Mehr als „Einzelfälle“

Hilfsorganisationen informieren über religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland. Von Katrin Krips-Schmidt

Belastung statt Aufatmen: Für Christen und Jesiden bedeuten Flüchtlingsunterkünfte wie Berlin-Tempelhof oft auch die Endstation ihrer Hoffnung auf Frieden. Foto: Symbolbild: Reuters
Belastung statt Aufatmen: Für Christen und Jesiden bedeuten Flüchtlingsunterkünfte wie Berlin-Tempelhof oft auch die End... Foto: Symbolbild: Reuters

Berlin (DT) Gewalt gegenüber christlichen Flüchtlingen wird in der Öffentlichkeit und von den politisch Verantwortlichen noch immer verharmlost – so das Fazit einer Pressekonferenz mehrerer Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen am Montag in Berlin. AVC („Aktion für verfolgte Christen und Notleidende“), IGFM („Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“), „Kirche in Not“, Open Doors sowie der ZOCD („Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland“) haben sich daher zusammengeschlossen, um auf steigende Diskriminierung und Übergriffe aufmerksam zu machen und Schutz nicht nur für christliche Flüchtlinge, sondern auch für andere religiöse Minderheiten, wie etwa Jesiden, einzufordern.

Auf einer Pressekonferenz der Hilfsorganisationen, an denen auch zwei christliche Flüchtlinge teilnahmen, stellte Markus Rode, Vorstandsvorsitzender von Open Doors Deutschland, am Montag in Berlin die Erhebung mit dem Titel „Religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland“ vor. Die von Open Doors Deutschland unter Mitwirkung von Wissenschaftlern durchgeführte Untersuchung offenbart Erschreckendes – und doch ist es nur die „Spitze des Eisberges“. Innerhalb von zwei Monaten fanden sich 231 Personen, die auf Fragebögen bereitwillig, jedoch aus Angst vor den möglichen Folgen anonymisiert, schriftlich Auskunft über die Schikanen gaben, denen sie in deutschen Erstaufnahmeeinrichtungen ausgesetzt sind – und das, obwohl sie aus ihrer Heimat vor muslimischem Terror geflohen waren und diesem nun in ihrem vermeintlich freien Aufnahmeland wiederbegegnen. Das habe manche Familien, nach Aussage von Paulus Kurt vom ZOCD, bereits wieder zur Rückkehr in ihr Heimatland Syrien bewogen. 88 Prozent der befragten Personen berichteten von Verfolgung durch Mitflüchtlinge, 50 Prozent auch durch das oftmals muslimische Wachpersonal, das, wie Karl Hafen von der IGFM darlegte, die muslimische Kultur in den Heimen aktiv fördere. Bei den Übergriffen geht es nicht nur um Beleidigungen. In 37 Prozent der Fälle handelt es sich um Körperverletzungen, ein Drittel der befragten Christen erhielt Todesdrohungen, auch gegen Familienangehörige in ihren Herkunftsländern. Muslimische Übersetzer bedrohen Angehörige von Minderheiten oder übersetzen deren Aussagen verkürzt – so einige Ergebnisse der Studie. Man könne nun nicht mehr sagen, es handele sich um „Einzelfälle“ – so Rode. Volker Baumann von der AVC rechnet sogar mit einer Dunkelziffer von bis zu 40 000 Fällen. Dennoch wollen sich die politischen Entscheidungsträger der gefährdeten Situation der geflohenen Christen nicht stellen.

Rode wies dazu auf den vom Berliner Senat Mitte März vorgestellten „Masterplan Integration und Sicherheit“ hin, der als „besonders vulnerable Gruppen“ Minderjährige, Schwangere und Behinderte anerkennt. Auch „lesbische, schwule, bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen“ fallen hierunter, weil sie „betroffen sein können“. Christliche Flüchtlinge finden jedoch – trotz Nachfrage von Open Doors und offensichtlicher Bedrohungslage dieser Gruppe gerade in Berlin – keinerlei Berücksichtigung als schutzwürdiger Personenkreis.

