischen Kirche“ prophezeit, dass der Traditionsbruch erst heilen könne, wenn diese Präsenz anerkannt und geehrt werde. Es war genau diese Hoffnung auf innerkirchliche Versöhnung, die auch Papst Benedikt mit seinem Motu proprio verband. Die Erfahrung zeigt, dass sich die Hoffnung erfüllt, und zwar dort, wo diese Versöhnung aufgrund eines gemeinsamen theologischen Verständnisses möglich ist. Dieses aber ist nicht gegeben bei jenen, die behaupten, „dass der Novus Ordo Ausdruck einer ganz neuen Messtheologie sei und im übrigen nur der Anfang eines Weges, der noch viel weiter von der Tradition wegführen müsse“, wie Spaemann 1994 ausführte. In der Liturgiefrage konzentriert sich der theologische Konflikt um das Mess- und Christusverständnis ähnlich wie im Streit um „Humanae vitae“ der Konflikt um die Moralprinzipien. Mit Ausnahme seiner liturgiebezogenen Texte sind alle Aufsätze Spaemanns in den drei großen Bänden „Grenzen“ und „Schritte über uns hinaus“ I und II versammelt. Man liest sie mit Gewinn, weil sie über den aktuellen Bezug hinaus wertvolle Einsichten bereithalten, das Auge für die Argumentation schärfen und das Rüstzeug liefern, in einer Zeit weiterhin den Durchblick zu bewahren, in der Spaemann für immer verstummt ist.