Unter den betroffenen Christen herrsche ein „Klima der Angst“, ein Gefühl der ständigen Bedrohung, weshalb sie es inzwischen oftmals vermieden, ihr Christsein öffentlich zu machen und sich zu artikulieren. Sobald ein Christ Anzeige gegen Übergriffe erstattet, hagelt es von muslimischer Seite aus zahlreiche Gegenanzeigen – es treten plötzlich scharenweise Zeugen auf, die bestätigen, dass die Gewalt vom Christen ausgegangen sei. Pfarrer Gottfried Martens von der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) bemerkte dazu, dass die Christen, nachdem sie Anzeige gestellt hätten, nicht mehr ins Heim zurückkehren könnten, sondern beispielsweise bei ihm im Gemeindehaus Aufnahme fänden. Zudem erlebe er, dass die Attacken zwar fast immer, aber nicht nur von jungen muslimischen unverheirateten Männern ausgingen – er erlebe es inzwischen, dass Familienväter ihre elf-, zwölfjährigen Söhne dazu animierten, christliche Männer in den Schritt zu fassen, um diese zu provozieren. Dennoch ist Martens dankbar dafür, dass man inzwischen in der Öffentlichkeit über dieses Thema sprechen könne, noch im Herbst vergangenen Jahres sei man damit auf „Betonmauern“ gestoßen. Seine Gemeinde umfasse mittlerweile 1 200 Konvertiten, die den Weg zum christlichen Glauben gefunden haben.

Der Syrer Fadi S., der unerkannt bleiben möchte, lebt seit neun Monaten in einer Gemeinschaftsunterkunft: „Ich bin vor den Islamisten geflohen, und ich begegne ihnen hier in den Flüchtlingsheimen wieder.“ Schockiert war er darüber, dass er in den deutschen Unterkünften auf Leute traf, die andere zum Islamischen Staat bekehren wollen. Ein anderer Flüchtling, Ramin F., ist aus dem Iran nach Deutschland gekommen, weil er dachte, hier könne er seinen Glauben frei praktizieren. Er erzählt von den Schikanen, die er durch Muslime zu erleiden habe. Sie drangsalieren ihn psychisch und körperlich, bestehlen die Christen, singen auf den Fluren den rituellen Gebetsruf und lassen ihn nachts nicht schlafen, weil sie an Türen und Fenster hämmern. Als Folge habe er Schlaf- und psychische Probleme.

Betroffen macht neben den Schilderungen der in Deutschland Schutzsuchenden nicht nur, dass sie in den Heimen von Mitflüchtlingen drangsaliert und wenig bis gar keine Unterstützung bei den Wachleuten erfahren, die sich auf die Seite der Angreifer stellen, sondern dass sie auch von den Behörden im Stich gelassen werden. Rode resümierte die Erfahrungen der vergangenen Monate: „Das Drama ist, dass immer mehr bekannt wird, dass diese Minderheiten so unterdrückt und in einer psychischen traumatischen Form alleine gelassen werden und die politisch Verantwortlichen darauf nicht reagieren, die dieses Recht auf Religionsfreiheit sicherstellen sollen.“

Zum Schutz der christlichen Flüchtlinge fordern die Organisationen in einem Appell an die Bundeskanzlerin Angela Merkel daher unter anderem eine getrennte Unterbringung von Christen sowie von anderen religiösen Minderheiten, die bereits Opfer von Verfolgung und Diskriminierung geworden sind sowie eine Zusammenlegung von Minderheiten, so dass der Anteil der Christen sowie anderer religiöser Minderheiten im Verhältnis zu den Muslimen in etwa gleich ist. Zudem soll bei der Erstaufnahme die Religionszugehörigkeit erfasst werden und die Daten bei der Verlegung in andere Unterkünfte weitergeleitet werden. Weitere Maßnahmen betreffen etwa eine adäquate Erhöhung des nicht-muslimischen Anteils innerhalb des Wachpersonals sowie regelmäßige Schulungen der Mitarbeiter in Flüchtlingsunterkünften sowie eine Bereitstellung von Vertrauenspersonen christlichen Glaubens, an die sich von Verfolgung betroffene Christen wenden können.

Aufrütteln muss der Appell des Iraners Ramin F., der hier stellvertretend für Abertausende seiner Glaubensbrüder steht. Er wandte sich an die anwesenden Journalisten: „Wir bitten Sie, uns zu helfen, dass wir geschützt werden“.